
Medaillons
Bitte beachte, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung oder Drogenkonsum. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die Angst oder Unbehagen erzeugen sollen. Wir empfehlen dir, diesen Text nicht zu lesen, wenn er dich belasten könnte.
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Thorsten schenkte seinem Gast Elena noch ein Glas Pinot Noir ein. Der Rotwein passte perfekt zu den Medaillons französischer Art, welche er mit Prinzessbohnen und Ofenkartoffeln servieren wird. Elena hatte schon früher von Thorstens Kochkünsten geschwärmt. Sei es nur einfaches Rührei oder ein aufwendigeres Boeuf Bourguignon. Thorsten hatte die französische Küche schon immer mit ihren fremdartigen Wörtern gereizt. Sie klangen alle so besonders.
Mit dem Essen wollte Thorsten sie beeindrucken und zeigen, was er noch alles so draufhatte. Auch wenn Elena, seine Arbeitskollegin, immer darauf beharrte, dass sie auch mit simplen Gesten beeindruckt werden konnte. Elena würde ein Picknick im Park schön finden oder einfach einen Aufenthalt in ihrem Lieblingscafé. Das war aber Thorsten zu wenig. Er wollte der brünetten Schönheit zeigen, wie sehr er sie mochte. Wie süß sie doch war. So zuckersüß.
„Ich bereite die Medaillons vor. Mach es dir doch gemütlich.“
Thorsten hatte extra leise Bluesmusik aufgelegt. Klassik war ihm einfach zu Mainstream und wer hatte schon etwas gegen sanfte Bluesmusik? Elena würde sich bestimmt in der melancholischen Musikrichtung verlieren und später seine Medaillons noch besser genießen können. Thorsten lief summend in die Küche, wo er die rosa, noch blutigen Medaillons auf dem Holzschneidebrett liegen gelassen hatte. Er musste sie säubern, abtupfen und dann langsam in der Pfanne anbraten. Von Elena hatte er erfahren, dass sie die Filetstückchen noch blutig mochte. Thorsten ging es da nicht anders. Die zarte Blutnote machte Fleisch noch saftiger und gab dem herrlichen Eigengeschmack etwas Exquisites. Thorsten spürte schon den warmen Fleischsaft über seine Zunge laufen, wo er alle seine Geschmacksrezeptoren streichelte.
Er befreite seine Hände von dem Blut. Die Medaillons waren frisch, heute erst geschlachtet. Thorsten achtete darauf, dass er nur Biofleisch aus artgerechter Haltung in die Finger bekam. Nicht dieses antibiotikazerfressene Billigfleisch. Für Elena sollte auch nur das Allerbeste auf den Tisch. Er konnte den Unterschied deutlich schmecken. Biofleisch schmeckte einfach besser und hatte mehr Geschmack. Auch in den Medaillons, die er Elena zubereiten wollte, steckte der zarte, aber doch intensive Geschmack von Mühe und Zeit. Thorsten trocknete seine Hände am Geschirrtuch ab, welches er an seiner Kochschürze festgebunden hatte. So lag es nicht unnötig in der Küche herum und war immer griffbereit, wenn er es brauchte.
Nun brauchten die Medaillons seine ganze Zuwendung. Schließlich wollte er sie heute noch braten und Elena servieren. Sein Schwarm musste schließlich noch nach Hause und er konnte sie schlecht mit Rotwein volllaufen lassen. Auch wenn es ein hervorragender Rotwein war. Thorsten legte die Medaillons in die bereits warme Pfanne und hörte dem betörenden Zischen des Fleisches zu, wenn es auf die geschmolzene Butter in der heißen Pfanne traf. Die flüssige Butter würde sich in die zarten Fasern der Medaillons einsaugen und dem Fleisch eine buttrige Note verpassen. Thorsten wollte das Fleisch nur mit den nötigen Gewürzen würzen: Salz und Pfeffer. Andere Gewürze würden den lieblichen Geschmack des Fleischs überdecken. Er verstand nicht, wie manche Menschen ihr Fleisch mit allen möglichen Gewürzen bearbeiteten. Wieso kompliziert, wenn es auch ganz einfach ging? Er holte die Salz- und Pfeffermühle aus dem Schrank. Rosa Himalayasalzkörnchen drückten sich an die durchsichtigen Zylinder der Salzmühle. Das Salz hatte nicht nur eine komplett andere Farbe als herkömmliches Salz, sondern reinigt den Darm und Magen. Er machte etwas Gutes für Elena und achtete auf ihre Gesundheit.
Thorsten zermahlte etwas von den Körnchen und sah zu, wie kleine Salzkristalle wie Schneeflocken auf die Medaillons hinabrieselten. Anschließend kam der Pfeffer dran. Er ließ das Fleisch etwas anbraten. Zeit, um ganz kurz zu Elena zu schauen, die nach wie vor an ihrem Platz saß und das aufgefüllte Weinglas noch nicht angerührt hatte. Thorsten widmete sich wieder seinem Fleisch zu. Mit einem Pfannenwender drehte er die saftigen Fleischstücke um und sah die verführerische, zartbraune Kruste, die von der Pfanne bereits geküsst wurde. Das angebratene Fleisch verströmte so einen betörenden Duft, dass Thorstens Mund vermehrt Speichel produzierte.
Sein Backofen piepte. Die Offenkartoffeln waren fertig. Mit seinem Küchentuch holte er die Kartoffeln nach draußen. Es waren einfache Supermarktkartoffeln. Gerne wollte Thorsten La Banotte Kartoffeln aus Frankreich für Elena vorbereiten, doch diese seltenen Kartoffeln würde er nicht so einfach aus Frankreich importiert bekommen. Für Elena wollte er nur die besten Sachen.
Die Medaillons mussten jetzt fertig sein. Thorsten drapierte sie auf sein bestes Geschirr, welches er von seiner Mutter geschenkt bekommen hatte. Er soll sie dann benutzen, wenn er Besuch bekam. Also perfekt für heute. Morgen wird er sich bei ihr bedanken. Das Gericht sah viel appetitlicher aus und das Auge isst bekanntlich mit. Er musste lächeln, als er die handbemalten blauen Verzierungen sah, die ineinander verschlungene Blumen darstellen sollten. Elena würde sicher etwas dazu sagen. Sie hatte einen guten Sinn für Details.
Thorsten platzierte ein paar Kartoffeln neben den Medaillons, welche für Elena vorgesehen waren, und gab noch etwas Prinzessbohnen dazu. Der vor ihm ausgelegte Teller leuchtete bunt und sah zum Anbeißen aus. Er nahm den fertigen Teller und lief mit ihm zu Elena, die nach wie vor das Weinglas nicht angerührt hatte. Elena war wirklich keine Weintrinkerin. Stimmt. Sie trank lieber alkoholische Getränke wie Sekt. Thorsten erinnerte sich gut, wie sie zusammen einkaufen waren und Elena am Regal mit den verschiedenen Sektsorten stehen geblieben war und sich anschließend eine Flasche ausgesucht hatte. Sie hatte eine billige Sorte genommen. Schließlich hatte man nicht immer Geld für einen teuren Champagner. Thorsten dagegen hätte sein Geld für so einen edlen Tropfen ausgegeben, damit Elenas Zunge auch einmal von der teuren Flüssigkeit kosten konnte. Naja, beim nächsten Mal würde er gleich einen Champagner kaufen und sich nicht mit der Frage, welchen Wein er in den Einkaufswagen stellen sollte, herumschlagen müssen.
Er stellte den Teller vor seinen Gast hin und wünschte ihr einen guten Appetit. Rote Blutstropfen mischten sich in den austretenden Fleischsaft und färbten die zartrosa Flüssigkeit tiefrot. Peinlich berührt griff Thorsten nach seiner Serviette und wischte den Blutsaft von Elenas Teller. „Entschuldigung, das Fleisch war doch etwas zu blutig.“ Noch mehr Blut tropfte auf das Fleisch. Wenigstens würde die rote Tischdecke die Bluttropfen nicht mehr vollsaugen. Es war eine gute Idee, diese Farbe zu wählen. So wäre das ganze Blut nicht so sichtbar für das bloße Auge. Nur die dunklere Nuance des Rotes würde Auskunft über das Blut geben, welches sich auf der Tischdecke verewigt hatte.
Thorsten ließ von dem Teller ab. Schließlich musste er seinen eigenen Teller noch anrichten, damit er sich zu Elena setzen und über belangloses Zeug reden konnte. Nebenbei würde er sie nach der Meinung zu dem Gericht fragen. Hoffentlich bekam er ein Kompliment. Bei der Vorstellung, wie die hübsche Frau ein paar liebe Wörter aussprach, wurde er etwas verlegen.
Er lief zurück in die Küche, wo die restlichen Medaillons einsam in der Pfanne lagen. Thorsten holte einen der verzierten Teller und platzierte das Stück Fleisch dort. Er sollte jetzt die Kartoffeln und die Prinzessbohnen auf den Teller legen und sie wie bei Elena herrichten, doch dieses Stück gebratenes Fleisch, welches so mittig und perfekt auf dem Teller lag, zog ihn einfach nur magisch an. Der leicht austretende Fleischaft, der sich langsam um das Stück gebratene Symphonie gebildet hatte. Thorsten wollte ihn kosten, ihn in seiner ganzen Mundhöhle spüren.
Das Fleisch beraubte ihn so der Sinne, dass seine primitiven Urinstinkte ans Licht kamen. Er wollte die warme, duftende Masse mit den Fingerspitzen berühren, wie die Haut eines geliebten Menschen. Thorsten spürte tiefe Liebe für die leblosen Medaillons. Für ihn war das Fleisch ein Geschenk und er wollte es mit Genuss und Eleganz zu sich nehmen, wie jemand, der in einem Fünfsternerestaurant aß und von Sitznachbarn und Personal kritisch beäugt wurde. Doch dieser Drang, dieses Stück Himmel einfach nur hinunterzuschlucken, sodass es so schnell wie möglich auf seinen wartenden Magen vereint wurde, drängten seine Manieren zurück.
Thorsten nahm das Stück Fleisch in seine bloße Hand und spürte, wie der warme Fleischsaft seinen Unterarm hinabrann und in seinem Hemdärmel verschwand. Mit mehr Druck, welchen er auf das Stück Himmel ausübte, presste er noch mehr Fleischsaft heraus. Die Wärme des Fleisches verursachte ihm Gänsehaut. Noch einmal betrachtete er das Geschenk in seiner Hand, bevor er es sich an den Mund hielt, wo er die Lippen sich teilen ließ, um ein Stück davon abzubeißen. Sobald seine Lippen die warme Oberfläche spürten, schlug eine Welle an Geschmack in ihm ein. Sobald er ein Stück mit seinen Zähnen abbiss, fühlte es sich an, als würde dieses liebliche Stück Fleisch seine Geschichte erzählen. Es erzählte Thorsten, wie es aufgewachsen war, wie viel Liebe es von seinen Eltern bekommen hatte, was es alles mit seinen Freunden erlebt hatte. Es sprach mit so einer lieblichen Stimme zu ihm, dass Thorsten den Kopf in den Nacken legte und die Augen schloss. Es schmeckte so gut, so unbeschreiblich gut, dass es Tränen in seinen Augen trieb. Vor allem schmeckte es süß. Süß wie ein vertrautes Lächeln mit glitzernd grünen Augen.
Berührt wischte Thorsten sich die Tränen aus den Augen. Er wollte weiter der Lebensgeschichte des Stücks Fleisch lauschen, wollte wissen, wie es aufgewachsen war, was es so erlebt hatte, bis es hier auf seinem Teller landete. Und wieder sprach dieses Stück Himmel zu ihm, schmeichelte seinem Gaumen und versetzte ihn in einen ekstatischen Zustand. Wie sehr fühlte er mit diesem Stück Fleisch, wie sehr kannte er seine Gefühle, seine Wünsche, seine Sehnsucht.
Thorsten aß das letzte Stück Fleisch und lockerte den Griff um die Theke. Noch immer schmeckte er den lieblichen Geschmack des Fleisches. Er würde bald abklingen, nichtig werden, sein Leben verlassen und Thorsten in eine trostlose Welt zurücklassen.
Thorsten wird aber bald wieder in den Zustand kommen.
Er musste sich einfach nur ein weiteres Stück von Elenas frisch getöteter Leiche zubereiten.
-KnifeNight
