
Ein Essen zu Ehren des wiedergekehrten Sohnes
Bitte beachte, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung oder Drogenkonsum. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die Angst oder Unbehagen erzeugen sollen. Wir empfehlen dir, diesen Text nicht zu lesen, wenn er dich belasten könnte.
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Schon einen Monat ist es nun her, seit sie nichts mehr von ihrem geliebten Sohn gehört hat. Weder eine kurze Nachricht per Mobiltelefon noch ein Brief, nichts kam zurück. Damals, am Tag seiner Einberufung, warf sie sich um seinen Hals. Er schwor ihr er würde wieder zurückkommen und den Namen seiner Familie große Ehre machen, bevor er in den Bus einstieg und verschwand.
Eigentlich müsste sie zu dieser späten Stunde bereits schlafen, doch die Gedanken an Juri ließen dies nicht zu. Sie wollte es sich nicht mehr antun, aber dann warf sie eben doch einen Blick auf eine Website, die aktuelle Schätzungen der Verluste von der Front wiedergab. Es sind Zahlen, die ihr durch Mark und Bein gingen.
Draußen tobte ein Gewitter, das sie nicht zur Ruhe kommen lies. Sie ging in die Küche, griff zur Vodka-Flasche und goss das Schnapsglas voll. Dann betrat sie das Zimmer von Juri. Eine Flagge, auf der ein großes Z in den Farben der russischen Trikolore dargestellt war, überspannte die Wand. Zudem waren Poster mit kriegerischer Symbolik an den Wänden aufgehängt. Ja ihr Sohn war empfänglich für die ganze Propaganda. Für die ganzen Fernsehshows, die anfangs noch überschwänglich über den Krieg berichteten. Er war ein glühender Bewunderer des russischen Militärs und bezeichnete sich selbst als einen Patrioten. Und jetzt? Jetzt war er vielleicht tot.
Polternde Schritte, die die Holzstufen des Treppenhauses empor stiegen, schwirrten durch die Wohnung. Dann hörten sie plötzlich auf und es klopfte an der Tür.
Tränen rannen ihre Wange hinab, ehe sie die Tür zu Juris Zimmer wieder schloss. Mit einem Schluck leerte sie das Glas aus, welches ihr darauf aus der Hand fiel und auf dem Boden rollte.
Wieder klopfte es laut an der Tür.
Wer wagte es denn noch zu dieser späten Zeit zu erscheinen ?
„Wer ist da ?“, rief sie. Doch von der anderen Seite der Tür war nichts zu hören.
„Geh’n sie weg, sonst rufe ich die Polizei“
Erneut klopfte es.
Sie sicherte die Tür mit der Kette und öffnete sie einen Spalt weit. Doch im Treppenhaus war es stockdunkel als würde niemand vor der Tür warten. Sie nahm die Kette aus dem Schloß, öffnete die Tür und schaltete das Licht an. Und was sie sah, kam ihr einem Wunder gleich. Ihre Pupillen weiteten sich, ihr trauriges Gesicht wurde lebendig und statt tiefster Depression kam Euphorie in ihr auf.
„JURI !!!“
Es war kaum zu Glauben, doch Juri stand tatsächlich vor ihrer Tür. Seine Kleidung war vom Regen gänzlich durchnässt und sein Blick war zu Boden geneigt. Einen Monat lang gab es von ihm kein Lebenszeichen und nun war er wieder da!
Wie beim Abschied damals warf sie sich um Juris Hals und drückte ihn kräftig an sich, wobei ihr wieder Tränen über die Wangen flossen.
„Oh Juri! Du hast mir so Sorgen gemacht. Endlich bist du wieder da!“
Eigentlich müsste ein Soldat, der frisch aus dem Krieg zurückkehrt und mit seiner Familie wieder vereint ist Euphorie verspüren, doch der junge Mann verspürte keine Freude. Er war emotional völlig unfassbar. Mit geneigtem Kopf schaute er nur bloß zu Boden, als traute er sich nicht seiner Mutter in die Augen zu sehen. Er sprach bloß vier Worte: „…Ich bin wieder da…“
Der nächste Tag brach an.
Juri, sein Vater, sowie seine kleine Schwester Anastasia saßen am Esstisch, denn sie wollten Juri zuliebe ein Essen ausgeben. Doch die Stimmung am Esstisch war bedrückt und niedergeschlagen, als feierten sie nicht die Rückkehr Juris, sondern gedachten einen Toten. Es war eine vollkommen merkwürdige Szenerie!
Selbst das Essen war eigenartig und wurde aus, zum Teil, verrotteten Zutaten zubereitet. Aus vergammelten Gemüse, sowie aus verdorbenen Fleisch über dem schon Fliegen ihre Kreise zogen wurde ein Eintopf zubereitet. Und als diese Zutaten im Topf erhitzt wurden, breitete sich ein bestialischer Gestank in der Wohnung aus. Sollte dieser Brei etwa ein Festessen werden ?
„Für dich mein Schatz“, sagte die Mutter mit einem bizarren Lächeln und füllte mit einer Kelle die Teller auf. In Juris Gesicht spiegelte sich blankes Grauen. Er sagte Nichts!
Dann klopfte es an der Tür.
Juris Mutter, sein Vaters, sowie die kleine Anastasia schauten sich alle nur schweigend an, als ahnten sie bereits, dass eine schlechte Nachricht bevorstand. Verwundert ging Juris Mutter zur Tür und öffnete sie, worauf zwei große Männer, die in Militäruniform gekleidet waren, vor der Türschwelle standen und ihre Mützen abnahmen.
„Wir bedauern mit tiefsten Mitgefühl, dass ihr Sohn im Kampf gefallen ist“, sprach einer der Beiden.
Doch Juris Mutter entgegnete: „Hier muss ein Missverständnis vorliegen, denn unser Sohn ist hier bei uns“
Die beiden Männer waren verblüfft von dieser Aussage, womit sie in die Wohnung eintraten und das Esszimmer betraten. Und als sie Juri erblickten, wendete sich der eine Mann seinem Kollegen zu und sagte etwas, das Juri zutiefst erschreckte:
„Der ist tot. Schau doch mal in seiner Tasche nach ob er irgendwelche Papiere bei sich hat“
Juri begann schwer zu atmen.
Der ist tot…
Wie bei einem Erdbeben begannen die Wände des Esszimmers zu erzittern. Schweigend blickten alle nur Juri an.
Der ist tot… schwirrte es immer wieder und wieder in seinem Kopf herum.
Plötzlich zerriss ein lauter Knall die Stille und die Wände wurden in Stücke gerissen. Eine einzige Staubwolke breitete sich aus. Sie nahm den ganzen Raum ein, worauf Juris Mutter, sein Vater, seine kleine Schwester sowie die zwei Männer allmählich verblassten und darauf verschwanden.
Das Donnern von Maschinengewehren hallte durch die Luft. Ein Soldat schrie irgendetwas auf russisch, wurde aber von einem anrückenden Panzer überfahren. Zwei Soldaten versuchten noch zwei Drohnen abzuwehren, die sich jedoch aus erschwinglicher Höhe auf sie stürzten und explodierten. Juri fasste sich an die Brust, dort, wo er große Schmerzen spürte. Seine Hand war von Blut genässt. Dann erblickte er etwas Surreales: Ein salutierendes Skelett mit einem Z auf dem Helm.
Als die Kämpfe vorüber waren rückten zwei Soldaten an. In dem Stand, der von Juris Einheit gehalten wurde lag vergammeltes Gemüse, sowie verdorbenes Fleisch herum. Die Soldaten näherten sich Juri.
„Der ist tot. Schau doch mal in seiner Tasche nach, ob er irgendwelche Papiere bei sich hat“
Im Wahn sah Juri nochmal seine Mutter. Sie stand in einem einzigen Lichtkegel, während pure Dunkelheit sie umgab.
„…Ich bin wieder da…“, sagte er ganz leise.
Dann schloss er die Augen.
Für Immer.

