Drückdauer
Bitte beachte, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung oder Drogenkonsum. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die Angst oder Unbehagen erzeugen sollen. Wir empfehlen dir, diesen Text nicht zu lesen, wenn er dich belasten könnte.
Ich prüfe Quittungen. Das klingt nach Buchhaltung, und ungefähr so fühlt es sich auch an. Jeder Gewölbestandort der Foundation meldet sich in festen Abständen, und jede Meldung hinterlässt bei uns eine Zeile: Standort, Uhrzeit, Terminal, Ausweis, Dauer des Tastendrucks, Freitext. Die Uhren an den Standorten zählen von selbst. Kommt acht Stunden lang nichts, vernichtet sich der Standort mit Feuer und Strahlung, und dafür braucht es mich nicht. Mich braucht es für die Akten. Einmal im Monat ziehe ich die Zeilen eines Standorts und sehe nach, ob alles seine Ordnung hat. Meistens hat es das.
Gewölbe 4 liegt unter einem stillgelegten Steinbruch, sieben Leute Stammbesetzung. Ich kenne sie nur als Ausweisnummern und Freitexte. Die Freitexte sind das einzig Menschliche an meiner Arbeit. Niemand muss etwas hineinschreiben, aber fast alle tun es. „Kaffeemaschine wieder kaputt.“ „Grüße an die Revision.“ Die Laborantin, deren Ausweisnummer auf 31 endet, schreibt jeden Morgen das Wetter hinein, das sie dort unten nicht sieht. Sie hört es im Radio. „Nebel, später sonnig.“
An einem Montag Anfang November zog ich die Zeilen der vergangenen vier Wochen. Bis zum 19. war alles wie immer: sieben Ausweise, im Schnitt alle zwei Stunden eine Quittung, Drückdauer drei bis fünf Zehntelsekunden, im Freitext Wetter, Kaffee, Grüße.
Ab dem 19., 14:06 Uhr, quittierten nur noch zwei Ausweise. Ab dem 20. nur noch einer. Die 31.
Ich dachte zuerst an einen defekten Leser. Dann sah ich mir die Abstände an: eine Stunde zwölf. Sechs Stunden vierzig. Drei Minuten. Sieben Stunden einundfünfzig. Unregelmäßig, aber nie über acht. Kein Freitext, kein Wetter, seit zwölf Tagen. Und die Drückdauer. Siebenundvierzig Sekunden. Zwei Minuten elf. Neunzehn Sekunden, dann noch einmal und noch einmal, achtmal in einer Minute.
Ich habe die Dauer nie beachtet. Niemand beachtet die Dauer. Die Spalte gibt es nur, weil der Leser sie eben mitschreibt.
Ich habe mir aus dem Archiv die Einweisungsunterlagen für neues Personal kommen lassen, weil ich wissen wollte, wie so ein Terminal aussieht. Es hängt im Hauptgang auf Brusthöhe. Die Taste leuchtet grün, damit man sie auch im Notlicht findet, und das Lesefeld für den Ausweis sitzt direkt darunter. Man trägt den Ausweis an einem Band um den Hals. Wer sich vorbeugt, um zu drücken, hält ihn fast von selbst an den Leser.
Ein paar Seiten weiter stand, was Infizierte anzieht: alles, was nach Menschen klingt, riecht oder leuchtet.
Ich habe im Gewölbe angerufen. Man soll das nicht, die Leitungen sind für die Gegenrichtung gedacht. Ich ließ es sehr lange klingeln. Dann wurde abgenommen. Ein Poltern, als schlage der Hörer gegen die Wand, und danach ein Geräusch, das ich nicht beschreiben will, weil ich nicht sicher bin, was es war. Es kam näher an den Hörer heran, je länger ich still blieb. Ich habe nichts gesagt und aufgelegt. Erst danach ist mir eingefallen, dass ein klingelndes Telefon wohl auch nach Menschen klingt. Und dass die Uhr dort unten einen Anruf von außen als Lebenszeichen zählt.
Um 15:20 Uhr kam eine Quittung. Ausweis 31, Drückdauer eine Minute und vier Sekunden.
Meine Vorgesetzte hat sich alles angesehen, sehr ruhig, und dann ausgesprochen, was ich mir schon gedacht hatte. Die Laborantin mit der 31 ist wahrscheinlich seit dem 20. tot, und sie steht trotzdem noch im Hauptgang. Von den anderen sechs weiß niemand etwas, und niemand wird nachsehen. Einen Evakuierungsplan gibt es nicht, das haben alle sieben unterschrieben. Die Fühler an den Probenschränken haben nichts gemeldet. Was immer im Gewölbe geschehen ist, es geschah nicht am Schrank, und darum ist die Selbstvernichtung nicht angesprungen. Die Uhr wird auch nicht ablaufen, solange am Ende des Hauptgangs eine grüne Taste leuchtet und davor jemand steht, der nicht mehr müde wird und nichts mehr essen muss. Nicht in Wochen. Nicht in Jahren.
Es gibt einen dritten Weg. Ein Ausbruch löst die Vernichtung auch dann aus, wenn ihn kein Fühler meldet. Dann muss ihn jemand feststellen, und dafür braucht es einen Antrag. Es gibt einen Vordruck. Ich hatte ihn noch nie ausgefüllt gesehen.
Ich habe ihn ausgefüllt. Begründung: „Ausbruch. Standort nicht mehr unter Kontrolle des Personals.“ Meine Vorgesetzte hat gegengezeichnet, danach noch zwei Stellen über ihr. Das hat bis zum Abend gedauert.
Die letzte Zeile von Gewölbe 4 ist von 21:48 Uhr. Ausweis 31. Drückdauer drei Minuten und zwanzig Sekunden. Kein Freitext.
Seit jenem Montag gilt bei uns eine neue Regel. Eine Quittung zählt nur noch mit Freitext, mit irgendeinem, egal was. Ein Satz, für den man denken muss. Ich habe mir die ersten Wochen danach angesehen, quer durch alle Gewölbe.
Die meisten schreiben jetzt das Wetter.
Quelle Dieser Fall beruht auf SCP-008 von Unknown Author aus dem SCP Wiki (scp-wiki.wikidot.com/scp-008) und steht unter CC BY-SA 3.0.