EigenartigesGeisterKurzMicroPsychologischer HorrorTraum

Niemandsblick

Lemberg, 1912

Achtung: Verstörender Inhalt

Bitte beachte, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung oder Drogenkonsum. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die Angst oder Unbehagen erzeugen sollen. Wir empfehlen dir, diesen Text nicht zu lesen, wenn er dich belasten könnte.

Wie frisch polierte Spiegel glänzten die Backsteine im Laternenlicht, sobald sie der Regen nass machte, dachte ich und vergewisserte mich, dass ich an diesem Tage die festen Schuhe trug – ein Umstand, der mir, meiner Meinung nach, zur Ehre gereichte und mir eine stille Genugtuung über meine weise Voraussicht verschaffte. Das Wasser erkämpfte sich seinen Weg zwischen den Backsteinen und mündete in eine der Pfützen, die längst zu kleinen Seen geworden waren. Ich widmete mich diesem Schauspiel, bis ich vergessen hatte, was ich eigentlich im Sinne gehabt hatte – in jener Stadt, die mir die Welt bedeutete. Wie ich sie liebte. Trotz des Regens, oder vielleicht gerade seinetwegen. Die Stadt hatte etwas Tragisch-Schönes, Wehmütig-Verführerisches; als Melancholiker war man hier gut aufgehoben. Die einbrechende Dunkelheit entsättigte die Farben, bis sie einzig in meiner Erinnerung fortexistierten. »Schwarz-weiß steht ihr ohnehin am besten«, murmelte ich. Erst jetzt gewahrte ich, dass ich allein …

Wie frisch polierte Spiegel glänzten die Backsteine im Laternenlicht, sobald sie der Regen nass machte, dachte ich und vergewisserte mich, dass ich an diesem Tage die festen Schuhe trug – ein Umstand, der mir, meiner Meinung nach, zur Ehre gereichte und mir eine stille Genugtuung über meine weise Voraussicht verschaffte.

Das Wasser erkämpfte sich seinen Weg zwischen den Backsteinen und mündete in eine der Pfützen, die längst zu kleinen Seen geworden waren. Ich widmete mich diesem Schauspiel, bis ich vergessen hatte, was ich eigentlich im Sinne gehabt hatte – in jener Stadt, die mir die Welt bedeutete. Wie ich sie liebte. Trotz des Regens, oder vielleicht gerade seinetwegen.

Die Stadt hatte etwas Tragisch-Schönes, Wehmütig-Verführerisches; als Melancholiker war man hier gut aufgehoben. Die einbrechende Dunkelheit entsättigte die Farben, bis sie einzig in meiner Erinnerung fortexistierten. »Schwarz-weiß steht ihr ohnehin am besten«, murmelte ich.

Erst jetzt gewahrte ich, dass ich allein auf der Straße war. Mit den Backsteinen, den Laternen, dem Regen. Gemeinsam verschmolzen sie zu einem expressionistischen Bilde, das van Gogh nicht schöner hätte in Szene setzen können. Der Anblick stach, angenehm, und drückte mir einige Tränen aus den Augen, die der Regen sogleich verschluckte. In diesem Augenblicke war ich ganz allein auf dieser Welt, und es war gut so.

Langsam schob sich etwas in das Gemälde. Ein Regenschirm. Ich hielt die Luft an. Unter dem Schirme wurde ein weißes Gesicht offenbar, unaufhaltsam näherkommend. Am liebsten wäre ich geflohen, doch meine Beine waren wie festgefroren. Noch ein paar Meter, dann hat es mich! In diesem Augenblicke war ich der festen Überzeugung, niemals etwas Hässlicheres geschaut zu haben.

Mir blieb keine andere Wahl, als über mich ergehen zu lassen, was da kommen mochte. Die Angst hatte mich in eine Starre versetzt, die man mir freilich nicht ansah. Als das Gesicht vorbeihuschte, streichelte mich ein eiskalter Hauch. Es sah mich an, und ich sah zurück und vermochte weder wegzusehen noch zu widerstehen. Erst als das Leben in meine Glieder zurückkehrte, wagte ich mich zu regen. Erleichtert stellte ich fest, dass ich wieder allein war – obgleich Erleichterung kaum das rechte Wort war. Es war eher ein Nachlassen der Starre, wie ein Eis, das langsam Risse bekommt, ohne zu brechen.

Ich bog um die Ecke, stützte mich keuchend an einer Mauer ab, die sich unter meinen Fingern feucht und kalt anfühlte, als hätte die Stadt Fieber. Ich schloss die Augen und versuchte, das Gesicht zu rekonstruieren. Doch je angestrengter ich mich seiner erinnerte, desto weniger vermochte ich es zu greifen. Nur die Augen blieben. Nicht ihre Farbe, nicht ihre Form. Sondern das, was sie mir gesagt hatten, ohne ein Wort. Und ich hatte es verstanden. Und ich hatte es geglaubt.

Ich lief durch die nassen Gassen, an der Oper vorüber, an den Kaffeehäusern, die bereits geschlossen hatten. Lemberg schlief schon, oder tat wenigstens so. Die Pfützen auf dem Backsteinpflaster spiegleten die Gaslaternen, und so oft ich hinabblickte, tat ich es flugs wieder, denn ich hegte den hartnäckigen Verdacht, dass die Spiegelungen nicht stimmten. Nicht, dass ich etwas gesehen hätte – im Gegenteil. Die Bilder waren zu scharf, zu klar. Als ob das Wasser nicht die Stadt spiegelte, sondern sich an etwas anderes erinnerte.

In meiner Wohnung angelangt, stolperte ich die Treppe hinauf und sank aufs Bett, ohne mir die nassen Sachen vom Leibe zu schaffen. Mein Blick fiel auf das Manuskript, das auf dem Schreibtische lag, halbfertig, seit Wochen halbfertig. Drei Kurzgeschichten hatte ich veröffentlicht. Mein Verleger hatte mir eine großartige Zukunft attestiert. Und was hatte ich daraus gemacht? Seit Wochen trank ich, prahlte und prasste bei den Damen und Dirnen, als wäre ich ein Mann von zwanzig Sommern, der da glaubt, die Welt sei ein Souper, das nur darauf wartet, von ihm verspeist zu werden.

Schließlich entschlummerte ich, ohne es zu wollen, und träumte von einer Stadt im Regen, in der alle Gesichter leer waren. Ein Mann lief durch die Gassen und suchte händeringend die Seinen, doch ein jeder, den er ansprach, wandte sich ab.

Am Morgen erwachte ich mit einem Entschluss, so klar wie das Licht, das durch die Vorhänge brach. Gesät worden war er Monate zuvor, als der Vater starb, die Gelder dahinschmolzen und der Verleger mir anriet, mir eine ruhige Stätte zu suchen, um das zu werden, was ich zu sein vorgab. Doch erst in dieser Nacht war der Same aufgegangen. Denn erst jetzt begriff ich, dass Lemberg mich nicht losließ, weil ich es nicht losließ. Die Stadt war eine Geliebte, der man nicht entkommt – nicht weil sie einen festhält, sondern weil man nicht gehen will.

Bis jetzt.

Ich erhob mich, legte die nassen Kleider ab und setzte mich an den Schreibtisch. Unter das unfertige Manuskript schrieb ich mit entschlossener Hand:

Es war im Frühjahr 1912, da ich mich ausgelaugt vom tollen Treiben der Großstadt nach einem Rückzugsort sehnte.

Dann stand ich auf, holte die Koffer aus dem Schranke und begann zu packen.

 

*  *  *

Wenn euch diese kleine Geschichte gefallen hat — wenn sie euch etwas bewegt, verwirrt oder vielleicht nur neugierig gemacht hat —, dann begleitet Leopold Stanislaus doch ein Stück weiter auf seinem Weg. Er weiß noch nicht, was ihn erwartet. Er weiß nur, dass er gehen muss. Was er findet, ist etwas, das er sich nie hätte vorstellen können, und das ihn doch, so fürchte ich, nie wieder loslassen wird.

 

Caltwasser — eine historische Gruselnovelle. Karpaten, 1912. Verfügbar als Kindle und Taschenbuch.

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(Diese Kurzgeschichte ist nicht Teil der Novelle. Sie ist viele Jahre vorher entstanden, und zwar 2012 in L’viv/Lemberg.)

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