ClassicCreepypasta

Frustloch [German Creepypasta]

Mittwoch 16 Juni
Liebes Tagebuch, oder hey Tagebuch, nein das klingt doof. Wie wäre es mit „Hallo Tagebuch?“ Vielleicht einfach nur Hallo.
Hallo, ich bin Justin. Wie geht’s dir? Mir geht’s gut. Wow. Ich komme nur unglaublich dämlich vor in meinem Alter Tagebuch zu schreiben. Normalerweise machen das auch nur Mädchen. Denke ich zumindest. Ich habe auch gar keine Ahnung, ob ich das richtig mache oder wie man überhaupt Tagebuch schreibt. Das war die Idee von meiner Schulpsychologin. Sie meinte, es würde mir gut tun, einfach mal alles aufzuschreiben, was mir so durch den Kopf geht. Ich finde das eher dämlich. Aber meine Mama hat oft Tagebuch geschrieben und irgendwie habe ich das Gefühl, ich bin es Mama schuldig, es zumindest einmal auszuprobieren. Meine Mama ist nämlich nicht mehr da. Und genau das ist der Grund, wieso ich überhaupt heute bei Frau Marvin, der Schulpsychologin an der neuen Schule, war.
Weiss gar nicht so recht, wie ich anfangen soll. Wir sind vor kurzem umgezogen und wohnen jetzt in einem Haus in so einer kleinen Vorstadt. Dad wollte es so, weil ihn alles viel zu sehr an Mama erinnert, dort wo wir vorher gewohnt haben und Momo – mein kleiner Bruder – soll noch nicht wissen, dass Mama nie wieder nach Hause kommen würde und deshalb darf ihm keiner sagen, was wirklich am Dienstag vor zwei Wochen passiert ist. Er würde es nicht verstehen und es würde seine ‚Entwicklung‘ beeinflussen. Dad meint auch, dass er nicht will, dass alle Fragen stellen und er will auch nicht, dass mir an der alten Schule jeder Fragen zu meiner Mama stellt. Er will einen Neustart und sagt, das würde uns gut tun. Ich glaube, es wäre alles nicht so kompliziert, wenn Mama einfach einen Autounfall gehabt hätte. Autounfälle sind irgendwie normal und können halt passieren. Aber Dad hat Mama in der Wanne gefunden und mir konnte er die Wahrheit nicht verschweigen, weil ich an diesem Tag zu früh nach Hause gekommen bin und ihn im Badezimmer weinen gehört habe. Ich wollte nach Papa sehen und fragen, ob alles in Ordnung ist. Aber es war natürlich gar nichts in Ordnung. Mama hat beschlossen uns zu verlassen und irgendwie weiss keiner so richtig wieso. Dad sagt, Mama hätte immer mal wieder diese Phasen gehabt. Das hätte nichts mit uns zu tun. Wir hätten alles richtig gemacht und Mama habe uns lieb. Den gleichen Mist hat mir heute auch Frau Marvin erzählt. Ich glaube aber nicht, dass wir alles richtig gemacht haben, sonst wäre Mama ja noch da. Ich weiss nicht, ob ich traurig oder sauer sein soll. Mama kann uns doch nicht einfach allein lassen. Schon gar nicht Momo. Dad sagt, ich muss jetzt ein guter grosser Bruder sein und zusammen schaffen wir das schon. Ich finde das scheisse, dass ich Momo nicht sagen darf, dass Mama nicht mehr nach Hause kommt. Er fragt so oft nach ihr und immer wieder müssen wir so tun, als ob Mama für lange Zeit in den Ferien ist. Papa meint, wir müssen solange so tun, bis Momo sich hier eingelebt hat und dann sollen wir ihm erzählen, dass Mama einen Unfall hatte. Ich finde Lügen doof. Warum darf Momo nicht wissen, was mit Mama passiert ist? Selbstmord, hat es Frau Marvin genannt. Sie hat Selbstmord begangen. Das ist total egoistisch. Ich hasse dich Mama. Warum hast du uns das angetan?

Donnerstag 17. Juni
Wir sind jetzt schon eine Woche im neuen Haus und ich hasse es hier. Papa erlaubt Momo und mir nicht Mamas Kisten auszupacken. Er sagt, Mama möchte die Kisten bestimmt selbst auspacken, wenn sie wieder kommt. Er ist ein dreckiger Lügner. Ich musste mich so zusammenreissen, ihn nicht anzuschreien. Aber ich habe es Momo zuliebe gelassen und bin ohne etwas zu sagen in mein Zimmer. Momo gefällt es hier. Er mag die Kinder hier am neuen Ort. Die wären viel netter zu ihm und würden ihn wegen seiner Behinderung nicht auslachen. An seiner neuen Schule haben alle eine Behinderung. Die Schule ist extra für Kinder wie Momo. Papa ist froh, das Momo so schnell Freunde gefunden hat und ich bin auch froh. Er hat es verdient und ich muss ihn so weniger beschützen als vorher. Ich muss ihn auch nicht mehr von der Schule abholen. Das macht jetzt Papa mit dem Auto.  Papa hat jetzt einen Teilzeitjob, damit er mehr Zeit für Momo und mich hat. Aber wir müssen sparen, sagt er. Frau Marvin hat mir gestern erklärt, dass Papa nun mehr Zulagen bekommt. Wieso genau habe ich nicht verstanden, aber es hat etwas mit Mamas Tod zu tun. Frau Marvin redet ständig über Mama. Das nervt. Ich will nicht über Mama reden auch wenn sie sagt, dass mir das helfen würde, den tragischen Tod zu verarbeiten und auch die Bilder in meinem Kopf. Ich habe keine Ahnung wovon sie redet. Mama hat uns verlassen, weil sie es wollte. Daran ist nichts tragisch. Das ist feige und gemein. Sie hat so friedlich ausgesehen in der Wanne. Als ob sie glücklich ist, dass sie uns endlich losgeworden ist. Ich glaube, Mama hat uns nie wirklich geliebt. Ich würde so etwas niemanden antun, den ich liebe. Ich hasse dich Mama. Du bist so eine Verräterin.

Samstag 19. Juni
Die erste Woche an der neuen Schule ist vorbei. Ich hasse die neue Schule. Die anderen Jungs finden mich komisch, weil ich jeden Tag nach dem Unterricht zu Frau Marvin muss. Die haben mich auch gefragt, warum ich zur Schulpsychologin muss. Als ich gesagt habe, dass ich nicht darüber reden darf, weil mein Papa das nicht will, haben sie mich ausgelacht. Wir haben uns geprügelt und ich musste mit Tom in der grossen Pause nachsitzen deswegen. Tom ist der Anführer der Gruppe, die auf mich losgegangen ist. Die anderen standen nur daneben, als wir uns geboxt haben und haben Tom angefeuert. Ich habe seine Nase blutig geschlagen und er hat mir fast den Arm gebrochen. Aber es tut nicht mehr so weh. Papa wäre es nicht mal aufgefallen, dass ich mich geprügelt habe, hätte Frau Marvin ihn Freitagabend nicht angerufen. Sie muss sich immer in alles einmischen, als wäre sie meine neue Mutter. Sonntag will sie sogar vorbeikommen auf einen Kaffee und Kuchen. Papa findet das eine gute Idee. Ich nicht. Am Sonntag will Frau Marvin auch Momo kennenlernen und mit ihm über Mama reden und das obwohl Momo doch gar nicht weiss, dass Mama tot ist. So langsam habe ich das Gefühl, dass sie sich in unser Leben einmischen will. Ich habe keinen Bock mehr zur Schulpsychologin zu gehen. Ich will hier weg und zurück nach Hause. Ich vermisse meine Freunde und meine alte Schule. Dort war alles okay und hier ist irgendwie nichts okay. Aber ich sage nichts,  Momo zu liebe. Er liebt sein neues Zimmer und in diesem Haus kann er sogar alleine auf die Toilette gehen, weil es Rollstuhlkonform ist, nicht so wie in unserem alten Haus. Da hat ihm Mama immer geholfen oder ich. Am Montag geht Momo in die Therapie, sie wollen versuchen ihm das Laufen beizubringen. Ich darf sogar mitgehen auch wenn das bedeutet, dass ich die erste Schulstunde verpasse.

Sonntag 20. Juni
Frau Marvin war heute da. Papa hat für sie sogar tatsächlich Kuchen geholt. Aber irgendwie war das Treffen komisch. Zuerst sassen wir zu viert am Tisch und haben Kuchen gegessen und geredet. Natürlich über die Schule und Frau Marvin hat nochmals meine Prügelei mit Tom angesprochen und gemeint, es wäre sinnvoll, wenn Tom und ich gemeinsam nach dem Unterricht zu ihr kommen würden, um darüber zu reden. Ich will aber nicht mit Tom reden und überhaupt will ich nicht mehr zu Frau Marvin in die Sprechstunde gehen, aber ich habe nichts gesagt. Papa war einverstanden mit dem Vorschlag. Also war es beschlossen. Wahrscheinlich hasst mich Tom danach noch mehr als jetzt. Das ist so peinlich. Ich fühle mich wie ein Psycho. Nach dem Kuchenessen hat Momo Frau Marvin sein Zimmer gezeigt und die beiden haben geredet. Die Tür haben sie zugemacht, damit weder Papa noch ich mithören konnten. Ich war schon neugierig, was Frau Marvin mit Momo zu bereden hatte. Schliesslich redet sie immer nur über Mama und ihren Selbstmord und Momo soll ja gar nicht wissen, dass Mama tot ist. Das Gespräch ging voll lange. Ich habe zusammen mit Papa Fussball geschaut und danach noch eine Folge Simpsons. Als Frau Marvin dann aus Momos Zimmer gekommen ist, sah sie bleich aus und irgendwie verwirrt. Sie hatte einen ganz komischen Gesichtsausdruck und als Papa mit ihr nochmal reden wollte, sagte sie, sie müsse nach Hause, würde aber gerne wieder einmal vorbeikommen. Vielleicht ist ihr der Kuchen nicht so gut bekommen. Papa hat sich danach auch seltsam verhalten und war den ganzen Tag in seinem Büro und hat telefoniert. Irgendwie habe ich ein ungutes Gefühl. Vielleicht stimmt etwas mit Momo nicht. Später am Abend hat Papa Momo und mich gefragt, ob wir uns eine Pizza bestellen wollen. Dann haben wir uns zusammen einen Actionfilm angeschaut. Die Hard 4. Papa hat zwischendurch immer wieder angefangen zu weinen und als ich ihn gefragt habe, ob alles in Ordnung ist, hat er nur gesagt, dass es an den Zwiebeln auf der Thunfischpizza liegt. Die verträgt er anscheinend nicht so gut. Nach dem Film hat Papa Momo ins Bett gebracht und als er dann in mein Zimmer gekommen ist, um mir eine gute Nacht zu wünschen, meinte er, wir sollten nun jeden Sonntag einen Filmabend zusammen machen. Er würde das schön finden mit seinen Söhnen den Abend auf dem Sofa ausklingen zu lassen. Ich habe zugestimmt, auch wenn mir immer noch Sorgen mache, ob mit Momo etwas nicht stimmt.

Montag 21. Juni
Ich war heute mit Momo in der Therapie. Das war voll cool. Die Ärzte haben sich gut um Momo gekümmert und er hat es sogar geschafft auf dem Laufband ein paar Schritte zu gehen. Die Krankenschwestern haben Momo einen Gürtel umgeschnallt und ihn dann an einem Gerüst festgemacht, weil seine Muskeln noch nicht stark genug sind, um sein Gewicht zu halten. Der eine Arzt hat mir alles ganz genau erklärt. Er hat sogar gesagt, dass Momos Operation vor zwei Monaten so gut verlaufen ist, dass er sogar wieder Gefühl in den Beinen und im Unterleib hat. Das wäre jetzt nicht mehr alles so taub wie vorher. Momo laufen zu sehen, war lustig, weil er sich so tollpatschig dabei angestellt hat. Er hat sogar die Augen zusammen gekniffen und AUA gesagt, als ich ihm in den Oberschenkel gezwickt hab. Das hat er sonst nie gemacht, weil er nichts gespürt hat. Wir haben viel gelacht und auch Papa ging es wieder besser. In der Schule war es heute auch nicht so schlimm. Frau Marvin hat Tom in der grossen Pause auf die Seite gezogen und ihm gesagt, dass er nach dem Unterricht zu ihr kommen soll. Tom wusste, dass ich Schuld daran bin und deswegen hat er mich auf dem ganzen Pausenhof gesucht, um mir eine reinzuhauen, aber ich habe mich auf der Schultoilette versteckt und Gameboy gespielt. Nach dem Unterricht ist er dann wirklich zu Frau Marvin in die Sprechstunde gekommen und sie hat ihm erklärt, dass meine Mutter Selbstmord begangen hat. Tom war ganz geschockt. Frau Marvin meinte dann auch, dass es wichtig für mich wäre, einen Freund hier zu haben, weil der Verlust schwer für mich zu verarbeiten ist. Ich habe nichts gesagt, irgendwie war mir das peinlich. Tom hat auch nicht viel gesagt. Wir haben uns nur angesehen und Frau Marvin hat die ganze Zeit geredet und uns einen Vortrag gehalten, dass Gewalt keine Lösung ist. Als sie dann fertig war, hat sie von uns verlangt, dass wir uns die Hände geben und das Kriegsbeil begraben. Tom hat mich danach gefragt, ob ich Lust habe mit ihm Playstation zu spielen. Ich habe Papa eine SMS geschrieben, dass ich bei Tom bin und wir sind dann zu ihm nach Hause. Wir haben nicht viel miteinander geredet, dafür haben wir viel Fifa gespielt. Tom ist eigentlich ganz nett. Er meinte auch zu mir, dass er mich seinen Kumpels vorstellt und es OK wäre, dass ich nicht so viel rede. Seine Mama hat uns Kekse und Milch vorbeigebracht. Das war schön. Seine Mama ist total nett, sie hat mich auch nach Hause gefahren. Es ist schon spät und ich muss an Mama denken, wie sie friedlich in der Badewanne gelegen hat. Manchmal frage ich mich, ob es ihr leid getan hat uns zu verlassen. Frau Marvin sagt, ich solle nicht darüber nachdenken. Mama hätte uns geliebt. Im Internet habe ich gelesen, dass Menschen die Selbstmord machen einen Abschiedsbrief hinterlassen. Ich traue mich nicht, Papa danach zu fragen. Vielleicht frage ich ihn morgen. Gute Nacht.

Donnerstag 24. Juni
Momo hat heute beim Abendessen nach Mama gefragt. Er wollte Mama anrufen und fragen, ob es ihr gut geht. Er hat es sogar versucht und war überrascht, als es in Papas Schlafzimmer angefangen hat zu klingeln. Papa hat Momo dann erklärt, dass Mama ihr Handy zu Hause vergessen hat und dort, wo sie ist, keinen Zugang zu einem Telefon hat. Ich musste mich so zusammenreissen, nichts zu sagen. Ich hätte Papa so gerne angeschrien. Jeden Tag müssen wir Momo anlügen. Ich finde das nicht fair. Er ist doch mein kleiner Bruder! Momo war traurig, weil er bisher immer Mama anrufen konnte, wenn sie im Urlaub oder bei der Arbeit war. Papa hat ihn getröstet und gesagt, dass es ihr bestimmt gut geht und sie bald nach Hause kommt. Nach dem Abendessen habe ich zusammen mit Momo noch eine Folge Simpsons geschaut, während Papa die Küche aufgeräumt hat. Als die Luft rein war, hat mich Momo gefragt, warum es Orte gibt, die kein Telefon haben. Ich wusste darauf keine Antwort und wollte Momo nicht anlügen, also habe ich einfach nichts gesagt. Wir haben die Folge noch zu Ende geschaut und ich habe Momo ins Bett gebracht, weil Papa zu irgendeinem dringenden Treffen musste. Als ich Momo zugedeckt habe, hat er angefangen zu weinen und gesagt, dass er Angst hat. Ich habe ihn gefragt, wieso er Angst hat. Er hat mich nur lange angesehen und gefragt, ob ich keine Angst habe. Ich habe mit dem Kopf geschüttelt und gesagt, dass alles in Ordnung ist. Ich glaube, Momo weiss, dass etwas nicht stimmt. Ich will ein guter grosser Bruder sein, aber ich weiss nicht, was ich machen soll. Mit Mama wäre alles viel einfacher. Sie hat uns in Stich gelassen.

Freitag 25. Juni
In der Schule läuft es richtig gut. Toms Freunde sind ganz nett und wir haben heute in der grossen Pause mit Pokemonkarten gespielt. Ich war gar nicht so schlecht und alle sind neidisch auf mein Tauboss. Tom und ich haben die ganze Woche jeden Tag nach der Schule Fifa gespielt und er begleitet mich sogar zu den Terminen mit Frau Marvin. Normalerweise sind die Gespräche mit Frau Marvin langweilig, aber heute ging es um Momo. Sie hat mich gefragt, wie es Momo geht und wie unsere Abendroutine aussieht. Ich habe ihr erzählt, dass wir immer zusammen Abendessen und nachher noch Simpsons schauen und dass es Momo gut geht. Frau Marvin war ganz komisch heute und auch ihre Fragen waren merkwürdig. Sie fragte mich, ob Momo ruhiger geworden ist, seit Mama weg ist und ob er immer noch diese Albträume hat. Ich wusste nichts von Albträumen. Momo hat mir nichts erzählt. Also habe ich ihr gesagt, dass alles in Ordnung ist. Ich wollte nicht, dass Frau Marvin weiss, dass Momo gestern nach Mama gefragt hat. Auch Tom ist aufgefallen, dass Frau Marvin heute komisch war. Er meinte dann zu mir, dass sie wahrscheinlich ihre Frauentage hat und sich deswegen so seltsam benimmt. Wir haben uns auf dem Heimweg über Frau Marvin lustig gemacht, aber irgendwie fühle ich mich schlecht, dass ich ihr nichts erzählt habe. Ich war einfach so wütend, weil sie gesagt hat, dass sie Papa seit zwei Tagen versucht zu erreichen und es wichtig ist, dass wir uns nochmal treffen. Ich will aber nicht, dass sie nochmal vorbeikommt und sich in unser Leben einmischt.
Papa hat Tom zum Abendessen eingeladen und es gab Chicken Nuggets mit Pommes. Ich habe keine Playstation zu Hause, also haben wir uns zu viert vor den Fernseher gesetzt und einen Zombiefilm angeschaut für den Momo eigentlich noch zu jung ist, aber Papa hat gesagt dass er ein Auge zudrückt. Momo war den ganzen Abend ungewöhnlich still und als Tom nach Hause gegangen ist, hat er mich leise gefragt, ob ich heute bei ihm im Zimmer schlafen kann. Wahrscheinlich hat Momo wieder Albträume, so wie es Frau Marvin gesagt hat. Ich wollte bei Momo schlafen, aber Papa meinte, er würde sich um Momo kümmern, weil es seine Schuld ist, dass Momo heute nicht alleine schlafen will. Er hätte ihn den Film nicht anschauen lassen dürfen.

Samstag 26. Juni
Momo geht es gar nicht gut. Papa hat ihn heute Morgen ins Krankenhaus gefahren und ich mache mir Sorgen. Mitten in der Nacht bin ich aufgewacht, weil Momo so geschrien hat. Ich hatte Angst und wollte nach Momo sehen, obwohl ich wusste, dass Papa bei ihm ist. Als ich Momos Zimmertür aufgemacht habe, habe ich Papa neben Momos Bett stehen sehen. Beide waren verschwitzt und Momo hat geweint, sein ganzes Gesicht war ganz rot. Ich habe Papa gefragt, ob alles in Ordnung ist. Papa war ganz panisch, als er mich bemerkt hat. Ich wollte zu Momo und ihn trösten, aber Papa hat mich an der Schulter gepackt und aus dem Zimmer gestossen. Dann hat er mir erklärt, dass Momo starkes Fieber hat und er nicht will, dass ich mich anstecke. Ich bin Papa ins Bad gefolgt und habe zugesehen, wie er  ein paar Handtücher aus dem Schrank genommen und nass gemacht hat. Ich wollte helfen, aber Papa hat mich wieder ins Bett geschickt und meine Zimmertür abgeschlossen. Er hat gesagt, das wäre zu meiner Sicherheit. Später habe ich gehört, wie die Dusche im Bad angegangen ist. Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen und musste immer wieder an Frau Marvin denken. Ich hätte nicht lügen dürfen. Vielleicht würde es Momo nicht so schlecht gehen, wenn ich ihr die Wahrheit gesagt hätte. Es tut mir so leid Momo, ich hoffe du kommst bald zurück.

Ich war gerade bei Tom zuhause und wir haben Fifa gespielt. Seine Mama hat uns wieder Kekse gebracht und mich gefragt, ob ich keinen Hunger habe, weil ich keinen essen wollte. Also habe ich trotzdem einen gegessen, sonst hätte ich ihr das mit Momo erzählen müssen. Auf dem Nachhauseweg bin ich an Frau Marvins Haus vorbeigelaufen. Ich habe sie im Garten gesehen mit ihrem Mann. Sie haben so glücklich ausgesehen und Frau Marvin hat viel gelacht. In der Schule sehe ich sie nie lachen. Vielleicht mag sie keine Kinder. Ich habe mich nicht getraut, zu klingeln. Ich wollte nicht stören.

Sonntag 27. Juni
Papa hat gesagt, dass wir am Montag Momo im Krankenhaus besuchen gehen. Ich freue mich ihn bald wiederzusehen. Wir waren heute den ganzen Tag im Zoo und haben uns die Löwen angeschaut. Ich habe Papa erzählt, dass Frau Marvin mit ihm sprechen möchte und habe ihn gefragt, wieso er sich nicht bei ihr gemeldet hat. Er hat wieder angefangen zu schwitzen und gesagt, dass ihm das gerade alles zu viel ist und wir das alleine auch schaffen. Er möchte nicht ständig mit Frau Marvin über Mama reden. Er meint, über Mama zu reden, würde uns nicht gut tun. Dann hat er mir auch erzählt, dass wir bald umziehen werden, weil er den Ärzten hier nicht traut und es wo anders bessere Ärzte für Momo geben würde. Ich will aber nicht schon wieder umziehen, wir sind schon so oft umgezogen. Aber ich habe nichts gesagt.
Am Abend hat Papa Pizza bestellt und wir haben uns zusammen einen Film angesehen. Papa hat wieder geweint, obwohl der Film gar nicht traurig war. Irgendwann hat Papa seine Hand auf mein Bein gelegt und es gestreichelt, das hat er sonst immer nur bei Mama gemacht. Ich glaube, er vermisst sie sehr. Irgendwie habe ich mich nicht wohl gefühlt, aber ich habe mich nicht getraut etwas zu sagen. Nach dem Film haben wir uns noch einen angesehen und ich bin dabei eingeschlafen. Papa hat mich ins Bett gelegt und als ich aufgewacht bin, lag er neben mir und hat geschlafen. Ich bin leise aufgestanden und habe mich in Momos Zimmer geschlichen, aber als ich mich in sein Bett legen wollte, waren dort überall grosse Flecken auf der Matratze. Papa ist mir gefolgt und ich habe mich erschrocken, als er plötzlich hinter mir stand. Er hat gefragt, was ich hier mache und als ich nichts gesagt habe, hat er gesagt, dass ich mir keine Sorgen machen soll und alles gut wird. Dann hat er die Dusche im Bad angemacht und wollte, dass ich mich wasche, weil er nicht will, dass ich mich bei Momo anstecke, weil ich in seinem Zimmer gewesen bin. Er hat sich mit mir unter die Dusche gestellt und angefangen mich zu waschen, obwohl ich gesagt habe, dass ich das alleine kann. Er meinte aber, er wolle auf Nummer sicher gehen. Als ich sauber war, hat er mich in mein Zimmer gebracht und die Tür abgeschlossen, damit ich nicht wieder in Momos Zimmer gehe. Papa verhält sich ganz komisch. Ich höre ihn vor meiner Tür weinen. Ich muss die ganze Zeit an Momo denken und fühle mich schuldig. Ich hätte ihn nicht anlügen dürfen. Ich war ihm kein guter grosser Bruder. Ich wünschte Mama wäre hier. Sie hat so glücklich ausgesehen in der Wanne. Aber sie ist feige, so feige. Sie hat uns im Stich gelassen. Ich darf nicht feige sein. Ich muss Frau Marvin die Wahrheit sagen.

Liebes Tagebuch
Wir sind umgezogen und es ist alles in Ordnung. Uns geht es gut.

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