
Pfefferminz
Bitte beachte, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung oder Drogenkonsum. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die Angst oder Unbehagen erzeugen sollen. Wir empfehlen dir, diesen Text nicht zu lesen, wenn er dich belasten könnte.
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Es war gerade 14:35 Uhr, als ich das Bahnhofsgebäude betrat. Mein Zug sollte erst um Viertel nach drei fahren, also hatte ich noch etwas Zeit. Und da es aktuell Hochsommer war und wir über 30 Grad hatten, wollte ich mich ungern auf das Gleis begeben, wo es aufgrund des vielen verbauten Betons mit Sicherheit fünf Grad wärmer war als ohnehin und wo es keinerlei Unterstandsmöglichkeiten gab. Also setzte ich mich im Bahnhofsgebäude in ein kleines Café, bestellte einen Kaffee und steckte mir ein Fisherman’s-Friend-Bonbon in den Mund. Ich gebe zu, ich bin süchtig nach diesen kleinen Lutschpastillen. Pro Tag inhaliere ich sicherlich ein bis zwei Päckchen. Ich weiß nicht, warum. Vielleicht ist es, weil ich mit dem Rauchen aufgehört habe, aber ich kann nicht von diesen kleinen Bonbons lassen. Am liebsten mag ich die scharfen mit Eukalyptus und Menthol, die, nachdem man sie gelutscht hat, dafür sorgen, dass man nichts anderes mehr essen kann, weil alles nach Zahnpasta schmeckt.
Während ich also da saß und mir eigentlich nichts Böses dachte, sprach mich eine ältere Dame am Nachbartisch an. Da die Bahnhofshalle nicht sehr groß war, standen die Tische eng beieinander, und sie musste wohl gesehen haben, dass ich einen Kaffee trank und gleichzeitig ein Mentholbonbon aß. „Sagen Sie, junger Mann“, fragte sie mit ihrer krächzigen Stimme, „schmeckt das nicht ein bisschen komisch, wenn man Kaffee trinkt und dabei ein Bonbon isst?“ Sie trug eine Brille, die ihre Augen ungefähr auf die Größe von Wagenrädern vergrößerte, und sah mich damit glubschend und müde lächelnd an. Ich hasste es, wenn sich alte Schreckschrauben in meine privaten Angelegenheiten einmischten, und da ich ohnehin schon einen relativ unschönen Tag hinter mir hatte – ich hatte meinen Vormittag bei einer amtsärztlichen Untersuchung im örtlichen Gesundheitsamt verbracht, und man kann sich wirklich kaum etwas Schlimmeres vorstellen als das, außer vielleicht die große Hafenrundfahrt beim Proktologen – beschloss ich, der alten Dame zu zeigen, was es bedeutet, wenn man sich in fremde Angelegenheiten einmischt.
Mit der arrogantesten und desinteressiertesten Stimme, die ich in meinem Repertoire hatte, sagte ich ihr: „Wissen Sie, gnädige Frau, ich trinke meinen Kaffee gerne, wenn er nach Zahnpasta schmeckt. Nur so kann ich ihn wirklich genießen.“ Ich hoffte, dass sie ob dieser ironischen Antwort endlich Stillschweigen bewahren würde, aber leider gehörte sie zu der Sorte alter Damen, die auf jede Form von Aufmerksamkeit mit einem enervierenden und nicht enden wollenden Monolog über ihre verflossene Jugend reagieren. Denn prompt sprang sie auf und setzte sich unaufgefordert auf den freien Stuhl an meinem Tisch, wo sie mich über die aktuelle Wetterlage vollquatschte. Wie bereits erwähnt, verabscheue ich es, wenn alte Menschen nichts Besseres zu tun haben, als ihre eigene Langeweile an der arbeitenden Bevölkerung auszulassen. Aber es ist auch nicht meine Art, in der Öffentlichkeit eine Szene zu machen. Daher reagierte ich auf die Unverschämtheit der Alten möglichst nonchalant. Tatsächlich gab ich nur ein „Hm“ mit möglichst viel Desinteresse zurück, das die Alte entweder nicht wahrnahm oder geflissentlich überhörte.
„Aber ja“, sagte sie, „es ist ja unfassbar heiß für diese Jahreszeit. Besonders hier in der Stadt, wo alles so eng bebaut ist. Früher war das ja alles viel angenehmer. Da konnte man noch in den Garten gehen und in die Natur, und es war viel kühler, und wir haben damals im See gebadet.“ Sie schwafelte wie ein Wasserfall, und vermutlich, weil sie nicht mehr besonders gut hörte, sprach sie viel zu laut, sodass sich bald der halbe Bahnhof nach uns umschaute. Sicher warst du baden, dachte ich, und zwar, als Gott die Sintflut geschickt hat. Nur leider bist du nicht abgesoffen. Stattdessen sagte ich: „Das klingt aber schön.“ Genervt blickte ich auf meine Armbanduhr. Es waren gerade einmal zehn Minuten vergangen, und die Vorstellung, noch weitere zwanzig Minuten mit dieser redseligen Schachtel zu verbringen, machte mich wahnsinnig. Daher überlegte ich fieberhaft, wie ich die Alte loswerden konnte.
In diesem Augenblick spürte ich ein Rumoren in meinem unteren Bauch. Nun, man kann es sich denken, dass so viele der Bonbons nicht gerade förderlich für eine gesunde Darmflora sind. Oder etwas weniger blümerant: Wer so viele von diesen Bonbons frisst, der bekommt von Zeit zu Zeit enormsten Dünnschiss. Normalerweise nahm ich das in Kauf, da mir die Bonbons tatsächlich enorm gut schmeckten. Aber hier am Bahnhof war es nun wirklich der unpassendste Zeitpunkt, um dem flotten Otto zu begegnen. Ich musste also nun tatsächlich fort. Nicht nur um meines Seelenheils willen, sondern auch, weil ich schnellstmöglich eine Toilette aufsuchen musste. Ich stand also auf und sagte der Dame, es freue mich, sie getroffen zu haben, doch nun müsse ich auf die Toilette. Sie möge mich entschuldigen.
Als ich mich Richtung Toilette bewegte, geschah tatsächlich das Unglaubliche, denn die Frau stand auf und watschelte mir, völlig unbeeindruckt von meiner vorherigen Erklärung, hinterher und laberte mich weiter voll. Ich verfluchte sie innerlich auf zehn Generationen, doch da ich nun wirklich dringend eine Bedürfnisanstalt aufsuchen musste, hatte ich nicht die Absicht, diese Flüche tatsächlich auszusprechen. Ich begab mich also zu den Toiletten und wollte gerade ins Herrenklo abbiegen, in das sie mir nun sicherlich nicht folgen würde. Da stellte sie sich kackendreist vor die Tür, glubschte mich mit ihren übergroßen Augen an und fragte mit der seligsten Ruhe, warum ein so charmanter Mann wie ich denn nicht vergeben sei, denn sie habe ja an meiner Hand keinen Ehering gefunden. „Ich habe eben noch niemanden gefunden“, presste ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. „Ach, aber warum das denn nicht? Sie sind doch so ein …“, hub sie an. Doch ich unterbrach sie sofort. „Wissen Sie, bislang habe ich immer nur Körbe gesammelt“, sagte ich und setzte gleich noch einen drauf. „Aber ich halte es wie in dem bekannten Lied Die geile Gerlinde. Das kennen Sie doch sicherlich.“
Die Alte sah mich etwas verdutzt an, doch nun war ich in Fahrt gekommen. Zugegebenermaßen, das Lied „Die geile Gerlinde“ ist ein eher chauvinistisches Sauflied für schlichte Männer über sechzig. Aber ich hielt es gerade für genau den passenden Stoff, um diesem letzten Dinosaurier den Mund zu stopfen. „In Die geile Gerlinde“, erzählte ich ihr mit dem breitesten und unschuldigsten Lächeln, das ich angesichts meiner rumorenden Gedärme aufbringen konnte, „gibt es die Strophe: ,Sie lässt sich nicht bumsen, sie lässt sich nicht lecken, was soll man da machen? Man lässt sie verrecken.‘“ Ich legte eine Kunstpause ein und studierte mit wachsender Verzückung, wie der Gesichtsausdruck der Alten entgleiste. „Und genauso handhabe ich es mit den Frauen, die mich nicht wollen, und mit denen, die nicht verstehen wollen, dass ich kein Interesse an ihren endlosen Monologen habe.“ Ich zwinkerte ihr verschwörerisch zu, dann schob ich sie sanft, aber bestimmt zur Seite und entschwand in die Herrentoilette. Das Letzte, was ich sah, war, wie sie heftig blinzelnd hinter mir her glubschte.
In der Toilette kam ich nicht umhin, über meinen genialen Schachzug ein wenig zu kichern. Ich zog mich in eine der Kabinen zurück, die glücklicherweise relativ sauber war. Insgesamt war auf den Toiletten kaum etwas los, und ich setzte mich. Es dauerte auch keine dreißig Sekunden, da verließ das Unvermeidliche meinen Körper. Durch den enormen Konsum meiner Bonbons hatte es leider Farbe, Konsistenz und Geruch eines abgestandenen Moores bei schwülen dreißig Grad im Sommer. Aber wie gesagt, es war ein Opfer, das ich für den Genuss meiner geliebten Eukalyptus-Menthol-Pastillen willens war zu bringen. Nachdem sich meine Gedärme etwas beruhigt hatten, blickte ich noch einmal auf die Uhr. Immer noch eine Viertelstunde, bis mein Zug abfuhr, und das Risiko, nun nach diesem Auftritt erneut der alten Dame in die Arme zu laufen, die sich nun sicherlich mit ihren gesamten Freundinnen zur Rentner-Mafia zusammengeschlossen hatte, wollte ich nicht eingehen. Also beschloss ich, noch ein wenig auf der Toilette sitzen zu bleiben und hier die Zeit zu genießen.
Mit einem Mal hörte ich ein Klopfen. Es kam aus der Toilettenkabine neben mir. Sicherlich habe ich mich verhört, dachte ich, denn es konnte unmöglich jemand in der Kabine gewesen sein. Als ich die Toilette betreten hatte, war sie leer. Es gab nur zwei Klo-Kabinen. Ich hatte beide betrachtet, die eine für sauberer befunden und diese gewählt. Die Tür zum Herrenklo quietschte ziemlich, sodass ich es gehört hätte, wenn jemand die Toilette betreten oder verlassen hätte. Daher wunderte es mich, dass es aus der Nachbarkabine klopfte. Gerade wollte ich das Ganze als akustische Illusion abtun und mich wieder meinem inneren Frieden widmen, als es abermals klopfte, diesmal etwas energischer. „Ja, bitte?“, fragte ich leicht genervt.
Vielleicht war es ja nur jemand, der kein Klopapier mehr in seiner Kabine hatte oder so. Möglicherweise hatte sich doch jemand hereingeschlichen, den ich nicht gehört hatte. Es kam keine Antwort, stattdessen erneut ein Klopfen, diesmal wieder etwas sanfter. Ich seufzte tief. Vermutlich trieb sich irgendein halbstarker Jugendlicher oder ein zugedröhnter Junkie einen Scherz mit mir. Ich spülte die Toilette ab, zog meine Hose wieder hoch und war entschlossen, diesem Klo-Klopfer eine kleine Lektion zu erteilen. Ich verließ also die Toilette, wusch mir die Hände und ging zu der Kabine, aus der es geklopft hatte. Tatsächlich war sie abgeschlossen. Ich klopfte also von außen an die Tür und fragte, was dieses irrige Klopfen denn solle. Keine Antwort, stattdessen wieder nur ein lautes Pochen. Da erlaubt sich jemand einen bösen Scherz mit dir, dachte ich mir, und mein gesamter angestauter Frust des Tages entlud sich mit einem Mal in unbändiger Wut.
„Also hören Sie mal“, sagte ich deutlich energischer als beabsichtigt und pochte meinerseits an die Tür. „Sie werden nun sofort mit diesem Unsinn aufhören!“ Ich ging leicht in die Hocke, um durch den Spalt unter der Tür hindurch die Füße eines Querulanten zu erkennen. Doch bevor ich überhaupt in die Hocke gehen konnte, fauchte eine Stimme aus der Kabine: „Nicht schauen!“ Sie sagte es mit einer solchen Intensität und flehenden Dringlichkeit, dass ich der Aufforderung ohne Protest folgte. Meine Wut schwand der Verdatterung. Wie konnte die Gestalt in der Kabine überhaupt sehen, dass ich mich bücken wollte? „Was ist denn nun?“, fragte ich etwas verdutzt. „Was soll dieses blöde Klopfen?“ Ich bekam keine Antwort. Ich seufzte also tief und entschloss, dass diese ganze Sache es nicht wert war, näher darauf einzugehen. Als ich Anstalten machte, die Toilette zu verlassen, ertönte hinter mir abermals das Klopfen. Erst ganz zaghaft und leise, doch dann immer lauter und fester, bis es schließlich ein regelrechtes Hämmern war, das die gesamte Kabine zum Beben brachte.
So langsam bekam ich es doch mit der Angst. Was, wenn in der Kabine ein irrer Junkie war, der gerade irgendwelchen Halluzinationen nacheiferte? Ich entschloss mich, die Toilette zu verlassen, um die Bahnhofssecurity auf den Vorfall aufmerksam zu machen. Doch noch bevor ich die Tür, die aus der Herrentoilette führte, erreichen konnte, gab es ein finales, lautes Klopfen. So laut und kräftig, dass die Kabinentür aus ihren Angeln gerissen wurde und nach vorne krachte, wo sie die Keramik eines der Waschbecken zertrümmerte. Ich konnte nun in die Klokabine sehen. Konnte sehen, was darin war. Was dieses Klopfgeräusch verursacht hatte. Und noch bevor ich den Mund öffnen konnte, um zu schreien, verabschiedete sich mein Geist in eine friedliche und dunklere Welt.
In der Bahnhofsvorhalle schlug die Uhr gerade Viertel nach drei. An Gleis zwei fuhr der Zug ein. Nur eine einzige Passagierin stieg ein: eine alte Dame mit einer Brille, die ihre Augen sehr stark vergrößerte. Sie lächelte milde. Beim Einsteigen murmelte sie: „Was soll man da machen? Man lässt ihn verrecken.“ Dann schmunzelte sie, und die Zugtüren schlossen sich hinter ihr.
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Autor: Kurator MGR
