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Eine weitere Unterhaltung mit einer Leiche

Oder auch: Weitere Schritte in Richtung Wahnsinn

Ich weiß viel über den Tod.

Schon als ich jung war, hat er mich fasziniert. Ich wollte wissen, wie er eingeleitet werden kann, was ihn verhindert, was ihn herauszögern und was ihn näher bringen kann. Mich haben seltsame Todesfälle fasziniert, seitdem ich lesen kann.

Meine Faszination hat mich zur Forensik geführt. Ich habe mich zur Medizin hochgearbeitet, und jetzt, nach zwei Versuchen des Aufnahmetests, beginnt bald mein Studiengang, und somit geht mein Weg zur Gerichtsmedizin weiter.

Seitdem ich diesen Weg begehe, lerne ich so viel ich kann über das Sterben. Mein Wissensschatz hat sich um einiges erweitert. Als das unweigerliche Ende eines jeden Lebewesens flößt es vielen Angst ein, doch ich finde Bequemlichkeit in dem Wissen, dass nichts ewig anhält. Der Tod ist vertraut. Er ist sicher.

Das Leben ist das Gegenteil. Es strotzt vor Unsicherheit, vor Variablen, die niemand ganz erfassen kann. Aber nicht nur in seiner Unvorhersehbarkeit stellt es die Antithese zum Tod dar; auch in seiner Gerechtigkeit.
Der Tod beurteilt nicht, bestraft nicht, hat keine Lieblinge. Er tritt ein, ob man Heiliger oder Sündiger ist. Es gibt kein Betteln, kein Verhandeln.

Das Leben wiederum ist bodenlos unfair.

Das Haus an der Ecke meiner Straße steht leer, seitdem ich mit meiner zweiten Leiche gesprochen habe. Noch wollte es niemand kaufen. Der Mann hatte alleine gelebt, und das Haus sieht diesem Umstand entsprechend aus.

Ich durfte hautnah miterleben, was mit ihm passierte, nachdem er starb. Ein Forensiker und sein Assistent haben mich durch seine äußerliche Autopsie begleitet, mir gezeigt, wie er gestorben ist; es war sogar für einen Laien offensichtlich, dass es Mord war- da ich das eigentlich nicht behaupten darf, lass es gesagt sein, dass die Spezialisten anderer Meinung sind. Er hatte eine Delle am Hinterkopf, ein gebrochenes Genick, und lag am Bauch in der Badewanne. Es wären ausreichend Beweise gewesen, um weitere Untersuchungen einzuleiten.

Doch das Leben ist bodenlos unfair.

Der Gerichtsmediziner wollte keine Ermittlung einleiten, denn er wäre derjenige gewesen, der die innere Autopsie durchführen hätte müssen- eine viel zu schmutzige Angelegenheit! Also entschließ er sich, dass der Verdachtsfall unbegründet war. Der Mann hatte keine Familie, außer der Tochter, die ihn erst eine Woche nach dem Tod gefunden hatte, also würde niemand hinterfragen, wieso keine Ermittlung angestellt wurde. Keine weiteren Morde in dieser Art waren passiert, also war es unwahrscheinlich, dass es eine Serie war. Außerdem waren seine Wunden vage genug, um Zufälle zu sein; wer sagt denn, dass die Delle nicht von einer bereits verheilten Verletzung kam? Dass er ausgerutscht war, und vorwärts gefallen war? Nicht alles musste durch Gewalt passiert sein.

Einige Tage nach unserer knappen Unterhaltung wurde der Tote unter einem einfachen Grabstein beerdigt.

Was habe ich gesagt? Das Leben ist bodenlos unfair.

Zu behaupten, ich habe mich seitdem mit Toten unterhalten, wäre nicht ganz richtig. Wenn es passierte, waren unsere Gespräche einseitig. Sie redeten, und ich hörte ihnen zu, oder ich redete, und niemand antwortete.

Ich weiß, unter welchem Grabstein der Nicht-Ermordete liegt, weil ich ihn auf dem Friedhof besucht habe. Auch sechs Fuß unter der Erde war er nicht gesprächiger als auf dem Untersuchungstisch.

„Hallo“, sagte ich, und auch wenn mich dabei niemand anderes hören konnte, sprach ich leise, „Wie geht es dir?“

Er antwortete nicht. Ich hatte nichts anderes erwartet.

Weil ich bereits eine Gießkanne für die Blumen am Grab meiner Urgroßmutter hatte, goss ich die Hälfte des Wassers auf die Blumen, die langsam am Fuß seines Grabes verwitterten. Es schien so, als wären die Besuche seiner Tochter seit seinem Tod noch spärlicher geworden.

„Ich hoffe, es geht dir da unten gut“, sagte ich, „Es kann ungewöhnlich sein, auf einmal vergraben zu sein. Nicht, dass ich viel davon wüsste.“

Wieder blieb er leise. Ich fand mich damit ab, dass er nicht in der Stimmung für ein Gespräch war, und wandte mich zum Gehen, bevor jemand mitbekam, wie seltsam es war, dass ich den Grabschmuck eines Fremden begoss. Es war ein kleines Dorf, und jeder kannte mich.

„Schönen Tag“, sagte ich als Abschied.

„Ebenfalls“, drang gedämpft durch die Erde.

Leider sprechen keine meiner toten Verwandten mit mir. Jedes Mal, wenn ich sie besuche, rede ich höflich mit ihnen, erzähle ihnen von meinem Leben, und gieße ihre Blumen. Wenn ich nicht alleine bin, mache ein Kreuz mit den Fingern, obwohl ich nicht religiös bin. Manchmal frage ich sie um Unterstützung, aber ich bin nicht gläubig genug um zu denken, dass sie mir noch helfen könnten. Ich frage sie niemals um Rat. Niemand von ihnen hat ein Leben gelebt, das wünschenswert wäre. Dann verabschiede ich mich, und gehe auf direktem Weg wieder vom Gelände.

Selten führt mich mein Weg tiefer in den Friedhof hinein; das Grab des Nicht-Ermordeten war eine große Ausnahme. Viele Leute— die meisten davon Rentner, manche davon Jugendliche, die sich auf die Gräber setzen— erzählen mir, dass sie gerne Spaziergänge durch den Friedhof machen.

Weil es immer so ruhig ist, hat mir meine Großmutter erzählt.

Um zu schauen, wo mein zukünftiges Bett liegt, hat ihr Freund aus dem Seniorenclub gewitzelt.

Für mich sind Friedhöfe das Gegenteil eines ruhigen, spirituellen Ortes. Anstatt einer ruhigen Atmosphäre zum Trauern bekomme ich dutzende von Stimmen.

Das Leben ist bodenlos unfair.

Eine Leiche, die bloß einige Gräber von meinem Onkel entfernt begraben ist, schimpft seit mindestens fünfzehn Jahren durchgehend darüber, dass sie Verbrannt werden wollte. Sie schreit, dass die Würmer sie stören, dass sie es hasst, wie sie aussieht, was sie anhat, wie hässlich ihr Sarg ist. Manchmal, wenn sie sonderlich laut ist, überlege ich mir, eine Schaufel zu holen.

Der Tote, das gleich daneben liegt, schreit zurück, dass sie still sein soll, Nicht einmal im Tod hat man seine Ruhe!

Die Schlimmsten sind die, die weinen.

Manche klagen darüber, was sie nicht alles verpasst haben. Viele wollten die Welt sehen, waren an einen Partner gebunden, den sie verabscheuten, hatten ein Leben geführt, das sie— ironischerweise— todunglücklich gemacht hatte. Wiederum andere weinen, weil sie ihren Partner oder ihre Kinder vermissen, die viel zu selten zu ihren Gräbern kommen. Die verwelkten Blumen an ihren Gräbern sind die hässlichsten und tragischsten am gesamten Friedhof.

Die meisten von ihnen haben Worte aufgegeben. Sie weinen unverständlich in die Erde hinein, schluchzen einzelne Klagen aus, oder schreien inkohärent.

Ich meide Besuche auf dem Friedhof.

Laut der Website des Bestatters sind etwa vierhundert Gedenksteine auf dem Gelände. Ein einziges Mal hat mich meine Großmutter dazu überzeugt, mit ihr einen Spaziergang durch den Friedhof zu machen. Ich zählte mit, wie viele Geräusche von sich gaben. Bei etwa fünfzig habe ich aufgehört, zu zählen. Ich habe noch keinen Ort gefunden, an dem man keinen von ihnen hört.

Man kann laut und lange schreien, wenn man keine Kehle mehr hat, die heiser werden kann.

Noch habe ich mich nicht getraut, zu den Urnen zu gehen. Möglicherweise könnte ich dann den Toten sagen, dass eine Einäscherung nichts geändert hätte. Ihnen die Hoffnung zu rauben ist das Gnädigste. Doch dazu müsste ich herausfinden, ob es einen Unterschied macht. Sie scheinen zwar keine Schmerzen zu haben, doch ich weiß nicht, was schrecklicher ist; in einem Grab, oder einer Urne eingesperrt zu sein.

Die Bestatter, die mir manchmal den Zugang zu Leichen verschaffen, haben mir einen Durchgang in einem Krematorium angeboten. Sie haben eben nicht nur zu Kriminologen Kontakt. Noch habe ich weder zu- noch abgesagt, doch ich bin mir ziemlich sicher, dass ich gehen werde. Es hat mich schon immer interessiert, was mit den Knochen passiert, nachdem eine Leiche eingeäschert wurde, und die Mechanik hinter den Öfen zu sehen ist sicher spannend. Zwar wird das Krematorium kalt sein, während ich dort bin, damit wir keine Trauernden unterbrechen, doch es wird mir einen guten Einblick in die Funktionsweise dahinter verschaffen.

Vielleicht gibt es mir den Mut, zu den Urnen zu gehen. Je eher ich es hinter mich bringe, desto besser. Ich will wissen, ob ein Begräbnis, oder eine Verbrennung angenehmer ist. Vielleicht kann ich mich dann entscheiden, welches von Beidem ich in mein Testament schreiben möchte.

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2 Kommentare

  1. Ein interessanter zweiter Teil! ;D Ich hoffe, eine kleine Kritik ist in Ordnung, wenn ich sage, dass ich den ersten Teil ein weeeenig spannender fand und da auch mehr passiert ist, mehr Dialog etc.

    Aber ich finde die Idee dennoch sehr kreativ und bin auch neugierig über den Protagonisten, wann er zum ersten Mal eine Leiche sprechen gehört hat und überhaupt ein bisschen mehr Background über ihn wäre sehr in meinem Interessenbereich vertreten ^^ Weiter so mit der guten Arbeit

    1. Hi! Danke für die Kritik, ist immer sehr gerne gelesen!
      Leider muss ich dich etwas enttäuschen- der erste Teil war bloß auf einer Erfahrung von mir selbst basiert. Da einige einen zweiten Teil verlangt haben, habe ich etwas dazu erfunden- wahrscheinlich ist es deshalb weniger spannend. Deshalb wird es auch wahrscheinlich der letzte Teil bleiben.
      Ich freue mich, dass es dir trotzdem gefallen hat! 😀

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