Belegung

Achtung: Verstörender Inhalt

Bitte beachte, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung oder Drogenkonsum. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die Angst oder Unbehagen erzeugen sollen. Wir empfehlen dir, diesen Text nicht zu lesen, wenn er dich belasten könnte.

Fall zu Akte SCP-450 – Abandoned Federal Penitentiary (Verlassenes Bundesgefängnis) EuclidAkte lesen →

Den Leuchtstab knicke ich draußen. Das Knacken ist lauter als ein Flüstern, und drinnen darf nichts lauter sein als ein Flüstern. Ich hänge ihn mir an der Schnur um den Hals, grün und kalt. Dee hat den Bleistift hinter dem Ohr und ihre Stoppuhr in der Hand, eine alte zum Aufziehen. Wir drücken gleichzeitig, sie auf ihre Stoppuhr, ich auf den Drücker meiner Armbanduhr, die auch mechanisch ist. Dann zieht sie die Tür auf. Ich gehe hinein, und hinter mir schließt sie die Tür so langsam, wie man eine Tür nur schließen kann.

Eins.

Einen Schritt alle zwei Sekunden, einen halben Meter weit. Im Übungsgang tickt dafür ein Metronom, hier tickt es nur in meinem Kopf. Dreihundertfünfundzwanzig Schritte bis zur Kammer, immer genau in der Mitte des Gangs.

Zehn.

Nach den ersten fünf Schritten beginnen die Zellen, links und rechts, vierundsechzig auf jeder Seite, alle fünf Schritte eine. Die Nummern sind mit Schablone auf die Türrahmen gemalt, aber lesen muss ich sie nicht. Ich zähle. Die Türen stehen offen, auf dem Hinweg stehen sie immer offen. Es riecht nach kaltem Tabak, wie in einem Zimmer, in dem schon lange keiner mehr raucht.

Bevor ich das erste Mal hineindurfte, habe ich alle Nachbesprechungen gelesen, von der ersten an. Das verlangt keiner. Ich wollte wissen, was mich erwartet. In jeder steht ungefähr dasselbe: offene Türen auf dem Hinweg, geschlossene auf dem Rückweg, der Tabak. Und in jeder sitzt in irgendeiner Zelle eine Gestalt auf der Pritsche, mit dem Rücken zur Tür, jedes Mal in einer anderen.

Dass es jedes Mal eine andere war, hatte schon früh jemand vermerkt. Nachgezählt hatte keiner. Erscheinungen werden notiert und nicht weiter beachtet, so steht es in den Regeln.

Vierzig.

Ich habe nachgezählt, auf einem karierten Block, jede Zelle ein Kästchen. Hundertsiebenundzwanzig Pflegegänge, hundertsiebenundzwanzig Kreuze, keines doppelt. Es gibt hundertachtundzwanzig Zellen. Frei war nur noch die Dreiundzwanzig rechts.

Dee hat sich den Block lange angesehen. Dann hat sie gesagt, was in den Regeln steht. Sie hat recht. Die Regeln halten uns am Leben, alle, auch die, deren Sinn keiner kennt. Ich habe mir trotzdem ausgerechnet, wo die Dreiundzwanzig liegt: zwischen Schritt hundertfünfzehn und hundertzwanzig.

Achtzig. Neunzig. Hundert.

Ich halte den Kopf gerade. Was neben mir liegt, sehe ich nur am Rand, grün und unscharf. So soll es sein. Im Übungsgang haben sie uns beigebracht, dass der Körper schneller werden will, wenn das Herz schneller wird. Und dass man ihn nicht lässt.

Hundertzwölf. Hundertdreizehn. Hundertvierzehn.

Hundertfünfzehn.

Die Tür der Dreiundzwanzig steht offen. Auf der Pritsche sitzt jemand, den Rücken zu mir, die Schultern rund, als säße er schon sehr lange so. Mehr sehe ich nicht. Mehr will ich nicht sehen.

Hundertsiebzehn. Zwei Sekunden. Hundertachtzehn. Zwei Sekunden.

Hundertzwanzig. Dann die Vierundzwanzig, leer, und die nächste, und die nächste.

Dreihundertfünfundzwanzig. Meine Uhr zeigt zehn Minuten und fünfundfünfzig Sekunden.

Die Kammer ist klein. Der Stuhl steht mit der Lehne zur hinteren Wand und mit der Sitzfläche zur Tür, durch die ich hereinkomme. Ich nehme an, man hat ihn damals so hingestellt, damit jeder, den man hereinführte, ihn als Erstes sah. Hinter ihm, an der Wand, das Muster mit seinen zwölf Feldern.

Feld sieben ist dran, so hat es mein Vorgänger gemeldet, und er hatte recht: Die Linien sind kaum noch zu erkennen. Ich stelle mich neben den Stuhl, ohne ihn zu berühren, kehre das Feld mit dem weichen Pinsel ab und ziehe die Linien mit dem feinen nach. Ich arbeite nach einer durchgepausten Kopie der alten Handzeichnung, Feld sieben, auf Karton. Jede Linie übernehme ich, auch die eine, die aussieht wie ein Ausrutscher. Vor mir haben zehn andere dieses Feld nachgezogen, jeder mit seiner eigenen Hand. Wer es zuerst gezogen hat, weiß keiner.

Dreizehn Minuten und fünfundvierzig Sekunden. Ich trete zurück und sehe mir die übrigen Felder an. Das gehört dazu: Wer geht, meldet, welches als Nächstes dran ist. Am blassesten ist Feld vier. Feld vier liegt genau über der Lehne. Wer es nachzieht, steht direkt hinter dem Stuhl.

Dreizehn Minuten und fünfundfünfzig Sekunden. Ich drehe mich um.

Auf dem Rückweg sind die Türen zu, alle. Das ist normal. Ich zähle von vorn. Bei zweihundertfünf gehe ich an der Dreiundzwanzig vorbei. Die Tür ist zu wie die anderen, die Nummer auf dem Rahmen abgeblättert wie die anderen. Ich sehe nicht hin. Zwei Sekunden. Zwei Sekunden.

Dreihundertfünfundzwanzig. Ich drücke die Tür auf, so langsam, wie Dee sie geschlossen hat. Als sie hinter mir wieder zu ist, steht die Stoppuhr bei vierundzwanzig Minuten und zweiundfünfzig Sekunden. Acht Sekunden Luft. Mehr ist es nie.

Die Nachbesprechung machen wir gleich im Vorraum, auf zwei Klappstühlen, solange alles noch frisch ist. Dee fragt, ich antworte, sie schreibt. Türen offen, Türen zu. Tabak. Feld sieben erneuert, Feld vier als Nächstes.

„Die Gestalt?“, fragt sie.

„Dreiundzwanzig rechts.“

Ihr Bleistift bleibt stehen. Dann schreibt sie es hin, ordentlich, wie alles andere. Sie sieht nicht zu mir hoch, und ich sage nichts mehr. Nächsten Monat geht Ruiz. Es ist sein dritter Gang.

Am Abend habe ich das letzte Kästchen angekreuzt. Hundertachtundzwanzig Zellen, hundertachtundzwanzig Kreuze. Es gibt in diesem Trakt keine Pritsche mehr, auf der es noch nicht gesessen hat.

Es gibt nur noch einen Platz zum Sitzen.

Bisher hat es uns immer den Rücken zugekehrt. Auf dem Stuhl in der Kammer geht das nicht. Wer darauf sitzt, sieht jedem ins Gesicht, der hereinkommt.

Quelle Dieser Fall beruht auf SCP-450 von DrClef aus dem SCP Wiki (scp-wiki.wikidot.com/scp-450) und steht unter CC BY-SA 3.0.

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