
Der Zitronenbaum
Bitte beachte, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung oder Drogenkonsum. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die Angst oder Unbehagen erzeugen sollen. Wir empfehlen dir, diesen Text nicht zu lesen, wenn er dich belasten könnte.
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Es ist mal wieder einer von diesen verregneten Sonntagnachmittagen, wie man sie kennt. Mir ist absolut langweilig und habe nichts anderes zu tun, als in diesem langweiligen Zimmer zu sitzen und die Regentropfen zu zählen, die an der Fensterscheibe wie Tränen herunterlaufen oder als hätten sie ein Eigenleben. Ich denke, ich verschwende nur meine Zeit, während ich hier rumhängen und auf dich warte. Dabei ist mein Inneres so leer wie mein Zimmer. Na ja, … nicht ganz. Bis auf einen Berg aus Klamotten, Essensresten und abgenutzten Möbeln befindet sich in der Ecke noch der Zitronenbaum, den ich bis jetzt fürsorglich gehegt und gepflegt habe. Während der Regen im Hintergrund prasselt, kann ich ehrlich gesagt nichts anderes sehen als genau diesen Zitronenbaum, und dabei muss ich vor mich hin grübeln.
In Momenten wie diesen, wenn ich auf die menschenleere Straße hinausblicke oder ich mir meiner abgelegenen Behausung bewusstwerde, fühle ich mich stets wie der letzte Mensch auf Erden.
Als nächstes greife ich zu den Autoschlüsseln, denn ich habe beschlossen, um auf andere Gedanken zu kommen, ein wenig mit dem Auto herumzufahren. Während ich fahre, schlagen die Fensterwischer hin und her, und die Passanten auf den Gehwegen ziehen wie Geistersilhouetten an mir vorbei.
Ich bemerke, dass ich viel zu schnell fahre, denn ich befinde mich bereits außerhalb der Stadt. Ich versuche alles, um auf andere Gedanken zu kommen; ich würde so gerne an etwas anderes denken … doch gelingt es mir nicht. Ich denke, es ist die Einsamkeit, die mich immer daran denken lässt. Ich drücke weiterhin aufs Gaspedal, aber es passiert nichts. Ich grüble weiter und starre in den Rückspiegel, auf den Rücksitz, wo sich jetzt der Zitronenbaum befindet.
Wie konnte all das nur passieren? Vor kurzem hast du mir noch freudestrahlend vom blauen Himmel erzählt, als wir auf der Parkbank saßen. Jetzt jedoch sehe ich nichts anderes mehr als diesen gelben Zitronenbaum. Ich drehe meinen Kopf hin und her, recke meinen Hals in alle Richtungen, damit der Baum wieder verschwindet. Ich beschließe, an der nächsten Stelle zu wenden und wieder zurückzufahren.
Wieder in der grau-tristen, mehrstöckigen Wohnung angekommen, hallen nicht nur meine Schritte durch die Treppenflure, auch überkommt mich der spontane Impuls nun ein: „Da-da-da-da-di-dam-da-da-da-da-da-da-di-da-da“ herum zu singen, und der Regen prasselt immer noch, aber ich denke mir nichts dabei und gehe weiter.
Nun sitze ich wieder hier. Ich fühle mich so kraftlos. Vielleicht täte mir eine heiße Dusche gut?, überlege ich mir. Aber dann erscheint wieder diese dunkle Wolke in meinem Kopf, die den Gedanken zunichte macht, und ich lasse es doch sein. Eine einzige dunkle Wolke, die wie ein dunkles Geschöpf eine schwarze Schleimspur hinter sich herzieht; meinen Verstand darin ertränkt, mich müde macht und mich ins Bett liegen lässt, worauf die Federn ein lautes Quietschen absondern. Ich kann nicht einschlafen. Stattdessen beginne ich wieder zu grübeln. Ich wälze mich auf die Seite, starre herüber zum Zitronenbaum in der Ecke … Ich beginne mir vorzustellen, wie dem Zitronenbaum Dornen und Ranken wachsen, die mich packen und auseinanderreißen; aber es passiert nichts. Die Einsamkeit scheint mir wohl nicht zu bekommen. Ich habe eigentlich überhaupt keine Lust, den Zitronenbaum weiterhin sehen zu müssen. Deswegen schließe ich nun die Augen und stelle mir eine trostlose, einsame Wüste vor, die es zu durchwandern gilt.
Doch statt gegen sengende Hitze anzukommen, staubtrockene Landschaften zu passieren und die Kakteen zu zählen, Sandstürmen zu trotzen und mir Sandkörner aus der Kleidung zu klopfen, Schutz- oder vergebens nach Wasser zu suchen, habe ich mich in Wahrheit nur wieder aus dem Bett erhoben und bin nur wenige Schritte auf den Zitronenbaum zugegangen, sodass ich jetzt seelenlos herunterblickend vor ihm stehe.
Ich ziehe den Zitronenbaum am Stil mitsamt Blumenerde und sichtbaren Wurzeln aus dem Blumentopf. Nun riecht es weniger nach Erde … mehr nach Verwesung. Am Boden des Topfes kommt ein langer Haarschopf zum Vorschein. Er gehört zum Kopf einer jungen Frau, der leblos zur Seite schaut.
Ich nehme den Kopf hoch und betrachte ihn etwas genauer. Ein Lächeln bildet sich auf meinem Mund, nachdem der Kopf plötzlich die Augen geöffnet hat, mithilfe meiner sorgsamen Fingerspitzen versteht sich …
Ich werde mir einfach ein neues Spielzeug suchen, um meinen Spaß zu haben; um wieder nach dem Licht am Ende des Tunnels zu greifen; es zu erblicken. Und dann wirst du es sein, die hier grübelt.

