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Das Pferd am See

Die Kryptozoologie war schon immer ein nebensächliches Interesse von mir. Ich sage nebensächlich, weil es etwas war, das ich nur beiläufig genossen habe: ein paar Internetartikel hier und da, ein paar Seiten auf einem Tumblr-Blog, der sich damit beschäftigte, und vielleicht eine dieser Bigfoot-Dokumentationen gesehen. Du weißt schon, diese Art von Interesse. Nichts Ernstes.

Im Allgemeinen wäre das für die meisten Menschen ziemlich normal. Allerdings leben diese Leute nicht in meiner kleinen Stadt, wo ein vermeintlicher Kryptide den Lebensunterhalt für viele Einwohner bedeutet.

Ich lebe nämlich in einer kleinen Stadt im Vereinigten Königreich, genauer gesagt im Nordwesten Englands. Es ist ein winziger Ort, von dem nicht viele Menschen außerhalb des Landes etwas gehört haben, es sei denn, sie waren aus irgendeinem Grund schon einmal dort oder interessieren sich für Kryptiden. Die Kleinstadt liegt an einem der vielen Seen, die in diesem Teil des Landes zu finden sind, und wie so viele Gewässer haben auch wir unser eigenes Monster von Loch Ness.

So behaupten es jedenfalls zahlreiche Menschen. Ich bin mir sicher, dass viele von euch skeptisch sind, so wie ihr es bei jedem solchen Ungeheuer seid. Das kann man durchaus nachvollziehen. Ich wuchs hier auf, und ich glaubte nicht an so etwas. Es war interessant, aber ich glaubte es nicht. Genauso wenig wie ich den Leuten geglaubt habe, die behaupten, Außerirdische hätten ihren Hintern erforscht oder Bigfoot habe ihr Lager zerstört. Es war etwas, worüber man lesen und sich amüsieren konnte, aber nichts, woran ich geglaubt hätte.

Die meisten meiner Generation und die meiner Eltern sahen das genauso, aber viele aus der Zeit meiner Großeltern hielten an dem Glauben an das Monster fest. Sie mieden den See, es sei denn, sie waren in einem ausreichend großen Boot oder auf einer der vielen Fähren unterwegs, die den See mit den nahe gelegenen Siedlungen verbanden.

Nicht aber wir Kinder und Jugendlichen, schon gar nicht im Sommer. Meistens sind die britischen Sommer nichts, womit man sich brüsten könnte: Sie sind ziemlich warm, aber meistens bewölkt oder feucht. Manchmal wurden wir jedoch mit einer Hitzewelle gesegnet. Es gab nichts Schöneres, als einen Sprung in den See während der großen Hitze des Tages zu wagen.

In den Schulferien hielten sich die älteren Kinder bis in die Abendstunden am See auf. Das Schlimmste, was je passierte, war, dass jemand beim Schwimmen einen Krampf erlitt und wir ihn ans Ufer zurückbringen mussten, oder dass sich jemand mit dem Fuß in einem Seegras verfing und völlig ausflippte, bis er erkannte, was es eigentlich war.

Nichts Unheimliches, nichts Ernstes. Ganz sicher kein Seeungeheuer.

An einem bestimmten Tag in den Osterferien – an dem es viel zu kalt war, um länger als fünf Minuten am Stück im See zu verbringen – vertrieb ich mir die Zeit damit, auf die vielen hohen Bäume zu klettern, die die Gegend um die Seen bedeckten. Vielleicht war ich ein bisschen zu alt für das Klettern auf Bäumen, aber es hatte mir schon immer Spaß gemacht. So hoch zu klettern, wie ich nur konnte, und mich dann auf einem stabilen Ast niederzulassen und die Umgebung zu betrachten, war etwas, das ich sehr genoss. Die meiste Zeit beobachtete ich nur Boote, die auf dem See auf und ab fuhren, Menschen, die ihren Geschäften nachgingen, Autos, die auf den Landstraßen vorbeifuhren. Typische Dinge, die nicht der Rede wert waren. Aber dieser Frühlingstag war anders.

Der Tag selbst war wie jeder andere: ein kühler, aber sonniger Märztag. Ich hatte bereits mein vorübergehendes Plätzchen zum Rasten unter einer alten Eiche eingerichtet, wo ich etwa eine Stunde lang bleiben würde, ehe ich mich auf den Weg zu Freunden machte.

Von meinem Platz aus konnte ich zwei kleine Kinder – vielleicht acht oder neun – am Ufer spielen sehen. Sie befanden sich nicht in der Nähe des Wassers, sondern saßen einfach auf der Wiese etwas abseits des Ufers. Es waren zwei Mädchen. Über diese allgemeine Beobachtung hinaus konnte ich nicht wirklich feststellen, was sie taten. Das war nichts Ungewöhnliches.

Was jedoch ungewöhnlich war, war das große, grau-getupfte Pferd, das am Ufer entlang auf sie zu trabte. Pferde waren an sich kein ungewöhnlicher Anblick in einer ländlichen Stadt. Aber normalerweise waren sie auf ihren Feldern oder in Begleitung eines Reiters. Es war niemand anderes in Sicht, und dieses Pferd hatte weder Sattel noch Kandare oder sonstiges Reitzubehör.

Im Vereinigten Königreich gibt es keine echten Wildpferde, und die einzigen halbwilden Pferde sind im New Forest beheimatet, irgendwo ganz am anderen Ende des Landes. Es blieb also nur die Möglichkeit, dass es irgendwie aus seinem Feld entkommen war. So seltsam es mir auch vorkam, im Nachhinein betrachtet war es gar nicht so untypisch. Touristen durchquerten immer wieder Privatgrundstücke und ließen die Gatter offen. Es war unvermeidlich, dass gelegentlich Tiere entkamen.

Die Kinder nahmen das Tier sofort wahr, schauten von ihren Gesprächen auf und stießen erfreute Schreie aus, die ich sogar von meinem Platz im Baum aus hören konnte. Ich beobachtete, wie sie zu ihm hinliefen, furchtlos wie alle Kinder, ohne zu bedenken, dass, wenn sie es verschreckten, ein Tritt von seinen Vorder- oder Hinterbeinen ihre sich entwickelnden Knochen zerschmettern könnte.

Ich beobachtete, wie die beiden das Tier vergnügt streichelten. Dem Pferd selbst schien die Aufmerksamkeit nichts auszumachen, was mich zu der Annahme veranlasste, dass es sich um ein Pferd handelte, das häufig zum Reiten benutzt wurde, wahrscheinlich eines der Pferde, die an Touristen vermietet wurden, damit diese einen Ausritt durch die Landschaft genießen konnten. Der Gaul senkte den Kopf und erlaubte einem der Kinder, eine Hand an seine Schnauze zu legen. Ich konnte ihr erfreutes Lachen hören, als die beiden abwechselnd die Flanke und den Kopf des Pferdes streichelten. Das war ziemlich niedlich, das muss ich zugeben. Es hat immer etwas Magisches, wenn ein wildfremdes Tier mit deiner Anwesenheit zufrieden ist.

Da das Pferd so ruhig zu sein schien, zuckte ich nicht einmal mit der Wimper, als es sich auf den Boden fallen ließ. Die beiden Kinder schienen davon begeistert zu sein und kletterten auf den Rücken des Tieres. Nicht gerade ungefährlich oder klug, aber Kinder halten sich nicht für so etwas, und ich bin sicher, dass das Pferd deutlich gemacht hätte, wenn es nicht gewollt hätte, dass sie auf ihm herumklettern. Es war ein verdammt großes Pferd.

Ich brauchte ein paar Augenblicke, bis ich merkte, dass die Kinder nicht mehr fröhlich quietschten und kicherten … sondern schrien. Zuerst konnte ich nicht verstehen, warum, aber als ich mich mehr auf das Pferd konzentrierte, wusste ich es.

Ich weiß nicht, wie ich diese Änderung nicht bemerkt hatte. Aber wo es einst scheckig-grau war, war es nun schwarz. Die Art von Schwarz, die alles Licht um sie herum zu absorbieren scheint und sie verzerrt. Es schien triefend nass zu sein. Sogar von meinem Platz im Baum aus konnte ich sehen, wie aus dem Wirrwarr seiner durchnässten Mähne und seines Schweifs Wasser auf den Boden tropfte.

Die Augen des Pferdes waren das Schlimmste daran. Aus dieser Entfernung hätte ich sie eigentlich nicht deutlich sehen können, aber selbst in der trüben Frühlingssonne konnte ich das Glühen dieser ekelhaften, milchigen Augen erkennen. Es warf den Kopf zurück und erhob sich auf die Füße, während die Kinder noch auf seinem Rücken saßen. Sie versuchten abzusteigen, aber … sie konnten nicht. Ich weiß nicht wie, und ich bin sicher, sie wussten es ebenfalls nicht, aber egal, wie sehr sie sich wehrten und schrien, sie schafften es nicht, von diesem Pferd abzusteigen. Es war, als wären sie daran angeleimt.

Ich konnte mich nicht von meinem Platz rühren, egal wie sehr mein Verstand mich anschrie, herunterzuspringen und etwas zu tun … irgendetwas! Ich schäme mich, zuzugeben, dass mich die Angst verzehrte. Schweiß tropfte mir die Stirn hinunter, während sich mein Atem von Sekunde zu Sekunde beschleunigte. Mein Herz hämmerte so schwer und rasch, dass es schmerzte. Mir fehlen die geeigneten Worte, um den Urschrecken zu beschreiben, der mich erfasste, den gleichen Schrecken, den unsere Vorfahren wohl empfanden, als sie einem riesigen Höhlenbären oder einem wütenden Mammut gegenüberstanden. Doch wo bei ihnen der Kampf- oder Fluchtinstinkt einsetzte, blieb er bei mir aus. Ich war einfach wie erstarrt.

Erstarrt, während die Bestie auf das Wasser zustürmte, mit den kreischenden Kindern auf dem Rücken, die erst verstummten, als ihre Köpfe unter das Wasser tauchten, jenes Wasser, das aufschäumte und blubberte, während sie sich unter der Wasseroberfläche quälten.

Und dann nichts mehr. Nur eine unheimliche Stille an diesem Frühlingsmorgen.

Nicht einmal die Vögel sangen. Ich glaube, sie wussten es. Tiere wissen solche Dinge einfach.

Ich weiß nicht, wie lange ich auf dem Baum saß und über das Wasser starrte, wo das Pferd in der Trübe verschwunden war. Was aus den Kindern geworden ist, ist mir nicht bekannt, aber ich weiß, dass sie niemals gefunden wurden und auch nie wiedergefunden werden können. Man schrieb es als unfallbedingtes Ertrinken ab. Ihre Eltern machten sich Vorwürfe, wie es alle Eltern tun würden.

Nichts dergleichen war jemals zuvor in unserer kleinen Gemeinde passiert. Kinder, die in der Nähe des Sees aufwuchsen, konnten schwimmen, sobald sie laufen konnten, und sie wussten, dass sie am Wasser vorsichtig sein mussten. Das passte natürlich nicht zusammen, aber darüber hinaus konnte es sich niemand erklären. Ich glaube, die Eltern geben sich der Hoffnung hin, dass ihre Kinder einfach weggelaufen sind oder entführt wurden, um sie eines Tages wiederzufinden, und das kann ich ihnen nicht verdenken.

Was ich gesehen habe, gab ich niemandem preis. Es hätte mir sowieso niemand geglaubt, abgesehen von ein paar alten Waschweibern, die niemand ernst nahm und die oft von Geistern und Gespenstern schwafelten.

Es schmerzt mich, dass ich nichts getan habe, dass ich einfach zusah, wie diese unschuldigen Kinder in ein wässriges Grab gezogen wurden. Seitdem bin ich nie wieder zum See gegangen. Jedem, der mich fragte, antwortete ich, dass ich den Geruch des Seewassers nicht mochte, der an mir haftete.

Eigentlich hätte ich nicht gedacht, dass ich diese Geschichte jemals erzählen würde. Aber über ein Jahrzehnt später lebe ich immer noch in dieser Stadt, und letzte Nacht sah ich ein scheckiges, graues Pferd am Seeufer entlang galoppieren.

ORIGINAL: Hier

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