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Briefe von K.

Liebe Natalie

Zuallererst, dies ist nicht mein erster und nicht mein letzter Brief an dich. Ja. Du fragst dich bestimmt. Wie? Nicht dein erster Brief? Ich habe noch nie einen Brief von dir erhalten. Ja. Stimmt. Damit liegst du vollkommen richtig. Erhalten hast du bisher noch keinen, aber geschrieben habe ich unzählige. Genau genommen sind es 66 Stück. Dieser hier wird Nummer 69. 69 ist eine tolle Zahl um einen Anfang zu schaffen. 69 ist übrigens auch eine grandiose Sexstellung und ganz nebenbei eine meiner Lieblingssexstellungen. Es wäre falsch dich an diesem Punkt nach deiner Lieblingssexstellung zu fragen. Daher unterlasse ich es hier lieber, obwohl es mich natürlich brennend interessieren würde, ob ich mit meiner Vermutung richtig liege. Dazu vielleicht später mehr, wenn du soweit bist und alt genug für solche Gespräche bist. Falls du nun nach Brief 67 und 68 suchst oder dich wunderst, warum dieser hier die 69 ist, obwohl ich erst 66 Briefe an dich verfasst habe. Nun. Ich habe ab und an ziemlich düstere Gedanken, Natalie. Gedanken, die ich noch nicht bereit bin mit dir zu teilen. Viele dieser Gedanken handeln von dir und von mir und was ich gerne mit dir tun würde. Mach dir keine Sorgen. Es sind zurzeit wirklich nur Gedanken. Noch habe ich mich unter Kontrolle. Noch. Ja. Kontrolle ist mir wichtig. In vielen Bereichen meines Lebens. Jedenfalls musst du dir keine Gedanken um Brief 67 und 68 machen, denn diese Briefe sind lediglich meinen Gedanken gewidmet.

So. Wo fange ich nun an? Ich habe dir schon so oft geschrieben und stelle fest, es ist erstaunlich schwierig einen richtigen Anfang zu finden. Normalerweise starte ich in dem ich dir von meinem Tag erzähle und die Dinge kommentiere, die mir in deinem Tag aufgefallen sind. Ich gebe zu, oftmals kritisiere ich das, was du tust, anstatt die positiven Sachen hervorzuheben. Womöglich bin ich über die Jahre etwas verbitterter geworden. Das tut mir leid. Vielleicht starte ich am Besten mit einem Kompliment. Das Kleid, dass du heute getragen hast, hat mir sehr gut gefallen. Es umschmeichelt deine Figur und setzt deine Kurven perfekt in Szene. Ausserdem finde ich, dass die Farbe Gelb sehr gut zu deinen aquamarin blauen Augen passt. Die neue Haarfarbe steht dir ebenfalls super, obwohl ich das braun sehr mochte. Ich bin sicher, ich gewöhne mich schnell an dieses neue Erdbeerblond. Eine Frage, hast du dir die Haare für deinen Freund gefärbt? Falls ja, muss ich das wohl akzeptieren. Ich würde dir gerne sagen, was ich von IHM halte, aber ich denke, ich sollte mich zurückhalten. Du würdest meine Meinung sowieso nicht teilen, aber glaube mir, wenn ich dir sage, dass ich viel besser für dich sorgen könnte. Ich würde dich gut behandeln und ich verfüge über die notwendigen Mittel, um dir ein schönes Leben zu ermöglichen. Bisher hast du mich noch nicht wahrgenommen, Natalie. Das stört mich nicht. Ich bin ein sehr geduldiger Mensch – jedenfalls meistens. Es gibt Momente, da fahre ich aus der Haut, aber wer hat solche Momente nicht? Kann man mir das verübeln?

Natalie, wusstest du eigentlich, dass dein Name bedeutet „die zu Weihnachten Geborene“? Ich habe es gegoogelt und musste schmunzeln. Dabei bist du doch ein kleines Frühlingsmädchen. Hast du deine Eltern einmal gefragt, warum sie dich Natalie genannt haben?

In eurer Wohnung habe ich ein Foto von deiner Mutter entdeckt und ich muss sagen, du bist ihr wie aus dem Gesicht geschnitten. Dieselben Grübchen, dasselbe Lächeln. Wow. Dein Vater kann sich glücklich schätzen, so eine Frau wie sie gefunden zu haben. Wie geht es ihm? Eigentlich hatte ich vor ihm einen Besuch abzustatten, aber ich werde das Gefühl nicht los, dass ich vielleicht unterschwellig dazu beigetragen habe, dass er diesen Schritt gegangen ist. Wäre es dir lieber, sein Versuch wäre erfolgreich gewesen? Schmerzt es dich, ihn so zu sehen? Sollte ich wirklich dazu beigetragen haben, möchte ich mich an dieser Stelle dafür entschuldigen. Es war niemals meine Absicht dir oder deiner Familie zu schaden. Alles was ich will, ist in deiner Nähe zu sein und vielleicht irgendwann ein Teil deines Lebens zu werden. Falls du es zulässt. Falls du es willst. In der Zwischenzeit begnüge ich mich damit, über dich zu wachen. Du verdienst so viel Natalie, du verdienst die Welt.

Du wirst von mir lesen.

In Liebe, K.

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Liebe Natalie

Brief Nummer 70. Ja, 70. In der Zwischenzeit habe ich keine mehr geschrieben und erstmal versucht mich von dir zu distanzieren, nachdem du Brief Nummer 69 deiner Mutter gezeigt hast. Ehrlich gesagt habe ich damit gerechnet, denn ich kenne dich, Natalie, besser als du glaubst. Vielleicht kenne ich dich sogar besser, als du dich selbst kennst. Jedenfalls hättest du das nicht tun sollen. Nun macht sich deine Mutter Sorgen um dich, obwohl es keinen Grund zur Sorge gibt. Wie bereits in meinem letzten Brief erwähnt, will ich dir nichts Böses. Im Gegenteil, ich wünsche dir nur alles erdenklich Gute. Du sollst es besser haben, als ich. Über mich hat nie jemand gewacht, um mich hat sich nie jemand gesorgt und glaube mir, ich will nichts mehr, als dass du behütet aufwächst und glücklich bist. Ich kann nur bedingt zu diesem Glück beitragen, das ist mir bewusst. Aber jetzt hast du die Sache zwischen uns komplizierter gemacht, als sie hätte sein müssen.

Denkst du darüber nach mit meinem Brief zur Polizei zu gehen? Was willst du denen sagen? Ich habe nichts getan, wofür sie mich festhalten könnten. Ich habe dir nichts getan, Natalie. Würde ich dir etwas antun wollen, hätte ich es bereits getan. Ich habe die notwendigen Dinge dafür hier. Gleich neben mir. Ehrlich gesagt halte ich eins davon gerade in meiner Hand. Du bist so wunderschön, Natalie. Ich liebe dieses Foto von dir. Ich habe es aufgenommen, als du geschlafen hast. Es ist etwas unanständig von mir, so ein Foto von dir zu besitzen. Du trägst darauf nur diesen unfassbar niedlichen rosafarbenen Slip mit dem süssen Blümchenmotiv. Ich beichte dir das, damit du verstehst, dass ich mich stets zurückgehalten habe. Ich hätte dir weh tun können, aber ich habe es gelassen, weil du mir viel bedeutest.

Vielleicht bin ich dir nicht mehr so fremd, wenn ich dir von meinem Tag erzähle, so wie ich es in den vielen Briefen getan habe, die du nie erhalten hast. Heute bin ich an deiner Schule vorbeigefahren. Das tue ich oft. Nicht um dir nachzustellen, sondern weil es etwas mit meinem Job zu tun hat. Keine Sorge, ich bin weder Busfahrer noch Taxifahrer. Ich verdiene wesentlich besser. Jedenfalls ist mir aufgefallen, dass du heute nicht mit deinen Freundinnen heimlich hinter dem Container Rauchen warst. Das finde ich gut. Rauchen ist schlecht für dich, Natalie. Ich rauche selbst, daher kann ich dir sagen, dass du damit aufhören solltest. Jetzt merkst du vielleicht noch nichts davon, aber deine Lunge wird dir danken, wenn du aufhörst, sie mit Teer zu füttern. Natürlich habe ich mich gefragt, was wohl der Grund für dein Fernbleiben war und ich schätze, der Grund dafür bin ich. Bist du wegen mir zuhause geblieben?
Normalerweise bist du der Aufheller von meinem Tag, dementsprechend war mein Tag relativ düster heute. Passend zum Wetter. Es hat geregnet, aber das weisst du ja bestimmt. Ein Blick aus dem Fenster reicht, um das festzustellen. Manchmal sehe ich dich dort. Oft mit einem Buch in der Hand. Du liest gerne, ich auch. Wir haben viele Gemeinsamkeiten.

Eigentlich wollte ich dir heute etwas zurückbringen, was dir gehört, aber ich bringe es nicht übers Herz es loszulassen. Ich könnte es dir stückchenweise zurückgeben, so wäre ein Teil davon bei dir und einer bei mir. Das wäre romantisch, aber ich denke, es würde nur dazu beitragen, dass deine Angst vor mir nur noch grösser wird, daher lasse ich das. Entweder gebe ich es dir ganz oder gar nicht zurück. Ich kann mich noch nicht entscheiden. Entscheidungen zu fällen, fällt mir schwer, besonders, wenn sie Konsequenzen zur Folge haben, wie dass du anfängst, dich vor mir zu fürchten. Das will ich nicht. Ich wollte auch nicht, dass du Brief 69 irgendjemanden zeigst. Diese Zeilen an dich sind privat. Verstehst du, Natalie? Privat. Du solltest das respektieren, wenn du willst, dass ich den Respekt vor dir nicht verliere. Siehst du? Ich tue es wieder, obwohl ich es nicht wollte. Erst erzähle ich dir von meinem Tag und dann kritisiere ich dich. Ich hasse es, wenn ich das tue. Du machst mich einfach manchmal so wütend, dass ich nicht anders kann als… ich sollte diesen Brief nicht so enden lassen. Lieber positiv. Wie wäre es mit einem weiteren Kompliment? Du riechst gut, Natalie, so gut. Ich liebe deinen Duft.

PS: Schuleschwänzen tun nur unartige Mädchen. Bist du ein unartiges Mädchen, Natalie?

Wir lesen uns.

In Gedanken an dich, K.

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Liebe Natalie,

Du hast lange nichts mehr von mir gehört. Genau genommen sind es nun neun Monate, zwei Wochen und drei Tage. Das hier ist Brief… lass mich kurz nachzählen. Es müsste Brief 182 sein. Ja. So viele Briefe habe ich schon an dich geschrieben und keinen davon abgeschickt. Diese waren alle böse und mit Vorwürfen überladen. Ich musste unbedingt Abstand zwischen uns bringen, sonst.. ja sonst. Du weißt ja, dass ich gerne die Kontrolle behalte, die hätte ich dann vermutlich verloren. In der Zwischenzeit ist viel passiert, bei dir und bei mir. Starten wir doch dort, wo wir letztes Mal aufgehört haben. Wie wäre das für dich, Natalie? Warum frage ich überhaupt, du kannst mir ohnehin nicht antworten. Trotzdem… eine kleine Zeitreise zurück in die Vergangenheit. Bist du bereit? Halt dich fest, es könnte ruckeln.

Neun Monate, zwei Wochen und drei Tage zuvor: Natürlich hast du auch meinen letzten Brief, Brief 70, deiner Mutter gezeigt und du fragst dich bestimmt, wie ich davon wissen kann? Ich verrate nicht gerne meine Tricks. Würde ich das tun, könntest du mich gänzlich aus deinem Leben stossen. Kannst du nicht einfach akzeptieren, dass ich da bin? Du solltest mich nicht als einen Feind sehen, eher als eine Art imaginären Freund. Jemand, den du jederzeit in dein Leben holen könntest, wenn du es wollen würdest. Ich kann echt werden. Aber so wie die Dinge jetzt stehen, müsste sich dazu erst unser Vertrauensverhältnis ändern und sichtlich verbessern. Du machst es mir echt schwer, Natalie.
Ich gebe zu, dass ich dich ebenfalls in eine schwierige Situation gebracht habe. Es war ein raffinierter Schachzug von mir dir Brief 69 als ersten Brief von vielen zukommen zu lassen und auch die sexuellen Anspielungen haben den gewünschten Effekt erzielt. Es tut mir leid, dass deine Mutter nun denkt, du hättest diese Briefe selbst geschrieben, einfach so, weil du Aufmerksamkeit möchtest. Es war unfair von ihr zu behaupten, dass es egoistisch von dir sei, dich so in den Mittelpunkt zu zwängen, während dein Vater im Krankenhaus liegt und um sein Leben kämpft. Daran ist nichts egoistisch. Es ist nur ein perfekt gewählter Zeitpunkt von mir, um mit dir in Kontakt zu treten. Ich möchte hier nochmals erwähnen, dass ich nicht dein Feind bin. Das war nicht böswillig von mir, nur eine Vorsichtsmaßnahme. Ich habe viel zu verlieren, wenn das zwischen dir und mir rauskommen sollte. Natürlich kratzt es auch etwas an meinem Ego, dass deine Mutter meine Briefe kindisch findet und dass sie behauptet hat kein erwachsener Mann würde Briefe dieser Art verfassen, schon gar nicht an dich, Natalie. Deine Mutter hat einerseits recht, ein erwachsener Mann sollte Briefe dieser Art nicht an so jemanden wie dich schreiben, aber hätte ich Brief 69 nicht so angefangen, wie ich ihn angefangen habe, hätte ich keine Zweifel zwischen dir und deiner Mutter schüren können. Ich musste den Eindruck erwecken, dass der Brief ein Schrei von dir nach Aufmerksamkeit sein könnte. Zugegeben es war eine Mischung aus beidem. Ein Schrei nach Aufmerksamkeit, aber es war auch viel von meinem wirklichen Ich in diesem Brief. Zu viel, weshalb das Urteil deiner Mutter noch mehr schmerzt.

Jedenfalls tut es mir leid. Als kleines Wiedergutmachungsgeschenk möchte ich dir etwas verraten. Obwohl deine Mutter Zweifel an der Echtheit meiner Briefe hegt, habe ich sie trotzdem dabei erwischt, wie sie sicherheitshalber die Haustür nach Einbruchspuren abgesucht und natürlich keine vorgefunden hat. Ich bin ziemlich gut in dem, was ich tue. Ich hinterlasse selten Spuren. Kommen wir doch jetzt zurück in die Gegenwart. Unser Vertrauensverhältnis hat sich selbstverständlich nicht verbessert. Wie auch. Ich habe mich schließlich von dir ferngehalten und du, du hast so vielen Menschen von diesen Briefen erzählt. Ich bin richtig enttäuscht von dir. Auch, dass du nach meinem letzten Brief eine ganze Woche der Schule ferngeblieben bist und dich oft mit deiner Mutter gestritten hast, kann ich nur mit einem Kopfschütteln abtun. Meine Briefe haben generell für ziemlich viel Streit gesorgt, dabei waren es nur zwei. Nur zwei Briefe von 182. Keine Ahnung, was du tun wirst, sobald dieser Brief dich erreicht. Es wäre zu viel verlangt, um dein Vertrauen und deine Diskretion zu bitten. Daher erwarte ich, dass alles wieder von Vorne losgehen wird. Trotzdem gehe ich das Risiko ein, weil ich dich vermisse. Ich vermisse dich ganz fürchterlich, Natalie.

Und wie gesagt, in der Zwischenzeit ist viel passiert. Zu viel. Ich habe zum Beispiel deinen Vater besucht und ihm Blumen vorbeigebracht. Vor zwei Tagen war die Beerdigung und ich möchte dir mein Beileid aussprechen. Es war bestimmt schlimm für dich seine letzten Atemzüge mitzuerleben. Ich weiss natürlich, dass ihr euch dazu entschieden habt, die lebenserhaltenden Maschinen abzustellen. Keine einfache Entscheidung. Ich wünschte, ich könnte dich in den Arm nehmen und trösten. Doch aus diesem Grund schreibe ich dir nicht. Nein. Und eigentlich wollte ich es auch für mich behalten, doch es geht nicht mehr. Ich muss es dir einfach sagen. Ich habe deinen sogenannten Freund vor einer Woche mit deiner sogenannten besten Freundin erwischt. An einem Montag, in der Freistunde. Sie haben hinter den Containern miteinander rumgemacht. Ich habe ein Foto mit meinem Handy geschossen. Sie trug an diesem Tag dieses pinke Kleid, das du auch besitzt und er eine Trainingshose von Adidas und diese widerlichen und geschmacklosen grünen Sneakers. Ich bin rasend vor Wut. Wie kann er es nur wagen dich zu betrügen? Du solltest dich von ihm trennen. Endgültig. Er hat dich nicht verdient. Ich würde dir so etwas niemals antun. Du bist für mich die Einzige, Natalie. Wirst du immer sein.

Ich habe in der Zwischenzeit auch etwas verloren, was mir viel bedeutet hat. Jetzt gibt es nur noch dich. Ich könnte dir gehören. Du musst es nur wollen.

PS: Die neuen Vorhänge sind durchsichtig. Machst du das mit Absicht?

Verwirrt und verloren,

Dein K.

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“Du und ich: Wir sind eins. Ich kann dir nicht wehtun, ohne mich zu verletzen.” Mahatma Gandhi.

Liebe Natalie

Nach meinem letzten Brief, Brief 182, ging es dir nicht gut. Das wollte ich nicht. Wirklich nicht. Ich habe gesehen, wie du die Vorhänge herunter gerissen hast. Erst habe ich mich gefreut, doch jetzt ist da dieser Kloß in meinem Hals. Habe ich übertrieben? Ist es zu spät, um noch zurück zu rudern? Da sind so viele Fragen in meinem Kopf und die Antworten darauf kennst nur du.

Ich kann nicht Ungeschehen machen, was ich getan habe, aber ich kann versuchen es zu korrigieren. Ich versuche es. Wirklich. Für dich. Für meine Prinzessin.

PS: Er hinterlässt eine Ruine, aber Prinzessinen verdienen ein Schloss.

Du wirst nicht mehr von mir hören.

Auf ewig Dein, K.

_____________________________________________Liebe Natalie

Eigentlich wollte ich mich nicht mehr bei dir melden. Ich habe auch keine weiteren Briefe mehr geschrieben. Doch letzte Nacht hatte ich diesen Traum. Da konnte ich nichts anders. In diesem Traum warst du verschwunden. Einfach weg. Es haben alle nach dir gesucht, Natalie. Aber keiner konnte dich finden.

Geht es dir gut? Ich hoffe es.

PS: Hast du dein Schloss schon gefunden?

Auf Abstand, dein K.

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Liebe Natalie

Ich schreibe dir, weil sich mein Traum bewahrheitet hat. Du bist verschwunden. Einfach so von einem Tag auf den anderen. Du warst da und auf einmal warst du weg. Sie suchen nach dir, Natalie, sie suchen überall nach dir. Sie rufen deinen Namen, sie schalten Inserate, hängen überall Plakate mit deinem Gesicht auf. Sie haben alle Fragen. Wissen nicht, warum du so plötzlich abhanden gekommen bist. Jetzt ist sogar die Polizei involviert. Es wurde auch in den Nachrichten über dich berichtet. Deine Mutter hat darum gebeten, dass du doch wieder nach Hause kommen sollst. Aber du wirst nicht nach Hause gehen, stimmt’s? Du bleibst fern.
Wie sind wir nur an diesem Punkt gelandet, Natalie? Wie ist es soweit gekommen? Habe ich etwas falsch gemacht? Hätte ich an dir dran bleiben sollen? War es ein Fehler Abstand von dir zu nehmen? Ich habe dir gesagt, dass mir Kontrolle wichtig ist, doch nun habe ich die Kontrolle verloren. Sie ist weg, so wie du.

Ich bin selten wirklich traurig, doch zu sehen, wie sie alle um dich weinen, betrübt mich. Elende Heuchler. Sie wollten nicht hinsehen, nicht zuhören. Jetzt reißen sie ihre Augen und Mäuler auf, doch es ist niemand da, der sie füttert. Sie sollen hungern, Natalie, so wie du gehungert hast. Du warst so schrecklich dünn gegen Ende. Ja. Nun habe ich mich verraten. Natürlich konnte ich es nicht lassen, hin und wieder nach dir zu sehen und was ich gesehen habe, hat es nur umso schwerer gemacht, den Abstand zu wahren.

Nur noch selten habe ich dich mit deinen Freundinnen hintern den Containern rauchen sehen. Erst dachte ich, du hast meinen Rat beherzigt, doch dann habe ich deinen sogenannten Freund immer öfter mit deiner sogenannten Freundin gesehen und wusste, warum du dich nicht mehr blicken lassen hast. Natalie, er hat dich einfach ausgetauscht. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie wütend mich das gemacht hat. Ich wollte ihn dafür büßen lassen, wollte ich wirklich. Das kannst du mir glauben. Mittlerweile schüttle ich nur noch mit dem Kopf, wenn er wieder einmal ein Interview gibt und behauptet, du wärst seine grosse Liebe gewesen. Dieser Mensch weiss nicht, was Liebe bedeutet und deine Freundin, die steht nur daneben und drückt auf die Tränendrüse. Eigentlich kann ich ihnen das nicht übel nehmen, sie sind jung, so jung wie du und trotzdem verspüre ich nichts als Verachtung. Allein gelassen von allen, selbst von mir. Das muss schwer für dich gewesen sein. Besonders weil sie dir alle nicht geglaubt haben. Du hättest die Briefe einfach für dich behalten sollen, das hätte dir viel Leid und Kummer erspart und wahrscheinlich wären die Dinge nun anders, auch zwischen uns. Jetzt sitze ich hier über meinem Brief und es schwirren tausend Gedanken durch meinen Kopf. Ja, auch böse Gedanken, aber es gibt auch gute. Und natürlich handeln alle von dir.

Ehrlich gesagt, weiß ich gar nicht, warum ich diesen Brief schreibe. Es ergibt keinen Sinn. Ob es an der Gewohnheit liegt? Kann sein. Ich weiß nicht, wie ich sonst mit dir kommunizieren soll. Da steht immer noch etwas zwischen uns und das Treffen, so wie ich es mir gewünscht hätte, hat sich leider nicht so ergeben. Jedenfalls möchte ich dir sagen, dass deine Mutter Trost gefunden hat. Da ist ein neuer Mann in ihr Leben getreten. Du kannst dir bestimmt denken, wer es ist. Du rätselst doch gerne. Soll ich dir einen Hinweis geben? Na gut. Pass auf. Hier kommt er.

Ich sehe ihn jeden Tag.

Und klingelts schon? Ich bin mir sicher, du weißt, wen ich meine.

PS: Wie gefällt dir dein Schloss?

So nah und doch so fern, dein K.

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Liebe Natalie

Du bist jetzt schon seit einer Woche verschwunden, doch dein Bett riecht immer noch nach dir. Obwohl du nicht da bist, fühlt es sich so an, als würde ich neben dir aufwachen und einschlafen. Es hätte so schön zwischen uns sein können, doch es ist alles anders gekommen. Manchmal meint es das Schicksal nicht gut mit einem, egal wie sehr man versucht, es in die richtige Richtung zu lenken. Das ist schade und ich bedauere sehr, wie sich die Dinge zwischen uns entwickelt haben. Aber ich habe auch gute Neuigkeiten für dich. Ich sehe deine Mutter nur noch selten weinen. Ich denke, der Brief, den ich in deinem Namen für sie geschrieben habe, zeigt Wirkung. Keine Sorge, sie glaubt, du hättest den Brief geschrieben. Ich habe an eurem Kühlschrank alte Postkarten von dir gefunden und deine Handschrift bestmöglichst kopiert. Es ist eine Ewigkeit her, seit ich einen Brief von Hand verfasst habe und ich muss sagen, ich habe mehrere Anläufe gebraucht. Trotzdem habe ich das gerne für dich gemacht.

Neben den Postkarten habe ich auch eine alte Zeichnung von dir gefunden. Du weisst bestimmt welche ich meine. Die, als ihr noch zu viert wart. Du, deine Mutter, dein Vater und deine Schwester vor eurem Ferienhaus mit den roten Dachziegeln und der blauen Tür. Hinter dem Haus sind ein paar Bäume und da ist dieser schwarze Schatten zwischen den Tannen. Irgendwie kann ich mich mit diesem Schatten identifizieren. Es ist fast so, als hättest du mich damals bereits gespürt oder wahrgenommen. Dein Beschützer, dein Wächter, dein ganz persönlicher Schatten, der auf dich aufpasst.

Ich bin heute bei diesem See im Wald vorbeigefahren und habe mich gefragt, ob sie dich irgendwann finden werden. Der Gedanke verfolgt mich nun schon seit ein paar Stunden.

Vielleicht bin ich nicht der Märchenprinz, den du dir gewünscht hast.

PS: “Die Unentschlossenheit ist schlimmer als die Verzweiflung.” Giacomo Graf Leopardi

Dein Schatten, K

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Liebe Natalie

Ich halte es nicht mehr aus. Ich halte es nicht mehr aus! Ich verliere immer mehr die Kontrolle. Heute habe ich ein Unterhöschen von dir angezogen, um dir nah zu sein. Es hat gut getan, kurzfristig. Aber es reicht mir nicht mehr. Es reicht einfach nicht mehr. Verstehst du? Da sind diese bösen Gedanken in mir und sie verlangen alle nach dir, Natalie. Sie schreien, sie winden sich, sie drängen und wollen an die Oberfläche. Ich wünschte, du könntest mir sagen, was ich tun soll. Doch wir können nicht von Angesicht zu Angesicht reden. Das geht nicht. Es wäre naiv von mir zu glauben, dass du dafür schon bereit bist. Für mich. Für das, was ich in meinem Kopf schon unzählige Male getan habe und was ich so verzweifelt versuche zurückzuhalten.

Du musst dir das so vorstellen, Natalie, das ist wie wenn man einem Verhungernden ein Stück Pizza vor die Nase hält und er nicht zubeissen darf. Genau so ist das für mich. Ich bin hungrig. So hungrig. Tiere kennen keine Zurückhaltung, aber wir Menschen, wir haben unseren Moralkodex. Wir können Gut von Böse unterscheiden. Ich bin böse. Ich habe nicht nur dein Unterhöschen angezogen, ich habe es auch mitgenommen. Es liegt gerade neben mir und es riecht nach uns. Es riecht wie etwas, das sein sollte, es aber nicht ist.

Ich bin heute wie so oft an deiner Schule vorbeigefahren. Es frustriert mich, dass das Leben ohne dich ganz normal weiterläuft. Deine Freundinnen rauchen noch immer hinter dem Container. Dein sogenannter Freund hält Händchen mit deiner sogenannten Freundin. Es ist, als wärst du niemals da gewesen. Selbst deine Mutter kann wieder Lächeln. Heute Abend hat sie übrigens ein Date. Sie trifft sich wieder mit diesem Mann, von dem ich dir erzählt habe. Hast du das Rätsel eigentlich gelüftet oder brauchst du noch einen Tipp? Falls ja, hier kommt er:

Er ist groß, athletisch gebaut, weil er fünfmal die Woche trainieren geht, aufgrund seines kleinen Aggressionsproblemchens. Er hat braune Haare, grüne Augen und ist absolut nicht an deiner Mutter interessiert. Ach und er mag diese Boygroup, die du auch so gerne magst. BTS. Du hast sogar schon einmal mit ihm gechattet. Na, klingelt es nun?

Du bist noch jung, aber hast du dich jemals gefragt, wer den Wert eines Menschen festlegt? Für mich bist du die Welt und für alle anderen einfach nur irgendjemand. Bei mir dreht sich alles nur um dich. Die Sterne. Die Planeten. Der Mond. Reicht es dir, wenn du für mich wertvoll bist? Denn dann bist du der wertvollste Mensch, der jemals existiert hat. Wirst du immer sein

Während ich diesen Brief schreibe, flaut dieser Kontrollverlust allmählich ab. Vielleicht bist du meine Medizin, Natalie. Das, was ich brauche, um wieder klar denken zu können. Als kleines Dankeschön möchte ich dir eine kleine Geschichte erzählen. Pass auf, hier kommt sie.

Es war einmal ein junges Mädchen mit erdbeerblondem Haar. Sie hat sich mit diesem Mann aus dem Internet angefreundet, den sie nur von Fotos kannte. Die Beiden haben sich von Anfang an gut verstanden. Der Mann war sehr geduldig mit ihr und nach fast einem Jahr nur chatten, haben sie sich schlussendlich verabredet. Sie wollten sich zusammen einen Film im Kino ansehen. Treffpunkt und Uhrzeit stand fest. Sie hat auf ihn gewartet, war pünktlich. Er kam mit dem Auto und schwupps plötzlich war das Mädchen mit dem erdbeerblondem Haar nicht mehr da. Kommt dir die Geschichte bekannt vor, Natalie? Was denkst du, ist mit dem Mädchen passiert?

PS: Wenn du schläfst, träumst du manchmal davon, von einem Prinzen wachgeküsst zu werden?

Am Scheideweg, dein K.

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Liebe Natalie

Es war einmal ein Mädchen mit erdbeerblondem Haar. Sie schlief tief und fest in ihrem Schloss am See. Eine Nadel hatte sie gestochen und das Mädchen in den scheinbar ewigen Schlaf gebannt. Nur der Kuss des Prinzen könnte sie aus diesem Dornröschenschlaf erlösen. Doch der Prinz ließ auf sich warten. Vor vielen Jahren hatte ihn eine böse Hexe mit einem finsteren Fluch belegt. Er haderte mit sich. Wäre es richtig die Prinzessin aus ihrem tiefen, tiefen Schlaf zu erwecken und sich ihr endlich zu offenbaren? Es vergingen einige Tage, doch dann erschien der Prinz. Er erklomm die Mauern des Schlosses, dass er für sie erbaut hatte und als er seine Prinzessin erblickte, war es um ihn geschehen. Er war geblendet von ihrer unfassbaren Schönheit, so dass er den Fluch, der auf ihm lastete nur für eine einzelne Sekunde vergaß. Er küsste das Mädchen und als sich ihre Lippen berührten, brach der Fluch wie ein Donnergrollen aus ihm heraus. Der Prinz verwandelte sich in einen bösen, hungrigen Wolf. Wie getrieben fiel die Bestie über die schlafende Prinzessin her. Wieder und wieder. Und immer wieder. Bis….

Ich hätte mir ein anderes Ende für diese Geschichte gewünscht. Wirklich. Das kannst du mir glauben. Jetzt bist du ein weiteres Mädchen in meinem Fotoalbum. Das Mädchen mit dem erdbeerblondem Haar.

Ich bin nicht stolz auf das, was ich getan habe. Ich weiss auch nicht, warum ich diesen Brief an dich überhaupt noch schreibe, denn du bist nicht mehr da. Du bist verschwunden. Weg. Und diesmal für immer. Im ewigen Schlaf und es gibt keinen Prinzen mehr, der dich aus diesem jemals wieder erlösen könnte.

Ich hätte aufhören sollen, als dein Vater seinen letzten Atemzug gemacht hat. Ich dachte wirklich, du hättest das eine Mädchen sein können, dass ich retten statt erlösen könnte. Es tut mir so leid, Natalie. So leid.

Auch wenn du diesen Brief niemals lesen wirst, denke ich, es ist an der Zeit einen Abschluss zu finden. Einen Abschluss für uns beide. Du musst wissen, Ich nenne die Dinge nicht gerne beim Namen, sie sind mir unangenehm, also lass es mich anders versuchen. Es ist einfacher Abscheulichkeiten in Märchen zu verpacken, also legen wir los. Bereit? Natürlich bist du bereit. Wie könnte es auch anders sein….

Ich habe dich in einem Forum für Hexen gefunden. Besser gesagt, ich habe dich in einem Video gesehen. Vor langer Zeit war ich auch einmal in so einem Video, das war zu der Zeit, bevor ich dem Club der Hexen beigetreten bin. Hexen sind nicht unbedingt gesellige Wesen, aber sie tauschen sich gerne aus und noch viel lieber prahlen sie mit ihren Errungenschaften herum. Mein Vater war eine Hexe und dein Vater war eine Hexe. Ich bin nicht unbedingt eine Hexe, ich würde mich selbst als Wolf bezeichnen. Ein Prinz, der von einer Hexe verhext worden ist. Ein Fluch, den man nur mit sehr viel Kontrolle zurückhalten kann. Verstehst du jetzt, warum mir Kontrolle so wichtig ist?

Zurück zum Video. In dem Video hast du Dinge mit deinem Vater gemacht, die Hexen lieben, aber Prinzessinen nicht tun sollten müssen. Wir haben viele Gemeinsamkeiten, Natalie, wie zum Beispiel dieser Schatten auf unseren Zeichnungen. Das ist auch einer der Gründe, warum ich dich beschützen wollte. Ich wollte dich da rausholen. Den Schatten vertreiben. Wollte ich wirklich. Prinzessinnen gehören in Schlösser, nicht in Ruinen.

Ich habe deinen Vater aufgespürt. Hexen tarnen sich gut, aber ich habe so meine Tricks, wie du ja weisst. Zuerst habe ich euch beobachtet, ich musste sicher gehen. Als ich genug gesehen hatte, haben wir angefangen zu chatten. Es fing harmlos an. Es fängt immer harmlos an. Ich musste dich kennenlernen, mich in deiner Nähe aufhalten, deine Tagesabläufe studieren, herausfinden wer du bist und wie ich dich bekommen kann. Manchmal hast du es mir schwer gemacht, doch am Ende habe ich dich gekriegt. Nur nicht so, wie ich es mir gewünscht habe.

Deine Hexe war hartnäckiger als andere Hexen. Eine sehr gierige Hexe. Vielleicht lag es daran, dass du deiner Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten bist. Praktisch eine jüngere Version von ihr. Ich bin mir sicher, dein Vater hat deine Mutter geliebt, aber es gibt eine Sache, der Hexen nicht widerstehen können. Jugend. Sie lechzen danach. Hexen sind wie Parasiten. Sie saugen die Jugend aus dir raus und lassen eine kaputte Hülle zurück.

Ich musste also deine Hexe ausschalten, bevor sie dich leer macht. Zeit kann tückisch sein. Kennst du das Sprichwort “Ein Wettlauf gegen die Zeit”? Für deine Hexe war es an der Zeit für ihre Taten auf dem Scheiterhaufen zu landen. Ich habe ihr einen Zaubertrank verabreicht und alles so aussehen lassen, als hätte sie das schlechte Gewissen zu dieser Verzweiflungstat getrieben. Aber Hexen haben kein Gewissen. Den Rest der Geschichte kennst du, Natalie. Dein Leben war nicht einfach und viel zu kurz. Keiner hat gesehen, wie wertvoll du bist. Ich habe bis zuletzt gehofft, sie würden deinen Wert erkennen.

Nun liege ich in deinem Bett und schreibe diesen Brief. Deine Mutter sitzt im Wohnzimmer und sieht diese Sendung, die sie sich so gerne ansieht. Sie weiss nicht, dass ich da bin. Aber wir wissen ja beide, dass sie gerne Dinge ausblendet, egal wie laut und offensichtlich sie sind. Sie hat bis zuletzt deine Schreie nicht gehört. Wir haben es versucht, Natalie, aber sie wollte einfach nicht hinhören.

Viele Menschen verschließen die Augen vor der Realität. Ich werde dafür sorgen, dass sie die Augen öffnen. Sie sollen hinsehen. Sie sollen dich sehen.

Ich sorge dafür, dass du im Tod die Aufmerksamkeit erhältst, die du in deinem Leben nie hattest. Versprochen.

Ich würde diesen Brief gerne so schön wie in einem Märchen enden lassen. Du weißt schon, wie ich das meine und falls nicht, zeige ich es dir. Es ist kein Rätsel, dass du lösen musst, sondern ein Ende, wie es hätte sein müssen und wie ich es mir gewünscht hätte.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

Dein Prinz, K.

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Liebe Mirjam

Zuallererst, dies ist nicht mein erster und nicht mein letzter Brief an dich. Ja. Du fragst dich bestimmt. Wie? Nicht dein erster Brief? Ich habe noch nie einen Brief von dir erhalten. Ja. Stimmt. Damit liegst du vollkommen richtig. Erhalten hast du bisher noch keinen, aber geschrieben habe ich unzählige.

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