
Das Herz des Hauses
Bitte beachte, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung oder Drogenkonsum. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die Angst oder Unbehagen erzeugen sollen. Wir empfehlen dir, diesen Text nicht zu lesen, wenn er dich belasten könnte.
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Es war der 23. April, als er es das erste Mal hörte.
Das Klopfen …
Nein, er hat es nie als Klopfen bezeichnet. Vom ersten Moment an hat er es immerzu Pochen genannt.
Ein Pochen, in den Wänden …
Seltsam, nicht wahr? Man würde annehmen, die erste Assoziation wäre, dass es von nebenan, von über oder unter einem kommt, aber nicht in diesem Fall, nein. Es kaum aus den Wänden …
Das hat mir damals eine Heidenangst eingejagt.
Er stand nun schon eine ganze Weile neben dem Bett, das Ohr an die Wand gepresst und lauschte.
Es war eindeutig da. Kein Zweifel. Seltsam.
„Jim?“, hörte er neben sich seine Frau. „In Herrgottsnamen Jim, was treibst du denn da? Du hast mich zu Tode erschreckt! Stehst da einfach stumm neben dem Bett. Ich dachte schon ein Perverser wäre eingebrochen, um … Jim, hörst du mir überhaupt zu?“
Tat er. Beiläufig. Genauso wie er sie mit halbem Auge betrachtete, wie sie da mit hochgezogener Decke saß, um zu verbergen, was ohnehin niemand sehen wollte.
Als er nicht antwortete, fragte sie erneut. „Jim?“
„Psst!“, zischte er. Nicht erbost, nur leicht verärgert. Der Klang war so leise, er vernahm ihn kaum, aber er ohne jeden Zweifel da.
Das er sich seine Reaktion besser hätte überlegen sollen, bekam er gleich darauf zu spüren. „Also jetzt hör‘ mal!“, echauffierte sich Margeret. „Ich verlange eine Erklärung und wag es nicht, mich noch einmal anzupssn!“
Anzupssn. Er hätte darüber gelacht, wenn er nicht so hochkonzentriert gewesen wäre. „Hörst du das nicht?“
„Was hören?“
„Das Pochen?“
„Ein Pochen?“
„Ja, ein Pochen. In den Wänden.“
„Ein Pochen … In den Wänden?“
„Ja.“
Sie schaute ihn an. Blinzelte. Schaute zur Wand herüber, wieder zu ihm zurück, blinzelte erneut. Schüttelte den Kopf. „Komm jetzt zurück ins Bett.“
Und das tat er. Widerstrebend, aber er tat es.
Jim …
Jim war schon immer ein wenig verschroben. Wunderlich. Hatte den Kopf stets in den Wolken.
Er ist ein liebenswerter Mann, aber … nun, gelegentlich muss man ihn auf den Boden der Tatsachen zurückholen.
Ich habe ihn nie dafür verurteilt, im Gegenteil. Es ist eine der Eigenschaften, die ich an ihm immer zu schätzen gewusst habe.
„… und da sagte Marta jedenfalls … Jim? Jim, hörst du mir überhaupt zu?“
Jim, der am Frühstückstisch saß, eine angebissene Scheibe Toast in der einen Hand und eine Tasse kalten Kaffee in der anderen, reagierte nicht. Seine Augen blickten in die Ferne, hinaus aus dem Fenster, durch das die grelle Morgensonne den neuen Tag begrüßte.
„Jim!“
Der Ausruf ließ ihn zu ihr rüberschauen, wenngleich mit Verzögerung. „Ich höre es nicht mehr“, erklärte er nüchtern.
„Was?“ Wie so oft verstand seine Frau nicht, wovon er redete. Nicht, dass das wichtig wäre.
„Das Pochen.“
„Das Pochen?“
„Ja.“
„Aus den Wänden?“
„Genau.“
Sie schüttelte den Kopf. Warf die Hände in die Luft und ließ sie zurück auf den Tisch sinken. Mit einer Miene, die so viel sagte wie: Was soll ich nur mit dir machen?, erklärte sie: „Na dann ist doch gut.“
War es das? Er war sich da nicht so sicher. Es mochte ein wenig unheimlich sein, aber irgendwie hatte das Pochen etwas Beruhigendes an sich. Wie es rhythmisch erklungen war.
Poch … poch … poch …
Wie ein Herzschlag. Gleichmäßig. Kräftig. Gesund.
Kein Vergleich zu seinem eigenen Herzen, das immer wieder kleine Hüpfer machte, die meisten Stunden über zu schnell schlug und ihn eines Tages vermutlich umbrachte. Bisher hatte er keinen Infarkt gehabt, klopf auf Holz, aber Margeret prophezeite ihm schon seit Jahren, dass es nur eine Frage der Zeit war, bei seiner Ernährung.
„Immer nur Kaffee, Fleisch und bei jeder sich bietenden Gelegenheit dieses Süßzeug. Das wird dich irgendwann ins Grab bringen, Jim!“
Wenn nicht das, dann ihr Gezeter … Aber das wagte er nicht auszusprechen.
Was war es, was ihn dazu anhielt, weiterhin mit ihr zusammenzuwohnen, seinen Lebensabend zu verbringen? Er mochte es einst gewusst haben. Heutzutage waren es schlicht die Jahre, die sie schon verbanden. Zweckmäßigkeit. Allein finanziell wäre eine Trennung zu aufwändig. Und dann erst der Stress. Außerdem hatte sich Gewohnheit eingeschlichen. Wäre er überhaupt fähig, für sich selbst zu sorgen?
Fruchtlose Gedanken, die sich im Sand verliefen, während sein Geist sich zurück zu der Frage tastete, warum er das Pochen nicht mehr hörte. Hatte er es letzte Nacht wahrhaft vernommen oder sich womöglich doch nur eingebildet?
Nein, er war sich sicher, es wahrgenommen zu haben. Aber warum dann jetzt nicht mehr?
„… Jim?“ Eine flache Hand, die auf die Tischplatte geknallt wurde, riss ihn aus seiner Träumerei. „Jim, jetzt reicht es aber! Iss gefälligst auf, wir haben einen Arzttermin einzuhalten.“
Er tat wie geheißen. Lustlos und mit den Gedanken woanders.
Wir sind bald vierzig Jahre glücklich verheiratet.
Vierzig Jahre …
Können Sie sich das vorstellen, so lange Zeit an der Seite eines Menschen zu verbringen?
Ich kenne all seine Marotten, all die Eigenarten, die ich an ihm zu lieben gelernt habe und die, die mich gelegentlich in den Wahnsinn treiben. Wir haben keine Geheimnisse voreinander.
Na ja … zumindest dachte ich das zu dieser Zeit. Heute verstehe ich, was es heißt, dass man einen Menschen nie vollständig kennt …
„Und Jim, wie fühlen Sie sich heute?“
„Ich habe ein Pochen gehört.“
Der Arzt stutzte. „Sie haben …“
„Oh nicht schon wieder!“, funkte Margeret dazwischen. „Das geht schon den ganzen Tag so! Gestern Nacht hat er plötzlich neben dem Bett gestanden, das Ohr an die Wand gepresst und mir weismachen wollen, er höre ein Pochen.“
„Ein Pochen?“
„Ja. In der Wand.“
„Ein Pochen in der Wand?“
„Allerdings“, unterstrich sie mit einem Nicken, um deutlich zu machen wie verrückt das klang.
„Jim, ist das wahr?“
Jim, der beliebe nicht auf den Kopf gefallen war, zuckte mit den Schultern. Was sollte er dazu noch sagen?
Der Arzt holte einen Zettel hervor, kritzelte etwas darauf, das kein normaler Mensch zu lesen vermochte und erklärte dabei: „Ich verschreibe Ihnen ein leichtes Schlafmittel, das sollte ihnen ruhigere Nächte verschaffen.“
Toll. Eine weitere Pille, die er zu seiner täglichen Ration hinzufügen dürfte. In welches Schächtelchen kam sie denn?
Morgens, vor dem Frühstück? (Bitte nicht zusammen mit Kaffee einnehmen!)
Nach dem Mittag, gleichzeitig mit der gegen seine gelegentlich auftretenden Verstopfungen?
Abends, vor dem Schlafengehen? (Keine Mahlzeit nach acht Uhr!)
Egal, Margeret würde ihn schon daran erinnern, sie zur rechten Zeit einzunehmen. So wie sie ihn stetig ermahnte, konnte man fast meinen, er wäre nicht dazu in der Lage selbst zu entscheiden, wann er pissen musste.
Er seufzte innerlich. Fügte sich schweigend in sein Schicksal. Was brachte es schon, aufzubegehren, außer Ärger mit seiner Frau?
Er hat schon immer einen ungesunden Lebensstil gepflegt. Ganz ehrlich, ich habe mein Möglichstes getan, ihn zum Sport zu animieren und sich anständig zu ernähren, aber alten Hunden bringt man keine neuen Tricks bei und dieser Hund war schon alt in seinen Gewohnheiten, als ich ihn kennenlernte.
Trotzdem hätte ich nie gedacht, dass … dass sich das eines Tages auf sein Oberstübchen auswirken könnte.
Es ist mir ein wenig unangenehm, dass zu sagen, verzeihen Sie.
Ich meine, körperlich war er nie in Bestform, aber im Kopf dafür immer klar. Ein Träumer, ja, aber nie wirr.
Es ist das Fernsehen, ich sag’s Ihnen. Die Flimmerkiste macht uns blöd im Hirn. Ich bin zeit meines Lebens täglich draußen gewesen. Flanieren, mit den Mädels die Stadt durchstreifen, solche Sachen halt.
Das hält fit. Nicht nur die Beine, sondern auch hier oben.
…
Ein wenig gebe ich mir selbst die Schuld an dem, was geschehen ist. Ich hätte mich in dieser Hinsicht mehr durchsetzen müssen. Vielleicht …
Vielleicht … Entschuldigung, haben Sie zufällig ein Taschentuch? Danke. Ich … ich brauche einen Moment.
„… und da sagte Marta jedenfalls … Jim? Was ist los Schatz?“
Er stand in der Tür zur Küche, wo Margeret mit ihren Freundinnen saß und über die Nachbarin tratschte. „Ich höre es wieder.“
Obgleich sie es genau wusste, hinterfragte seine Frau scharfzüngiger als nötig: „Was hörst du wieder?“
„Das Pochen.“
„Ein Pochen?“, fragten die drei Freundinnen im Chor, wobei sie sich gegenseitig fragend anschauten.
„Ja, in den …“
„Jetzt ist aber gut“, zischte Margeret, deren Züge für einen kurzen Augenblick denen eines grimmigen Kobolds glichen. Sie fing sich so schnell, wie sie aus der Haut gefahren war, setzte ein falsches Lächeln auf, das sie ihren Freundinnen präsentierte und erklärte: „Entschuldigt mich kurz Mädels.“
Noch während sie sich im Raum befand, tauschten diese vielsagende Blicke aus.
Jims Frau zerrte diesen aus der Küche, rüber ins Wohnzimmer, wo sie ihn leise anfuhr: „Was soll denn das?! Du blamierst mich noch!“
„Aber das …“
Sie legte ihm ruckartig ihren Finger auf die Lippen. „Psst. Ich will nichts mehr davon hören, verstanden? Gleich morgen gehen wir noch einmal zum Doktor und holen dir etwas dagegen. Bis dahin …“ Sie gestikulierte unsinnig mit den Händen. „Verhalt dich einfach normal, okay?“ Dann eilte sie davon.
Jim, dem nicht bewusst war, dass er sich in irgendeiner Hinsicht unnormal verhielt, zuckte mit den Schultern und schaute zur Decke hinauf.
Poch … poch … poch …
Es war lauter als am Vortag, obschon nicht wesentlich. Wie konnte sie das nicht hören?
Er setzte sich in einen nahen Sessel, schloss die Augen und ließ sich vom Rhythmus des Pochens einlullen.
Er musste es jedem erzählen, der es nicht hören wollte.
Jedem!
Bald schon wusste die ganze Nachbarschaft von dem ominösen Pochen, das nur er hörte.
Ich fing an, mir ernsthafte Sorgen zu machen. Berechtigt, wie sich später herausstellte.
In dieser Nacht wurde das Pochen intensiver.
Jim lag im Bett, neben ihm schnarchte Margeret, sie schien es noch immer nicht zu hören, wurde in ihrem Schlaf nicht davon gestört.
Jim störte es ebenfalls nicht, allerdings ließ es gleichsam nicht zu, dass er ein Auge zumachte.
Immerzu drang es an seine Ohren.
Poch … poch … poch …
Es war ihm unmöglich, eine Richtung auszumachen, aus der es kam. Es schien von überallher, aus jeder Wand, die ihn umringte, selbst aus der Decke und dem Boden zu erschallen. Als läge er in einer riesigen Herzkammer.
Aber was, so fragte er sich, pumpte es dann? Er konnte ohne jeden Zweifel bezeugen, dass das Bett unter ihm sich nicht regte, nicht von einem schier endlosen Strom an literweise Blut durch die Wohnung gespült wurde.
Wenn es also kein roter Lebenssaft war, was dann? Wohl kaum Luft, das würde jedem Zweck entbehren.
Er würde dem Rätsel nachgehen, nur … wann? Wenn er jetzt aufstand, sich auf eine nächtliche Suche begab, ein Abenteuer im eigenen Heim, würde Margeret mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon geweckt. Alles, was ihrer Gewohnheit oder vielmehr dem alltäglichen Ablauf widersprach, den sie sich vorstellte, ließ sie aufhorchen.
Und dann wäre er wieder in der Erklärungsnot. Sie behandelte ihn, als ob er im Begriff wäre, den Verstand zu verlieren. Dabei war er nie klarer gewesen.
Das Pochen … es fokussierte seinen Geist, lenkte ihn auf das Wesentliche. Worum es sich dabei genau handelte, vermochte er noch nicht zu sagen, aber bald … das spürte er. Es rückte näher.
Poch … poch … poch …
Nach einer Weile schlief er ein. Es wiegte ihn in traumlose Dunkelheit.
Am nächsten Tag stellte Jim ernüchtert fest, dass seine Frau ihre Drohung ernst gemeint hatte – nicht, dass er etwas anderes erwartete.
Gleich nach dem Frühstück fuhren sie zum Doktor und auf Empfehlung dessen, zu einem, wie er es nannte „Spezialisten“, der ein Bekannter von ihm sei, weswegen sie am selben Tag einen Termin erhielten.
Jim wusste genau, worum es sich dabei handelte, widersprach aber nicht. Widerworte hätten seine Situation nur verschlimmert. Am Ende biss er doch nur auf Granit und beugte seinen Willen. Wozu also die Mühe?
Der sogenannte „Spezialist“, forderte ihn zu seiner Erleichterung nicht auf, es sich auf einer extra dafür konzipierten Couch bequem zu machen, obgleich eine solche sich durchaus in dem gemütlich eingerichteten Raum wiederfand.
Stattdessen saß er auf einem simplen Stuhl, dem Doktor gegenüber, zwischen ihnen ein kleiner Beistelltisch, auf dem sich Tee und Kekse wiederfanden.
„Also Jim, was führt Sie hierher?“
Gar nichts, hätte er am liebsten geantwortet. Oder: Meine reizende Frau, wobei die Betonung auf „reizend“ lag.
Stattdessen blieb er bei dem, was sein Gegenüber – und Margeret – vernehmen wollten: „Ich höre in Pochen.“
„Ein Pochen?“
„Ja. In den Wänden.“
„Ein Pochen in den Wänden.“ Der Doktor nickte bedächtig. „Und hören Sie es in jeder Wand? Hören Sie es hier?“
„Nein, nur zu Hause.“
„Verstehe. Gibt es bestimmte Zeiten, zu denen Sie es hören?“
Jim zuckte mit den Schultern. „Meistens nachts. Manchmal tagsüber.“
„Und seit wann hören Sie es?“
„Seit vorgestern Nacht.“
„Beunruhigt es Sie?“
„Nein. Eigentlich empfinde ich es sogar als sehr entspannend.“
„Entspannend.“ Er nickte wieder. Bedachte Jim einige Sekunden lang aus unergründlichen Augen. Analysierte er oder streckte er nur die Zeit, um die horrende Rechnung zu rechtfertigen, die er ihm am Ende der Sitzung vorlegen würde?
„Erzählen Sie mir ein wenig von sich, Jim.“
Oh gütiger Gott, das konnte ja heiter werden …
Eine Depression mit dem Anflug einer Psychose. Schizophrenie wollte er für den Moment ausschließen, aber nicht gänzlich vom Tisch fegen.
Eine Depression. Ich war schockiert. Ich hatte immer gedacht, Jim wäre … nun ja, glücklich.
Ich will ehrlich sein, ich kenne mich mit diesem ganzen Psycho-Kram nicht aus. Er hat Tabletten bekommen, ich habe darauf geachtet, dass er sie einnimmt und ihm im Auge behalten. Ich meine, er hat sich nicht anders als sonst benommen, nur immer wieder von diesem Unsinn mit dem Pochen angefangen.
Psychose … Schizophrenie …
Für den unbedarften Verstand sind das beängstigende Worte. Ich wusste nicht … Es fiel mir schwer, damit umzugehen. Glücklicherweise hatte ich Freunde, die mir in dieser ungewissen Zeit beistanden.
„So ein Quaksalber!“, fluchte Margeret, kaum, dass sie zu Hause angekommen waren. „Die Tabletten, nimmst du nicht! Depression, was für ein Unsinn. Wir ‚erkranken‘ doch nicht an diesem New-Age-Mist!“
Jim zog eine Augenbraue hoch. Er war durchaus ihrer Meinung, nur, wenn seine Frau ins Fluchen geriet und zudem solch neumodischen Worte benutzte, dann musste sie ernsthaft erbost sein. Besser er hielt den Mund.
„‚Es könnte der Anflug einer Psychose sein, das ist eine ernstzunehmende Erkrankung‘ … Pah! Dass war das erste und letzte Mal, das wir dort waren. Und hast du dir mal die Rechnung angesehen. Das ist ja Wucher! Verklagen sollte man den Mann! Sag‘ doch auch mal was dazu!“
„Ja Schatz“, brummte Jim, während er ins Wohnzimmer schlich. Das Pochen war nicht zu hören, also konnte er sich genauso vor den Fernseher setzen und ein bisschen abschalten.
„Wo willst du denn hin?“
„Fernsehen“, nuschelte er, da er genau wusste, was Margeret von seiner Freizeitbeschäftigung hielt.
„Oh nein mein Lieber, damit ist ab heute Schluss!“, mischte sie sich in seine Pläne ein. „Der Mann mag ein Hochstapler sein, aber irgendetwas stimmt mit dir nicht. Was du brauchst, ist ein bisschen Bewegung und frische Luft. Komm, bei Lucie drüben gibt es eine neue Kollektion, die wollte ich mir sowieso ansehen. Ich ruf‘ noch die Mädels zusammen.“
Na das kann ja heiter werden, dachte er zum zweiten Mal an diesem Tag.
„Nein!“
„Doch! Und dann erst die Rechnung. Wucher sag‘ ich dir. Verklagen sollte …“
Jim verdrehte die Augen, indes er den Weibern bei ihrem Gewäsch zuhörte. Er vernahm zusehends ein Pochen, allerdings nicht in seinen Ohren, sondern zwischen seinen Schläfen.
Die „Bewegung“, von der sein Herzblatt gesprochen hatte, mündete in einem mehrstündigen Exkurs des Shopping-Wahns, mit ihm als Rolle des Pakesels und wandelnden Portemonnaies. Den Abschluss krönte eine langwierige Sitzung unter erschwerten Bedingungen, in einem nahen Café, wobei der Schweregrad durch die Thematik des Tratsches bestimmt wurde.
Selbstredend diskutierten die Frauen seinen Zustand, direkt neben ihm sitzend, als ob er nicht präsent oder des Hörens mächtig wäre. Beispiele wurden angeführt, wie es den eigenen Männern daheim ging und welche Haushaltsmittelchen ihnen „geholfen“ hätten. Komisch dass vor allem die eine positive Wirkung erzielten, bei denen die Ehegattinnen selbst einen Gewinn daraus zogen. Sehr suspekt. Da schien es sich, um etwa zu handeln, das grassierte.
Eine Weile lang verfolgte er das Theater stumm, aber als es ihm zu blöd wurde, ließ er seine Gedanken ein wenig kreisen, genoss seinen Kaffee, welcher ihm ohne Anstand zugesagt wurde – dann war er wenigstens still und niemand musste sich seltsames Gerede von ihm anhören – und gelangte dabei langsam, zu einer fast vergessenen Spur.
Eine Erinnerung, an ein gar nicht so weit zurückliegendes Ereignis. Seltsam, dass es ihm ausgerechnet jetzt in den Sinn kam.
Schwermut umfasste sein Gemüt. Fast fühlte er sich tatsächlich ein wenig depressiv.
Den Kaffee und seine Umwelt im Allgemeinen, vergaß er gänzlich. Er fummelte sinnlos am Henkel der Tasse rum, während sein Geist eine Reise anging. Die Felder der Vergangenheit betrat, verdorrtes Gras seine Handflächen streifen ließ, indes am Himmel dunkle Wolken aufzogen, die die strahlende Sonne – ein zauberhaftes Lächeln – verdunkelten. Im Hintergrund nahm er ein Trommeln wahr.
Nein, keine Trommel. Ein Herz.
Poch … poch … poch …
Nach einer Tortur von einem Einkaufsbummel, zu Hause angekommen, schwärmte Margeret noch von ihren Erfolgen und den Tuscheleien ihrer Klatschtanten.
Jim hatte dafür kein Ohr. Stattdessen stellte er zuerst fest, dass er es nicht hörte, und bewegte sich dann zielstrebig zu dem einen Regal im Wohnzimmer, in dem sie einige ausgewählte Bilder in entsprechenden Rahmen aufgestellt hatten.
Ein altes Hochzeitsfoto, Flitterwochen, das eigene Heim erworben …
Ereignisse, so weit entfernt. Zu kaum einem davon verband Jim noch eine bedeutungsschwangere Emotion. Die eine, die er hingegen suchte, die ihn seit einigen Stunden fest im Griff hielt, fand er hier nicht vor.
„Was tust du da?“, verlangte Margeret zu wissen, als sie spitzbekam, wo er stand.
„Wo sind die Bilder von Mildred und Clara?“ Allein den Namen auszusprechen, versetzte ihm einen kleinen Stich. Wann hatte er zuletzt dergleichen empfunden? Wann das letzte Mal, nicht nur in den Tag hinein gelebt, sondern so etwas wie Sehnsucht gespürt?
Die Nachfrage sollte ihn viel mehr als das fühlen lassen. Wenn er nicht achtgab, würde er bald schon erfahren, wie es war, vom Blitz erschlagen zu werden. Zumindest erweckte seine Frau den Eindruck, als düstere Gewitterwolken sich um ihr Antlitz legten.
„Warum willst du das wissen?“
Er zuckte mit den Schultern. „Nur so.“
Sie starrte ihn einen Augenblick an, witterte, wie ein Hund auf der Jagd nach einer Spur, die sie zur Vorsicht ermahnen müsste, fand aber scheinbar nichts, was ihr Missfallen weckte. „Sie sind auf dem Dachboden. Ich wüsste nicht, warum wir sie hier stehen lassen sollen.“
Ein weiterer Stich, wie eine gezackte Klinge, mitten in sein Herz, wo es genüsslich hineingepresst und gedreht wurde, bis es ihn restlos zerfleischte, aushöhlte.
„Verstehe“, erwiderte er trocken.
Mildred, meine geliebte Schwester …
Dummes Gör. Entschuldigung, ich weiß, ich sollte nicht so über sie reden. Es ist nur …
Als sie diesen Kerl kennengelernt und mit ihm durchgebrannt ist, hat es mir das Herz gebrochen, wissen Sie. Mir und Jim. Wegen ihr, vor allem aber aufgrund Claras.
Die Kleine war ein Licht in unserem Leben, ein heiterer, stets strahlender Sonnenschein. Mit ihr in unserem Haus, das sie regelmäßig besuchte, konnte es draußen stürmen und wüten, es war uns gleich. Wir hatten die warme Sommerbrise, direkt zwischen unseren Wänden.
Und dann kam er, dieser … schmierige Typ. Gott allein ist fähig, zu sagen, was Mildred an ihm fand. Sie hatte schon immer einen furchtbaren Geschmack, was Männer anbelangte, deswegen hat der ihr erster Göttergatte sie ja auch mit dem Kind sitzen lassen, aber der? Der schoss wirklich den Vogel ab.
Wie lange ist das jetzt her? … Ich vermisse die Kleine.
In dieser Nacht schlief Jim schlecht. Das Pochen blieb aus, dafür quälten Albträume ihn.
Träume von Sommertagen, einem lächelnden Antlitz, Wärme in seiner Brust.
Und dann: bodenlose Schwärze. Eisige Kälte. Ein Kind schrie, sie wurde von ihm fortgerissen. Eben spürte er noch ihre kleine, zarte Hand in seiner rauen, alt gewordenen, dann war sie weg.
Als er gegen zwei Uhr morgens erwachte, erschrak Jim. Sein Kissen war feucht, ebenso seine Wangen. Wann hatte er zuletzt geweint, wann sich so elend gefühlt?
„Wo du auch bist Clara“, flüsterte er in die Dunkelheit hinein. „Ich hoffe es geht dir gut.“
Er machte in dieser Nacht kein Auge mehr zu.
Die darauffolgenden Tage tat Jim sich schwer. Jeden Morgen hievte er sich aus dem Bett, eine Handlung, die ihm alles abzuverlangen schien, während die weiche Matratze sich nach ihm ausstreckte, ihn einlud, sich wieder niederzulegen, einfach weiterzuschlafen.
Aber das würde Margeret nicht zulassen, also schleppte er sich erst ins Bad und dann runter an den Frühstückstisch, wo sie ihn mit Tiraden über die Sinnlosigkeit ihrer tristen Existenz folterte.
Er schaffte es kaum mehr, ihr zuzuhören, geschweige denn einen Zusammenhang in ihren Worten zu erkennen. Stetig sah er nur ihren Mund sich bewegen, Lippen sich kräuseln, die Zunge darüber lecken. Und eine Miene sich wieder und wieder verfinstern, wenn sie fragte: „Hörst du mir überhaupt zu?“
„Ich versuche es“, hätte er gerne geantwortet „Aber es ist so unendlich schwer. Auf einmal ist alles so … so fahd und grau, verstehst du das?“ Zu gern hätte er seine Hand ausgestreckt, erwartet, dass sie sie packte, ihn aus diesem Moloch herauszog. Stattdessen brummte er nur ein: „hmhm.“
Gelegentlich erwischte er sich bei dem Gedanken, ob er die Tabletten, die ihm der Seelenklempner verschrieben hatte, doch probieren sollte. Womöglich litt er tatsächlich an so etwas wie einer Depression, die sich jetzt erst umfänglich manifestierte.
Aber eigentlich glaubte er daran nicht. Er hatte eine genaue Vorstellung davon, was mit ihm nicht stimmte, und keine Medizin der Welt, vermochte ihn von diesem Leid zu kurieren.
Sie hatten es versucht. Jahrelang, immer wieder. Aber es ging nicht. Margeret wurde nicht schwanger. Mutter Natur hatte entschieden, ihnen keine Kinder zu bescheiden.
Wohl deswegen nahmen sie ihre Nichte bei jeder sich bietenden Gelegenheit bei sich auf. Jim hatte in seinem Leben nie nach Großem gestrebt, er lebte des Lebens wegen und in den Tag hinein. Solange zumindest, bis er Clara zum ersten Mal in Händen gehalten hatte.
Dieses winzige, zierliche Wesen, mit dem zerknautschten Gesichtchen, das wenige Sekunden später zu plärren begann, weil es zurück zur Mutter wollte.
Ein Wunder. Es hatte ihn völlig in seinen Bann gezogen und den brennenden Wunsch geweckt, selbst solch ein Leben in die Welt zu setzen. Margeret war es nicht anders ergangen.
Bis zu diesem Zeitpunkt hatten sie nur halbherzige Versuche unternommen, hatten sich immer wieder gesagt: „Klar, wollen wir irgendwann Kinder, aber das hat doch noch Zeit.“ Aber das hatte es nicht.
Der menschliche Körper ist ein Uhrwerk, welches nicht zur Dauerhaftigkeit ausgelegt ist. Es verfällt so unsagbar schnell …
Die ersten Monate haben sie noch gelacht. „Ach was soll’s, irgendwann wird es schon klappen“ … Dann verwies Mildred, die bei der Geburt selbst fast vierzig und darauf angewiesen gewesen ist, auf eine Behandlung. Keine künstliche Befruchtung oder dergleichen, nur ein wenig … Unterstützung.
Die Jahre zogen ins Land, Clara wurde Teil ihres Lebens aber ihr eigener Nachwuchs, blieb aus.
Sie gaben es auf und damit sich selbst. Mit der jahrelangen Enttäuschung entfremdeten sie sich. Aber sie hatten ja noch Clara. Das kleine Wesen, das langsam erwachsen wurde, fast schon zwanzig Jahre zählte, und dennoch stetig Teil ihres Zuhauses blieb.
Bis es von ihnen fortgerissen wurde.
Margeret und ihre Schwester hatten sich noch nie sonderlich gut verstanden – den Kleber, der sie zusammenhielt, stellte Clara dar –, doch an jenem Tag … Jim dachte mit Grauen daran, wie die beiden sich angeschrien hatten.
Er hatte interveniert, hatte versucht, die beiden zu beruhigen, aber das schien sie nur anzustacheln. Sie keiften und bellten, wenn sie zu nah aneinandergerieten, fauchten und kratzten sie. Irgendwann flogen Dekorationsgegenstände und Möbelstücke. Es war das reinste Chaos.
Als die eine der anderen eine ins Gesicht schlug – Jim war sich nicht mehr sicher, wer zu Boden ging –, war es genug gewesen. Er hatte sich dazwischen gestellt, aber dabei den Kampfgeist der beiden unterschätzt.
Von irgendwoher war etwas geflogen gekommen oder vielleicht hatte man ihn auch geschubst, er erinnerte sich nicht. Ein Aufprall und Schwärze.
Als er erwachte, war Mildred nicht mehr da. Sie hatte Sack und Pack sowie das fast erwachsene Kind genommen, das trotz ihres Alters noch zu abhängig von ihrer Mutter war, um sich gegen deren Entscheidung zu stellen, und war auf und davon. Durchgebrannt, mit der Liebschaft, der personifizierte Grund ihrer Streiterei.
Seitdem hatten sie nichts mehr von Mildred oder Clara gehört. Ein Jahr war das jetzt her.
Es war furchtbar. Ganz ehrlich, ich bereue es. Ich weiß nicht … weiß nicht, was damals in mich gefahren ist.
Ich war so … so wütend auf Mildred. Sie hatte alles und schmiss alles hin. Und dem nicht genug, nahm sie uns das eine weg, von dem sie genau wusste, dass es uns das Herz brechen würde.
Es ist nicht dein Kind, hat sie immer wieder beteuert. Als ob ich das je behauptet hätte. Aber vielleicht … vielleicht hat sie ja etwas geahnt. Ein mütterlicher Instinkt? …
Jim kam am selben Abend in ein Krankenhaus. Die Wunde an seinem Kopf war nicht lebensbedrohlich, aber er musste zumindest für ein paar Stunden unter Beobachtung gestellt werden. Ich habe mich indes mit der Polizei rumgeschlagen. Den Nachbarn ist es irgendwann zu bunt geworden. Das Thema ging noch Wochen um die Häuser.
Tja, so lange, bis das nächste Drama seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Sie wissen ja, wie das ist.
Das Pochen blieb aus und Jims Zustand verschlechterte sich zusehends. Er schlief schlecht, er aß nicht, er vergaß, sich zu waschen.
Da dies nicht unbemerkt blieb, hatte Margeret alle Hände damit zu tun, den Schein eines gewöhnlichen Haushalts zu wahren. Nicht auszudenken, was die Nachbarn sich zusammenreimten!
Jim war das herzlich egal. Sollten die Leute doch reden. Eine schwarze Leere fraß sich durch ihn hindurch. Höhlte ihn Tag für Tag ein wenig mehr aus, bis nur noch eine lasche Hülle übrig blieb. Sollten sie doch über dieser zum Stehen kommen und die Köpfe schütteln.
„Tragisch, wie schnell ein anständiges Haus verkommen kann. Das sollte uns eine Lehre sein!“
Margeret würden sie natürlich ins Exil verbannen, aber was kümmerte ihn das? Bis das der Tod uns scheidet … er konnte es kaum mehr erwarten.
„… deswegen habe ich entschieden, heute noch einmal diesen … diesen Quacksalber aufzusuchen. Ich glaube ja weiterhin, dass es ausgemachter Unsinn ist, aber ich bin mit meinem Latein und dir am Ende!“
Jim wusste nicht warum, aber aus der endlosen Litanei ihres nicht enden wollenden Geplappers, waren es ausgerechnet diese Worte, die zu ihm durchdrangen.
Aus glasigen Augen schaute er zu ihr auf. „Was?“
„Du hast mich ganz genau verstanden. Ich gehe deine Medikamente holen. Du bleibst hier. So“, sie musterte ihn, wie einen besonders hartnäckigen Dreckfleck, „werde ich garantiert nicht mit dir vor die Tür gehen. Am besten lümmelst du dich einfach in deinen Sessel und machst dir eine deiner Sendungen an. Da kannst du wenigstens keinen weiteren Schaden anrichten.“
Weiteren Schaden? War das nicht ein wenig überzogen?
Eigentlich kümmerte es ihn nicht. Sollte sie doch unternehmen, wonach ihr der Sinn stand, wenn er dafür nur ein wenig Ruhe bekam. Womöglich überraschte er sie, mit seinem baumelnden Leib, der von der Decke hing. Obgleich sie dies kaum als Schadensminimierung interpretieren dürfte …
Im nächsten Moment war Margeret schon aus der Tür, welche sie, obschon es ihr sicher ein Bedürfnis wäre, nicht hinter sich zuknallte, sondern wie eine anständige Dame, leise zuzog.
Jim schaute ihr kopfschüttelnd hinterher, erhob sich, schritt in den Flur und stellte sich vor dem dort hängenden Spiegel. So schlimm sah er doch gar nicht aus. Ein wenig wirr um die Haare und unrasiert, sicher, aber darüber hinaus? Nicht anders als sonst.
Er zuckte mit den Schultern und machte sich schon daran, Richtung Wohnzimmer zu laufen, um dem Vorschlag seiner innigen Liebe nachzukommen, als er innehielt.
Etwas drang an sein Ohr. Ein vertrautes, lang vermisstes Geräusch.
Poch … poch … poch …
Es erklang leise, fast nicht wahrnehmbar. Wäre es nicht so still im Haus, er hätte es glatt überhört.
War es die ganze Zeit da gewesen? Hatte nur das Dröhnen der Stimme Margerets sowie seines Kopfes, der in der Vergangenheit steckte, es übertönt?
Ganz gleich, augenblicklich stellte sich Erleichterung ein. Der Druck, der auf Jim lastete, ließ nach. Befreiung. Er atmete tief durch, schüttelte die Last des schwarzen Lochs von sich, als wäre sie nur eine leichte Erkältung und nicht die Ausgeburt, die ihn gemächlich zum Suizid trieb.
„Ich habe dich vermisst“, raunte er in die Stille hinein, was einen Schmerz in seiner Brust explodieren ließ. Er krümmte sich, ging auf die Knie, fasste sich an die brennende Stelle und meinte, Eiseskälte daraus fließen zu spüren.
Am ganzen Körper bebend, brach ihm der Schweiß aus allen Poren aus. Er schaute herab, um zu sehen, wie Blut durch seine Finger sickerte, aber da war nichts.
Die Hand verkrampfte, ballte sich zur Faust, die Schmerzen steigerten sich ins Unerträgliche. Er stöhnte leise, wollte schreien, doch der Laut kam nicht über seine Lippen. Dann sackte er zur Seite, schlug dumpf mit dem Kopf auf, windete sich unter Qualen, während ein Geräusch in seinem Schädel langsam anschwoll.
Poch … poch … poch …
Ich habe einen Herzinfarkt, dachte er, indes Bilder seiner hämisch grinsenden Frau vor seinem inneren Auge erschienen. Ihre Lippen formten die Worte, die ihr schon lange auf der Zunge brannte: „Ich hab’s dir doch gesagt!“
Gleichwohl schlich sich die Gewissheit in seinen Verstand, dass er weder einen Infarkt erlitt, noch starb – obwohl ihm Letzteres fast lieber wäre.
Das Pochen wurde lauter und zum ersten Mal, seit er es hörte, ortete er eine Richtung, aus der es kam.
Unter ihm. Aus dem Keller.
„Ist gut“, ächzte er unter Krämpfen. „Ich habs verstanden … nur bitte … bitte mach dass es aufhört …“
Der Schmerz ebbte so schnell ab, wie er aufgetreten war. Jim japste nach Luft, welche sich schwergängig ihren Weg in seine Lungenflügel bahnte. Er hustete, krümmte sich auf dem Boden liegend.
Und das Pochen. Es wurde lauter und lauter. Rumorte in seinem Hirn, ließ es vibrieren, erzittern. Seine Zähne schmerzten, Blitze gleißten zwischen seinen Schläfen. Er musste dem ein Ende setzen.
Unter größter Anstrengung drehte er sich auf den Bauch, stemmte die schweißnassen Hände in den Boden, hievte sich hoch auf die Knie, zog sich an der Garderobe nach oben. Aufgerichtet schnaufte er schwer. Sein Atem ging rasselnd, sein Herzschlag ungleichmäßig und schnell.
„Ich bin zu alt für diesen Mist …“ Unter anderen Umständen hätte er gelacht, doch nunmehr blieb es ihm im Hals stecken.
Keller. Er musste das Untergeschoss aufsuchen. Das Pochen dröhnte mittlerweile so laut, er meinte das Haus beben zu spüren, dabei war es sein eigener Körper, der unter der Gewalt zitterte, dem sämtliche Kraft entzogen wurde.
Er schleppte sich voran. Schritt für Schritt. Musste immer wieder pausieren, um zu Atem zu kommen oder das Gleichgewicht zu halten. Wenn er jetzt fiel, war es aus, dann würde er solange liegen blieben, bis seine Schädeldecke aufgrund des Lärms auseinanderplatzte.
Nein, eigentlich empfinde ich es als sehr entspannend. Seine eigenen Worte hallten ihm in den Ohren wider. Von Entspannung war er meilenweit entfernt. Das hier waren Höllenqualen!
Er erreichte die Tür zum Keller, angelte nach dem Schlüssel, der rechts davon am Rahmen an einem Nagel angebracht hing. Nur, dass er das nicht tat.
Ehe Jim sich darüber wundern konnte, schwoll das Pochen so laut an, dass es für eine Sekunde grell in seinem Hirn schrillte. Der Schmerz war von solch intensivem Brennen, das er nach vorn kippte, sich mit der Hand an der Klinke abstützte und diese dabei herunterdrückte, wobei die Tür aufging und er beinahe vornüber die Treppe hinab stolperte.
Schlagartig ließ das Pochen nach. Übrig blieb jenes zwischen seinen Schläfen, welches dort vermutlich noch Tage verweilen würde.
Erschöpft atmete Jim ein paar Mal durch, schaute in die Dunkelheit hinab und dann nach rechts, zu dem vermeintlichen Schlüssel. Seltsam, die Tür schlossen sie eigentlich immer ab und betraten das Untergeschoss zudem so gut wie nie.
Beklemmung machte sich in ihm breit, zusammen mit dem Bedürfnis die Tür zuzuschlagen und es dabei bewenden zu lassen. Aber eine leise Stimme flüsterte ihm, dass das Pochen dann zurückkehren und ihn umbringen würde. Nur, dass es kein schneller Tod wäre.
Deswegen nahm er seinen Mut zusammen, tastete sich vor und knipste das Licht an. Nun, das hatte er zumindest vor, aber auf das Betätigen des Schalters hin, tat sich nichts. Der Keller blieb dunkel.
Zu seinem Glück im Unglück war er auf solche Fälle vorbereitet. Ein wenig weiter unter dem Schalter, hing eine Taschenlampe, welche er nun von der Halterung nahm und anschaltete. Der Lichtkegel erhellte die hölzerne Treppe vor ihm, so wie kahle Wände, die wenig einladend wirkten.
Er schaute noch einmal hinter sich, das Heim, welches er sein Eigen nannte, sein banales, tristes Leben. Er wusste, wenn er dort hinabstieg, würde er alles hinter sich lassen, in eine Sphäre eintreten, die er sich bis hierhin nicht hatte erträumen können.
Aber was blieb ihm schon anderes übrig? Abseits des drohenden Todes, was hatte sein Leben noch zu bieten, was es wert war, erlebt zu werden? Dort unten lauerte etwas, was, das vermochte er nicht mit Bestimmtheit zu sagen, nur, dass es von Bedeutung war. Womöglich fand sein Leben darin doch etwas, wie eine Bestimmung.
Es war ein Tag wie jeder andere. Ich bin morgens los, um seine Medikamente abzuholen. Sie schienen ihm zu helfen, also blieben wir dabei, die Behandlung vorerst fortzuführen. Zumindest redete er nicht mehr von diesem unsäglichen Pochen und verhielt sich auch sonst, wie immer.
Hätte ich gewusst, was mich erwartet, sobald ich nach Hause komme, ich …
Tja, keine Ahnung, was ich dann getan hätte.
Dieser Tag veränderte alles.
Sie müssen mir dies glauben: Ich war der felsenfesten Überzeugung Jim zu kennen. Er war mein kleiner Träumer, lebte in den Tag hinein, ließ sich ein wenig gehen. Er war ein Normalo, man könnte fast schon sagen, ein Langweiler. Unauffällig und dennoch ein liebenswerter Mann.
Aber das … Ich hätte nie gedacht, dass er zu so etwas fähig wäre … Es zerreißt mir das Herz …
Jim stieg hinab, die Stufen knarzten unter ihm, Stille drang von überall her zu ihm durch. Für gewöhnlich machten ihm beengte Verhältnisse nichts aus, doch in diesem Moment fiel ihm das Atmen schwer. Mit jedem Schritt, den er hinabstieg, meinte er, ein Stückchen mehr lebendig begraben zu werden.
Unten angelangt, bemerkte er erst nichts Außergewöhnliches. Der Schein der Taschenlampe offenbarte, was er erwartete: Alte Möbel und Kisten, die sich lange nicht mehr in Gebrauch befanden. Tinnef, Antiquitäten, Müll.
Er wagte sich weiter hinein, zerriss die Dunkelheit wie einen Schleier, entdeckte unter dem Geheimnisumwobenen, Albträume versteckenden, nur dies: Gewöhnlichkeit.
Da lauerten keine Monster in finstren Ecken, keine Kobolde und Schreckgespenster, nur der Staub der Vergangenheit.
Er schüttelte über sich selbst den Kopf. Was hatte er sich nur dabei gedacht? „Müssen die Schlafpillen vom Dok sein“, murmelte er bei sich. Ja, er sollte die Mistdinger absetzen, womöglich schlief er dann auch wieder besser – welch Ironie.
Just als er sich abwenden und nach oben steigen wollte, entdeckten seine Augen, wonach sie im Grunde suchten. Da war etwas verschoben worden, oder nicht? Jetzt wo er näher hinsah, gab es keinen Zweifel mehr. Ja. Er erinnerte sich freilich nicht daran, wann er was wo platziert hatte, aber der Staub tat dies sehr wohl.
Schleifspuren auf dem Boden und jetzt, da er sich näherte, erkannte er zudem Handabdrücke auf einer alten Kommode. Was zum Teufel hatte Margeret hier unten getrieben?
Er folgte den Spuren tiefer hinein, in eine hinterste Ecke des Kellers. Je weiter er kam, desto wärmer wurde ihm, desto schneller ging sein Atem, desto hektischer schlug sein Herz. Schweiß brach ihm wieder aus und Kälte schlich sich seinen Rücken empor.
Was ging hier vor?
Poch … poch … poch …
Es war zurück. Leise, unaufdringlich. Nicht schmerzhaft, aber auch nicht angenehm, nicht entspannend. Es ängstigte ihn, ließ seinen eigenen, pumpenden Muskel in gleichem Rhythmus gegen die Innenwände seiner Brust hämmern.
Er erreichte den hintersten Winkel. Wenige Schritte trennten ihn, doch er erstarrte. Der Kegel seiner Lampe fiel darauf. Im Zwielicht sah er, was er unlängst ahnte: Etwas war dort, etwas Grausiges, Unvorstellbares.
Poch … poch … poch …
„Nein“, wimmerte er. „Tut mir das nicht an, ich will nicht.“ Sein linker Arm, der die Taschenlampe hielt, begann zu schmerzen. Er registrierte es kaum, hatte nur Augen für das, was vor ihm lag.
Seine Beine zwangen ihn weiter vorwärts, sein Blick blieb auf dem haften, was langsam enthüllt wurde.
Ein Loch. Der Boden war ausgehoben worden, die Überreste lagen aufgeschüttet daneben. Das Licht fiel auf einige, dreckige Lumpen. Eine Decke, noch halb unter Erdklumpen vergraben.[SP1]
Poch … poch … poch …
Jim wurde übel. Sein Magen rebellierte, noch bevor seine Nase den leicht süßlichen Duft wahrnahm. Mit Mühe kämpfte er den Drang nieder, sich zu übergeben.
Obgleich er wusste, dass es das Klügste wäre, sich umzudrehen, nach oben zu gehen und die Polizei zu verständigen, drängt es ihn nach vorn. Er musste es einfach sehen, musste sich vergewissern.
Poch … poch … poch …
Er erreichte das Loch, kniete sich daneben nieder, legte die Taschenlampe neben sich und die Hände auf die Oberschenkel. Minuten vergingen, während er so auf den Lumpen starrte, unschlüssig, wann er sie entpacken und das grausige Geheimnis lüften sollte.
Poch … poch … poch …
„Hab doch Erbarmen“, flehte er, doch niemand erhörte ihn.
Also beugte er sich vor, streckte eine Hand aus, legte sie auf den Stoff, grub seine Finger hinein, verharrte. Er zitterte, der Schmerz in seinem linken Arm wurde intensiver, sein Herz schlug wild. Mit einer ruckartigen Bewegung deckte er es auf.
Poch … poch … poch …
Zum Vorschein kam er, der Leichnam. Halb verrottet lag er vor ihm, mit zerfetzten Kleidern am Leib, in so gutem Zustand, dass er sie sofort wiedererkannte. Der Mund des verdorrten Schädels war zu einem stummen Schrei geöffnet.
„Mildred … was hat sie dir angetan?“, hauchte Jim.
Poch … poch … poch …
Seine Augen wanderten herab, zu der leichenblassen Brust, die halb bar lag und leise pulsierte. Das tote Herz, es pumpte Verwesung durch den kalten Körper, pumpte Verwesung in ihr Haus, in dessen Gemäuer und seinen Verstand.
Verwesung … und einen Hilfeschrei.
„O Gott“, wimmerte Jim, wiegte seinen Kopf hin und her, während sein Herz immer schneller eskalierte. Die sich ausbreitenden Schmerzen bemerkte er weiterhin nicht, war sein Geist doch gänzlich von dem Schrecken eingenommen, der sich ihm hier zeigte.
Ein Rumpeln hinter ihm ließ ihn herumfahren. Margeret? War sie schon zurück? Wie lange war er schon hier unten? Er musste hier raus! Musste die Behörden verständigen!
Hektisch fummelte er neben sich, suchte in die Dunkelheit stierend, nach der Taschenlampe, bekam sie zu fassen, nur damit sie ihm gleich wieder aus den Fingern glitt. Sie drehte sich um hundertachtzig Grad, er hechtete nach vorn und erstarrte mitten in der Bewegung, als er im Halbdunkel etwas ausmachte.
Ein Gesicht, bleich und mit schreckgeweiteten Augen, hing mitten in der Luft und fixierte ihn.
Ein Stechen schoss durch seine Brust, er griff nach oben. Unglauben und Schmerz verzogen sein Gesicht zu einer Fratze.
Ein Infarkt, dieses Mal wirklich, vermischte ich mit einzigen anderen, klaren Gedanken: Clara?
Ich fand sie dort unten, als ich heimkam …
Alle drei. Jim, Mildred, Clara.
Ich werde den Anblick nie vergessen.
Dieser … Dieses Monster.
Das Öffnen einer Tür erklang von oben, dichtgefolgt von einem Rufen. „Jim, ich bin zu Hause! Jim? Was zum …?“
Sie kam die Treppen hinab, die Stufen knarzten.
Er hockte indes neben einer Leiche, hatte Atemnot, Schmerzen in Brust und Arm, konnte kaum einen klaren Gedanken fassen und war sich sicher, dass er sterben würde.
Alles in ihm schrie danach, dass er etwas unternehmen musste. Wenn er es schon nicht schaffte, dann wenigstens Clara! Er musste ihr irgendwie helfen, sie hier rausschaffen!
Allein bei dem Versuch, sich aufzurichten, überwältigte ihn sein rapide abfallender Zustand. Er brachte nur ein Stöhnen zustande, während in der Ferne Claras Augen auf ihm ruhten. Tränen standen in ihren Winkeln.
Ihm war genauso zu Weinen zumute. Er war wütend, verwirrt, verzweifelt. Ein Gemisch, das sich in seinem Inneren zusammenbraute, seine Kampfeslust weckte, welche seinen sterbenden Körper nicht überwand. Er hätte schreien wollen, doch nicht einmal das vermochte er.
Und dann kam sie. Stolzierte herein, stellte sich vor ihn auf, stemmte die Hände in die Hüften, blickte auf ihn herab und schüttelte den Kopf. „Oh Jim, was hast du nur angerichtet?“
„Du … du …“, brachte er ein paar Worte heraus. Am liebsten wäre er aufgesprungen und ihr an den Hals gefahren, um ihr Selbigen umzudrehen.
„Was ich?“, keifte sie zurück. „Wenn du nicht vorhast, mir zu erklären, dass ich die einzige bin, die diesen Haushalt zusammenhält, dann schweig lieber still! Clara?“
Niemand reagierte.
„Clara, komm verflucht noch mal her!“
Sie kam. Ein Bündel aus Elend und Angst. Einstmals der reine Sonnenschein war sie zu einer schwarzen Wolke verkommen. Sie ging gekrümmt, mit schlaff herabhängenden Schultern, auf denen verfilztes, strähniges Haar ruhte. Die Kleider die sie am Leib trug, standen vor Dreck, sie stank nach Schweiß und Urin. Tiefe Krater zierten ihre Augenränder, die Augen selbst huschten nervös hier und dorthin. Sie war abgemagert, zittrig, ein Schatten ihrer selbst.
„Behalt ihn im Auge, während ich nach oben gehe und einen Krankenwagen rufe. Oh und die Polizei, selbstverständlich.“
Und dann ging sie. Ließ Clara und Jim allein unten im Keller.
„Flieh …“, krächzte Jim. „Bitte … du … du musst …“
Sie schüttelte den Kopf. Energisch. Ihre Haare flogen hin und her.
„Was …“ Er rang nach Luft. Das Atmen fiel ihm immer schwerer. „Was hat sie … dir angetan?“
Keine Antwort. Das Mädchen, dass ihm einst das einzige Licht im Leben gewesen war, stand nur stumm da. Starrte auf ihre nackten Füße herab, die Zehen eingekrümmt, die Nägel derer gesplittert.
Wie lange hielt Margeret sie hier unten schon gefangen?
Sie kam zurück. „Sie sind auf dem Weg. In zwanzig Minuten sollten sie hier sein, genug Zeit, um noch ein wenig aufzuräumen. Clara?“
Die junge Frau reagierte aufs Kommando, drehte sich zu ihr und flog im nächsten Augenblick zur Seite weg, als eine Faust in ihr Gesicht schlug.
„Nein!“, wollte Jim brüllen, doch alles, was seiner Kehle entwich, war ein neuerliches Krächzen.
„Ach sei still, Jim. Wir sind auf diesen Moment vorbereitet, nicht wahr Clara? Strenggenommen muss ich dir wohl dankbar sein, dass du unser kleines Geheimnis hier unten entdeckt hast, dann hat die Krämerei endlich ein Ende.“
Wovon redete sie da? Sie hatte den Verstand verloren!
„Sie kam damals wieder, weißt du. In der gleichen Nacht, in der du im Krankenhaus lagst. Wollte sich versöhnen.“ Margeret schaute zur Leiche und spuckte in ihre Richtung. Das Pochen war unlängst verklungen. „Dieses Miststück. Wollte mir nehmen, was schon immer mir gebührte.“ Ihr Gesicht verzog sich zu einer wütenden, angewiderten Fratze. „Ich habe mir ihr Jammern angehört, wie sehr sie diesen Kerl doch liebte und deswegen einfach zu ihm ziehen müsse, dass es ihr leid tat und all diesen Unsinn. Bei der ersten sich bietenden Gelegenheit, habe ich sie von hinten erstochen und hier unten begraben.“
Jim starrte zu ihr hinauf. Das war Irrsinn. Diese Bestie, das war nicht Margeret, das war nicht die Frau, die er einst geheiratet hatte. Sie war besessen. Besessen von einer Wahnvorstellung!
„Clara hat im Auto gewartet. Ich habe sie ins Haus geholt und ihr alles erklärt. Sie hat es verstanden. Meine süße Kleine. Sie begriff die Notwendigkeit, meiner folgenden Taten. Dass ich sie züchtigen, sie zum Schweigen erziehen musste, dass ich sie hier unten einkerkern musste, bis die Zeit reif war. Ja, sie ist ein gutes Kind, ein perfektes Kind. Mein Kind.“
Leere. In Jims Kopf herrschte nur noch Leere. Was er da hörte, konnte, dürfte nicht sein! Doch die Beweise sah er direkt vor sich.
In nur einer Nacht hatte Margeret seinen Sonnenschein gebrochen. Sie hatte ihre Mutter getötet, sie gefoltert und hier unten eingesperrt. Ein Jahr lang. Ein Jahr lang, hat sie sie versauern lassen, war immer nur herabgestiegen, wenn es ihr möglich war, damit er, Jim, nichts davon spitzbekam. Wie viele Tage am Stück, hat sie, zuweilen nichts zu Essen bekommen? War in völliger Isolation, allein im Dunklen, bei der Leiche ihrer Mutter zurückgelassen worden? Welchem psychischen Terror, hatte man sie ausgesetzt? „Wenn du nicht spurst, wirst du hier nie wieder rauskommen!“
Jim hörte sie förmlich, die Stimme ihrer Peinigerin. Ein Jahr lang hat er sich nach seinem Sonnenschein gesehnt, dabei war er die ganze Zeit bei ihm gewesen. Unter ihm. Gefangen.
„Du bist … verrückt!“ Er wusste, dass er sich seine Kräfte lieber aufsparen sollte, aber das musste einfach raus. Zusammen mit seiner Frustration, Verzweiflung und endlosen Trauer.
Er hatte nichts getan, hatte nur sein Leben gelebt. Den sinnlosen Alltag verlebt, während unter ihm die Hölle schmorte. Tränen rannen ihm über die Wangen. Er fühlte sich hilflos und hasste sich dafür, da nicht er das Opfer war, sondern Clara. Seine arme Clara!
„Ich? Nein Jim ich bin bei klarem Verstand. Du hingegen … Du hast es mir fast zu leicht gemacht.“
„W-was …?“
„Hörst plötzlich mitten in der Nacht ein Pochen. Depression – ausgelöst durch Schuldgefühle? Psychose. Vielleicht sogar eine Schizophrenie? Wer weiß, wie lange du schon darunter leidest, wann ihre Symptome sich das erste Mal gezeigt haben. Unentdeckt, von deiner Umwelt. Die arme Mildred wusste ja nicht, was über sie kam, als du sie überfielst, weil sie dir deine geliebte Clara wegnehmen wollte. Und Clara erst, das arme Ding. Wie lange schon misshandelst du sie? Wie lange schon missbrauchst du sie sexuell? Und als Mildred dann aus dem Weg geschafft war? Da hast du sie hier unten eingekerkert, um sie dir bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu nehmen. Abartig. Das bist du. Ein Monster. Verrückt.“
Sein Verstand raste. Das konnte sie nicht …! Das würde sie nicht …! „Damit … damit kommst du …“
„Oh Jim, spar dir deinen Atem für die Beamten. Clara wird die Geschichte bestätigen, nicht wahr Kleines?“
Sein Sonnenschein, der sich zwischenzeitlich wieder aufgerichtet hatte – ein Veilchen breitete sich bereits in ihrem Gesicht aus –, nickte stumm.
Nein! Das kann sie nicht … Das darf sie nicht …!
Er wusste nicht länger, von wem er eigentlich redete. Nebel trübte seine Sinne, die Schmerzen wurden unerträglich, während er gleichzeitig dahindämmerte. Dunkelheit breitete sich aus, umfing ihn sanft. Zuletzt hörte er noch ein paar abgehackte Worte.
„… kannst jetzt nicht … Jim? … hörst du mir eigentlich zu?“
Er hat überlebt. Gott ist mein Zeuge, ich wünsche niemandem den Tod, aber er hätte ihn verdient.
Heute sitzt er in einer geschlossenen Anstalt. Er beharrt auf seine abstruse Geschichte, dass ich Mildred, meine eigene Schwester, getötet und die arme Clara ein Jahr lang eingesperrt und gefoltert hätte.
Ich bin niemand, der vorschnell urteilt, aber es bleibt mir nur zu sagen, dass Jim verrückt ist. Hätte ich das nur vorher erkannt … Ich gebe mir selbst die Schuld daran.
Mildreds Freund haben sie später übrigens ebenfalls gefunden. Er hat in einem See, in der Nähe von seinem Wohnort getrieben. Messerstich in den Rücken …
Das Schlimmste ist, dass niemand sich je nach ihr erkundigt hat. Sie war verschwunden und niemand hat es bemerkt. Ich nehme mich da nicht raus, habe ich doch in der Verwandt-und Bekanntschaft groß getönt, dass sie sich woanders ein schönes Leben machte.
Hätte ich … hätte ich sie doch wenigstens versucht zu erreichen. Dann wäre Clara nicht so lange in den Fängen dieses Ungeheuers gewesen …
Es geht ihr gut. Den Umständen entsprechend. Sie ist in Behandlung, macht Fortschritte. Ich bin bei ihr, die ganze Zeit. Das werde ich immer sein.
Sie ist mein kleiner Sonnenschein und alles, was ich noch habe.
Insgeheim haben wir sie immer das Herz unseres Hauses genannt. Heute … heute schmerzt diese Bezeichnung.


