
Deine Welt ist …
Bitte beachte, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung oder Drogenkonsum. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die Angst oder Unbehagen erzeugen sollen. Wir empfehlen dir, diesen Text nicht zu lesen, wenn er dich belasten könnte.
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Erster Teil und Inhaltsverzeichnis: Deine Welt ist fünf Quadratmeter groß
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„Haha, sehr witzig ihr Penner! Ihr hattet euren Spaß. Jetzt holt mich hier raus!“ Seine Worte verhallten zwischen den dichten Bäumen, die ihn desinteressiert an seinem Elend, umringten und die gebrüllte Forderung mit Schweigen straften.
Unruhig, obgleich er sich das nicht eingestand, suchten seine Augen die Umgebung ab, hielten Ausschau nach einem Lebenszeichen, vor allem aber einem solchen, dass er beobachtet wurde. Nein, nicht dass, sondern von wo.
Seine Kommilitonen waren da draußen, keine Frage, saßen versteckt hinter dicken Stämmen oder in den Kronen der grünen Blätterpracht, schauten durch ihre Ferngläser und lachten sich ins Fäustchen.
Nach einer Weile gab er es leise fluchend auf. Nichts. Er konnte nichts und niemanden ausmachen. Rings um ihn herum gab es nur dies: Bäume über Bäume. So viele, dass er den Wald schon nicht mehr sah. Haha, noch so ein toller Scherz, nur dass dieser ebenfalls auf seine Kosten ging.
Er schaute herab, auf den Zettel, den er weiterhin in der Hand hielt, las die erste Zeile erneut und ein wenig darüber hinaus. Es war der gleiche Text, natürlich. Eins zu eins. Eine Kopie. Hach, was hatten sie alle gelacht, besonders er, an vorderster Front stehend.
Jetzt lachte er nicht mehr. Als einziger, wie er vermutete, denn seine sogenannten Freunde krümmten sich vermutlich. Später, wenn das alles vorbei war, würde er es ihnen gleichtun. Bei einem kühlen Bier würden sie anstoßen, er ihnen auf die Schultern klopfen und sie für ihren ach so witzigen Streich beglückwünschen.
Innerlich jedoch, würde er ihnen dies nie verzeihen. Sie waren schlicht zu weit gegangen. Es stellte einen Bruch dar, der sich nicht mehr kitten ließ.
Würde er ihnen dies jemals deutlich mitteilen? Selbstverständlich nicht. Das konnte er sich nicht erlauben. Sein Ruf stand auf dem Spiel, mehr noch, sein Studium, wenn er als Verderber des Spaßes bald allein auf weiter Flur stand. Er brauchte diese Idioten, die er gelegentlich seine Freunde schimpfte aber im Grunde nie als solche betrachtete, weil ein Einzelkämpfer nicht überlebte. Allein im Dschungel würde er verschlungen, durchgekaut und ausgespuckt werden. Oder verlorengehen. Einen Abhang hinabstürzen, sich ein Bein brechen, elendig verrecken und dem Vergessen anheimfallen.
Ein schauriger Gedanke, insbesondere, wenn er seine gegenwärtige Lage betrachtete.
Da er ohne die Gnade seiner Peiniger, gegen diese wenig auszurichten vermochte, ergab er sich für den Moment in sein Schicksal. „Okay, habt gewonnen“, rief er in die Stille des Waldes hinein, wobei er die Sammlung von Papieren Seite für Seite zusammenknüllte, um die Überreste hinterherzuwerfen. „Ich akzeptiere meine Strafe!“
Nachdem das letzte Papier geflogen war, hockte er sich, in dem Bestreben die Angelegenheit sprichwörtlich auszusitzen, hin und wartete.
•
Stunden vergingen.
Stunden, in denen nichts geschah, sich kein Lüftchen regte, kein Tier seine Position kreuzte, keine Mücke sich auf seiner nackten Haut niederließ, um ihre Brut zu füttern, vor allem aber, keiner seiner Kommilitonen sich zeigte, um ihn endlich zu befreien.
Vermutlich waren es keine Stunden, sondern nur Minuten, aber Minuten des Nichtstuns, vermochten sich in die Ewigkeit zu ziehen und je länger ihm die Gelegenheit geboten wurde, seine Rage, welche sich nach seiner ersten Schockstarre entwickelt hatte, auf Besinnlichkeit runterzufahren, desto mehr wurde er sich der Vertracktheit – und ernstzunehmenden Gefahr – seiner Situation bewusst.
Was als dummer Streich mutete, trug durchaus das Potenzial in sich, in eine lebensbedrohliche Lage zu schwenken. Strenggenommen war diese längst gegeben.
Ein falscher Schritt und es war aus mit ihm. Dass diese Idioten ein solches Risiko in Kauf nahmen, ließ wieder Wut in ihm keimen, aber dieses Mal war sie nicht von Dauer, denn nun stemmte sich Sorge dagegen. Die Angst um sein eigenes Leben.
Er schaute sich um, zum ersten Mal seit seinem ungemütlichen erwachen, mit klarem Blick, bar jeder Emotion, die sich wie ein roter Vorhang über seine Augen legte.
Da war er also, nannte ein Fleckchen Grün sein Eigen, welches umringt wurde von Bäumen, die dicht an dicht standen. Er erkannte den Wald als solchen nicht wieder, aber das musste nichts heißen. Seit er umgezogen war, hatte er kaum Gelegenheit gehabt, seine Umgebung zu erkunden. Zu sehr, hatte ihn das Studium vereinnahmt, täglich sah er nur Skripte, Studien, Auswertungen, Grafiken, Aufzeichnungen und näherrückende Klausuren vor sich.
Demzufolge hatte er keine Ahnung, wohin er verschleppt worden war, aber das war im Prinzip ohnehin nicht wichtig, denn selbst wenn er es gewusst hätte, es hätte ihm nichts genutzt. Woran er sich auch zu orientieren vermochte, ohne Hilfe von außen, kam er hier nicht raus oder vielmehr weg.
Denn neben den Bäumen, die ihn umzingelten, die leise im Wind wiegend, auf ihn herab stierten, wurde seine private Hölle, zusätzlich von etwas anderem eingefasst.
Ein kreisrunder Graben war um das Grün gezogen worden, auf dem er saß. Nach seiner Einschätzung zwei bis zweieinhalb Meter tief – oder mehr, seine Schätzungen lagen zumeist voll daneben. Das Erdreich war in jedem Fall tiefer gezogen worden, als er groß war, so viel stand fest. Und dem nicht genug, hatten sich die Verantwortlichen einen „Spaß“ daraus gemacht, Holzpfähle in den tiefer gelegenen Boden zu rammen. Angespitzte, drohend nach oben ragende Pfähle. Sie waren nicht lang. Vielleicht jeweils einen halben Meter, aber in so reicher Zahl, dass er unmöglich davon ausgehen konnte, hinabzufallen, ohne von mindestens einem erwischt zu werden.
Allein die Vorstellung, wie sich ein solcher Speer in sein Bein rammte, oder nur seine Wade aufschlitzte, während er weiter hinab segelte, vor Schmerzen schreiend, nicht wissend, was er tat, stolperte und auf einen anderen Pfahl landete, der sich schlimmstenfalls in seinen Rücken bohrte, seine Lunge punktierte …
Ihm schauderte. Nicht darüber nachdenken! Leichter gesagt als getan. Je länger er in den Abgrund hinabblickte, desto mehr starrte dieser zurück und vermittelte dabei Horrorvisionen von Schmerz und Tod, eine grausiger wie die andere.
Da war er also, gefangen auf einer Fläche, die womöglich um die fünf Quadratmeter maß – wenn man davon absah, dass sie rund und nicht quadratisch war –, der Gnade seiner Peiniger ausgeliefert, da diese allein ihn zu freien vermochten.
Etwas, das in nächster Zeit geschehen sollte … Sollte.
Er schaute gen Himmel, betrachtete den Stand der Sonne, welche durch das Blätterdach auf ihn herab schien. Noch war es taghell. Wie weit war der grelle Stern schon über das Firmament gezogen, seit er erwacht war? Er vermochte es nicht mit Bestimmtheit zu sagen, dafür hätte er zu diesem Zeitpunkt genug Geistesgegenwart besessen haben müssen, jenem Zustand Bedeutung beizumessen.
Idioten, fluchte er zum hundertsten Mal. Wie hatten sie ihn überhaupt hierher geschleppt?
Nun, eine leicht zu beantwortende Frage, bedachte er die Party, die sie gestern erst veranstaltet hatten. Er spürte ihn noch in seiner Magen- und Kopfgegend rumoren, den Alkohol, den er einmal mehr im Übermaß genossen hat. Eine der wenigen Momente, in denen er es sich gestattete, das Hirn abzuschalten, mal nicht über die großen Probleme der Welt, sprich, die seiner Lehre, die alles für sich einnahm, zu sinnieren.
Immer wieder hatte er sich vollends die Kante gegeben und es jedes verfluchte einzelne Mal bereut – der Kater danach, falsche Entscheidungen während des Gelages, die Tatsache, dass seine Dozenten und Professoren es zu wittern schienen, wenn ihre Studenten einen über den Durst getrunken hatten und es sie am nächsten Tag doppelt spüren ließ. Die Situation, in der er sich jetzt befand, schoss allerdings den Vogel ab.
Was hatten sie sich nur dabei gedacht? Einerseits zollte er seinen Kommilitonen Respekt, für ihre Effizienz und die ausgereifte Planung, dürften sie den Graben doch nicht erst am vorigen Abend ausgehoben haben. Er hatte sie nicht für so ausdauernd gehalten, sich dergleichen auszudenken und es tatsächlich in die Tat umzusetzen.
Andererseits regte sich ihn ihm der Drang, sie für ihren Leichtsinn zu erwürgen. Als sie ihn hierher verschleppt hatten, musste er komatös und nicht zurechnungsfähig gewesen sein. Und da hielten sie es für eine grandiose Idee, ihn auf einem winzigen Fleckchen Erde, umringt von tödlichen Pfählen, liegen zu lassen? Was, wenn er erwacht, betrunken torkelnd los stolziert und blindlings in die Grube gestürzt wäre?
Er schluckte. Nie wieder Alkohol. Ein sinnloser Schwur, wie er nur zu genau ahnte. Sobald der Alltagstrott ihn erneut im Griff hatte, würde er der Verlockung der nächsten Feier erliegen. Entweder das, oder den Verstand verlieren.
„Das Problem der Jugend“, hatte einst ein Professer zu seinen Mitstudenten und ihm gemeint, „und der Menschheit im Allgemeinen ist, dass sie sich selbst für viel zu wichtig nimmt. Das Individuum kennt nur die eigene Perspektive vollends und bestenfalls Ausschnitte anderer. Auf der anderen seit des Zauns ist das Gras immer grüner – oder verdorrt, je nachdem wo man steht. Aber man gelangt nie herüber, sieht immerzu nur, das eigene Gras gedeihen oder sterben.“
Das hatte zu einer ausgewachsenen Diskussion geführt, dass man ja nichts dafür könne. Was, beispielsweise, wenn der Nachbar stetig seinen Müll in dem eigenen Garten ablud? Zusätzlich zu der Tatsache, dass der Mensch nur fähig sei, die ureigene Welt in seiner Gänze zu betrachten, sei man Sklave der Umwelt und dazu verdammt, sich den Witterungen hinzugeben, was es umso schwerer mache offenen Auges das nächste Dorf oder nur das gegenüberliegende Haus im Blick zu behalten.
Dem stimmte der Professor zu. „So hehr das Ziel auch ist, über den Tellerrand zu schauen, liegt es schlicht nicht in der Natur des Menschen, dies unentwegt zu tun und das sollte er auch nicht, denn missachtet er sich selbst, hätte dies ähnlich fatale Folgen für seine Umwelt. Dennoch ist dies kein Freifahrschein, sich vollkommen seinem Egoismus hinzugeben.“
Auf einem Fleckchen Grün sitzend, von todbringender Gefahr umringt, waren diese Worte nicht mehr als nette Phrasen. Solche, die aus sicherer Umgebung, mit einem strahlend weißen Zaun drum herum gesprochen wurden. Zu gern hätte er seinen Professor hier neben sich stehen gesehen, um ihn zu fragen, ob er weiterhin über den Tellerrand schauen oder nur noch hier raus wollte …
Und dennoch, kam er nicht umhin, sich dieser Sätze wieder und wieder zu besinnen. War es nicht so, dass er sich hingegeben hatte? Von seinem hohen Ross sitzend, über das Elend klagend, welches sein Leben im vermeintlich festen Griff hatte? Dabei war er doch frei gewesen, frei in seinen Entscheidungen und weitgehend auch seinem Leben.
Niemand hatte ihn gezwungen, ein Studium anzutreten, welches ihn aushöhlte, sämtlicher Kraft und Nähe zu seiner Familie beraubte, die er dafür verlassen hatte, um in eine kilometerweit entfernte Ortschaft zu ziehen. Rein ins Unbekannte, ein Abenteuer erleben, erwachsen werden. Verlockungen, ähnlich hohl wie die Wortverrenkungen, die seine Dozenten zu formulieren pflegten.
Aber einen Rückzug antreten, das lag nicht im Rahmen des Möglichen. Es wäre ein Eingeständnis, eine Niederlage. Sie hätten gesprochen: „Ich habe es dir doch gesagt.“ Die magischen sieben Silben, die kein Mensch zu ertragen in der Lage ist.
Was blieb ihm demnach anderes übrig, als die Zähne zusammenzubeißen, sich falsche Freunde zu suchen, da die echten in weiter Ferne und womöglich längst nicht mehr solche waren und eine Maske aufzusetzen, die da sprach: Ich gehöre hierher?
Er wurde einer von ihnen, einer des Systems, der lernte, Antworten gab, lernte, sich in Gruppen zusammen schloss, um zu lernen, vor allem aber nicht unterzugehen, lernte, gelegentlich schlief, noch mehr lernte, um die verlorene Zeit nachzuholen, nebenbei arbeitete, um das nötige Geld zu verdienen, da Miete und Essen sich nicht von selbst bezahlte, lernte, weil die letzte Klausur nur knapp bestanden wurde, feierte, um den Kopf frei zu bekommen und dazu zu gehören, mit dröhnendem Schädel lernte und schließlich kotzte. All das Gelernte über ein blankes Papier erbrach, wonach er sich stets leer fühlte, wie eine Hülle, allem Menschlichen beraubt.
Für einen Moment schwebte er dann immer. Schwerelos, frei. Den Ballast über Bord schimmerte das Etwas durch, das einen Kern dessen enthielt, was, wer er war. Doch dann fraß er wieder, fraß Wissen in sich hinein, schlang und gierte und geiferte danach, verdrängte alles, jeden individuellen Wesenszug, ließ den Kern immer weiter in sich zusammenschrumpfen, auf dass er eine passende Form erhielt, welche in die Maschinerie des Wahns eingepflegt wurde.
Ihm dröhnte der Schädel. Wie viele Male, war er diese gedankenlosen Gedanken nun schon durchgegangen und wie oft zu dem gleichen Schluss gelangt? Es lief auf eine simple Entscheidung hinaus: Weitermachen oder aufhören. Aber so einfach war es nie. Genauso konnte man einem Depressiven ein Messer in die Hand geben und sagen: Beende es halt. Und wenn er es nicht tat, brauchte er nicht länger zu jammern, denn, er hatte ja die Wahl.
Ein Gedanke, für den ihm so mach Lehrende vermutlich applaudiert hätte. Bravo, er hat das Grundprinzip der menschlichen Psyche verstanden. Oder auch nicht, denn wie sollte etwas sich selbst verstehen lernen?
„Wenn wir über unser Gehirn nachdenken, denkt es über sich selbst nach. Eine Erkenntnis, die es zu verstehen gilt, ehe der Strebende ersuchen sollte, weitere Forschung über das dunkelste aller Gebiete zu betreiben.“
Dem mochten Tiefseeforscher einiges entgegenhalten, vordergründig solches, das aus Albträumen zu entspringen schien, aber dieser Witz hatte im Laufe seines Studiums so manche Abnutzungserscheinungen erlitten.
Dunkel … Langsam dämmerte es. Obgleich der Winter fern war, fröstelte ihm ein wenig beim Anblick, der sich dem Horizont nähernden Sonne. Wenigstens hatten seine Kommilitonen genug Anstand besessen, ihn nicht nackt der Natur auszuliefern. Er trug all seine Sachen am Leib, wenngleich sonst nicht mehr. Seine Taschen waren geleert worden. Klar, er sollte ja nicht auf die Idee kommen, Hilfe zu rufen oder schlimmer, die Polizei. Je nachdem wie lange sie planten, ihn hier weiter festzusetzen, hielt er sich die letzte Option offen …
Da ihm allmählich die Beine einschliefen und der Rücken ächzte, entschied er, eine kleine Runde zu drehen – haha …
Bei der Gelegenheit konnte er sich erneut zwischen den Bäumen umsehen, Ausschau halten, ob er nicht doch ein vertrautes Gesicht im Geäst erspähte. Er hatte ja gehofft, dass, wenn er sich zur Ruhe setzte, nicht motzte und meckerte, seinen sogenannten Freunden schon bald der Spaß an der Sache verging, aber da hatte er sich offenkundig geirrt, denn bislang war niemand erschienen, ihn aus seiner misslichen Lage zu freien.
Sie würden ihn doch nicht die ganze Nacht hier lassen, oder? Der Gedanke allein, ließ ihm ein wenig mulmig zumute werden. Dem nicht genug, rumorte sein Magen auf einmal, da er registrierte, seit ein paar Stunden nicht gefüllt worden zu sein – zumindest mit nichts Anständigem.
Er schaute auf, gen Himmel. Mal ernsthaft, wann war er in einen komaähnlichen Zustand gefallen? Für gewöhnlich dauerten ihre Eskapaden bis in die frühen Morgenstunden, so dass die Sonne schon aufging, wenn Stille in die Örtlichkeit einzog, die sich ersucht hatten. Da sie ihn erst hierher hatten schleppen müssen – ohne, dass jemand Fragen stellte? – war es vermutlich zur Mittagszeit gewesen. Dann hatte er seinen Rausch ausgeschlafen und war schätzungsweise gegen sechzehn Uhr erwacht. Da es langsam dunkelte, saß er demnach bereits gute acht Stunden hier.
Kein immens langer Zeitraum und doch genug, dass sich wieder Ärger in ihm anstaute. Er wollte hier raus, eine Dusche, was Ordentliches zu Essen und in sein Bett fallen. Morgen würde wieder ein anstrengender Tag werden, er hatte Hausaufgaben zu erledigen und man erwartete ihn pünktlich auf Arbeit.
Was dachten diese Idioten sich nur dabei? „Okay Leute“, unternahm er seinen zweiten Versuch, in dem er in die Stille hineinrief. „Es reicht, holt mich hier raus!“
Wie zuvor, regte sich nichts.
Er schaute sich um, blickte in alle Himmelsrichtungen, wartete auf ein Zeichen. Nichts. Nur die Bäume, die seine Einsamkeit zur Kenntnis nahmen.
„Leute ernsthaft, das ist nicht länger witzig!“ Nichts. „Hallo?! Könntet ihr wenigstens mal antworten?“ Ruhe.
Er schnaufte schwer. Seine Hände ballten sich zu Fäusten. Es kochte in seinem Inneren, seine Magengegend verkrampfte ein wenig. Es schmerzte nicht, war aber dennoch ein unangenehmes Gefühl. Eines, dass ihn sich nur mehr reinsteigern ließ.
„Jetzt kommt schon!“, brüllte er unvermittelt los und weil es sich so gut anfühlte, schrie er weiter. Keine Worte mehr, sondern nur tönen, schreien, brüllen.
Er ließ alles raus, seine Wut, seine Frustration, seine Ängste, ließ zu, dass die Vergangenheit sich von ihm löste, zusammen mit der Gegenwart verabschiedete. Für einen winzigen Moment war er frei, frei von allem. Er vergaß seine Sorgen, sich selbst und lebte für den Augenblick.
Hätten seine Stimmbänder es vermocht, er hätte womöglich nie aufgehört. Die Ketten wären auf ewig gesprengt geblieben, ihre Glieder zerschmettert um ihn liegend.
Aber seine Anatomie ließ dies nicht zu. Das Geschrei zollte ihren Tribut, seine Stimme brach ab, seine Lunge verlangte nach Sauerstoff. Er gewährte sie ihr und in dieser Sekunde schlug sie sich über ihm nieder: Stille.
Zum gegenwärtigen Zeitpunkt gestand er es sich nicht ein, doch später würde er mit Gewissheit sagen, dass es dieser Atemzug war, in dem er sich der Tatsache gewahr wurde, dass er aufgehört hatte, ein Teil seiner ihm bisher bekannten Welt zu sein.
Ausgegrenzt, einsam, verlassen. Scheinbar Dutzende Adjektive schossen ihm sinnbefreit durch den Kopf, während er mit leeren Augen in das Nichts stierte.
Obgleich es nicht sein konnte, obschon es jedem Gesetz des ihm Bekannten widersprach, vermittelte sein Verstand ihm diese eine klare Botschaft: Da draußen ist niemand. Du bist der letzte lebende Mensch dieser Sphäre. Du bist allein.
Er wollte wieder schreien, wollte toben, wollte rasen vor Wut, da es ihn ablenkte, und die Stille zerriss, die ihn nunmehr ängstigte, sich mit langen Krallen in sein Herz bohrte, es animierte schneller zu schlagen und Verzweiflung durch seine Adern pumpte, doch es ging nicht. Lediglich ein Krächzen kam über seine Lippen, kläglich und kleinlaut, was ihn sich umso kleiner und bedeutungsloser fühlen ließ.
Eine einzelne, brennend heiße Träne drang aus seinem linken Augenwinkel, rann über seine Wange und tropfte hinab auf den Grund, den er sein Heim zu nennen verdammt war. Es kümmerte ihn nicht, ob er dabei beobachtet wurde, da die Gewissheit ihn übermannte, dass dies nicht geschah.
Er war allein. Ausgestoßen. Zurückgelassen.
„Bitte holt mich hier raus …“, flüsterte er, ohne dass es jemand hörte.
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„Deine Welt ist fünf Quadratkilometer groß. Eine Studie gewissermaßen, über die Auswirkungen der Isolation, der vollständigen Abkapselung von jedem anderen Lebewesen, welche in diesem Fall von Geburt an vorgenommen wird.“
„Bei allem was Recht ist“, hatte er damals argumentiert, „aber das ist keine Studie. Das ist laienhaft geschriebene Fiktion.“
Man hatte ihm zugestimmt. Ihm, der aussprach, was sich an jenem Tag sonst keiner gewagt hatte. Das Thema, über Experimente in der Psychologie, stieß durchaus auf Interesse – und gleichermaßen Widerwillen, bedachte man die Extremen, zu denen Forschende der Vergangenheit zuweilen fähig gewesen waren, aber das? Das war zu weit hergeholt.
Eine Geschichte, wie man sie sich nachts am Lagerfeuer erzählte, jedoch keineswegs als Forschungsmaterial geeignet, wies sie doch keinerlei Daten, Protokolle oder nur den Hauch eines Beleges auf.
Ihre Professorin war damit durch die Tür geflattert und hatte den Versuch unternommen, tja, sie zu schocken? Womöglich. Was auch der Grund war, die Wirkung verpuffte. Sie waren schon so manche bekannte Namen durchgegangen – Skinner, Milgram, Moniz … – einer erschreckender und gleichwohl erkenntnisbringender als der andere, in jedem Fall breitflächig diskutiert, auf Forschungs- wie auf ethnischer Ebene. Zuweilen boten sie die Grundlage, für tiefgreifende Entdeckungen, die heute nicht mehr wegzudenken sind.
Und dann kam sie, mit diesem … diesem Geschwür einer Abhandlung, gekleidet in literarische Schwarzmalerei. Die dunkelste Abgründigkeit des forschenden Geistes, die unter dem Vorwand der Suche nach Wissen folterte, ein Leben von Grund auf zerstörte.
Nein, dieses Schriftstück hatte hier nichts verloren. Sie waren Begründer der Wahrheit, nicht der Ammenmärchen. Mit Derartigem wollten sie sich nicht abgeben und er, übermüdet und gereizt, sprach diese Bedenken als erstes aus.
„So?“, hatte die Professorin geantwortet. „Und womit begründen Sie diese Aussage?“
Damit saß er in der Klemme. Die Klappe aufreißen, das vermochte jeder, gescheite Antworten, auf berechtigte Fragen geben, zeichnete den Musterschüler aus.
„Nun“, hatte er seine Erwiderung hinausgezögert und versucht, dabei möglichst intellektuell zu wirken, „die alten Römer haben doch schon nachgewiesen, dass ein Baby, welches zwar versorgt aber mit dem nicht gesprochen wird, eingeht. Es verkümmert.“ Strenggenommen hatte er das nur mal aufgeschnappt und war sich nicht mal mehr sicher, ob es wirklich die Römer waren. „Außerdem hat Harlow in seinen Experimenten mit Rhesusaffen nachgewiesen, dass das Konzept von Nähe und Liebe quasi unabdingbar für eine gesunde Entwicklung des Geistes ist. Man bedenke nur eines seiner Testsubjekte, welches in späteren Jahren seine eigene Hand aß. Ich denke, dieses Verhalten, ließe sich auch bei einem Menschen erwarten, der Zeit seines Lebens, also von Geburt an, in Isolation, ohne jede Nähe und nur mit dem Lebensnotwendigem, wie Nahrung und einer halbwegs sicheren Umgebung ausgestattet wird.“
Damit hatte er ein Lauffeuer gelegt. Andere Stimmen wurden laut, die ähnlich argumentierten, die Gefängnisinsassen aufführten, welche in Einzelhaft schon nach wenigen Wochen ihre Zurechnungsfähigkeit einbüßten. Isolation, gekoppelt mit der Beraubung jeglicher, sinnhafter Tätigkeit, fusioniert mit endlos dröhnender Stille, raubte einem Menschen unwiderruflich den Verstand.
Ihre Professorin hatte sich all dies angehört, war selbst dann geduldig geblieben, als die Stimmung von schockiert zu belustigt kippte und einige Kommentare ausgelassen, bis albern wurden. Er war damals vorn dabei gewesen, hatte als einer der Lautesten getönt, welch ausgemachter Unsinn ihnen da präsentiert wurde.
„Und dann erst das Ende“, hatte er erklärt. „Sie soll allen Ernstes in die Gesellschaft integriert worden sein? Sprache gelernt haben? Schwachsinn, sage ich, dafür wäre ihr Verstand überhaupt nicht ausgelegt gewesen.“ Wieder Zustimmung, die schnell verstummte, als die Lehrende sich endlich erbarmte dem etwas entgegenzusetzen.
„Das Mädchen ist im Nachhinein Elenor getauft worden.“ Sie hatte eine Kunstpause eingelegt, in die Ferne geschaut, hinaus aus einem der Fenster, durch das grelles Tageslicht schien. Es war ein schöner Tag gewesen. „Und Sie haben Recht, die Geschichte ist, wohl aufgrund der Tatsache, dass wir das Durchsickern von Informationen nach draußen erfolgreich unterbunden haben, mit einem recht blumigen Ende geschmückt. Elenor … litt unter schweren Psychosen, die kein Arzt behandeln, geschweige den nur verstehen konnte. Sie ist erst vor einer Woche gestorben, kurz nach einem meiner monatlichen Besuche.“
Stille. Niemand hatte mehr etwas zu sagen gewagt, allen voran er nicht, der er das Feuer des Widerstands erst entfacht hatte.
„Was ich damit sagen will, ist … nun, ich weiß es ehrlich gesagt, selbst nicht so genau. Die experimentelle Psychologie ist heutzutage kein so großes Thema mehr, wie noch vor fünfzig oder hundert Jahren. Moralische Fragen hindern uns nur allzu schnell daran, das Handeln unserer Vorgänger zu wiederholen. Aber es gibt sie noch, diejenigen, die glauben Wissen schöpfen zu können, indem sie andere Lebewesen in zuweilen undenkbare Situationen bringen. Werden wir aus diesem Experiment irgendwann Erkenntnisse gewinnen?“ Sie hatte mit den Schultern gezuckt und dabei so nüchtern gewirkt, als ginge sie das Alles, trotz der offenkundigen Nähe zu Eleonor, nichts an. „Wir werden sehen. In weiteren fünfzig Jahren vielleicht.“
Bei den letzten Worten hatte sie ihn seltsam entrückt gemustert …
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In weiteren fünfzig Jahren vielleicht. Mit diesem Gedanken wachte er auf. Diese Worte die an ihn, einzig an ihn gerichtet worden waren.
Sie war es!, dachte er verzweifelt. Sie hat mich hierher verschleppt. Als Strafe! Nein … als Experiment!
Fünfzig Jahre. Allein bei dem Gedanken wurde ihm schlecht und der Drang näherte sich mit verstohlenen Schritten, einfach über den Abgrund zu springen, es hier und jetzt zu beenden.
Ehe er auf dumme Ideen kam, schüttelte er über sich selbst den Kopf, rieb sich die Schläfen, atmete ein paar Mal tief durch. Er leckte sich die Lippen und merkte dabei, dass diese spröde und trocken waren. Außerdem knurrte sein Magen.
Hunger und Durst. Das war alles, das ganze Geheimnis. Wie lange war er schon hier? Der Mond stand hell über ihm. Nacht. Sie hatten allen Ernstes vor, ihn die Nacht hier versauern zu lassen.
Morgen, schwor er sich. Morgen würden sie ihn freilassen. Das mussten sie!
Und seine Paranoia? Nicht mehr als das. Weiße Flecken, die das Hirn nicht ertrug, wie Loftus dazu sagen würde. Wenn er ehrlich zu sich selbst war, erinnerte er sich nicht daran, wie die Professorin ihn angesehen hatte oder ob überhaupt. Aber da es in diese Version seiner Erinnerung passte, wandelte sein Hirn genau dieses Schreckgespenst daraus, andernfalls müsste es sich gestehen, lückenhaft zu sein, und das konnte es nicht vor sich selbst verantworten.
„Gut, dass ich nicht im Einkaufszentrum verloren gegangen bin“, murmelte er und kicherte dabei leise. Er verstummte schnell wieder, da ihm sein eigenes Lachen unheimlich war.
Außerdem meldete sich bei der Assoziation erneut sein Magen. Essen. Wann hatte er zuletzt was Nahrhaftes zu sich genommen? Er erinnerte sich nicht – hah! – aber es war lang genug her, dass er allmählich panisch wurde.
Wann hatte er jemals ernsthaften Hunger verspürt? Die Art, bei dem einen das Gefühl überkam, die Eingeweide würden sich selbst verdauen? Nie. Er hatte stets behütet und sicher gelebt, hatte sich nie um seine Grundbedürfnisse sorgen müssen.
„Das ist falsch“, murmelte er wieder, wobei seine Augen zu den Bäumen um ihn herum wanderten. „Das ist falsch“, wiederholte er, dieses Mal lauter. „Sie ist versorgt worden! Sie hatte täglich drei Mahlzeiten!“ Waren es drei? Oder nur zwei? Eine? Egal! „Wo ist meine Versorgung!“, verlangte er, fast wieder schreiend zu wissen. Er hätte wohl geschrien, wenn seine Stimme nicht auf halbem Wege gebrochen wäre.
Außerdem stellte sich heraus, dass sein Getöse nicht nötig war. Ein Geräusch hinter ihm erschreckte ihn so sehr, dass er aufsprang und herumfuhr, wobei seine müden Glieder mit Verzögerung ihren Befehlen nachkamen, weswegen er ein wenig in Stolpern geriet. Nicht einmal ansatzweise so, dass er an den Rand des runden Abgrunds gelangte und doch pochte sein Herz doppelt so schnell, da er es sich schon aufgespießt auf einem Pfahl sah.
Der Verursacher des Geräusches, so stellte er fest, war ein Netz, welches zirka drei Meter entfernt von ihm, in der Luft hing. Nein, nicht in der Luft. Eine Schnur ging davon ab, welche nach oben, hinauf in das Geäst eines nahen Baumes ragte, von dort aus verlor sie sich im grünen Blätterwerk.
Bei näherem Hinsehen bemerkte er, dass in dem Netz eine Flasche Wasser, zusammen mit zwei eingeschweißten Sandwiches lag.
Sofort meldete sich wieder seine Magengegend und sein Mund glich auf einmal einer Wüste. Er hatte nur noch Augen für das Netz, voller Verlockungen, doch ehe er wie ein Halluzinierender auf die Fata Morgana zuwankte, besann sich sein Hirn des todbringenden Schrittes, der nötig wäre, um an den Quell der Nahrung zu gelangen.
Im Halbdunkel des nächtlichen Mondscheins konnte er es nicht recht abschätzen, aber das Netz hing in etwa einen halben Meter vom sicheren Grund und Boden entfernt. Um heranzukommen, musste er sich demzufolge an den Rand des stachelbewerten Lochs begeben und hinausstrecken.
Probehalber lief er ein paar Schritte darauf zu, wobei diese mit jedem Mal kleiner ausfielen. Etwa einen halben Meter vor dem Rand, blieb er stehen, lugte hinab und schüttelte den Kopf. Zu dieser Tageszeit wirkten die Pfähle umso bedrohlicher, wie sie sich reißzahnartig aus der Dunkelheit zu ihm emporstreckten.
Was, so fragte er sich, wenn er an den Rand trat und das Erdreich unter ihm nachgab? Wenn er sein Gewicht nach vorn verlagerte, seinen Arm so weit wie möglich ausgestreckt, die Finger nach dem Netz fischend … Auf einmal bricht es unter ihm zusammen, für eine Sekunde hält die Welt den Atem an, erst Schwerelosigkeit, dann: Pfump. Speerspitzen, die sich in Fleisch bohren. Der Schmerz setzt mit Verzögerung ein. Und die nächsten Stunden bringt er damit zu, elendig zu verrecken, weil niemand seine Schreie hört.
„Ihr könnt mich mal“, flüsterte er und wandte dem Netz den Rücken zu. Gleich darauf vernahm er dasselbe Geräusch wie zuvor. Als er sich umdrehte, sah er noch, wie das Netz in der Baumkrone verschwand.
Sie beobachten mich! Natürlich taten sie das, aber in dieser Sekunde traf es ihn wie einen Schlag. Er saß hier fest, wie auf dem Präsentierteller, das hilflose Objekt ihres grausamen Spektakels. Wie viele waren sie? Wie viele hatten sie eingeladen, sich zu belustigen, der Show beizuwohnen? Hatten sie selbst ihre Professorin dazu bewogen, es sich zumindest eine Weile lang anzusehen? Der Forschung wegen?
Er wollte schreien, aber kein Laut drang über seine Lippen. Stattdessen spürte er wieder Tränen in sich aufsteigen, weil er nicht wusste, wohin mit seinen Gefühlen. Wut mischte sich mit Angst und Verzweiflung. Es brodelte und kochte über.
Er setzte sich. Dachte einen Moment darüber nach. Legte sich hin und schloss die Augen.
Morgen, dachte er noch, als der Schlaf ihn wieder einholte.
•
Der Morgen kitzelte ihn mit sanften, warmen Strahlen im Gesicht. Vögel zwitscherten in der Ferne. Eine laue Brise zog durch die Stämme.
Er richtete sich auf, schaute sich um. Alles wie gehabt. Schön, damit hatte er gerechnet. Machte aber nichts, heute würden sie ihn rausholen, das mussten sie. Es galt Vorlesungen zu besuchen. Außerdem hatte er Arbeit zu verrichten. Dessen waren sich seine Kommilitonen bewusst. In ein paar Stunden wäre er zu Hause, keine Frage.
Also saß er da, wartete, harrte der unvermeidlichen Entlassung und ignorierte dabei so gut wie möglich, das nagende Gefühl des Hungers und der Dehydration. Insbesondere Letzteres machte ihm zu schaffen. Sein Kopf dröhnte, das Licht von oben stach in seine Augen. Er fühlte sich schwach und ein wenig zittrig. Aber das war egal. Sie würden ihn rauslassen. Das mussten sie. Sie müssen!
In den nächsten Stunden verlor er völlig das Zeitgefühl. Er merkte das Verstreichen ausschließlich am Sonnenstand und daran, wie seine Gliedmaßen und sein Rücken mehr und mehr aufgrund der steifen Sitzposition, die er nicht veränderte, protestierten.
Es hatte sich in ihm die irrwitzige Vorstellung manifestiert, das, je ruhiger er blieb, desto schneller er befreit wurde. Wie scheue Tiere wollte er seine Kommilitonen nicht durch hastige Bewegungen oder Gott bewahre, Geschrei vertreiben. Er musste nur still sein, dann würden sie zu ihm kommen.
Aber sie kamen nicht. Stattdessen ertönte erneut das Geräusch des Vortages. Das Geräusch eines herabgesenkten Netzes, voller Speisen, nach denen sein Körper sich verzehrte.
Es kam von hinter ihm, er drehte sich nicht um. Wenn er es sah, wurde es Wahrheit. Wenn er es sah, ließ er den Wahnsinn in seine Realität hineinsickern. Dann würde er hier nie wieder rauskommen.
Denn was bedeuteten regelmäßige Essenslieferungen anderes, als dass man plante, ihn hier festzuhalten? Wenn er sie hingegen verweigerte, wenn er sie gar nicht erst registrierte, dann gab es sie nicht, sondern nur die Möglichkeit eines dummen Streiches, der lange jeden Witz verloren hatte.
Dies hier war kein Experiment. Oh nein, er war nicht Gefangener eines Irren, der ihn über Jahre hinweg studierte. Nein. „Nein. Nein. Nein. Nein …“
Er murmelte es solange vor sich hin und schüttelte den Kopf, bis das Geräusch erneut ertönte. Das Netz war weg und sein Magen rebellierte. Sollte er doch. Bald schon war er frei und dann würde speisen. So viel, wie es ihn verlangte. Denn auf seinem Rasen war das Gras saftig grün.
Der Abend brach an. Niemand kam. Er blieb ein Gefangener.
Zwischenzeitlich hatte er nicht mehr aufrecht sitzen können, weswegen er stumpf in die Leere starrend, auf dem weichen Grund lag. Hunger und Durst vernebelten seinen Geist. Er dachte nicht länger über die Misere seiner Situation nach, alles in ihm drängte auf Trinken und Essen. Anderes konnte warten.
Inmitten der Nacht kam das Netz erneut. Er hätte geweint, wenn sein Körper genug Flüssigkeit zu erübrigen hätte. Da er dies nicht vermochte, tat er das Nächstbeste: Er hievte sich auf zittrigen Beinen hoch, wankte zu dem Netz herüber und kam erneut einen halben Meter vor dem Abgrund zum Stehen,
Einen Tag zuvor wäre es ein Leichtes gewesen, sich vorzubeugen. Jetzt kam es ihm vor, als würde er jeden Moment vornüberkippen, sollte nur ein Windhauch ihn von hinten erwischen.
Aber was blieb ihm denn? Wenn er nicht aß und trank, würde er bald sterben. Eine nüchterne Feststellung, die ihm seltsamerweise keine Angst bereitete. Was er auch unternahm, schlimmstenfalls geschah dies: Er ließ sein Leben. Bis vor ein paar Stunden, hätte ihn das erschrocken, jetzt hatte er nur noch einen Blick für das verfluchte Netz.
So wagte er den letzten Schritt, trat an den Abgrund, einen Fuß knapp darüber, der andere nach hinten versetzt, um seinen Schwerpunkt zu verlagern, und beugte sich vor. Seine bebende Hand streckte sich langsam vor. Das Rettungsseil schien unendlich weit entfernt. Zentimeter um Zentimeter tastete er sich vor, spürte, wie der Druck den sein Gewicht auf den Boden auswirkte, diesen leicht absacken ließ, hörte wie winzige Steine und Erdklumpen hinab segelten und unten aufschlugen.
Das könntest du sein, schoss ihm ein irrwitziger Gedanke durch den Kopf, wobei ein Kichern seine Kehle emporstieg. Obgleich ihm nicht zu Lachen zumute war, spürte er das Kitzeln. Es wäre ein fatal. Der letzte Lacher des Abends und seines Lebens. Noch ein Scherz auf seine Kosten, der das Amüsement des Todes nicht besserte.
Gerade als er meinte, es nicht länger zu ertragen, bekamen seine Fingerspitzen das Netz zu fassen. Sie berührten es nur sacht, streichelten es liebkosend. Er musste näher ran. Ein Stück noch, ein winziges Bisschen …
Er glitt zwischen zwei Maschen, krümmte die Finger, zog und das Netz folgte ohne Widerstand. Langsam ließ er sich nach hinten kippen, obwohl alles in ihm schrie, sich zu beeilen.
Erst als er wieder sicheren Boden unter den Füßen hatte, atmete er aus, wobei er verspätete feststellte, dass er den Atem angehalten hatte. Der Erleichterung folgte das Verlangen.
Begierig riss und zerrte er an dem Netz, welches oben nur leicht zusammengeknotet war. Im Inneren erwartete ihn der gleiche Anblick wie zuvor. Eine Flasche Mineralwasser und zwei Sandwiches.
Das rettende Nass holte er zuerst heraus, öffnete den Drehverschluss, setzte sie an die Lippen und trank in großen Schlucken. Zu schnell. Sein Körper rebellierte, verkrampfte. Er hustete, spie Teile des genüsslichen Kühl aus und setzte, nachdem er sich beruhigt hatte, von vorn an. Langsamer dieses Mal.
Die Nahrung nahm er sich behutsamer vor. Auch hierbei rumpelte es in seinem Inneren, aber sein Magen behielt den Inhalt bei sich.
Nachdem er getrunken und gegessen hatte, meldete sein Körper ein anderes Bedürfnis an. Waren ihm gerade erst Nährstoffe hinzugefügt worden, wollte er sich nun unlängst verarbeiteter entledigen.
Schamgefühl stieg einmal mehr in ihm auf, denn zuvor hatte er schon einige Male seine Blase geleert. Da er wusste, dass man ihn beobachtete, nur nicht von wo und er in einer verwaisten, kreisrunden Fläche festsaß, war es ihm unmöglich, sich hinter einem Objekt vor neugierigen Blicken zu verstecken.
Allerdings, in eine „Ecke“, seiner Fläche zu pinkeln, war das Eine – er wagte nicht, dafür an den Abgrund zu schreiten – nunmehr dazu gezwungen zu sein, sich hinzuhocken, um … Nein, das kam gar nicht in Frage! Zudem hatte er kein Toilettenpapier hier, wie sollte er da …? Er wollte gar nicht näher darüber nachdenken.
Fünfzig Jahre. Sein Verstand wusste ihn dieser Tage, immer wieder aufzumuntern. Dennoch war es ein berechtigter Einwand. Was, wenn er tatsächlich längere Zeit hier verbrachte? Zum einen konnte er derlei Geschäfte nicht ewig hinauszögern und zum anderen, würde er eine gewisse Reinlichkeit einhalten müssen. Ein Loch graben, also? Wenn seine Wohnfläche nur nicht so begrenzt wäre. Außerdem war das Loch doch schon da. Nur, wenn er dann rücklings fiel …
Hör auf!
„Sie holen mir hier bald raus“, versicherte er sich.
Dann hatte er das Nahrungsangebot halt angenommen, na und? Ihn deswegen hier festzuhalten wäre … Irrsinn!
Darüber musste er wieder kichern. Das Lachen wandelte sich schnell in ein Schluchzen, mit dem er sich leise in den Schlaf wiegte.
•
Am nächsten Tag, als die Sonne über ihm stand, gab es keine Lieferung. Das Netz lag neben ihm, zusammen mit der leeren Flasche und Verpackung der Sandwiches. Dass das Netz an einer stabilen Schnur hing, half ihm wenig, denn diese war definitiv nicht fest genug, sein Gewicht zu halten. Auch sonst, wusste er mit seinen neuen Errungenschaften wenig anzufangen, außer, dass sie ihn daran erinnerten, dass er bald wieder etwas zwischen die Zähne brauchte.
Und Bewegung. Das ständige Sitzen und Liegen, wurde zusehends anstrengend, weswegen er anfing, im Kreis zu laufen und sich gelegentlich zu strecken. Ein wenig Gymnastik tat ihm gut, so verging die Zeit zudem schneller und seine Ohren lauschten nicht ständig der donnernden Stille, die ihn umfasste.
All dies änderte aber nichts daran, das allmählich die Nacht hereinbrach, ohne, dass die Rettung kam. Die verpassten Lesungen und sein mittlerweile vermutlich gekündigter Job, beschäftigten ihn dabei nicht länger. Er war bestrebt, diesen Aspekten so wenig wie möglich seiner Gedanken zu widmen, da sie nur die Sehnsucht nach seinem gewöhnlichen, langweiligen, zuweilen anstrengenden Leben weckten.
Stattdessen konzentrierte er sich darauf, den Tag rumzubekommen, denn irgendwann … ja, irgendwann mussten sie ihn ja rauslassen … Oder?
Noch in der gleichen Nacht erkannte er es endlich. Da das Essen weiterhin ausblieb und die Langeweile ihn umzubringen drohte, begann er sich mit dem Netz und dem Müll zu beschäftigen. In dem Augenblick, in dem die Flasche und Packung darin landeten, spürte er einen Zug an der Schnur. Zu überrascht davon, wurde das Netz, ohne, dass er etwas dagegen unternahm, hinaufgezogen. Stumpfsinnig schaute er hinterher, wie es in der Baumkrone verschwand.
Einige Minuten später kam es wieder. Gefüllt.
Der Müll, schoss es ihm grausam klar durch den Verstand. Wenn er über Tage, Wochen und Monate genug davon ansammelte, wäre es ihm theoretisch möglich, diesen in die Grube zu werfen und soweit aufzustapeln, dass er darüber laufen konnte. Dann wäre er frei. Aber das lag nicht in ihrem Interesse. Er sollte hierblieben. Auf ewig.
Oder für fünfzig Jahre. Indes seine Augen an dem Netz haften blieben, an dessen Schnur er sich in dieser Sekunde am liebsten aufgehängt hätte, drang ein Kichern seine Kehle empor. Es schwoll zu Gelächter an und mündete in einem hysterischen Lachanfall, der lange genug andauerte, dass das Netz wieder emporgezogen wurde.
Er lachte noch eine ganze Weile, bis er vor Erschöpfung umkippte und einschlief.
Die nächste Lieferung ignorierte er. Genauso wie die übernächste.
Bei der vierten in Folge waren Hunger und Durst wieder zu mächtig. Er registrierte nicht einmal, dass er dieses Mal einen Apfel zu essen bekam – abwechslungsreiche Ernährung, ein Grundbaustein für ein gesundes Leben.
•
„Meine Welt ist fünf Quadratmeter groß. Meine Welt ist … Meine Welt ist ein Fleck. Ein Fleck, der fünf Quadratmeter groß ist. Und grün. Das Gras ist grün. Meine Welt ist ein fünf Quadratmeter großer grüner Fleck. Und das Gras ist grüner als auf deiner Seite.“ Er nickte, ja, das stimmte.
„Mein Welt ist …“
Tage vergingen. Routine stellte sich ein.
Mittags Lieferung. Nachts Lieferung.
Der Akt des nach dem Netz-Fischens, wurde ebenso Routine, wie die täglichen Sportübungen. Es bereitete ihm keine Schwierigkeiten mehr, er wurde nie übermütig, ließ sich stets Zeit. Zeit, die ihm gewährt wurde, denn der Wald versorgte ihn. Er sorgte sich um ihn.
Die meisten Tage fühlte er sich geborgen. Geborgen und sicher. Dennoch vermisste er etwas. Er wurde ernährt, er nannte eine sichere Umgebung sein Eigen, aber etwas … irgendetwas fehlte.
Wenn ihn dieses Vermissen überkam, setzte er sich hin und lauschte. Hörte in die Stille hinein und nahm nichts wahr. Da war nur er. Er und der Wald und niemand sonst.
„Meine Welt …“
Dann kicherte er und dann war es nicht mehr still. Er hatte sich. Er hatte den Wald. Was brauchte er mehr?
Dennoch überkam ihn manchmal Angst. Dann erwachte er, inmitten der Nacht, schweißgebadet und zitternd. Das Gefühl, das schreckliche Gefühl des Fallens. Wenn es ihn überkam, meinte er stets, etwas in seinem Inneren stechen zu spüren. Es bohrte sich in ihn hinein, ließ ihn aufkreischen, sich winden und leiden, während Stunden dahinzogen.
Aber da war nichts. Seine Umgebung war sicher. Es gab keinen Grund, sich zu fürchten. Sobald er sich dessen vergewissert hatte, legte er sich wieder hin, schlief erneut in einen traumlosen Schlaf. Wenn er am darauffolgenden Morgen erwachte, erinnerte er sich nicht mehr an die düsteren Schatten, die nach ihm griffen. Dann war da nur Routine. Der Alltag. Das grüne Gras.
Ein sicheres Fleckchen Erde.
Seine Welt.
Forschungsprotokoll: „Deine Welt ist fünf Quadratmeter groß“ 2.0
Forschungsprotokoll: „Deine Welt ist fünf Quadratmeter groß“ 2.0
Tag XXX
Das Subjekt verhält sich wie erwartet.
Nachdem in den letzten Wochen erst, die Replika-„Speerspitzen“ entfernt [persönliche Notiz: Selbst jetzt, direkt vor mir liegend, sehen sie täuschend echt aus …] und der Graben dann Stück für Stück in jeder Nacht ein wenig mehr zugeschüttet worden ist, sind wir mittlerweile an dem Punkt angekommen, dass der Graben nicht länger existent ist.
Dennoch folgt das Subjekt seiner Prägung. Es ist am heutigen Tage, seiner morgendlichen Beschäftigung nachgegangen, den Rand des vermeidlichen Abgrunds abzulaufen. Gegen Mittag hat es sich sportlich betätigt und danach die Essensration abgeholt, welche pünktlich geliefert wurde.
Interessanterweise ist es dabei an genau der Stelle zum Stehen gekommen, an der es immer am Abgrund stand und hat sich vornübergebeugt, um das Netz einzuholen. Es besteht keinerlei Gefahr mehr, zu fallen und dennoch, folgt das Subjekt seiner Routine.
Nach dem Essen hat es die Überreste dem Netz übergeben und sich erleichtert. Dafür ist es an den Rand des Grabens gegangen. [Anmerkung: Für einen weiterhin geregelten Ablauf, müssen die Fäkalien regelmäßig entsorgt werden].
Danach hat es eine Weile lang geruht. Heute hat es sich wieder selbst befriedigt. Langsam stellt sich auch hierbei eine Gewohnheit ein. Der Turnus pegelt sich bei einmal wöchentlich ein.
Die Nacht war unruhig, allerdings ist das Subjekt nicht erwacht. Die Albträume und deren Auswirkungen nehmen immer mehr ab. [Besteht hierbei eine Korrelation mit dem gesteigerten Sicherheitsfaktor, der unterbewusst wahrgenommen wird?]
Wir haben die Bewilligung erhalten, das Experiment weitere 180 Tage aktiv zu halten. Sollten sich nach diesem Zeitraum keine maßgeblichen Änderungen feststellen lassen, wird das Subjekt in der folgenden Nacht abtransportiert und einer Klinik zur weiteren Behandlung sowie Analyse übergeben.
[Anmerkung 2: Bis zum Ablauf, sollte erneut sichergestellt werden, dass die unterschriebene Einwilligungserklärung tatsächlich unter vollem Besitz der geistigen Kräfte des Subjekts stattgefunden hat. Sollte dem nicht so sein, müssen alle Beteiligten aufs Schärfste instruiert werden! Ich will ehrlich sein, ich traue diesen Banausen zu, dass sich einen üblen Scherz erlaubt haben … Aber die Erkenntnisse, die wir hier gewinnen, sind schlicht zu bedeutend, als dass wir zulassen dürfen, dass sie aufgrund eines Verfahrensfehlers nicht anerkannt werden.]
Persönliche Notiz:
Elenor. Dein Opfer konnte kein größeres sein. Aber ich bin dennoch dankbar, dass es dich gab. Dein Fall, welcher leider in einer absolut ungeeigneten Umgebung und ohne jede nötige Forschungsgrundlage stattgefunden hat, hat uns den Weg zurück zur experimentellen Psychologie geebnet.
Wir werden deiner immer gedenken.
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HIer geht’s zum dritten Teil: Deine Welt ist isoliert


