
Bitte beachte, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung oder Drogenkonsum. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die Angst oder Unbehagen erzeugen sollen. Wir empfehlen dir, diesen Text nicht zu lesen, wenn er dich belasten könnte.
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Nimmer aus Albträumen erwacht
„Mutter!“, kreischte Wendy aus ihrem Albtraum erwachend. Schweiß gebadet atmete sie hektisch, indes ihre Augen panisch hin und her zuckten, ohne die Umgebung richtig wahrzunehmen.
Es dauerte einige Sekunden, ehe das Bewusstsein in ihren Verstand sickerte, dass sie einen Albtraum, gegen einen anderen getauscht hatte.
Was …, dachte sie, traute sich aber nicht, den Gedanken auszuformulieren, aus Angst, ihrer Befürchtung damit Stofflichkeit zu geben, die wildesten Fantasien, die ihrem Geist in diesem Moment entsprangen, die Tür zur Realität zu öffnen.
Dabei war es dafür unlängst zu spät, ließ sich ihre gegenwärtige Situation doch selbst unter optimistischster Betrachtung nicht leugnen.
Die Haare, die ihr feucht und fettig ins Gesicht hingen, die unerträgliche Hitze, die ihren Körper malträtierte, der staubtrockene Mund und ihre schmerzenden Glieder, erschöpft vom Kampf gegen die Vegetation. Und aufgrund ihrer Flucht …
Dem nicht genug, scheuerte ein festgezurrtes Seil ihre freiliegenden Arme auf, drückte ihr die Luft ab, weil es um ihre Brust geschnürt worden war, und peinigte ihren Rücken sowie ihre Schulterblätter, da diese gegen etwas Hartes, Abgerundetes gepresst wurden. Wenn sie es nicht besser gewusst hätte …
Sie kam nicht dazu, ihre Analyse abzuschließen. „Bist‘ also endlich erwacht, heh?“, brummte neben ihr eine dunkle, kratzige Stimme.
Wendy stockte der Atem, ihr Herz setzte einen Moment aus, Tränen stiegen ihr in die Augen. Sie wusste nicht, wer da sprach, nur, dass sie die Stimme nicht erkannte. Es interessierte sie auch nicht. Sie wollte nur nach Hause. Sich in ihr Bett kuscheln und nie wieder unter der Decke hervorgekrochen kommen.
Aber dieser Wunsch wurde ihr nicht gewährt.
Ein Stöhnen ertönte, als die Person sich schwerfällig aufrichtete. Einem schweren stapfender Schritt auf den Planken, folgte ein hölzernes Klonk. Schritt, Klonk, Schritt, Klonk. Und dann stand er vor ihr.
Großgewachsen, an die ein Meter neunzig. Eine kräftige Statur spannte sich unter zerfledderter Kleidung. Ein gelbliches Hemd, das einst weiß gewesen sein mochte, ein dunkelroter Mantel, zerrissen und fleckig, schwere, schwarze Lederstiefel, dessen Material hoffnungslos zerrieben und abgescheuert war. Auf dem Haupt trug er einen knittrigen, breiten Hut, der seine besten Tage lang hinter sich hatte. An einem, um die Hüfte geschnallten Waffengurt, trug er einen Degen.
Den Mann selbst hatte der Zahn der Zeit um ein Vielfaches mehr gezeichnet. Vom Wetter gegerbte, faltige Haut, welche unzählige Narben durchzogen. Seine linke Hand und sein linkes Bein fehlten. An ihrer statt trug er einen metallenen, grobschlächtigen Haken sowie ein hölzernes Steckbein. Ungepflegte, wild wachsende Haare auf dem Kopf und im Gesicht. Aufblitzende, faulige Zähne, die ein schiefes Grinsen zeichnen. Und wässrig aufgequollene Augen, welche ihr trotz ihres eindeutigen Alters, wach und stählern entgegenstierten.
„Wie lautet dein Name, Mädel?“, verlangte die Gestalt, zu wissen.
Da ihr warmer, nach Alkohol und etwas anderem, fauligen stickender Atem entgegenschlug, drehte Wendys ohnehin abgekämpfter Magen sich um, weswegen sie sich nicht in der Lage sah, ein Wort hervorzubringen.
Ihre Übelkeit interpretierte ihr Gegenüber offenbar als Ablehnung. Seine Hand schnellte vor, seine Finger packten unangenehm ihre Wangen und drückten so eisern zu, dass sie bei den explodierenden Schmerzen fürchtete, er könnte ihr einige Zähne mit roher Gewalt herausbrechen.
Er brachte sein Gesicht nahe an ihres und knurrte bedrohlich: „Dein Name!“
„W-W-Wendy!“, presste sie mit unter Tränen hervor.
Mit ihrer Antwort zufrieden, ließ er sie los, trat einen Schritt und breitete die Arme aus. „Dann sei Willkommen, teure Wendy, auf meinem Schiff, der Jolly Roger.“ Er verbeugte sich theatralisch, oder versuchte es zumindest, da sein abgehalfterter Körper die Bewegung offenbar nicht mitzumachen bereit war. „Gestatten“, fuhr er fort. „Ich bin der Käpt’n dieses edlen Gefährts: Hook der Name.“ Er legte wieder ein schiefes Grinsen auf. „Also, teure Wendy, was führt dich hierher, in dieses verwunschene Land, das zusammen mit seinen Bewohnern, nimmer nimmer sein Ende findet?“
Die Angesprochene schluckte. Wenn sie es nur wüsste …
Wenn sie nur wüsste, an welcher Abzweigung in ihrem Leben, sie die falsche Richtung eingeschlagen hat, um auf dieser gottverlassenen Insel zu landen.
Nimmer nach Hause zurückgekehrt
„Da vorn ist es!“
„Bei Gott! Es ist wunderschön. Seht nur, Kinder!“
Die Kinder sahen und staunten, zumindest nahm Wendy das an, indes ihr eigener Verstand nur langsam auf Touren kam. Sie versuchte ihre verschwommene Sicht wegzublinzeln, nur um die Augen gleich wieder fest zuzukneifen, da das Sonnenlicht sie gleißend blendete. Nicht nur das, der Himmelskörper brannte so intensiv von oben hernieder, dass automatisch in ihr der drängende Wunsch erwachte, sich einen dunklen Keller zum Verkriechen zu suchen.
Aber dazu wurde ihr keine Gelegenheit geboten. Stattdessen bellte es neben ihr aufgeregt und eine feuchte Zunge schlabberte über ihre Arme, welche sie schützend vor ihr Gesicht gelegt hatte. Sie bedeutete ihr: Nun steh‘ schon auf! Steh‘ auf und sieh!
„Nana!“, fluchte die junge Frau. „Lass das!“ Aber ihr Versuch, die knapp dreißig Kilo schwere Hündin von sich wegzuschieben, blieb erfolglos. Der hartnäckige Griff in das zottlige Fell bedeutete dieser dennoch, sie zumindest nicht mehr zu beharken, sondern stattdessen nur direkt in ihr Gesicht hechelnd, geduldig darauf zu warten, dass das Menschlein endlich so weit war, die allgemeine Euphorie zu teilen.
Wendy richtete sich auf, blinzelte noch ein paar Mal und stellte irritiert fest, dass unter ihr das wogende Meer dahin schwappte. „Was zum …?“, murmelte sie und rieb sich die Augen, nur um sicherzugehen, dass sie nicht träumte.
„Na Schlafmütze, auch endlich wach?“, sprach sie ihre Mutter vom Cockpit des Motorbootes aus an. Sie war die Einzige, die ihr in diesem Moment Aufmerksamkeit widmete. Der Rest der Familie schaute geradeaus, auf das Eiland, auf das sie direkt zusteuerten. Selbst Nala hatte sich dem wieder zugewendet.
„Wo … wo sind wir?“, fragte die junge Frau, deren Verstand weiterhin aufzuholen versuchte. Aber wie sie ihn auch um Erinnerungen bemühte, er weigerte sich strikt, ihr etwas Brauchbares mitzuteilen.
„Wo wir sind?“ Ihre Mutter zeigte sich ähnlich verwirrt, wenngleich aus anderem Grund. „Schätzchen, geht es dir gut? Ich habe dir gesagt, du solltest dich lieber nicht in die Sonne legen.“
„Nein ich …“ Sie schüttelte den Kopf, wie um sich selbst zu überzeugen. Einen Sonnenstich hatte sie garantiert nicht bekommen. Selbst bei bewölktem Himmel und milderem Wetter, hätte sie keine Ahnung, was hier gespielt wurde.
Ehe ihre Mutter zu einer Erwiderung kam, bedeutete ihr Ehemann ihr, dass etwas am Boot zu erledigen sei. Die Prioritäten berücksichtigend, leistete sie sogleich Folge.
Da sie keine Lust verspürte, für weitere Aufregung zu sorgen, indem sie sich nach dem aktuellen Stand der Dinge erkundigte, fischte Wendy stattdessen ihr Smartphone aus der Hosentasche, öffnete den Chat mit ihrer besten Freundin und überflog die letzten Nachrichten. Was ihre Augen erkundeten, ließ sie diese immer weiter aufreißen.
Wie Eiswasser rann die Gewissheit durch ihren Verstand, dass sie sich nur episodenhaft an die Ereignisse erinnerte, die sich aus dem Kontext der ausgetauschten Mitteilungen ergaben. Und alles ließ sich zurückführen auf diesen einen Tag.
Wie ein Mahnmal prangte sie da, die Nachricht, mit der ihre Amnesie – von etwas anderem, versuchte sie erst gar nicht sich zu überzeugen – ihren Anfang genommen hat.
„Hey Süße, K. hat was Neues ran bekommen. Nennt es ‚Feenstaub‘, weil es dir Flügel verleihen soll – weißt schon, wie in der Werbung; nur besser ;). Lust auf ‘ne Probe?“
Natürlich hatte sie, blauäugig wie sie war, Interesse gezeigt. Dazu brauchte sie nicht einmal die folgenden Nachrichten zu lesen, sie kannte ihre eigene Willensschwäche genug. Und warum nicht? K. alias Kenny, hatte nie hartes Zeug, immer nur harmloses, das zwar eine Zeit lang Spaß, aber nicht dauerhaft abhängig machte.
Den Bildern nach zu urteilen, hatten sie ein unterhaltsames Wochenende. Schade, dass sie kaum etwas davon wiedererkannte …
Das schwarze Loch, dass die Woche danach für sie darstellte, rechtfertigte es jedenfalls nicht. Wenn ich zurück bin, werde ich ein ernstes Wort mit K. reden. Wo hat er den Scheiß nur her? Sie vertraute ihrem Mittelsmann, er hatte sie bislang nie enttäuscht, immer sein Wort gehalten, weswegen sie ihm treu blieb und sich von anderen seines Kalibers fernhielt. Aber sich nach dem Abschuss, eine Woche später auf einem Boot zusammen mit der Familie wiederfinden und keine Ahnung haben, was abgeht? Nein, das ging gar nicht.
Ehe sie sich der Realität stellte, tippte sie noch eine Botschaft an ihre Freundin. „Fuck. Bin gerade von meinem Tripp runter … oder so, keine Ahnung, was das war, hab null Erinnerung. Befinde mich mitten auf einem anderen Tripp – mit der Familie, haha. Sind scheinbar auf dem Weg zu irgendeiner Insel, keinen Blassen. Weißt du was? Hab‘ ich was erzählt?“
Sie drückte auf Absenden und wartete, ob die Nachricht direkt gelesen wurde – ihre Beste klebte 24/7 am Handy – aber die Benachrichtigung blieb aus.
Sich ein wenig wundernd, scrollte sie ein paar Zeilen nach oben. Komisch, die letzten Nachrichten waren nur noch von Wendy versendet worden und alle ungelesen. Zuletzt hatte ihre Freundin zwei Tage zuvor geantwortet.
Sie kam nicht dazu, sich weiter darüber zu wundern, da just in diesem Moment kleine Hände nach dem Bildschirm grabschten und diesen herunterdrückten. „Wendy! Wendy! Wendy! Sieh‘ mal! Wir sind fast da! Guck doch mal!“
„Michael!“, fauchte sie ihrem jüngsten Bruder entgegen und setzte schon dazu an, ihn weiter anzufahren, da kam sie unfreiwillig seiner Aufforderung nach und schaute auf. Sämtlicher Ärger sowie der Schock über ihren Gedächtnisverlust gerieten für den Moment in den Hintergrund.
Sie hatte keine Ahnung, wo sie waren, was sie hier suchten und wer ihre Eltern auf diese Schnapsidee gebracht hatte, aber sie kam nicht umhin, ihrer Mutter zuzustimmen: Es ist wunderschön. Aus der Nähe umso mehr.
Wie ein glattpolierter, glänzender Smaragd, stach das Eiland aus den Weiten des Meeres hervor. Baumkronen thronten saftig grün über einer üppigen, lebhaften Landschaft. Massive Gebirge ragten im Hintergrund gen Himmel empor. Ein strahlend weißer Strand streckte sich ihnen zu zwei Seiten entgegen, als breite er seine Arme aus, sie zu empfangen.
Ihre Familie hatte schon so manches Urlaubsresort besucht. Nichts davon kam dem Anblick, der sich ihr bot, nur im Ansatz nach.
Geistlos, da zu überwältigt, fragte sie erneut: „Wo sind wir?“
„Nimmer benannt.“
Wendy nickte nur stumpfsinnig, starrte noch einige Sekunden auf das leuchtende Juwel von einer Insel und schüttelte dann den Kopf, um sich selbst zur Räson zu rufen. „Wie bitte?“
„So hast du sie uns doch vorgestellt“, erklärte ihre Mutter. „Schon komisch. Sie als ‚nimmer benannt‘ zu bezeichnen, statt zu sagen, sie wäre nie auf einen Namen getauft worden. Klingt fast wie …“
„Die Insel, aus der Geschichte, nach der du uns getauft hast?“, hinterfragte die junge Frau und meinte damit sich, so wie ihre jüngeren Brüder Michael und John.
Die Mutter lächelte verlegen. „Zufälle gibt’s, nicht wahr?“
Nein, gab es nicht. Zumindest nicht solche. Sie wusste nicht wieso, doch der erneute Blick auf die sich näherende Insel, bescherte Wendy auf einmal eine Gänsehaut. Da kamen zu viele Zufälle zusammen. Und außerdem, was sollte das bedeuten, „sie uns vorgestellt“?
Obwohl ein Teil von ihr dagegen ankämpfte, weil sie unter allen Umständen ersuchte, ihre Eskapade von vor einer Woche zu verheimlichen, obsiegte ihre anwachsende Sorge.
„Hey Leute, ich glaube, ich habe wirklich zu viel Zeit in der Sonne verbracht … Also ernsthaft: Wo beziehungsweise wieso sind wir hier und wie sind wir überhaupt auf die Idee gekommen, herzufahren?“
Ihre Mutter, die ihre Aufmerksamkeit schon wieder dem Reiseziel gewidmet hatte, drehte sich mit besorgtem Blick um. Sie kam nicht dazu, etwas zu sagen, da sie in diesem Moment schon von ihrem Ehemann angesprochen wurde. „Schatz, übernimmst du bitte kurz. Kinder, aufs Cockpit.“ Mit letzterem Satz meinte er im Prinzip nur Michael, da John, ohne sich nur einmal umgedreht zu haben, unentwegt neben seiner Mutter stand und staunte.
Der Jüngste unternahm keinen Versuch des Widerstandes, ebenso wenig die Mutter, als sie mit dem Mann den Platz tauschte, damit dieser nach hinten zu seiner Stieftochter gelangen konnte. Ein insgesamt unsinniges Unterfangen. Ihr Boot maß keine sieben Meter und der Seegang war so ruhig, dass selbst eine leise Unterhaltung von allen Beteiligten gehört werden würde, aber darum ging es auch gar nicht.
Der Mann – leicht gebräunt, gestriegelte Frisur, ernster Blick –, kam mit festem Gang auf Wendy zu, welche schon innerlich die Augen verdrehte. Sein Gehabe nervte sie zusehends. Ihm das an den Kopf zu knallen, wagte sie aber nicht – zumindest nicht, bis sie in einem halben Jahr endlich so weit war, ausziehen zu dürfen. In Erwartung auf das Kommende verschränkte sie trotzig die Arme vor der Brust.
„Jetzt hör‘ mal zu Fräulein“, allein bei der Bezeichnung, hätte sie ihm am liebsten direkt vor die Füße gekotzt, „deine Mutter magst du vielleicht täuschen, aber mich nicht, verstanden? Ich weiß genau, was du in den letzten Monaten so getrieben hast und wie es mit dir in der letzten Woche zuging, war nicht zu übersehen. Ich habe es billigend hingenommen, weil du bald auf eigenen Füßen stehend, sowieso allein dafür verantwortlich bist, dein Leben in den Sand zu setzen. Aber das bedeutet nicht, dass ich mir von dir die wenige freie Zeit, die ich mit meiner Familie verbringen darf, verderben lasse, verstanden? Irgendwo in deinem kleingeistigen Verstand, hat sich die Idee entwickelt, einen Ausflug auf diese malerische Insel zu unternehmen. Gott weiß, woher du davon erfahren hast, aber es ist der erste gute Einfall, den du seit Langem hattest. Das du ausgerechnet jetzt deinen Rausch ausschlafen musst, passt da schon viel eher zu dir. Aber ich wiederhole mich: Ich werde. Mir. Dieses Wochenende. Nicht. Von dir. Verderben lassen. Verstanden?“
Hatte sie – er hatte es ja eindringlich hinterfragt. Und musste sich gleichzeitig schwer zusammenreißen, nicht laut loszuprusten. Merkt‘ der überhaupt, wie lächerlich er wirkt? Tat er nicht. Deshalb nickte sie nur, wie es von ihr erwartet wurde, wenngleich nur, um unnötige Diskussionen zu vermeiden.
Er nickte ebenfalls – zufrieden, offenbar. „Gut. Dann reiß dich gefälligst zusammen. Wenn es sein muss, bleib halt auf dem Boot und beschäftige dich“, er deutete auf ihr Smartphone, „mit vermeintlich wichtigeren Dingen. Mir egal.“ Damit wandte er sich ab, mimte liebender Ehemann und übernahm wieder das Steuer – im physischen Sinn. Diese Familie fuhr er auch ohne, das Boot zu leiten, auf höchster Geschwindigkeit, gegen die nächstbeste Wand.
Wie ich diesen Kerl hasse … Aber die brodelnden Emotionen waren im Angesicht der funkelnden Eintracht vor ihr, bald wieder vergessen. Indes sie ihre Familie förmlich fesselte, so dass diese von ihr quasi keine Notiz mehr nahm, manifestierte sich in ihrer Magengegend unverändert, dieses mulmige Gefühl.
„Nimmer werden wir zurückkehren“, murmelte sie, ohne sich dessen bewusst zu sein.
Nimmer dem Tod entronnen
„Ich verstehe nicht, wie niemand von diesem Paradies wissen kann“, hauchte die Mutter, auf den strahlenden, menschenverlassenen Strand blickend.
Ihr Ehemann, der soeben den Anker lichtete, erwiderte: „Wieso sollte niemand davon wissen?“
„Na, wir haben doch recherchiert und …“
„Nur weil kein Reisebüro uns etwas darüber erzählen konnte und das Eiland auf kaum einer Karte zu finden ist, spricht das noch lange nicht dafür, dass es unbekannt ist.“ Er schaute auf, musterte die Landschaft, ohne sie wirklich zu sehen, und führte weiter aus: „Gehört vermutlich irgendeinem Privaten, der sich das Recht auf Anonymität erkauft hat.“
„Aber …“
„Für den unwahrscheinlichen Fall, dass wir ihm begegnen, klären wir das schon. Wie vernünftige Leute. Wir werden nicht die Ersten sein, die ‚zufällig‘ bei einer, weiter raus führenden Bootsfahrt hier landen.“
Wie vernünftige Leute …, wiederholte Wendy gedanklich. Mit Geld also, seine Antwort auf alle Fragen.
Dennoch kam sie nicht umhin, zuzugeben, dass seine Erklärung plausibel klang – nicht, dass sie von der Thematik Ahnung hätte. Ihr Stiefvater mochte sich gelegentlich als begeisterter Seefahrer mausern, sie persönlich hatte dafür nur bedingt etwas übrig. Aber da sie sich bei der „wenigen freien Zeit“, die er mit seiner Familie zu verbringen ersuchte, zu fügen hatten, verbrachten sie mehr Zeit auf dem Meer, als ihr lieb war.
Nachdem das Boot gesichert war, zeigten sich alle Anwesenden bestrebt auf den Landgang. Nun … fast alle.
„Was ist los, Nana?“, fragte Wendy, sich zu der Hündin kniend. Diese schenkte ihr keine Beachtung, sondern starrte unverwandt der Insel entgegen. Die geteilte Hochstimmung der anderen, vermittelte sie nicht länger, dafür übermäßige Achtsamkeit.
„So bekommen wir dich doch nie vom Boot“, murmelte sie mehr zu sich selbst, bekam aber prompt eine Antwort.
„Dann bleibt sie halt hier“, brummte ihr Stiefvater. „Du weißt doch, wie der Köter auf unbekanntes Land reagiert.“
Sie stand auf, drehte sich zu ihm und fauchte: „Nenn‘ sie nicht so!“
Wenig beeindruckt überging er ihre Reaktion. „Und was ist mit dir? Bleibst du hier, oder kommst du mit?“
Erst jetzt bemerkte sie, dass ihre Mutter und Brüder schon nicht mehr auf dem Boot standen, sondern durch das Wasser in Richtung Strand wateten. Gerade eben waren sie doch noch … Was war nur los mit ihr? Warum jagte ein Filmriss den nächsten?
„Also, wenn es nach mir geht …“ Er ließ den Satz unvollendet und wandte sich der Ausstiegsleiter zu.
Könnte dir so passen, dachte sie. Die brütende Schwüle, die auf der Umgebung lastete, war ihr zwar zuwider und sie alles, nur keine begeisterte Sonnenbaderin, aber den ganzen Tag – oder länger? – auf dem Boot zu versauern, dazu verspürte sie genauso wenig Lust.
Hinabsteigend musterte sie Nana, die unentwegt zur Insel stierte, ohne Notiz von der Beinahe-Erwachsenin zu nehmen. Der Kloß in ihrem Magen wuchs und wuchs …
Es ist nur eine Insel, was soll schon passieren? Wenn man von den Gefahren, unbekannten Terrains absieht … Automatisch spukten in ihrem Kopf Bilder davon, wie sie von einer Kippe stürzte oder von einer Giftschlange gebissen wurde, kilometerweit vom nächsten Krankenhaus entfernt.
Aber dieses Risiko, gingen sie mit ihrem unternehmungslustigen Herrn im Haus nicht zum ersten Mal ein und bisher war nie etwas geschehen. Zumal es nicht diese Vorstellungen waren, die ihr Sorge bereiteten, sondern dieses unbestimmte Gefühl, auf dass sie partout nicht mit dem Finger zu deuten vermochte.
Nimmer werde ich diesem Ort vertrauen, dachte sie und hätte gelacht, wäre ihr diese Regung nicht im Hals stecken geblieben, da ihr Fuß just in diesem Moment das kühle Nass berührte und gleichzeitig in der Ferne, eine Schar Vögel aufgeschreckt zwitschernd, krähend und krächzend gen Himmel stob.
Ein Schaudern fuhr ihr durch den Körper, als sie sah, wie ihre Familie, anders wie sie, fasziniert nach oben schaute, und das Farbenspiel der Tiere beobachtete. Dem bunten Geflatter mutete eine eigentümliche Schönheit an, dem vermochte sie nicht zu widersprochen, aber ihr überreizter Verstand interpretierte es dennoch als Warnung.
Reiß dich zusammen, mahnte sie sie sich selbst in dem Versuch, sich davon zu überzeugen, dass ihre Nervosität nur daher rührte, dass ihr Hirn immer noch damit beschäftigt war, Verpasstes aufzuholen. Eine Woche Gedächtnisverlust, wer wäre da nicht nervös?
Aber das war es nicht. Sicher, ihre Gedanken kreisten hintergründig unentwegt um die Frage, was zur Hölle sie sich da eingepfiffen hatte. Zumal sich neben weiterhin anhaltenden Aussetzern, ihr Verstand nur schwerlich in Bewegung setzte. Zwischen ihren Schläfen pulsierte es unentwegt leise, eine Ankündigung bevorstehender Kopfschmerzen und ihre Glieder kamen ihr jetzt, da sie sie vermehrt nutzte, schwer und ungelenk vor.
Alles keine guten Zeichen und doch kaum eine Begründung für ihre erwachenden Fluchtinstinkte.
Ungeachtet dessen schwor sie sich im Stillen: Nie wieder Drogen. Eine leere, inflationär genutzte Phrase, wie sie zu genau wusste.
Schwerfällig stapfte sie ihrer Familie hinterher, die den Strand bereits erreicht hatte. Michael der Wirbelwind, rannte unlängst über fluffigweichen Sand, welche in alle Richtungen geschleudert wurde. Die nur halb ernstgemeinten Ermahnungen seiner Mutter ignorierte er.
In John, der den Jüngsten ebenso beobachtete, rangen sichtlich die kindliche Freude, es seinem Bruder gleichzutun mit der älter werdenden Persönlichkeit, sich entsprechend zu verhalten. Am Ende gab er nach und rannte dem Kleinen hinterher, so dass sie nun beide über die malerische Landschaft hetzten.
Mutter lachte und selbst Wendy konnte sich der Idylle und Leichtherzigkeit nicht länger erwehren. Ein Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. Solange zumindest, bis sie ihren Stiefvater erblickte, dessen Mundwinkel zwar ebenfalls nach oben zeigten, dieser Ausdruck sich aber nicht in seinen Augen widerspiegelte. Sie verstand nicht, warum er immer wieder solche Ausflüge plante, wenn sie ihn doch genauso wenig zu beglücken schienen, wie alles andere im Leben. Vermutlich verstand er selbst nicht …
Endlich erreichte die junge Frau den Strand. Weicher, warmer Sand umspielte ihre nackten Füße. Sie grub ihre Zehe darin ein, hievte sie wieder heraus, grub sie ein … Es fühlte sich gut an, beruhigte ihre Nerven ein wenig. Für einen Moment vergaß sie ihre Sorgen, genoss schlicht den Augenblick, trügerischer Heiterkeit.
So versunken, bekam sie erst mit Verzögerung mit, was sich um sie herum abspielte. Dass das Lachen erstarb, für den Bruchteil einer Sekunde in die allumfassende Stille des Schrecks überging, welche erst von einem, dann von einem anderen gerufenen Namen unterbrochen wurde.
„Komm zurück Nana. Nana?“
Ein kurzes Jaulen, dann gemeinschaftliches „Nana!“
Dicht gefolgt von: „Michael, nein!“
Schlagartig erwachte Wendy. Obschon ihre Aufmerksamkeit vollends ihrer Familie galt, die am Rande der dichten Vegetation einige Meter von ihr entfernt vom Grün verschluckt wurde, registrierte sie unterbewusst, dass der Sonnenstand sich verändert hatte. Wie lange war sie schon wieder weggetreten?
Sie schaute sich um. Der Strand lag verwaist da, das Boot ruhte auf der See, Nana war nicht länger an Bord. Hatten sie sie doch überzeugt, zum Strand zu kommen? Was war geschehen?
Ihr Blick wandte in die entgegengesetzte Richtung. Dicht aneinanderstehend, reihte sich Baum an Busch und Gestrüpp. Ein saftig grüner, undurchdringbarer Dschungel. Und doch waren sie eingedrungen. Zumindest ein Teil ihrer Familie, der scheinbar beschlossen hat, das fünfte Rad am Wagen zurückzulassen.
Unsinn, ermahnte sie sich. Besann sich, des Gehörten und das irgendetwas geschehen sein musste. Dennoch weigerte sich etwas in ihr, dem Wagen zu folgen. Nimmer, schoss es ihr nicht hilfreich durch den Kopf.
Aber da die Vorstellung, allein am Strand zu stehen, ihr ebenso wenig behagte, setzte sie sich kurz darauf schleppend, mit steifen Gliedern in Bewegung, suchte die Stelle, an der sie zuletzt ihren Stiefvater hat verschwinden sehen und kämpfte sich gleichsam durch das Grün.
Auf den ersten Metern sah nichts oder vielmehr, niemanden. Von den anderen fehlte jede Spur, was sie nicht daran hinderte, geradewegs weiterzulaufen. Nach einigen Metern schaute sie sich rücklings um. Noch sah sie den Schimmer des strahlenden Strandes, je weiter sie vorrückte, desto mehr würde er verblassen und dann … Nimmer werden wir hier raus finden. Hör‘ endlich auf damit!
Sie atmete tief durch, wandte sich um, marschierte weiter. Äste und Zweige streiften über ihre nackten Arme und Beine, an ihren Füßen pikste es empfindlich. Sie verfluchte sich innerlich dafür, in der Annahme, vorerst am Strand zu bleiben, ihre Schuhe auf dem Boot gelassen zu haben Umkehren stellte allerdings keine Option dar, da sie andernfalls die Spur – die sie nicht hatte – restlos verlor.
„Nein!“
Das Brüllen ließ sie erstarren. Wendys Herz setzte eine Sekunde aus, sie hörte zu Atmen auf, lauschte. Erst vernahm sie nichts, dann ein Wimmern: „Wir können sie nicht hier zurücklassen.“
„Sei nicht unvernünftig. Da …“
„Unvernünftig?! Sie gehört zur Familie, du herzloser-“
Das Klatschen, dass daraufhin ertönte, gefolgt von dem: „Reiß dich zusammen! Wir müssen hier weg!“, veranlasste die junge Frau dazu, in die Richtung zu rennen, aus der die Worte kamen.
Wenige Sekunden später sah sie ihre Familie, im Kreis stehen. Michael und John standen mit dem Rücken zu ihr und schauten scheinbar zu Boden, ihre Mutter kniete vor ihrem Stiefvater. Sie schluchzte leise, ein rotes Mal zierte ihr Gesicht, da wo sie zuvor eine Hand zur Ermahnung getroffen hatte. Schock, Unglaube und Wut vermengten sich im Antlitz des Mannes.
Letzteres kochte in Wendy hoch. Wie konnte er es nur wagen …! „Was ist hier-?“, setzte sie zu fragen an, indes sie näherkam, doch da wandte sich schon Michael von ihrer Stimme angelockt zu ihr um und rannte völlig aufgelöst auf sie zu.
„Wendy! Es ist so furchtbar! Nana sie …“ Weiter kam er nicht, ehe er ihr in die Arme fiel und hemmungslos weinte. Sie umschloss den bebenden Körper ihres Bruders. Ein einziger, rasender Gedanke, schoss ihr unentwegt durch den Kopf. Nimmer. Nimmer. Nimmer.
Über ihren kleinen Bruder hinweg schaute sie da hin, wo er bis eben gestanden hat und zweifelte automatisch an ihrem Verstand.
Eine Grube war dort ausgehoben worden. Von ihrer derzeitigen Position aus vermochte sie nicht vollständig hineinzusehen, doch der Winkel reichte, um die verklebten Spitzen, einiger dünner Pfähle auszumachen, die darin nach oben ragend aufgestellt waren. Bei der klebrigen Flüssigkeit handelt es sich zweifelsfrei um Blut. Den Rest malte sie sich ohne Blick auf den Horror aus, der sich ihrer restlichen Familie offenbart hatte.
Nana … Sie schloss die Augen, in deren Winkeln sich Tränen sammelten. Der Strom versiegte schnell, als sie des vorangegangenen Gesprächs besann und die Wahrheit darin erkannte: Jemand hatte diese Falle in dem vollen Bewusstsein aufgestellt, dass ein Lebewesen hinein stürzen würde.
Ihr Herz pumpte Eiswasser durch die Venen. Vielleicht ein Jäger … Aber welche Art von Tier jagte er und warum mit solch umständlichen Fallen? Und wieso ausgerechnet hier, auf einer verlassenen Insel mitten im Nirgendwo?
Irgendein reicher Fatzke mit zu viel Zeit. Schon schlüssiger, aber es erschloss sich ihr trotzdem nicht. Zumal derjenige damit rechnen musste, unerwünschte, menschliche Besucher zu bekommen und er das Risiko demzufolge kaum eingehen würde, nicht zumindest Warnschilder aufzustellen … oder?
Wo sind wir hier nur reingeraten? … Wo habe ich uns hingeführt? Trauer drohte sie erneut zu übermannen, da ihre Gedanken zurück zu der Hündin gelangten, die aufgrund ihrer Dummheit hatte sterben müssen.
„Kommt jetzt“, hörte sie eine verhasste, aber unbestreitbare vernünftige Stimme, wenngleich diese so leise sprach, dass sie sie fast nicht bemerkt hatte. „Wir sollten gehen“, erklärte sie kräftiger, aber von der vorigen Überzeugung, war kaum etwas übrig. Der Schock hatte Zeit einzusickern und die Tatsache, dass er seine Frau geschlagen hatte, tat ihr Übriges.
Diese unternahm einen weiteren, verzweifelten Versuch. „Wir können sie nicht hierlassen …“, hauchte sie.
„Wir werden sie holen kommen, aber erst mal müssen wir-“ pfump.
Der Laut unterbrach nicht nur seine Worte, sondern alle Geräusche des Dschungels. Totenstille kehrte ein, als die Anwesenden sich zur Quelle umdrehten.
Ein ersticktes Husten ertönte, Blut spritzte durch die Luft, dann kippte die Mutter zur Seite weg und regte sich nicht mehr. Ein Pfeil ragte aus ihrer Brust.
„Wa-?“, kam es erstickt aus Michaels Mund.
„Mutter?“, fragte John flüsternd.
„Rennt“, zischte der Stiefvater. Aber niemand regte sich.
Stattdessen starrten sie paralysiert auf den Leichnam. Ein Rascheln, gar nicht weit von ihnen, ließ sie aufschauen. Erst sah sie nichts, dann erkannte Wendy eine kleine Gestalt zwischen den Blättern.
Sie traute ihren Augen kaum, doch das Bild ließ sich nicht leugnen. Ein Junge, keine zehn Jahre alt. Nur, dass er nicht wie ein Kind aussah.
Verdreckt war er und unter dem Schwarz und Braun stachen sie an einigen Stellen deutlich hervor: Narben. An Armen, Beinen, im Gesicht … Das Kind trug etwas, das aussah, wie ein Fell. Bei näherem Hinsehen erkannte Wendy, den Teil eines Fuchskopfes auf seinem Haupt ruhen. In seinen Augen stand nichts, was für ein klares Bewusstsein sprach, sie wirkten … ausdruckslos und kalt. In den Händen hielt er einen selbst hergestellten Bogen …
„Oh mein …“
Im Bogen ruhte ein eingelegter Pfeil. Der Junge musterte die Familie, wie ein Jäger seine Beute. Er hob die Waffe, legte an …
„Rennt!“, brüllte der Stiefvater und dieses Mal taten sie wie geheißen. Im Lauf schnappte er sich Michael. Sie stürzten blindlings davon.
Hinter sich hörte Wendy wieder ein Pfump. Hätte sie genauer hingehört, sie hätte den Unterschied bemerkt und festgestellt, dass der Pfeil sein Ziel dieses Mal verfehlend, in einem Baum gelandet war. Aber sie hörte nicht genau hin, weswegen das Geräusch ihre Panik befeuerte, und sie anfing zu kreischen, ohne es zu merken.
Sie floh nur. Ihre Instinkte trieben sie voran, ließen sie alles andere ausblenden. Nur weg von hier. Nur überleben.
Nimmer aufhören zu rennen.
Nimmer einem Piraten vertraut
Was war geschehen? Wie war sie hier gelandet?
Sie erinnerte sich an einen Sturz. Ein Abhang? Eine Klippe? Egal. Irgendetwas Hartes, das auf ihren Schädel schlägt oder vielmehr andersrum.
Offenbar hat man sie gefunden. Vom Regen in die Traufe. Sie hätte bitterlich gelacht, wenn ihr nicht so elend zumute wäre.
„Ich wollte das nicht“, flüsterte sie ohne bestimmten Grund, vor allem sicher nicht, um die Frage des Käpt’n zu beantworten. „Ich will nur nach Hause.“
„Das wollen sie nie und das wollen sie alle“, brummte Hook zur Antwort.
Hook … wie aus der verfluchten Geschichte! Es war so absurd … Nur das die Realität ein weit grässlicheres Antlitz präsentierte, als es die Fiktion je vermochte. Man bedachte nur, das verwunschene Kind … so es denn eines war.
„Das kann alles nicht wahr sein …“
„Du tätest gut daran, diese Wahrheit schnell zu akzeptieren, Mädel. Andernfalls überlebst du hier nicht lange.“
„Überleben?“, spottete sie, wobei ihr Puls schneller schlug und sie nun doch bitter lachte. „Sie werden mich doch sowieso töten!“ Einmal ausgesprochen und den Verdacht, der sich in ihrem Unterbewusstsein manifestiert hat, damit eine Form gegeben, verkrampfte ihr Magen vor Angst. Ein Zittern ergriff ihren Körper. Ich will nicht sterben!
Der Käpt’n hob eine Augenbraue. „Wer sagt, dass ich töten werde?“
Ein leiser Hoffnungsschimmer, wenngleich mehr Funke, denn lodernde Flamme. „Wollen Sie nicht?“
Er kicherte kurz humorlos. Es klang, als reibe man zwei rostige Rohre aneinander. „Wollen ganz sicher nicht. Ob ich es werde, hängt von dir ab, Mädel. Aber bevor wir dazu übergehen …“ Er griff in seine Manteltasche und holte eine Taschenuhr heraus. Es herrschte eine derartige Stille, dass Wendy ihr leises Ticken hörte. „Es wird Zeit.“
Da er sich nicht weiter erklärte, fragte sie stumpf: „Zeit wofür?“
„Fütterung“, brummte der Käpt’n, führte seine Erklärung aber nicht weiter aus.
In Anbetracht der Tatsache, dass die derzeitigen Ereignisse erschreckend viel Ähnlichkeit mit der Geschichte eines Jungen hatten, der nicht erwachsen werden wollte, hörte die junge Frau diese Worte nicht gern. Automatisch wanderte ihr Blick zur fehlenden Hand des Mannes.
Er verfolgte ihre Augen, schaute selbst hinab und grinste sein schiefes Grinsen, ohne es zu kommentieren. Dann wandte er sich zum Heck, von wo aus mehrere Gestalten kamen.
Eine davon erkannte Wendy, weswegen ihr Herz einmalmehr aussetzte. „John!“, rief sie.
Der junge Mann, welcher mehr über das Deck geschliffen wurde, als dass er lief, hörte sie nicht oder erweckte zumindest nicht den Eindruck.
Ein Auge zeigte sich bläulich-lila verfärbt und war stark zugeschwollen, das andere hing halb offen, ohne einen bestimmten Punkt zu fixieren. Aus seinem Mund troff ein Rinnsal Blut. Davon, sowie einigen Schürf- und Kratzwunden abgesehen, schien er unverletzt zu sein.
Die Männer, die ihn trugen, erweckten einen ähnlichen Eindruck wie Hook. Raubeinig, kräftig, vom Leben gezeichnet und vor allem: alt.
„Was habt ihr mit ihm gemacht?“, verlangte Wendy zu erfahren. Ihre Angst wich Wut. Sie zweifelte nicht daran, dass diese … es fiel ihr schwer, das Wort nur zu denken. Piraten. Sie zweifelte nicht, dass sie ihrem Bruder das angetan hatten. Was war nur mit Michael? Sie musste in finden und von hier wegbringen!
„Ihn befragt“, unternahm Hook gar nicht erst den Versuch, es zu leugnen. „Er hat schnell geredet, das tun sie dieser Tage immer.“
Die junge Frau ballte die Hände zu Fäusten. Sie verstand nicht, was hier gespielt wurde. Sie wollte es auch nicht verstehen. Sie interessierte nur, nach Hause zu gelangen. Aber nun, da ihre Wut angefacht wurde, erwachte gleichzeitig ihr Kampfeswille. „Was wollt ihr von uns?“
„Von ihm“, er nickte in Richtung des näherkommenden John, „lediglich Informationen. Die haben wir erhalten.“ Er drehte sich halb zu ihr, musterte sie lasziv von oben bis unten. „Von dir hingegen …“
Ihr wurde übel, was ihr Gegenüber ihr offenbar ansah.
Da kicherte er wieder. „Schön zu sehen, dass ich immer noch die gleiche Wirkung auf die Damenwelt habe. Aber ich muss dich enttäuschen, Mädel. Daran hege ich kein Interesse.“ Allerdings führte er auch nicht aus, was er stattdessen begehrte.
Für ein weiterführendes Gespräch fehlte die Zeit, denn mittlerweile waren die drei Gestalten bei ihnen angelangt. Hook nickte seinen Kameraden zu, sie kamen zum Stehen und zwangen John in eine aufrechte Position. Er legte den Kopf in den Nacken, vermochte diesen aber kaum oben zu halten.
„Wer …“
„Still Junge, ich rede jetzt“, sprach der Käpt’n. „Du bist zur falschen Zeit am falschen Ort, mein Junge, das bedaure ich um deinetwillen zutiefst, aber es lässt sich nicht ändern. Daher mache ich das hier kurz und schmerzlos.“ Er nickte Richtung Steuerbord, woraufhin seine Kameraden John dort hin schliffen.
Erst jetzt bemerkte Wendy die ausgefahrene Planke. Fütterung, schallte es schneidend wie eine Klinge in ihrem Kopf wieder.
„Nein“, hauchte sie. Sie spannte ihre Muskeln, verkrampfte Hände, Arme, Beine, zerrte und zurrte, aber das Seil saß viel zu fest, reduzierte ihre Bewegungen auf ein Minimum. Zum tatenlosen Zusehen verdammt, murmelte sie unentwegt „nein, nein, nein. Bitte tut das nicht. Bitte!“
Die vier hörten sie nicht und wenn doch, reagierten sie nicht auf ihr Flehen. Sie erreichten die Planke. Hooks Kameraden ließen ihn los. Der Käpt’n stieß ihn vorwärts. John wehrte sich kaum, taumelte nur nach vorn, hielt sich mit Mühe aufrecht. Am Ende angelangt, beugte der Pirat sich vor, flüsterte Wendys Bruder etwas ins Ohr, griff dann an seine Seite, zog ein großes, grobes Messer hervor, umschloss den Kopf des jungen Mannes mit dem hakenbesetzten Arm und führte die Klinge an dessen Hals entlang. Mit einer fließenden Bewegung schnitt er tief genug, dass es wirkte, er hätte vorgehabt, ihm den Kopf von den Schultern zu trennen. Dann ließ er los und der ausblutende Körper fiel außer Sichtweite.
Irgendwann im Zuge des Prozesses, hatte Wendy zu schreien angefangen. Sie schrie noch Minuten später, ohne ihre Umwelt länger wahrzunehmen, und meinte, nimmer damit aufzuhören, bis die Erschöpfung ihren Tribut zollte und sie das Bewusstsein verlor.
Nimmer dem Irrsinn entflohen
Ein gurgelnder Laut, welcher nur knapp intensiver tönte als das Knarzen des alten Kahns, riss Wendy aus ihrem Schlummer.
Um sie herum herrschte stockfinstere Nacht. Träge schaute sie sich zu allen Seiten um, entdeckt jedoch den Ursprung des Geräusches nicht. Dafür spürte sie jede Faser ihres Körpers. Ihre Muskeln kreischten förmlich, verlangten nach Freiheit und Bewegung. Ihr Hals glich einer Wüste, ihr Magen einem endlosen Abgrund.
Keinem dieser stummen Befehle ihres Körpers, etwas gegen die Qualen zu unternehmen, schenkte sie außerordentliche Beachtung. Es war ohnehin egal. Bald würde sie endlosen, immerwährenden Frieden finden.
Eine Silhouette schälte sich aus der Dunkelheit. Die Gestalt schlich umher und direkt auf sie zu. Sie kam nahe genug, dass Wendy einige Details auszumachen fähig war, wenngleich nicht viele.
Die glatten Züge zeichneten das Gesicht eines Jungen, vermeintlich jünger als John. Sie war sich nicht sicher, meinte aber, ein Kleid aus Blättern zu erkennen, dass einen Körper umhüllte. Es war so aberwitzig, dass sie lachen mochte. Stattdessen krächzte sie kaum vernehmbar: „Du bist spät dran, Peter.“
Der Junge musterte sie aus unergründlichen Augen, hob eine Hand und legte sich den Zeigefinger an die Lippen. Still.
Nein, es war zu komisch! Er war allen Ernstes bestrebt, sie zu retten! Wusste er denn nicht, dass die holde Maid sich nicht nach Errettung sehnte? Und schon gar nicht, lag es in ihrem Interesse, ihm und den verwunschenen Kindern, Abenteuergeschichten zu erzählen, oh nein, denn das waren Lügenmärchen, in denen das Gute immer obsiegte. Aber das tat es nicht. Das Gute wurde niedergerungen, ihm wurde die Kehle aufgeschnitten und seine Überreste, den Reptilien zum Fraß vorgeworfen!
So ihren Gedanken nachhängend, bemerkte sie anfänglich nicht, wie der Junge, der vermeintlich Peter gerufen wurde, ein Messer zückte, um das Seil, das sie gefangen hielt, zu durchtrennen.
Nunmehr darauf gestoßen, schaute sie ihm einige Sekunden dabei zu, wie er sich mit seiner mickrigen Klinge abmühte, die die dicken Taue nur langsam zerschnitt. Lass es, wollte sie ihm zurufen, aber kein Laut kam über ihre Lippen.
Dafür ergriff jemand anders das Wort. „Peter! Wie schön, dass du uns mit deiner Anwesenheit ehrst!“ Hook.
Geht es eigentlich noch theatralischer? Einmal mehr schlich sich ein Lachen Wendys Kehle empor. Absurd, anders wusste sie es nicht zu benennen.
Der Junge ließ von ihr. Statt aber in übermütige Heldenmanie eine plumpe Erklärung darüber abzugeben, dass er das Mädchen retten und den bösen Buben aufhalten würde, hob er nur eine Hand und gab ein Zeichen.
Dann geschah alles sehr schnell.
Erst vernahm die junge Frau nur die Schritte, mehrerer paar Füße, die von allen Seiten zu kommen schienen, dann brach der Tumult einer ausgewachsenen Schlacht aus. Aufgrund der vorherrschenden Nacht erkannte sie nur schemenhaft, was um sie herum geschah.
Pelzige, viel zu kleine Wesen, mit Bögen und Messern, die gegen großgewachsene, kräftige Seeräuber antraten. Ein allzu ungleicher Kampf mochte man meinen, doch von dem wenigen was sie sah, wirkte es kaum so, als ob eine Seite die Oberhand erlangte.
Die Kleinen kämpften mit bestialischer Gewalt, schwangen ohne Rücksicht auf Verluste, ihre Waffen, hielten nichts von Fairness, gingen zuweilen zu zweit, dritt oder viert auf einen Feind los und schienen diesen ohnehin, zahlenmäßig überlegen. Sie sprangen galant auf deren Rücken, stachen zu oder kratzten und bissen.
Fiel einer der Männer erst einmal zu Boden, hatte er schon verloren. Dann umzingelte ihn eine ganze Schar und ließ einen förmlichen Regen an aufblitzenden Schneiden auf ihn niedergehen. Manche schwangen gar bloße Steine und schlugen auf Glieder und Schädel ein.
Die Gewalt wurde ihnen mit gleicher Münze heimgezahlt, denn die Seeräuber kannten genauso wenig Gnade. Wo sie ein pelzbekleidetes Wesen in die Finger bekamen, schleuderten sie es durch die Luft, warfen es zu Boden, traten oder stachen zu.
Es war ein einziges Gemetzel, vor dem Wendy schon nach wenigen Sekunden die Augen verschloss und heimlich zu einem Gott betete, an den sie nicht glaubte, dass er sie hier rausholen möge.
Er erhörte sie nicht, wohl aber der Junge vom Anfang. Ungeachtet der Geschicke um ihn hatte er seine Arbeit an den Seilen wieder aufgenommen. Getrieben vom Druck, bekräftigte er seine Bemühungen, wodurch die Taue sich schneller lösten, als die junge Frau es für möglich gehalten hatte.
Wenig später löste es sich gänzlich und damit einher, stürzte sie zu Boden. Ihre Beine trugen sie nicht. Für einige Sekunden dachte sie noch daran, zu erklären, dass es okay sei, dass sie hierbleiben wolle, doch da packten sie überraschend kräftige Hände, hievten sie hoch und zerrten sie mit sich.
Ohne zu sehen wohin, ließ sie sich führen, weg von dem Lärm des Kampfes, hin zu einer ungewissen, nimmer anhaltenden Zukunft.
Wendy hustete heftig, ihr Körper verkrampfte schmerzhaft, sie spie salziges Wasser aus, ihr Magen rebellierte. Mit verzogener Miene krallten sich ihre Finger in den feuchten Sand. Warum nur? Warum hat er sie nicht einfach sterben lassen? Es wäre allemal besser als dieses nimmer endende Elend!
„Wendy! Wendy!“ Die zarte Stimme, die an ihr Ohr drang, ließ sie alles vergessen. Dünne Ärmchen schlossen sich um ihren Hals, ein schmaler Körper presste sich an sie.
Die Angesprochene tastete nach dem Kind. „Michael?“, krächzte sie. Im Dunkel der Nacht erkannte sie ihn kaum. Die Gestalt nickte unter Tränen und lautem Schluchzen.
„Ich hatte solche Angst, Wendy!“
Sie nahm ihn fest in die Arme. Ich auch!, wollte sie sagen und: Es wird alles gut, ihm versichern, doch die brachte kein Wort hervor. Nicht zuletzt, da ihr ausgemergelter Körper es kaum vermochte, sondern auch, da sie vermied, ihn zu belügen. Noch stand ihr Schicksal auf einem ungewissen Blatt.
Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass es Michael den Umständen entsprechend gutging – er wies kaum einen Kratzer auf –, wandte Wendy sich um. Was nun?
Der fremde Junge stand keine zwei Schritte von ihr entfernt regungslos da. Er hatte sie unentwegt gemustert. Oder schaute er zu dem Piratenschiff herüber, auf dem der Kampflärm allmählich abebbte? Sie vermochte nicht darüber zu urteilen, was in seinem Kopf vorging, da seine steinerne Mimik keinerlei Deutung zuließ.
Allerdings bemerkte er, dass er erwartungsvoll gemustert wurde, denn sein Blick wanderte zu ihr. Mit einer Geste bedeutete er ihr, ihm zu folgen. Sie hätte es gern getan, aber schon der Gedanke ans Aufstehen, ließ ihre Glieder protestierend aufschreien.
Dies registrierte ebenso ihr vermeintlicher Retter, denn er schnaufte kurz, ehe er sich umsah, einen ungewissen Punkt in der Ferne musterte, die Lippen spitzte und eine eigentümliche Melodie pfiff.
Es dauerte nur Sekunden, da näherte sich ein winziges Licht, einem Glühwürmchen gleich, nur dass es, je näher es kam, deutlich werden ließ, dass es zehnmal größer war als das Insekt.
Ein irrsinniges Lachen arbeitete sich Wendys Kehle empor. Sie schluckte es runter, schon weil es in ihrem Hals schmerzte.
Sag‘ mir bitte, dass ich träume und das keine gottverfluchte Fee ist! Aber als das Wesen ihr näherkam, mit seinen zarten Flügelchen und der zweifelsfrei, menschlichen Statur, wobei da die Ähnlichkeiten auch schon aufhörten, da die Haut eher bläulich schimmerte, die Augen kleinen Juwelen glichen, es nur drei Finger besaß, die in langen Krallen endeten und es statt Haaren, winzige, verdrehte Hörner auf dem Haupt trug, wischte sie diesen Wunsch davon.
Ich bin in einem verfickten Märchen gelandet. Und zwar einem von den echten, nicht den blumigen, Wald und Wiesen Erzählungen, die kleinen Kindern zum Einschlafen erzählt wurden, sondern den blutigen, in denen das Gemetzel der Tagesordnung entsprach.
Verzweiflung kämpfte sich ihre Augenwinkel entlang. Warum ich?
Dieser und weitere Gedanken wurden jäh ausgelöscht, als dem kleinen Wesen, das vermeintlich eine Fee war, bedeutet wurde, über ihrem Kopf entlang zu fliegen. Es tat wie geheißen, wobei sanfter Schimmer von dem zerbrechlichen Körper heruntersegelte.
Feenstaub, ernst- … Moment! Dieser Glanz …! Eher der Gedanke sich vollends ausbreitete, wurde die Welt um sie herum schwärzer als die Nacht, die sie umgab und all ihre Sorgen, Ängste sowie körperlichen Beschwerden, lösten sich in Wohlgefallen auf. Sie glitten dahin, in die Sphären der Bedeutungslosigkeit, wurden ausgetauscht, durch federleichte Harmonie, welche ihr mit Harfenklängen Flügel verlieh und hoch hinaus, weit über die tosende See trug, auf dass sie nie wieder erwachte.
Nimmer zurückfiel, in die endlose Grausamkeit, die sie beinahe zerrissen hat.
Nimmer als Hauptmahlzeit geendet
Der Höhenflug erlitt einige Turbulenzen. Aufgrund unruhiger Wetterverhältnisse gerieten die Flügel, die sie in den höchsten Höhen hielten, gelegentlich ins Taumeln, es gab gar den ein oder anderen Absturz in die Tiefe; ein Aufprall, wurde nur mit knapper Not verhindert.
Bruchstückhafte Bilder strömten auf Wendys Verstand ein. Die Deutung sowie das Knüpfen zu einem einheitlichen Gemälde blieb ihr hingegen verwehrt. Sie vermochte kaum zu unterscheiden, wann ihr Geist in Träumen dahinglitt, wann ihr sehendes Auge die bitterkalte Realität erblickte, wo das eine anfing und das andere aufhörte. Die Grenzen verschwammen zu einem bunten, bedeutungslosen Einerlei.
Sie wurden verfolgt, gehetzt durch die Wälder.
„Tötet sie!“, schrie eine ahnungsvoll bekannte Stimme. „Ist mir gleich, sie sind eh verloren!“, folgte die Antwort auf einen Widerspruch, den sie nicht gehört hatte.
Verstecken in der Dunkelheit, Kälte, die ihre Knochen emporkroch, eine Hand wurde ihr auf den Mund gepresst. Still!, befahl sie. Ihr Herz schlug gleichmäßig, doch ihre Augen stierten hektisch, versuchten die allumfassende Finsternis zu durchdringen, der Monstrositäten, die da harrten, von Angesicht zu Angesicht entgegenzublicken.
Ein Lagerfeuer. Klein und zart. Kaum kräftig genug, sie zu wärmen, zumal sie auf unebenem, nackten Boden schlief. Ein schmächtiger, unschuldiger Körper, der sich an sie schmiegte. Erkundigungen, ob sie je nach Hause kämen. Versicherungen, dass sie das täten, dass sie jetzt sicher seien, obwohl sie nicht wusste, ob sie nicht Pest gegen Cholera eingetauscht hatten.
Wanderungen. Kräftezehrend, eher Gewaltmärschen gleichend. Wie groß war diese Insel? „Wendy, ich kann nicht mehr!“ Ärger und Frustration, die in ihr brodelten. Aber sie?! Es wurde von ihr erwartet, nein, verlangt. Sie fürchtete sich vor den Konsequenzen einer Weigerung.
Endlich, das Ziel erreicht. Großes Lagerfeuer, Liegematten, anständige Nahrung. Ihr Körper ausgemergelt. Ein Fieber, dass nicht nur sie ergriff. Schlaf, Nahrung, Erbrechen, Zittern, Krämpfe, Schlaf. Dazwischen: „Es wird alles wieder gut. Es wird alles wieder gut. Es wird …“ Schlaf.
Ein bekanntes Gesicht im Delirium. Ein Träumer, wie sie, durchdrungen von mehr Wachphasen.
„Ihr müsst hier verschwinden. Hörst du mich Wendy? Wendy!“
„Diese verdammten … diese … Monster! Sieh‘, was sie mir angetan haben. Gott … Ich will nicht sterben. Bitte.“
„Macht dass es aufhört. Es tut so weh. Tut so … Nein. Nein, nicht schon wieder. Bleibt weg damit. Nein!“
Als Wendy die Augen aufschlug, ruhte eine Erinnerung deutlich davor: Ihr Stiefvater, neben ihr liegend. Weinend. Zitternd. Die Augen blutunterlaufen. Das Gesicht verzerrt vor Schmerzen.
„Wendy, hör‘ zu … ich … ich weiß, dass du mich vermutlich nicht verstehst, aber … sie werden mich heute holen kommen, das spüre ich. Die großen … die … Kinder. Jugendlichen. Nein. Monster. Sie sind Monster. Gottverdammt.“ Er kniff die Lider zusammen, atmete schwer. „Es tut so weh … gebt mir das verdammte Pulver. Macht schon. Macht, dass es aufhört.“ Er dämmerte weg, erwachte erneut. „Wendy. Schaff Michael hier weg. Keine Ahnung, was sie mit ihm oder dir vorhaben … Warum sie nicht … warum sie euch … Es kann nicht besser sein. Ich weiß nicht, was schlimmer sein soll, als bei lebendigem Leib … Gott.“ Atmen. „Aber … verschwindet hier. Bitte. Lass nicht zu das … Verschwindet von hier, ja? Tust du mir diesen Gefallen?“
Sie lag da, hörte diese Worte wieder und wieder in ihrem Kopf schallen, ohne den Sinn dahinter zu verstehen. Instinktiv wollte sie sich nach links drehen, wagte aber nicht, den Blick an die Stelle zu wenden, wo sie ihren Stiefvater erwartete. Oder das, was von ihm übrig war.
Eine verzerrte Erinnerung des letzten Anblicks vermengte sich irrwitzigerweise, mit Bildern eines Marktes, auf dem allerlei Waren laut durcheinander schreiend feilgeboten wurden.
Stattdessen wandte sie sich nach rechts. Dort lag ihr jüngster Bruder – das einzige Familienmitglied, das ihren Ausflug bislang überlebt hatte, wie ihr schmerzlich bewusst wurde. Immerhin unversehrt.
Sie behandelten sie gut. Davon abgesehen, dass sie in hölzernen Käfigen gefangen gehalten wurden. Man gab ihnen Wasser und Nahrung – hauptsächlich Früchte, die Wendy nicht zu benennen vermochte –, ließ sie regelmäßig austreten, sich waschen … Michael bekam auf Rückfrage, sogar eine zusätzliche Decke spendiert.
Decken … es war seltsam, ein Sammelsurium an unterschiedlichsten Haushaltsgegenständen zu sehen, welche nicht zu der rustikalen Wohnstätte, innerhalb der Höhlenräumlichkeit passten. Indes ihre Bewohner sich ohnehin mehrheitlich mit dem zufrieden zugeben schienen, was die Natur ihnen zur Verfügung stellte, verfügten sie offenbar ungeachtet dessen über einen schier unerschöpflichen Vorrat an allerlei modernen Annehmlichkeiten.
Wie Wendy mit der Zeit feststellte, zeichnete dieser sich jedoch auch dadurch aus, dass ihn kein bestimmtes Jahrzehnt prägte. Im Gegenteil, es wirkte eher, als hätte sich ein Historiker auf die Suche begeben, komfortable, tragbare Alltagsgegenstände aus allerlei Epochen zu sammeln. Nur, dass diese „Historiker“, selbst zumeist kaum ein Jahrzehnt an Lebensalter maßen.
Die junge Frau kam zuweilen nicht umhin, ihren Tag damit zuzubringen, das nicht enden wollende Gewusel in der Höhle zu beobachten. Kinder, die umher huschten und ihren alltäglichen Aufgaben nachgingen.
Kinder … Nein. Weder verhielten sie sich wie welche, noch erweckten sie den Eindruck, solche zu sein. Von ihrer Körpergröße und -statur abgesehen, legte sie diese Vorstellung alsbald ad acta.
Das waren keine Kinder, die in Pelzkostümen verkleidet, nie erwachsen wurden. Das waren erwachsene, alte Männer, deren körperliche Entwicklung schlicht gestoppt hatte … Vom Leben und dem Kampf um dieses in der freien Wildbahn gezeichnet und vernarbt. Abgebrüht, unnachgiebig, ruppig … emotional erkaltet, wenn nicht gar unlängst innerlich gestorben.
Wendy sah lange zu Michael herüber, welcher den Schlag der Gerechten schlief. Er hatte so viel durchlitten, während sie …
Warum nur ich?
Feenstaub. Die Droge. Sie hatten sie benebelt, für lange Zeit. Um sie herzubringen, damit sie keine Last darstellte. Das gleiche Mittel, das sie überhaupt hierhergebracht hatte.
Feen …
Wendy tat sich weiterhin mit ihrem Glauben an sie schwer, obgleich sie sie doch täglich zu Gesicht bekam. Sie flatterten umher, gingen ihrem eigenen Tagewerk nach und schienen dabei doch, immerzu ein waches Augenmerk auf das Geschehen unter sich zu haben. Auf die Kinder.
Auf Aufforderungen hin flogen sie gelegentlich über ihre Zelle. Verteilten ihren Glanz und dann … dann flog sie wieder. Glitt dahin, zwischen Traum und Illusion gefangen.
Aber warum? Wie war es in ihre Welt gekommen? Wieso hatte es sie hierhergeführt? Warum gestatteten sie Michael nicht, zu ruhen? Setzten ihm stattdessen ihrer grausamen Kälte aus, zwangen ihn, seine unschuldige Kindheit an der Realität zu zerreiben? Wussten sie denn nicht, dass unter der weichen Schale kein glänzender Diamant, sondern fleischige, rohe Masse ruhte, welche zerfetzt und für alle Zeit irreparabel zerstört werden würde? Oder war genau das ihr Ziel?
Ich weiß nicht, was schlimmer sein soll …
Sie auch nicht. Welches Schicksal sollte grässlicher sein, als bei lebendigem Leib zerstückelt und ver-
Sie vermochte den Gedanken nicht zu Ende zu führen, hoffte nur inständig, obgleich sie diesen Mann immerzu verachtet hatte, dass er erlöst worden war. Dieses Schicksal verdiente niemand.
Die Großen. Die Älteren. Die Jugendlichen. Die Monster …
Wer waren sie? Worin differenzierten sie sich, außer, dass sie offenbar lose Handelsbeziehungen mit den „Jüngeren“ führten? In ihrem Gebaren ließ sich kaum ein Unterschied feststellen, außer, dass sie scheinbar die heimische Kost ablehnten und stattdessen …
Wendy drehte sich der Magen um. Heiße Tränen versickerten in dem Boden unter ihr. Wie lange waren sie nun hier? Welches Schicksal erwartete sie?
Nimmer werde ich deinem letzten Wunsch gerecht werden, dachte indes ein Beben ihren Körper erfasste. Sie drehte sich auf die Seite, begab sich in eine Embryonalhaltung, schloss die Augen und betete stumm, dass es einfach aufhörte.
Kein Erwachen aus dem nicht enden wollenden Albtraum. Nur das Ende. Von allem.
Eines, dass sie nimmer ereilen würde …
Nimmer der Ruf verstummte
Das Knarzen, der sich öffnenden Käfigtür, ließ sie hochschrecken. Er stand da, makellos und nimmer alternd, schaute aus gleichgültigen Augen auf sie herab.
„Solltest du nicht der Held, dieser Geschichte sein? Mein Retter?“, flüsterte Wendy bitterlich lächelnd.
Der Junge in der Kleidung aus Laub und Reben musterte sie ausdruckslos. Er ließ nicht erkennen, ob er sie überhaupt verstand. Sein Gegenspieler, Hook, hatte ihre Sprache beherrscht. Warum du nicht? Oder bist du einfach nicht gewillt, mit mir zu reden?
Er bedeutete ihr, aufzustehen. Sie tat wie geheißen, wusste doch, um die Folgen, wenn sie sich weigerte. Die Blutergüsse des letzten Aufbegehrens pulsierten immer noch.
Hinaustretend horchte sie in sich hinein. Seltsam, ihr Zeitgefühl vermittelte ihr, dass es zu früh für eine Erleichterung sei. Sie hatten just erst gefrühstückt. Ihr Gastgeber war mindestens zwei Stunden verfrüht dran. Eine leise Stimme flüsterte ihr, dass das kein gutes Zeichen sei.
Heute oder … nimmer mehr.
Ihr Puls schlug in die Höhe. Sie hatte keinen Plan. Keine Ahnung, wo sie für den unwahrscheinlichen Fall hin fliehen sollte, sollte sie allen Ernstes entkommen. Außerdem meinte sie nicht, dass ihre Beine sie überhaupt weit tragen würden. Die Gewaltmärsche, ihre Krankheit, Tagelanges im Käfig verharren und nur gelegentlich vor die Tür treten … Sie vermochte ja kaum aufrecht zu stehen, wie sollte sie da eine panische Flucht ins Ungewisse wagen? Und dass zudem zusammen mit ihrem Bruder, den sie schlimmstenfalls tragen musste.
Nimmer wird es gelingen. Eine bitterkalte Gewissheit.
Sie ballte die Hände zu Fäusten. Nimmer werde ich kampflos aufgeben!
Peter, oder wie immer er heißen mochte, öffnete auch den Käfig von Michael. Er benötigte länger, zu erwachen und sich zu erheben. Es wurde ihm gewährt. Obgleich sie ihn nicht schonten, behandelten sie ihn mit bedeutend weniger Nachdruck. Wenn er auf Anforderung nicht spurte, war es Wendy, die die Konsequenzen zu spüren bekam.
Nicht aber an diesem Tag. Es schien, als erlaube es der Tagesplan, dass sie sich Zeit ließen.
Sie wurden durch die Höhle geführt. Schweigend liefen sie nebeneinander her. Dieser Tage wechselten die Geschwister kaum ein Wort miteinander. Ihr unfreiwilliger Aufenthalt erstickte jedes Thema im Keim.
Nach wenigen Metern durch das komplexe System aus Gängen und Schächten, rückte Michael ein wenig näher an seine Schwester, ergriff ihre Hand, krallte sich vielmehr hinein und presste sich an sie.
Sie schluckte. Und an wen klammere ich mich?
Mit jedem Meter den sie voranschritten, stolperte der nervöse Muskel in ihrer Brust unrhythmischer und schneller. Wahrlich, etwas an diesem Tag war anders und es gefiel ihr zusehends weniger.
Ein jedes „Kind“ an dem sie vorbeikamen, hob den Blick, indes sie zuvor kaum Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben. Ausdruckslose, leere Augen schauten zu ihnen auf und ihnen hinterher, verfolgten jede ihrer Bewegungen.
Selbst die über sie dahingleitenden Feen, hielten inne, starrten hernieder. Nur dass sie im Gegensatz zu den Bewohnern dieses sonderbaren Heims, ihre winzigen Mündchen öffneten und einen kaum wahrnehmbaren Singsang anstimmten. Vielmehr klang es wie ein Summen, als würden hunderte winziger Insekten ihre Flügel schlagen.
Die Töne schwangen in Wellen auf und ab, geruhsam, einlullend. Je länger Wendy der Melodie lauschte, desto mehr glitt ihr Geist dahin. Kaum, dass sie es merkte, schüttelte den Kopf, in dem Versuch die Trägheit von sich zu werfen. Aber zu spät, sie klebte bereits an den Synapsen ihrer Hirnwindungen, verlangsamte ihr Denken, fokussierte ihre Zielstrebigkeit auf diese eine Sache: Folgen.
Dem Ruf, ihr so vertraut.
Ein Drängen erwuchs in ihrer Brust. Voran. Zur Mitte. Zur Quelle. Immerdar, nimmer verstummt, noch versiegt.
Wieso hatte sie sie zuvor nicht gehört? Seit jenem Tag lockte sie, flüsterte, rief, schrie.
Komm her und geh nimmer mehr.
Ihr Herz erwiderte: Bald.
Nun klammerte sie. Ihre Hand packte die ihres Bruders, krallte sich hinein. Sie zerrte ihn hinter sich her, hörte nicht sein Flehen, sein Jammern. „Du tust mir weh!“ Wie er in Tränen ausbrach. „Wendy, was ist los mit dir?“ Wie er stolperte, sie ihn ungeachtet der Tatsache, dass sie ihn über den Boden schleifte, weiter hinter sich her zerrte. Peter, der sie längst nicht mehr führte, sondern hintenan lief und die Prozession aus kaltgrauen Augen beobachtete, nicht länger bemerkte.
Michael ergab sich. Zerbrach an der scheinbaren Gleichgültigkeit der einzigen verbleibenden Bezugsperson. „Ich will nach Hause …“ Ein letztes Aufbegehren, ehe er für immer schwieg.
Bald.
Kein Schmerz, keine Trauer, keine Pein. Ein Ende des ewig währenden Leids.
Nimmer.
Nimmer der Lüge hörig
Beim Betreten der Höhle verstummte das Lied. Jedoch, ihre Melodie hallte lange genug in ihren Ohren nach, dass sie nicht gleich erwachte. Sie schritten voran, stockender, langsamer werdend zwar, aber ungebrochen und gleichermaßen zerbrochen. Schwester und Bruder, ihrem Schicksal entgegen.
Sie erreichten sie, die Quelle.
Ein unscheinbares Gewässer, inmitten einer kleinen, sich nach oben kuppelförmig verdichtenden Räumlichkeit. Leise plätscherte sie dahin. Ein nimmer endendes Rinnsal, welches sich aus Felsritzen ergoss. Bläulicher Schimmer, glänzendem Feenstaub gleich, erhellte die Wände.
Wendy und Michael kamen zum Stehen.
Peter trat an ihre Seite, ergriff die freie Hand des Jungen, zog an ihr. Er gehorchte widerstandslos. Wendys Hand klammerte, folgte der Bewegung, eine Sekunde nur, die Trennung drohte, ihr Griff verfestigte sich, ein quälend langsamer Befehl: Nicht loslassen.
Nicht genug Kraft aufbringend, lockerte sich der Halt, Finger entglitten, ein Arm sackte herab. Aus trüben Augen beobachtend, wohnte die Schwester dem Kommenden bei.
Peter führte ihn heran, nah an die Quelle. Seine Füße berührten fast das kühle Nass. Aber noch nicht.
Gleich, raunte es. Hauchte zärtlich seine Stimme über die Wangen aller Anwesenden. Hätte sie ihn von vorn gesehen, Wendy hätte den eigentümlichen Glanz zusammen mit dem unermesslichen Alter in Peters Augen erblickt.
So erkannte sie lediglich, wie er hinein griff, in das Blätterwerk seiner Kleidung und herauszog, was ihr Herz verkrampfen lassen sollte, jedoch kaum eine Regung in ihr auslöste: ein Messer.
Wie Hook zuvor, legte er einen Arm um den Kopf des Bruders und die Klinge an dessen Hals.
Nein …
Eine einzelne Träne fand den Weg über ihre Wange. Nutzlos. Trauer kroch in ihr Herz, begleitet von Verzweiflung und der Gewissheit, alles zu verlieren, unlängst verloren zu haben.
Ein Schnitt. Der Körper fiel. Aufschlag, Klatschen, Wasser spritzte auf. Dann, nichts, Ruhe, sich endlos ausbreitende Stille. Ein einsamer Abschied, ungerührt, von der Welt kaum wahrgenommen.
Sekunden strichen dahin. Niemand regte sich. Nach einer Weile ging Peter in die Knie, formte die Hände zu einer Schale, tauchte sie ins blutig rot verfärbte Wasser, hob sie an den Mund, trank, vollzog das Ritual einmal mehr.
Nimmer würde es enden.
Er erhob sich, wandte sich um, betrachtete Wendy. Der Glanz in seinen Augen verweilte. Sie sah es nicht. Sah überhaupt nichts.
Er nahm sie bei der Hand, führte sie zur Quelle. Davorstehend schaute sie hinab.
Ein regloser Körper trieb dahin. Darunter … Dutzende und Hunderte mehr. Schädel starrten ausdruckslos zu ihr hinauf, begraben unter ihren eigenen Gebeinen. Kinder, mehrheitlich, Jugendliche, allenfalls.
Ein Quell der Jugend, wahrlich. Ein Jungbrunnen.
Sie schloss die Augen, in der Erwartung auf das Folgende, spürte kaltes Metall an ihrem Hals, wartete …
Wartete vergeblich.
Nimmer ereilte sie das Ende, das sie ersehnte.
Ein Brüllen, ein Schrei, Kampfgeräusche, sie stolperte dahin, fiel zu Boden, er zerbrach, der Bann.
So lag sie da. Starrte der Quelle entgegen, der Frohlockung, dem Frieden.
Ihr Bruder hatte ihn gefunden. Sie, würde er nimmer ereilen.
Sie weinte stumm, indes der Körper des Jungen versank, eins wurde, mit der Ewigkeit des Nimmer.
Hände packten sie, hievten sie auf eine Schulter, trugen sie hinaus in die Welt, die nicht länger die ihre war. Er redete, er lachte, er grinste.
In ihr gärte Hass.
Auf ihn, Peter, die Kinder, die Insel. Auf alles. Sie packte ihr Herz in Eis und legte den Block in eine steinerne Truhe. Übergab es der tosenden See ihrer Seele, auf dass es davongetragen wurde, versank und nimmer wieder auftauchte.
„Eine Geschichtsstunde, soll es also sein, heh? Nun gut Mädel, dann spitz die Ohren und lausche.
Es ist … Ich vermag nicht zu sagen, wie lange es her ist. Nach dem zweiten Jahrhundert hat Zeit ihre Bedeutung verloren. Sind es mittlerweile drei? Vier? Spielt es eine Rolle?
Wir waren Kinder. Viele. Gott der Herr allein weiß, was sie mit uns zu unternehmen gedachten, warum sie die Waisen zusammenscharrten, sie in ein Schiff verfrachteten und auf die Reise schickten. Wir kamen nie an.
Ein Sturm. Viele starben.
Die Überlebenden kämpften sich durch, erkundeten die Insel und stießen auf … Magie.
Feen.“ Er lachte, schüttelte den Kopf. „Sie haben uns geführt. Naiv wie wir waren, dachten wir, sie wären ernstlich daran interessiert, uns armen, unschuldigen Seelen zu helfen.
Sie führten uns zu ihr. Der Quelle. Sie säuselte, flüsterte. Verheißungen. Glückseligkeit. Nimmer mehr Leid. Nimmer mehr Tod.
Sie tranken. Einige von ihnen. Darunter ein getreuer Kamerad. Peter. Er mauserte sich als ihr Anführer, erwählt von ihnen, den kleinen flatterhaften Biestern.
Wir, ich und meine künftige Crew, lehnten das Angebot ab. Ich roch, dass daran etwas faul war und behielt Recht damit.
Du hast es sicher längst gemerkt, aber ich will es dennoch aussprechen: Wir sind zum ew‘gen Leben verdammt.
‚Wir?‘, wirst du fragen. Ja. Denn die Quelle ist überall. In der Erde, den Tieren … den Früchten. Wir sind ihrem Einfluss schutzlos ausgesetzt. Jedoch, wer direkt aus der Quelle trinkt, dem wird neben der Verdammnis zur Ewigkeit, ein Nimmer-Alter geschenkt. Wir … nun, sieh‘ uns an.“ Er lachte erneut, dröhnend, schallend, humorlos. Dann schwieg er lange.
„Sie braucht Nahrung, musst du wissen. Sie braucht Jugend. Andernfalls versiegt sie und mit ihr, die Feen. Es ist kein mangelnder Glauben, der sie tötet, falls du dieses Märchen jemals gehört haben magst, es ist mangelnde Jugend. Aber sie allein, sind nicht fähig, sich und sie zu versorgen. Ihr Staub ist ein Lockmittel, aber es über die See zu vertreiben und überdies, die Ankömmlinge einzufangen oder die Geschwächten, Halbtoten voranzutreiben, dafür braucht es Manneskraft.
Wer einmal ihren Lockruf gehört hat, entkommt ihm nicht mehr. Früher oder später zieht es sie alle hierher, ich vermute, selbst dann, wenn sie es nicht vermögen, über die See zu gelangen. Sie ertrinken auf dem Weg.
Dennoch schaffen es hinreichend Hörige. Und sie sind nie allein. Sie verbreiten das Gift, den Staub unter ihren Familien, reißen sie alle hinab, in die Verdammnis.
Ich habe mir geschworen, diesem Wahn ein Ende zu bereiten. Ich fange sie ab, so gut ich es vermag. Töte, wer nicht mehr zu retten ist und verfüttere ihn an die Reptilien, denn selbst Überreste der Jugend taugen als spärliche Nahrung. Die Übrigen … nun, sie sind verdammt, können nicht zurück, also rekrutiere ich sie.
Du Mädel, bist fast zu alt, zu reif. Dein Geist beugt sich der Quelle nur schwerlich.“
„Und meine Brüder?“, unterbrach sie, verlangte zu wissen.
Er seufzte. „Der Ältere war verloren. Stand unter dem Einfluss des Staubs und war zu jung, als dass ich ihn lange genug hätte fernhalten können. Der Jüngere … Die Jüngsten versuchen sie vom Einfluss des Staubs fernzuhalten. Es verwässert ihren Nährgehalt. Wäre ich nur schnell genug gewesen. Ich weiß, dass es keine Bedeutung für dich hat, aber: Es tut mir aufrichtig leid.“
Sie dachte lange darüber nach, erkundete, ob die Worte etwas in ihr regten. Ihre Brust hob und senkte sich rhythmisch, der Muskel, der Blut durch ihre Venen pumpte, änderte seinen Takt kaum.
„Was ist mit den älteren Kindern?“
„Die Abtrünnigen?“ Abermals schüttelte er den Kopf. „Verlorene Seelen. Sie meinen sich von der Quelle losgesagt zu haben, aber das können sie nicht. Sie verweigern sich allem, was die Insel ihnen zu bieten hat, leiden lieber Hunger statt ihre Gaben zu akzeptieren. Aber die Qualen sind auf Dauer nicht zu ertragen. Nimmer Sterben und doch das Leid dessen fühlen, hat sie zu verzweifelten Maßnahmen greifen lassen. Mit den Erwachsenen weiß die Quelle nichts anzufangen … und da sie vortreffliche Jäger sind, haben sie eine Einigung mit den Anhängern getroffen. Kinder gegen Erwachsene. Nahrung gegen Nahrung.“
Erneut lauschte sie. Nichts. Ihr Magen rührte sich nicht.
Sie atmete schwer. „Warum rückst du erst jetzt mit der Sprache raus, alter Mann?“
Ein Reibeisen-Lachen dröhnte aus seiner Kehle, ein schiefes Grinsen verweilte auf seinen Lippen. „Die Antwort hast du dir schon selbst gegeben: Ich bin ein alter Hund und lerne keine neuen Tricks mehr. Ich vermag nimmer zu sterben, aber der Zahn der Zeit nagt dennoch an mir, vor allem aber verhärtet er das pulsierende Herz in meiner Brust zu Stein. Ich bin müde und der Worte überdrüssig. Ein Fehler, wie ich ein ums andere mal feststelle. Daher …“ Er stieß langgezogen den Atem aus, sog die Luft zurück in seine Lungen, mehrfaches Knacken tönte von seinen Wirbeln wider. Erleichterung zeichnete sich auf seinem Antlitz ab. Wann hatte er zuletzt frei geatmet, sich frei gefühlt?
„Daher“, setzte er von Neuem an. „Möchte ich dich fragen, Mädel, nein … Wendy. Willst du diese verrohte Crew mit deiner Anwesenheit beglücken? Unter einem alten Seeräuber, der nie einer hatte werden wollen, in die Lehre gehen und … eines Tages, wenn meine Uhr zu ticken aufhört, nimmer mehr erklingt und meine verbleibenden Überreste den Krokodilen zum Fraß vorgeworfen werden, meinen Platz als Käpt’n einnehmen?“
Sie schaute ihm lang in die wässriggrauen Augen, die ruhende See, die über Jahrhunderte so manchem Sturm getrotzt hat. Sie haben Grausamkeit gesehen und gesät. Sie waren die eine Seite einer Medaille, die von keiner betrachtet, richtig oder falsch war, die sich keiner moralischen Betrachtung unterwarf, sondern schlicht das Sinnbild einer nimmer endenden, schicksalhaften Verstrickung widerspiegelte.
„Und wenn sie nicht gestorben sind … werden sie nimmer Frieden finden.“ Wendy kicherte abgehackt, tonlos.
„Na schön. Erbitte Erlaubnis an Bord zu kommen, Käpt’n.“
Schief grinsend, streckte Hook die gesunde Hand aus. Sie schlug ein, in den Handel und dem Schwur, der nimmer gebrochen werden würde.

