Ausglasen

Achtung: Verstörender Inhalt

Bitte beachte, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung oder Drogenkonsum. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die Angst oder Unbehagen erzeugen sollen. Wir empfehlen dir, diesen Text nicht zu lesen, wenn er dich belasten könnte.

Fall aus dem SCP-Archiv

Frau Dr. Rehm sagt, ich soll aufschreiben, was ich sehe. Ich schreibe es so, wie die Wache es im Trakt aufschreibt: Uhrzeit, Scheibe, Miene. Das ist das Einzige, was ich von dort mitgenommen habe. Außer dem Gesicht.

Dienstag, 17:10. Küchenfenster, linker Flügel. Älter als gestern, Kopf geneigt. Miene: geduldig.

Das Fenster hat mein Vater eingesetzt, als das Haus neu war. Zwei Flügel, Holz, je eine große Scheibe in Leinölkitt. Ich habe es vierzig Jahre lang geputzt und nie etwas anderes darin gesehen als den Hof und die Mülltonnen. Seit drei Wochen steht das Gesicht jeden Abend darin, sobald es draußen dunkel ist.

Bis vor zwei Wochen bin ich jeden Montag nach Standort-19 gefahren und habe das Sprossenfenster geprüft, in dem es wirklich steckt. Glas und Rahmen im Streiflicht, Fuge für Fuge, auf Haarrisse. Ich war immer wach, das Licht war immer hell. Ich habe in seiner Nähe nie auch nur die Augen zugemacht.

Mittwoch. Frau Dr. Rehm war am Abend hier. Sie saß mit dem Rücken zum Fenster, und es stand hinter ihrer linken Schulter, und sie hat nichts gemerkt. Vorher hatte sie in Standort-19 angerufen.

„Es steht in seinem Gestell“, sagte sie, „auf den Gummipuffern, seit es dort dunkel ist. Ihr Küchenfenster ist leer.“

Einen Moment lang habe ich ihr nicht geglaubt, dass sie wirklich angerufen hat. Das kenne ich aus dem Trakt. Es geht vorbei.

„Für Sie ist es da“, sagte sie. „Sie kennen seine Regeln besser als jeder andere. Darum hält es sich so genau daran.“

Das hat mich auf den Gedanken gebracht. Wenn es sich an die Regeln hält, kann ich es lenken wie die Foundation. Ohne Scheibe kein Fenster.

Nur gibt es eine Regel für danach: Ist sein Fenster kaputt, nimmt es das nächste. Das nächste wäre mein Schlafzimmerfenster, drei Meter weiter in derselben Wand. Da darf es nicht hin. Niemand schläft in seinem Blickfeld, das war das Erste, was man mir im Trakt beigebracht hat.

Donnerstag, vormittags. Aus dem Keller einen alten Flügel geholt, den mein Vater aus einem Abriss mitgebracht und nie weggeworfen hat. Eine Scheibe, vierzig mal sechzig. Dahinter schwarze Pappe, damit es auf der anderen Seite immer dunkel ist. Ich habe ihn in die Speisekammer gestellt, gleich hinter die Tür, anderthalb Meter vom Küchenfenster, näher als jedes andere Fenster der Wohnung. Eingebaut sein muss ein Rahmen nicht, nur vollständig.

Dann ausgeglast. Kitt herauskratzen, Stifte ziehen, Scheibe heben, zwei Flügel, eine Stunde. Ich habe das hundertmal gemacht, nur nie bei mir. Die Scheiben lehnen jetzt im Flur. Lose Scheiben sind keine Fenster. In den leeren Flügeln steckt Sperrholz, und die Küche ist dunkel wie ein Keller.

Donnerstag, 17:20. Im Küchenfenster Sperrholz, sonst nichts. Ich habe die Speisekammer aufgemacht. Da ist es, im Ersatzflügel, zwischen den Einmachgläsern, wie geplant. Miene: nachtragend. So hat es mich noch nie angesehen, auch im Trakt nicht. Ich habe ihm das Fenster genommen, und es weiß, wer das war.

Freitag, 10:00. Es ist auch jetzt da. Schwarze Pappe ist dunkel, auch am Vormittag. Daran hatte ich nicht gedacht. Im Trakt ist das gewollt, dort will man es jederzeit sehen können. Ich will das nicht. Ich habe die Tür der Speisekammer zugemacht und nehme seitdem nur, was im Kühlschrank ist.

Samstag. Zum Bäcker und zurück. Zweimal umgedreht. Hinter mir war niemand.

Sonntag. Frau Dr. Rehm am Telefon. Ich habe ihr alles erzählt.

„Sie spielen Standort-19 in Ihrer Küche“, sagte sie.

„Ja“, sagte ich. „Und es funktioniert.“

Montag, 6:10. Montags um sechs bin ich früher zur Prüfung gefahren. Heute habe ich aus Gewohnheit die Taschenlampe genommen und die Speisekammer aufgemacht, um mir den Ersatzflügel im Streiflicht anzusehen. Die Scheibe ist heil. Kein Haarriss, der Kitt fest. Das Gesicht ist nicht darin.

Es ist über dem Herd.

Über dem Herd ist kein Fenster. Da ist Putz, und am Putz hängt die Küchenuhr. Trotzdem steht es dort in einem Fenster mit Sprossen, wie dem im Trakt, und die Uhr hängt mitten in einer der Scheiben und geht weiter. Miene: nachtragend.

Ich habe den Werkzeugkasten geholt, aus Gewohnheit, und ihn wieder hingestellt. Ein Fenster, das es nicht gibt, kann ich nicht ausglasen.

Angelehnt an das Konzept der SCP Foundation (CC BY-SA 3.0).

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