
Bitte beachte, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung oder Drogenkonsum. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die Angst oder Unbehagen erzeugen sollen. Wir empfehlen dir, diesen Text nicht zu lesen, wenn er dich belasten könnte.
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Routinierte Mühlräder
Das Ringen des Weckers riss Joseph aus den Tiefen seines Schlafes. Der Laut schallte zwischen seinen Schläfen wie ein Sturm wider, der die ruhige See jäh in ein tosendes Meer verwandelte.
Er riss die Augen auf, seine Brust verkrampfte schmerzhaft aufgrund des Schrecks, der ihm durch die Glieder fuhr. Halb benommen, tastete er nach dem Störenfried, der es wagte, seine Ruhezeit so abrupt zu unterbrechen. Seine tauben Finger, die sich des Untergrundes, die sie ertasteten, kaum bewusst waren, sich zum Teil weiterhin im Traumland meinten und alle möglichen wirren Eindrücke einbildeten, fanden schließlich das kreischende Gerät, fummelten sinnlos daran herum, bekamen es dann doch zu packen und manövrierten es vor Josephs Gesicht, welcher missmutig die Augen zusammenkniff, als das grelle Licht des Bildschirms ihn blendete. Eine gefühlte Ewigkeit verbrachte er damit, das Scheißding, wie er es mal wieder innerlich schimpfte, auszuschalten, weil seine ungelenken Endgliedmaßen ihm weiterhin ihre volle Dienstbereitschaft verweigerten und den Ausschalter nicht fanden.
Als es endlich geschafft war, der tosende Lärm schlagartig erstarb, schloss er die Lider wieder und atmete erst einmal tief durch. Der Morgen war schon im Eimer, ehe er überhaupt angefangen hatte. Prognose für den weiteren Verlauf des Tages: eine aufziehende, schwarze Wolkenfront, die ihm auch noch die restliche Zeit verhageln würde.
Am liebsten hätte er sich auf die Seite gedreht und weitergeschlafen, aber aus Erfahrung wusste er zu genau, dass dieser Streich nur die Spitze des Eisberges darstellte. Was hat sie heute im Sinn? Mit welchen irrsinnigen Plänen, wird sie mich dieses Mal foltern? Den Wecker hatte er nicht selbst gestellt. Wozu? Es gab keinen ersichtlichen Grund für ihn, dem Tag in dessen frühen Grau zu begegnen. Er würde drei Stunden später genauso beschissen sein. Wozu sich also mühen? Wozu überhaupt irgendeinen Aufwand betreiben?
Aber das waren müßige Fragen, die zu müßigeren Diskussionen führten. Die Mühlräder dieser Maschinerie kannten nur eine Richtung, sie wichen niemals davon ab. Sie marterten ihn, bis er dann doch nachgab. Wozu sich anstrengen, statt sich einfach zu ergeben?
Also raffte er sich auf, rieb sich die müden Augen, strich sich durch das wirre Haar, streckte und reckte sich, gähnte, schaute sich trüb um, erkannte, dass sich nichts verändert hatte, und fand darin eine beruhigende Befriedigung. Zumindest konnte er sich darauf verlassen, dass ein Tag dem anderen glich. Kontinuität hatte, trotz des allmorgendlichen Stresses, auch ihre guten Seiten. Er brauchte kein böses Erwachen zu fürchten – außer er ignorierte den Wecker doch einmal, dann bekam er einen Eindruck davon, was unter der Spitze, in der tiefen, dunklen See lauerte; im Zweifel mehr Eis, welches ihm im Zuge einer heruntergerissenen Decke über den Körper gekippt wurde.
Ihm schauderte, als ob die Kälte aus der Vergangenheit ins Jetzt gekrochen käme. Gleichwohl schüttelte er die Erinnerung damit ab. Nichts, womit sich sein immer müder Geist befassen brauchte.
Dafür wurde es dringlicher, seinen Körper davon zu überzeugen, sich aufzurichten. Nicht nur des Haussegens wegen, sondern weil seine Blase ihm nunmehr, da er aus der Dämmerung erwachte, allzu deutlich vermittelte, dass sie eine Entleerung wünschte.
Er erhob sich aus den weichen Sphären seines Bettes, dessen lauschige Wärme mit zarten Händen nach ihm griff, ihn davon zu überzeugen ersuchte, sich nicht so voreilig zu lösen, ein Weilchen länger zu verweilen, ihn einlud, auf ewig bei ihr zu bleiben. Aber sie beide wussten nur zu genau, dass das unmöglich war. Jeden Morgen galt es sich aufs Neue zu trennen und erst zum Abend hin, ihre Wiedervereinigung zu zelebrieren. Mit tiefem, wohligem Schlaf, der nie lange genug andauerte, der stets unsanft gebrochen wurde. Ein endloser Zirkel, aus dem es kein Entrinnen zu geben schien.
Hinter Josephs Stirn pulsierte es einmal mehr, wie so oft, wenn er zu viel darüber grübelte, was sein könnte; wie das Leben sein sollte.
Leben. Das Konzept an sich erschloss sich ihm nicht. Wozu das Ganze? Wozu die Mühen, das endlose Streben, das Eifern und Geifern und am Ende doch nur Versagen und Vergessen. Aber er raffte sich auf. Wieder und wieder und immer wieder, weil es von ihm erwartet wurde, weil es verlangt wurde, weil er zu schwach war. Zu schwach sich zu wehren und erst recht, diesem Mühlrad ein für alle Mal zu entrinnen.
Eines Tages …, beschwor er sich immer wieder. Ja, eines Tages würde er die Augen zumachen und sie nicht mehr öffnen. Doch bis dahin galt es sie noch viele Male aufzuschlagen, sich viele Male hochzukämpfen, viele Male einem weiteren, tristen und endlos grauen Tag zu begegnen.
Auf seinem Bett sitzend, atmete der junge Mann schwer. Er rieb sich die müden Augen, nahm die Hände herunter, ließ sie auf seinen Knien ruhen, schaute sich mit einem dumpfen Gefühl in Kopf und Magen um und sah doch nichts. Er atmete ruhig, beständig, öffnete die Hände, ballte sie zu Fäusten, öffnete sie erneut. Das Pochen mäßigte sich. Es verschwand nicht gänzlich, tat es nie, aber es wurde erträglich. Erträglich genug, um dem Tag entgegenzutreten. Ein weiteres Mal.
Er erhob sich, schnappte sich seine Kleidung vom Vortag, die er laut ihm nur zu bekannter Richtlinie, in den Wäschekorb hatte werfen sollen und trat aus seinem Zimmer. Eiligen Schrittes durchquerte er den Flur, hin zum Bad. Einerseits, weil er die unvermeidliche Konfrontation mit seiner Nemesis ein wenig hinauszuzögern ersuchte, andererseits, weil beißende Kälte auf seiner Haut ihn dazu zwang, sich einen sicheren Unterschlupf zu suchen. Sie vertrieb das letzte bisschen Wärme, dass noch an ihm haftete. Er spürte förmlich, wie sie wimmernd von ihm abließ, sich zurückzog, unter seine Bettdecke kroch, sehnsüchtig nach ihm schluchzend, wartete. Ich bin bald zurück, schwor er, doch „bald“, rückte schon jetzt in endlose Ferne.
Das Glück sollte ihm, an diesem Morgen holt sein, obgleich er sich der Tatsache nur allzu bewusst war, dass dieser Umstand nicht anhalten würde. Er erreichte das Bad ohne Zwischenfälle, schlüpfte durch die Tür, schloss sie geflissentlich hinter sich ab und atmete erneut durch, ohne zu merken, dass er zuvor den Atem angehalten hatte.
Achtlos ließ er seine Sachen zu Boden fallen, begab sich zur Toilette und erleichterte sich erst einmal. Dabei verwendete er mehr Zeit, als nötig, auf dem stillsten aller Orte. Er genoss jede Sekunde davon, jeden winzigen Augenblick, den er für sich hatte, den er verschont blieb.
Zu lange dürfte er aber nicht warten, andernfalls provozierte er ein Anklopfen, eine Erkundigung, ob bei ihm alles in Ordnung sei. Dann würde er in einer nicht enden wollenden Litanei beteuern müssen, dass dem so wäre und sich gleichzeitig eine plausible Erklärung einfallen lassen, warum er dann so lange brauchte. Als ob es ein Kapitalverbrechen wäre, einen Moment seine Ruhe zu genießen.
Er erhob sich abermals, spülte und erzwang seinem schlaffen Körper gar nicht erst die Anstrengung, sich die Hände zu waschen, da er ohnehin direkt unter die Dusche sprang. Nun, vielmehr untotengleich kroch, denn agil hineinstieg.
Das Wasser, welches er extra warm einstellte, prasselte als sanfter Schauer auf ihn hinab. Fast fühlte er sich ähnlich geborgen, wie in seinem Schlafgemach, jedoch war diesem Gefühl keine Beständigkeit vergönnt, denn hier wurde er dazu gezwungen zu stehen. Gleichzeitig ereilte ihn das Bewusstsein, dass die Dauer dieser ihn streichelnden Wärme, deutlich begrenzter war. Dennoch nahm er jeden Augenblick, den die sachten Finger ihn streichelten, in sich auf, schloss sie tief in sich ein, auf dass sie so lange wie möglich bei ihm blieben, es ihm ermöglichten, dieses neuerliche, stetig rotierende Grauen zu überstehen.
Der Moment, in dem er das Wasser abstellte, da für den Duschvorgang die gleichen Verhältnisse wie für andere, körperliche Bedürfnisse galten, versetzte ihm einen heftigen Stich. Seine Geliebte verabschiedete sich mit einem Gluckern in den Abfluss. Was gäbe er nur dafür, ihr folgen zu dürfen. Wo auch immer sie ihre Reise hinführte, er würde sie an die dunkelsten, feuchtesten Orte geleiten, solange sie ihm nur Wärme spendete …
Jedoch, derlei Träumereien wurden ihm nicht erlaubt. Die Minute rückte näher, an der er sich der kalten, bitteren Realität stellen musste. Besser er war darauf vorbereitet, als ihr schlaftrunken zu begegnen und gewaltsam geweckt zu werden.
Ein vergebliches Unterfangen, denn in dem Augenblick, in dem er den Duschvorhang beiseite riss, blieb ihm vor Schreck fast das Herz stehen. Er rutschte aus, spürte, wie die Schwerkraft ihn nach hinten zog, wie die felsenharten Fliesen seinen Hinterkopf in Empfang zu nehmen bereit waren. Vielleicht erbarmten sie sich seiner und erschlugen ihn kurz und schmerzlos? Doch nein, seine Instinkte griffen rechtzeitig ein. Er fing sich in letzter Sekunde auf, kam mit dem Schock davon, nur dass dieser noch nicht sein Ende erreicht hatte. Seine Fühler krallten sich in seinen Eingeweiden fest, krochen ihm durch Mark und Bein, ließen ihn unter dem Blick seiner mächtigsten Feindin erschaudern.
„Guten Morgen, Großmutter“, murmelte er leise.
Ihr strenger, eisenharter, kalter Blick ruhte auf ihm. So wie er da stand, nackt und ungeschützt, die Wärme immer weiter von sich fortspülen spürend, verschrumpelte seine sich ohnehin nur selten regende Männlichkeit zu einem kümmerlichen Nichts. Mit ihr ging jedes Selbstwertgefühl, jede -sicherheit und jeder winzige Ausdruck seines eigenständigen Daseins.
Die alte, zierliche Dame, die ihm kaum bis zur Brust reichte und doch um Längen überragte, betrachtete ihn einen Augenblick regungslos. Erst als der letzte Funke, der zu einem Widerstand fähig wäre, aus Josephs Körper geschwemmt wurde, wandte sie sich ab und sah sich missbilligend um.
Das tat sie immer: Alles missbilligen, was er unternahm, sagte, fühlte oder dachte. Selbst wenn er wie jetzt, zur Salzsäule erstarrte, sowohl äußerlich wie innerlich.
Schließlich fand sie den gewichtigsten Kritikpunkt an diesem wolkenbehangenen Morgen, den ersten von vielen, dem weitere folgen würden. Sie nickte in Richtung seiner Kleidung. „In die Wäsche“, kommandierte sie knapp. Den Rest ließ sie unausgesprochen und ihn damit, fürs Erste, in Frieden. Sie drehte ihm den Rücken zu, trat aus der Tür hinaus, wobei sie diese nicht schloss, und verschwand um die Ecke.
Kälte kroch in das Badezimmer hinein und mehr davon würde Josephs Körper erfassen, wenn er erst in den Flur hinaustrat oder sein Zimmer erreichte, wo ohne Frage das Fenster sperrangelweit offenstand. Frierend und mit klammen Fingern, würde er sich neue Sachen aus dem Schrank nehmen, welche im ersten Moment eisig kalt auf seiner Haut anlagen. Allein der Gedanke daran ließ ihn frösteln.
Mehr noch ließ ihn die Realität zittern, weswegen er eilig aus der Dusche stieg, seine Kleidung wie geheißen, in den Wäschekorb warf und mit tapsigen Schritten durch die Wohnung huschte, ehe das Beißen und sich Festkrallen des Eises ihm alle Hoffnung auf ein Wiedersehen mit seiner Geliebten raubte.
Freilich war er sich der Tatsache nur zu bewusst, dass keine Garderobe der Welt ihn vor dem immerwährenden Frost zu bewahren vermochte, welcher ihn in der Küche erwartete. Der eisige Brocken, der sich seine Familie nannte, würde niemals tauen, würde niemals Herzensgüte verbreiten, würde immerzu an ihm haften, ihn aussagen, ihn wieder und wieder von der ersehnten Wärme reißen.
Es waren Augenblicke wie diese, da sein Groll genug anwuchs, dass der winzige Samen eines Gedankens in seiner dunklen Kammer ruhend, zu sprießen begann. Da wünschte er sich, insgeheim und so leise, dass er es kaum bewusst wahrnahm, dass die Alte endlich verrecken möge. Dass sie eines Tages so kalt wie ihr Herz, in ihrem Bett läge, mit aufgerissenen Augen und offenstehendem Mund, nicht fassend, dass es ihr widerfahren war. Das, was ihnen allen eines Tages bevorstand.
Doch dabei handelte es sich um vergebliche Träumereien. Wunschkonstrukte, wie sie in der wirklichen Welt nicht existierten. Unkraut vergeht nicht und dieses Exemplar, hatte schon viele Winter überlebt. Statt die Kälte zu bekämpfen, hat es sie in sich aufgenommen, sie zu einem Teil ihrer selbst geformt, sie von einer Gefahr in ein Mittel zum Zweck gewandelt. Vermutlich würde sie ewig leben und missbilligend auf Josephs Grabstein hinabblicken. Nein, mehr noch, sie würde ihren kalten Atem in die Erde sickern lassen, auf dass ihr Frost ihn selbst im Tod einholte, ihm niemals Frieden gewährte und im Jenseits, von seiner Geliebten getrennt wurde.
Und wenn sie nicht gestorben sind, dann frieren sie noch heute, dachte der junge Mann zynisch und hätte darüber gelacht, wenn es nicht so bitter wäre. Gut, dass er sich zurückhielt. Jede ungewöhnliche Handlung seinerseits, lenkte nur unerwünschte Aufmerksamkeit auf ihn.
Gemächlich kleidete er sich an. Auch wenn seine Langsamkeit sein Frieren förderte, gewährte sie ihm doch eine Schonfrist, brachte ihn punktuell dem glorreichen Moment seiner Wiedervereinigung näher … Außerdem sperrte er die Kälte mit jedem weiteren Stück seiner Kleidung ein wenig mehr aus, wenngleich nicht genug, dass er sich selig lächelnd in sie kuscheln und in einen tiefen Schlummer versinken konnte.
Als er einen farblich zum Rest völlig unpassenden Pullover überzog, stellte er einmal mehr fest, dass all seine Bemühungen sich möglichst Zeit zu lassen, am Ende doch vergebens blieben. Es schien, dass die Uhr indes immer beschloss, für ein paar Minuten still zu stehen und erst, wenn er die Küche betrat, wieder quälend langsam dazu ansetzte, ihre Arbeit zu verrichten.
Es war also einmal mehr so weit, für eine andere Form der Vereinigung, vielmehr eine Konfrontation. Joseph schloss die Türen seines Kleiderschrankes. Ein Akt, dem etwas Endgültiges anhaftete. Er machte sich gefasst auf das Unvermeidliche, nur dass es darauf keine Vorbereitung gab. Selbst nach mehreren Jahren blieb die alltägliche Tortur eine unermessliche Anstrengung, der er sich immer wieder zu stellen hatte, die nie nachließ.
Das Mühlrad mahlte, bis es ihn eines Tages brach und selbst dann würde es nicht aufhören, sondern ihm die Haut vom Leibe reißen, ihm das Fleisch herunter schaben und seine Knochen zu Staub zermalmen. Bis nichts mehr übrig war und die Kälte jedes seiner Atome ergriffen hatte.
Joseph atmete tief durch, drehte sich um und schaute bangen Herzens zu seiner Zimmertür. Wenn es doch nur einen Ausweg gäbe …
Potenzielle Auswege
Großmutter wartete, wie jeden Morgen, am Frühstückstisch, der wie immer reich gedeckt war. Nicht mit Speisen, selbstredend, sondern mit gepresstem Holz. Zeitungsannoncen, ausgeschnittene Artikel, kunterbunte Sammlungen von Zeitschriften, Werbeflyer, ausgedruckte Fotografien von Aushängen, leere Covere, stapelweise unbeschriebene Papiere, genug Kugelschreiber, um einen lebenslangen Ausverkauf damit zu unterhalten und die morgendliche Post.
Außerdem wartete eine Kanne Tee darauf, geleert zu werden und irgendwo unter dem ganzen Papierkram, fand sich sicher die eine oder andere staubtrockene, steinharte Schrippe von vor drei Tagen, die für Lau hinterhergeworfen – oder aus dem Müll gefischt – wurde. Der Knauser blieb sich treu, obgleich er es sich freilich zu leisten vermochte, spendabel zu sein.
Jeden Morgen dasselbe, dachte Joseph zähneknirschend und wie jeden Morgen ertappte er sich dabei, denselben Gedanken schon tags zuvor gehabt zu haben. Statt die Situation anzusprechen, setzte er sich auf seinen angestammten Stuhl, nahm sich seine bereitgestellte Tasse und die Kanne, aus der er drei Mal aufgebrühten Tee goss. Das leicht eingefärbte, heiße Wasser, drehte ihm schon jetzt den Magen um. Wann war er zuletzt in den Genuss einer guten Tasse Kaffee gekommen?
Kaffee ist das Gebräu der Schwachen, der Nichtsnutze, die stetig ihre Müdigkeit und Schlappheit vorschieben, sobald nur die leiseste Anstrengung gefragt ist, hatte seine Großmutter einst gesagt, als er sich danach erkundigt hat und seitdem nie wieder gewagt zu fragen. Mit der alten Dame zu diskutieren, war so erfolgversprechend, wie zu versuchen, mit einem Plastiklöffel aus einem Gefängnis auszubrechen. Wobei, mit dem Löffel bestünde zumindest eine winzige Chance …
Nach dem aromatisierten Wasser griff er einen Teller, ein Messer sowie eines der Brötchen aus dem Korb, welcher in der Mitte des Tisches, direkt neben dem Stapel Papiere stand. Selbstverständlich lag er nicht darunter begraben, doch das Ergebnis blieb das Gleiche. Zudem war die Schrippe keine drei Tage alt, strenggenommen sogar warm, was Joseph skeptisch werden ließ. Großmutter nahm sonst immer die Ware vom Vortag, die zum reduzierten Preis verkauft wurde, niemals frische … Außer sie hatte etwas zu feiern, was nie der Fall war. Was ging hier vor?
Er hätte aufblicken und sie fragen können, doch da ihre Argusaugen seit seinem Eintreten in die Küche auf ihm ruhten, sie ihn bisher aber mit ihren endlosen Tiraden in Frieden gelassen hatte, weckte er die schlafenden Hunde lieber nicht – obgleich dieser Hund nie schlief, immer auf der Hut war, jeden falschen Schritt und jedes geringe Wanken, sofort wahrnahm und in ihrer mentalen Liste als weitere, unverzeihliche Verfehlung kennzeichnete.
Er schnitt das Brötchen auf, welches gleich darauf ihr leicht dampfendes Inneres präsentierte. Dem jungen Mann lief das Wasser im Mund zusammen. Wann hatte er zuletzt etwas gefrühstückt, das nicht alt und pappig schmeckte? Mit dem Griff zur Butter schwankte seine Vorfreude ein wenig. Er würde nur eine hauchdünne Schicht verstreichen. Sparsamkeit lautete neben Streb- und Betriebsamkeit eines der Mantras seiner Großmutter.
Just als er dazu ansetzte, das Messer in die weiche Masse zu versenken, ertönte die harte Stimme der alten Dame, welche stets präzise Kommandos formulierte. „Nimm ruhig ein wenig mehr.“
Joseph erstarrte. Sein Herz machte einen kurzen Aussetzer, ehe es seine Pflicht wieder aufnahm, dabei nunmehr aber Eiswasser statt Blut durch seine Adern pumpte. Bewusst langsam, hob er den Kopf und wagte es, seinen Blick mit dem der Alten zu kreuzen. Nur dass seine Augen schreckgeweitet, in einem kalkweißen Gesicht, bestrebt schienen, sich rückwärts in seinen Schädel zu bohren, indes ihre gelassen, ja fast schon freundlich dreinschauend, auf ihm ruhten. Der Anblick drehte ihm die Eingeweide um. Auf einmal verspürte er keinen Hunger mehr, nur das drängende Bedürfnis, sich zu übergeben.
Das ist eine Falle!, schrie alles in ihm, während Alarmglocken laut schrillten. Sein gesamtes Nervensystem arbeitete auf Hochtouren, überreizte komplett und machte jeden Sinneseindruck zur Höllenqual. Schweiß troff ihm von der Stirn, ein Zitteranfall übernahm die Kontrolle über seinen Körper und seine Blase füllte sich auf einmal so voll, dass er sich sicher war, er würde sich jeden Moment selbst benässen.
„Jetzt schau mich nicht so bedröppelt an!“, murrte die Großmutter und holte ihn in die Realität zurück. „Iss. Wir haben einen langen Tag vor uns.“ Ihr Ton kühlte um mindestens zwanzig Grad ab, ihre Mimik wurde eisenhart, ihre Finger trippelten ungeduldig auf dem Tisch.
Augenblicklich breitete sich so etwas wie Erleichterung in Joseph aus. Zwar hatte er einmal mehr ihren Unmut erregt, doch konnte er mit dieser ihm bekannten Seite, wesentlich besser umgehen. Er ahnte wenigstens, was ihn erwartete: Missbilligung. Befehle. Unmenschliche Anstrengungen. Peitschenhiebe, wenn er nicht spurte.
Dennoch blieb ein gewisses Unbehagen, welches über das gewöhnliche Unwohlsein, das er allmorgendlich verspürte, hinausging. Was ging hier vor? Womit wollte sie ihn heute quälen?
Wir haben einen langen Tag vor uns. Wann hatten sie das mal nicht? Wurde dieser besonders lang, mühselig und kräftezehrend? Vermutlich wäre es sinnvoll, sich möglichst reichlich Energie anzufuttern, wenn ihm schon die Gelegenheit dazu offeriert wurde, doch sein Magen hatte sich längst nicht beruhigt. Außerdem sprach seine Paranoia zu ihm, dass, wenn er die scheinbare Güte seiner Großmutter jetzt ausnutzte, er diese später doppelt und dreifach zurückzuzahlen hatte.
Also nahm er, wie sonst, nur eine dünne Schicht Butter, nur das absolut Nötigste an Belag und versuchte das Mahl dabei, so wenig wie möglich zu genießen. Denn Genuss, gleichsam mit Lebensfreude, Glückseligkeit und allem, was Spaß bereitete, war des Teufels Werk. Seine Großmutter mochte nicht gläubig sein, doch erweckte sie ein ums andere Mal den Eindruck, ihre eigene Religion gegründet zu haben, wenn sie davon predigte, dass das schlaffe Fleisch und ein willensschwacher Geist, durch unermüdliche, harte Arbeit zu stärken seien.
Wer den Versuchungen nicht widerstand, wer sich hingab, wer sich nur eine Sekunde niederlegte, der verachtenswerten „Pause“ und der heimtückischen Lüge „nur einen Moment“ frönte, der galt als Nichtsnutz, als Dreck unter ihren Stiefeln. Und da Großmutter eine reinliche Frau war, duldete sie keinen Unrat in ihrem Haushalt …
Sie ist vom alten Schlag, hatte sein Vater ihm einst erklärt. Sie will nicht begreifen, dass die Welt sich weitergedreht hat. Danach hatte er schicksalsergeben mit den Schultern gezuckt und sich einer weiteren Tirade ausgesetzt, bis diese ihn dahingerafft haben.
Er war schwach. Mehr hatte Großmutter zu seiner Beerdigung nicht zu sagen gehabt. Wäre es nicht vor versammelter Mannschaft geschehen, sie hätte vermutlich zum Abschied auf seinen Sarg gespuckt. So oder so schien sie sich danach geschworen zu haben, den Sohn ihres Sohnes erst recht nach ihrem Willen zu formen, dieses Mal, ohne das Objekt dabei zu zerbrechen, was lange nicht bedeutete, dass sie behutsamer mit ihm umging. Vielmehr schmiedete sie ihn in noch heißerem Feuer und schlug in unbändigem Wahn, härter als je zuvor, auf das glühende Metall ein.
Es ist das Los einer aussterbenden Art, hatte seine Mutter vor einer gefühlten Ewigkeit, kopfschüttelnd kommentiert. Sie und sein Vater hatten sich lange vor seinem Tod scheiden lassen, weil Großmutter sich wie ein Keil zwischen die beiden geschoben hatte – Nichtsnutze unter sich; dergleichen musste unterbunden werden, denn nur in Isolation war eine Rehabilitation möglich. Sie will vor ihrem unvermeidlichen Ende sicherstellen, dass etwas ihr Bekanntes überdauert, dass die Welt sie und ihre ganze Generation nicht einfach vergisst. Sie wird scheitern. Und du solltest endlich genug Arsch in der Hose haben, ihr dies deutlich zu machen. Oder möchtest du wie dein nutzloser Vater enden?
Es war eines der letzten Gespräche gewesen, die Joseph mit seiner Mutter geführt hat. Seit sie weggezogen war, meldete sie sich kaum. Teils, um die Fäden der Vergangenheit zu kappen, weitgehend aber, weil sie nichts mit Großmutter zu tun haben wollte – was auf Gegenseitigkeit beruhte.
Sie hat leicht reden, dachte Joseph immer, wenn er sich erinnerte. Sie ist abgehauen und hat mich hier mit ihr zurückgelassen … Dabei verstand er sie ja. Wenn der alte Hund, sich erst festbiss, ließ er nicht mehr los. Seinen Vater hatte sie totgebissen. An ihm würde sie solange hängen, bis ihn entweder das gleiche Schicksal ereilte, oder er zu dem Mann wurde, den sie sich vorstellte. In jedem Fall würde sie niemals kampflos zulassen, dass er davonzog, ihm auf Schritt und Tritt folgen. Kein Wunder, dass Mutter ihn hatte fallen lassen. Selbsterhaltungstrieb nannte man das wohl.
So brachte Joseph sein Frühstück mit Gedanken an die belastende Vergangenheit zu, statt sich innerlich darauf gefasst zu machen, was ihn erwartete. Nicht, dass das überhaupt möglich wäre. Jeder Tag bewies ihm aufs Neue, dass alle Vorbereitung nichts nutzte, da Großmutter immer Wege fand, ihm den Ablauf der kriechenden Stunden zur Tortur zu gestalten.
Er trank seelenruhig seine letzten paar Schlucke lauwarmen Wassers – auch wenn er wusste, dass es ein zweckloses Unterfangen blieb, versuchte er jeden Morgen aufs Neue die Minuten des Frühstücks möglichst lange hinauszuzögern –, als der Alten – die schon Stunden vor ihm diniert hatte – der Geduldsfaden riss.
„Die Post“, bellte sie in Richtung des Stapels nickend.
In einem seltenen, kühnen Moment, in dem ein Funke seiner Selbstachtung in ihm aufstieg, hob Joseph eine Augenbraue und fragte frech: „Nicht erst die Stellenanzeigen?“ Er erntete nicht nur einen vernichtenden Blick, sondern mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, zudem eine Stunde Zusatzarbeit. Das hast du davon, wenn du dein Mundwerk nicht unter Kontrolle hältst, dachte er bitter, während er den Arm nach den Briefen ausstreckte.
Großmutter kam ihm aber zuvor, langte nach einem, aus dem Stapel herausragenden Covert und meinte dabei: „Den hier zuerst.“
Erneut sprang das Herz des jungen Mannes in dessen Brust. Da schwebte er nun zwischen ihnen, der Grund für dieses ganze Theater, die Ursache all seiner ihm bevorstehenden Probleme, die über die gewohnten Anstrengungen hinausgehen würden. Sollte diese federleicht anmutende Mitteilung, ihm die Lasten seines Lebens um ein paar Tonnen erschweren? Würde das Mühlrad auf ihn herabkrachen und ihm das Rückgrat brechen?
Zitternd streckte er die Hand da nach aus, den Blick unentwegt auf die Botschaft gerichtet, die alles zu verändern vermochte. Am liebsten hätte er sie gepackt, wäre aufgesprungen, zum Fenster gerannt, hätte sie im Laufen in kleine Fetzen zerrissen und dem Wind übergeben, doch was dann?
Seine Fantasie malte unzählige Alternativen aus, wie dieses Vorhaben auf großartige Weise scheitern würde. Der Hund, der ihm hinterher hastete und im Rennen zerfleischte. Oder ihn nach getaner Arbeit am Kragen packte, fortan das Leben zur Hölle machte. Genauso gut traute er ihr zu, dass sie auszog die Einzelteile zu finden und in mühevoller Kleinarbeit wieder zusammenzusetzen. Nein, eher würde sie ihn dazu verdonnern und das wäre noch die Ruhe vor dem Sturm. Das wahre Gewitter, dass ihn unvermeidbar erwartete, wollte er sich nicht ausdenken.
Nein, es blieb sicherer, sich zu beugen, zu tun, was von ihm verlangt wurde, selbst, wenn ihm auch diese Verhaltensweise beständig das Leben kostete – nur schleichender.
Just in dem Moment, in dem seine Finger kurz davor standen das Papier zu berühren, wobei die Luft seltsam zu knistern anfing, funkte ihnen eine dritte Partei dazwischen. Der Brief wurde der Alten abgenommen und als Joseph aufblickte, erschrak er so heftig, dass er fast aus seinem Stuhl kippte.
Vor ihm stand eine dürre Gestalt in schwarzem Mantel. Ein blanker Schädel grinste ihm entgegen und eine knochige Hand überreichte ihm nunmehr die Botschaft ihn zu knechten, ihn für alle Zeit zu binden. Auch wenn jede Faser seines Körpers schrie, es bleiben zu lassen, beugte er sich dem ihm auserkorenen Schicksal, widersetzte sich nicht, sondern nahm das Papier entgegen.
Während er es mit bebendem Leib anstarrte, spürte er harte, feine Glieder, die ihm das Haupt tätschelten. In dieser Berührung lag das Versprechen auf ein baldiges Wiedersehen.
Ein Donnern ließ Joseph aus seiner Trance hochfahren. „Nun öffne ihn schon, Herrgottszeiten!“
Ungläubig blinzelnd, mit offenstehendem Mund, schaute er verwirrt erst seine Großmutter und dann den Brief in seiner Hand an. Wie lange saß er schon, vor sich hinträumend so da? Reiß dich zusammen!, ermahnte er sich selbst, andernfalls wurde das Bevorstehende nur umso schwerer.
Bevor er der Aufforderung nachkam, warf er einen Blick auf die Sender-Daten und erstarrte ein weiteres Mal. Institut des Wissens stand in feinen Lettern da. Aber das konnte nicht sein. Es musste sich um einen Irrtum handeln! Die Informationen, die ihm seine Augen übermittelten, als, diese zum Adressaten hoch wanderten, sprachen eine andere Sprache. Da standen eindeutig sein Name und seine Anschrift.
Ohne den Umschlag zu öffnen, wandte Joseph sich seiner Großmutter zu. Unvermittelt warf er all seine Prinzipien und mit ihnen zusammen, seine überwältigende Furcht vor der alten Dame, über Bord. Mit beißendem Unterton fragte er: „Was hast du getan?“
Augenblicklich verfinsterte die Miene seines Gegenübers sich. Düstere Wolken zogen auf, so pechschwarz, wie er sie nie zuvor zu Gesicht bekommen hatte. „Das ist mal wieder typisch für dich“, knurrte sie erbost. „Statt dich über diese potenzielle Gelegenheit zu freuen, siehst du nur das Schlechte darin! Und nur zu deiner Information: Ich habe damit rein gar nichts zu tun. Wie du nur zu genau wissen solltest, reagiert das Institut nicht auf Anfragen von Außenstehenden. Selbst wenn ich wollte, hätte ich sie nicht dazu bewegen können, mir eine Antwort zu liefern, geschweige denn, sie dir Post zukommen lassen.“
Da hatte sie recht, doch Joseph hing sich an einer gänzlich anderen Aussage auf – Vermeidungstaktik, selbst wenn er damit nur das Unvermeidbare aufschob. „Mich freuen? Und das ausgerechnet aus deinem Mund? Du verteufelst das Institut doch für alles, wofür sie stehen!“
„Selbstverständlich tue ich das!“, zischte sie zur Antwort. „So wie es jeder anständige Bürger sollte. Gerade deswegen sollten wir frohlocken und die Gelegenheit beim Schopf greifen! Das ist unsere Chance, Joseph, diesem Wahnsinn endlich ein Ende zu bereiten! Du wirst ihre Einladung annehmen, du wirst dort hingehen und du wirst ihre Lügen aufdecken, das ganze Konstrukt zum Einsturz bringen. Die Wahrheit wird endlich ans Licht kommen und wir werden wieder frei sein!“ Bei den letzten Worten war sie glatt aufgesprungen, hat wie ein eifernder Prediger gestikuliert und mit ihrer abschließenden Aussage auf den Tisch geschlagen, um diese dramatisch zu untermalen.
Das brachte den jungen Mann wieder zurück in die Realität. Sein Gemüt kühlte rapide runter. Er stellte erschrocken fest, wie er soeben mit seiner Großmutter gesprochen hatte, und bangte schon jetzt der Konsequenzen. Dann wiederum hatte sie so sehr Feuer gefangen von ihrer fixen Idee, dass sie womöglich darüber hinwegsah. Wenn er sich jetzt reumütig und ergeben zeigte, mochte er mit heiler Haut davonkommen.
Aber was dachte er da nur? Hatte er ihr denn nicht zugehört? Was die Alte da ansprach, war nichts anderes, als die Aufforderung zu einer Revolution! Ein Staatsstreich! Und wie bitte stellte sie sich das vor? Er als Spion auf geheimer Mission? Lächerlich!
Jedoch, sie würde nicht von dieser Vorstellung abweichen. Der Köter hatte sich festgebissen und da er brav an ihrer Leine, nebenherlief, würde er ihren Kommandos Folge leisten. Noch einmal schaute er auf den ungeöffneten Brief herab. Mit kaum vernehmbarer Stimme fragte er: „Woher weißt du eigentlich, dass es sich um eine Einladung handelt?“
„Na was sollte es denn sonst sein?“
Und wieder einmal zeigte sich, dass Großmutter eben immer Recht behielt …
Explosionsartige Ausbreitung
Die Welt hat sich weitergedreht.
Durch den Urknall hat sich der unendliche Raum explosionsartig ausgebreitet.
Durch eine Reihe zufälliger Ereignisse ist das Leben explosionsartig auf dem Planeten Erde entstanden.
Durch einen weiteren Zufall ist das Leben explosionsartig auf ein bedenkliches Maß reduziert worden.
Das Universum, die Welt und das Leben, befinden sich in stetigem Wandel. Alles dreht sich unentwegt weiter, alles strebt vorwärts und mittendrin in diesem scheinbar endlosen Prozess, suhlt sich eine Spezies, die sich Mensch nennt.
Sie nimmt sich selbst für besonders wichtig, für einzigartig. Sie ist der Meinung, sich ihre Heimat ungestraft untertan machen zu können, und zeigt sich dabei bereit, sogar über sich selbst und meterhohe Leichenberge zu steigen. Sie ist überzeugt, im Recht zu sein. Sie ist überzeugt, zu wissen. Dabei ist das Einzige, was der Mensch weiß, dass er nichts weiß oder zumindest sollte er sich dieses unscheinbaren Faktes gelegentlich bewusst werden.
Dies führt jedoch zu neuen Problematiken, denn wo der Mensch nicht weiß, da glaubt er und wo er glaubt, da verteidigt er diesen Glauben mit aller Gewalt. Denn Glauben führt nur zu schnell zu mutmaßlichen Fakten; zu Wissen.
All dies hat durch einen weiteren Zufall sein Ende gefunden. Ein Urknall. Eine explosionsartige Ausbreitung – von Wissen. Von Wahrheit. Und dem Glauben an sie.
Die Welt hat sich weitergedreht.
Der Mensch jedoch, ist zum Stillstand gelangt.
Exzentrische Führung
Joseph erinnerte sich, wie viele andere vermutlich auch, an diese Ansprache; dabei war sie lange vor seiner Geburt verkündet worden. Zweifler wurden sie genannt, diejenigen, die die Wahrheit darin sahen. Seine Großmutter beispielsweise, die ihm die Aufzeichnung immer wieder vorgespielt hatte. Alte Eisen. Vergehende Generationen.
Es handelte sich freilich nur um eine Einleitung. Eine Einleitung für eine Rede, die das Institut des Wissens in all seiner Form denunzieren und als das entlarven sollte, was es der Meinung des Sprechers nach war: ein Instrument zur Machtausübung, zur absoluten Kontrolle, zur Herrschaft über die Menschheit.
Manchmal fragte Joseph sich und damit, war er vermutlich nicht allein, ob alles anders gekommen wäre, wäre dieser Zweifler am Ende nicht als fanatischer Verschwörungstheoretiker abgestempelt worden. Das Institut im Aufbau, der Allwissende – oder The all Knowing, wie er in der weiterhin vorherrschenden Weltsprache genannt wurde –, zu diesem Zeitpunkt nur ein Mensch … Erreichbar, für Normalsterbliche. Angreifbar …
Wäre er Opfer eines Attentats oder anderweitig „ausgeschaltet“ worden, der Mensch hätte sich weiterhin mit der Welt gedreht. Und sich damit sein eigenes Grab geschaufelt, dachte Joseph augenrollend.
Für ihn war das Institut nicht des Teufels Werk und der All Knowing nicht Satan Höchstselbst, für ihn waren sie … nun ja, normal. Er ist in eine Welt hineingeboren worden, in denen sie sich unlängst etabliert hatten, er kannte nichts anderes und arrangierte sich somit wesentlich besser mit einer Veränderung, die für ihn keine darstellte.
Vorige Generationen hingegen … Stillstand hin oder her, der Mensch blieb ein Gewohnheitstier und je älter er wurde, desto schwerer fiel es ihm, neue Tricks zu lernen. Manch einer verweigerte die Lehren gar bis zu seinem Tod.
Gleichwohl hatte er das Institut zeit seines bisherigen Lebens immer als weit entfernte, nur bedingt greifbare Idee wahrgenommen. Mehr eine illusorische Vorstellung, denn ein physisches Objekt. Bewohnt wurde dieser Ort demzufolge von unsichtbaren Mächten, Göttern gleich, und nicht von Menschen, wie er, sterblich und weit entfernt von jeder Perfektion.
Nunmehr vor dem verhältnismäßig schlicht anmutenden Gebäude zu stehen, welches dem ersten Institut nachempfunden wurde – es gab mittlerweile in jeder größeren Ortschaft Zweigstellen –, zerstöre ein Stück weit seine Fantasien. Weder war das Gemäuer aus einem unmöglichen Material geschaffen, noch strahlte es von innen heraus oder vollbrachte sonst irgendwelche Fantastereien, die sich gegen jedes Naturgesetz stemmten. Selbst die Menschen, die auf dem Platz davor ihrem Treiben nachgingen, sprengten nicht mal eben Newtons Erkenntnis, in dem sie der Gravitation trotzten, sondern sahen aus wie … nun ja, wie Menschen eben.
Ein wenig verspürte Joseph Enttäuschung darüber, auch wenn er gleichzeitig fragte, was er erwartet hatte und sich zudem einer gewissen Ehrfurcht dennoch nicht zu erwehren vermochte. Denn obwohl es hauptsächlich aus Beton und Glas bestand, wusste das Institut des Wissens Eindruck zu schinden.
Ein sich über mehrere Flügel erstreckender, durch Verbindungsgänge, die sich in alle Richtungen ziehender, Gebäudekomplex nahm einen gewaltigen Platz inmitten einer Stadt ein, die sich um die Existenz dieser Stätte so wenig zu kümmern schien, wie sie um die Stadt. Hie und da trugen dicke Säulen, marmorierte Vordächer, wodurch der Eindruck einer altertümlichen Tempelanlage entstand. Die einsehbaren Außenbereiche glichen kunstvoll gestalteten Gartenlandschaften. Zwischen den fein angelegten Pfaden fanden sich neben allerlei Orten der besinnlichen Ruhe, diverse, detailgetreue Statuen großer Denker. Den Vorreitern, den Wegbereitern.
Das Bild wurde nur durch den meterhohen, stacheldrahtbestückten Zaun, den unzähligen Kameras und den grimmig dreinblickenden Sicherheitsleuten ein klein wenig getrübt.
Letzterem musste Joseph sich nunmehr stellen, denn um Eintritt zu erlangen, war es zuerst erforderlich, sich einer Prüfung zu unterziehen. Nur Mitarbeiter des Instituts und explizit geladene Gäste, wurden hineingelassen. In der Vergangenheit war es immer wieder zu „Zwischenfällen“, allen voran mit Zweiflern gekommen, weswegen die Sicherheitsmaßnahmen über die Jahre hinweg zugenommen haben.
An das Wachhäuschen tretend, welches neben einem massiven, derzeit geschlossenen Tor platziert stand, wurde der junge Mann zusehends nervös. Er fühlte sich fehl am Platz und von allen Seiten beobachtet, dabei interessierte sich für ihn im Grunde niemand, außer dem Wachposten, welcher ihn hinter dickem Panzerglas stehend, misstrauisch beäugte.
„Ganz schön ruhig hier, was?“, fragte Joseph, während er an das Häuschen herantrat. Tatsächlich herrschte auf der Straße um das Institut herum nur wenig Verkehr. Zur Mittagszeit, ein eher seltener Anblick, soweit er das beurteilen konnte.
Ohne auf die Bemerkung einzugehen, forderte der Andere, zu erfahren: „Was ist Ihr Begehr, Sir?“ In seiner Miene rührte sich nichts, doch sein strenger Blick schien jeden Gedanken Josephs mit perfider Präzision zu erfassen.
„Ich habe eine Einladung erhalten“, stammelte der junge Mann, dessen Nervosität nunmehr ihren Höhepunkt erreichte. Gleich würde er zum Gespött der Massen werden, wenn ihm erklärt wurde, dass es sich um ein Missverständnis handelte, dass der Brief falsch zugestellt worden war. Aber mal davon abgesehen: Wie hatte er nur dem Irrglauben erliegen können, die Mitteilung wäre ihm zugedacht gewesen? Was sollte das Institut von jemandem wie ihm wollen? Einem Nichtsnutz? Einem Sack voll Knochen, der den Sauerstoff nicht wert war, den seine Lungen verbrauchten? Lachen würden sie über ihn. Und dann musste er zu seiner Großmutter zurückkriechen, ihr reumütig berichten, dass er abermals versagt hatte. Das wäre es. Sie würde ihn hinters Haus schleifen und dort erschießen und jeder würde es verstehen. Was sollte man schon anfangen, mit solch einer räudigen Töle?
Er war drauf und dran, auf die Knie zu fallen und um Gnade sowie Einlass zu betteln, da riss ein donnernder Laut Joseph aus seiner Albtraumfantasie.
Dämlich glotzend betrachtete er das Fach, welches sich soeben vor ihm geöffnet hatte. So lange, bis es dem Wachmann scheinbar zu blöd wurde, da er erklärte: „Bitte legen Sie Ihr Einladungsschreiben dort hinein.“
„Einladungsschreiben?“, fragte er begriffsstutzig, bis es ihm endlich wie Schuppen von den Augen fiel. Eine gute Minute verbrachte er damit, das Papier aus seiner Tasche zu fischen. Dass er mit jeder verstreichenden Sekunde schweißnassere Hände bekam, zeigte sich dabei als wenig hilfreich. Schließlich zog er das nunmehr reichlich lädierte Schreiben hervor und legte es in das Fach, welches gleich darauf zurück und somit, in das Wachhäuschen gezogen wurde.
Der Mann betrachtete Joseph einen Augenblick lang, bevor er sich der Mittelung widmete, um diese eingehend zu studieren. Zumindest kam es dem Anderen so vor, während der Stundenzeiger quälend langsam dahinschlich, die Zeit zu Jahren und in die Tausende zerrte. Epochen und Äonen zogen, in seiner Wartezeit, an ihm vorbei.
Ein weiteres lautes Geräusch ließ ihn einmal mehr zusammenfahren. Ratternd schob sich das Tor ein Stück weit auf, so dass Joseph problemlos hindurchschreiten konnte. „Treten Sie ein und bleiben Sie neben der Tür stehen.“
Er wollte fragen, welche Tür, da öffnete diese sich schon und er sah sich dem Wachmann erneut gegenüber. Ohne das Glas zwischen ihnen wirkte er nur noch bedrohlicher. „Ich werde Sie nun abtasten“, erklärte der Mann nüchtern. „Indes bitte ich Sie um Kenntnisnahme, dass das gesamte Gelände überwacht wird. Verhalten Sie sich den Grundsätzen gemäß, welche Ihnen in Ihrer Einladung mitgeteilt wurden und wir haben kein Problem miteinander. Verstanden?“
„Ähm … ja, sicher“, stammelte Joseph schon wieder, indes das routinierte Abtasten bereits seinen Lauf nahm. Gleichzeitig versuchte sein überreizter Verstand, sich nur einer, einer einzigen der Grundsätze zu besinnen, die er glaubte, definitiv gelesen zu haben. Oder hatte er das doch nicht? Waren sie überhaupt enthalten gewesen? Wenn er nun einen falschen Schritt tätigte und erschossen wurde? Dann hätte das Theater wenigstens ein Ende. Seltsamerweise tröstete ihn dieser Gedanke nicht. Alles, was er wollte, war zurück in sein Bett zu kriechen!
„In Ordnung“, sagte der Wachmann, als er seine Untersuchung beendet und scheinbar nichts Verdächtiges gefunden hatte. „Melden Sie sich bei der Rezeption im Hauptgebäude.“ Er nickte in Richtung des ersten Traktes, welcher direkt vor ihnen lag. „Einfach dem Weg folgen, Sie können es gar nicht verfehlen.“ So neutral, wie er den letzten Satz formulierte, vermochte Joseph unmöglich zu sagen, ob er sarkastisch, freundlich oder komplett intentionslos gemeint war.
So oder so verzog er sich in sein Häuschen und ließ den Gast des Instituts damit auf sich allein gestellt zurück. Das Klicken des Schlosses und das erneute Rattern der Tür, vermittelten ihm ein Gefühl der Ausweglosigkeit. Er kam sich wie eine Maus in der Falle vor, die der Versuchung des Käsegeruchs nicht hatte widerstehen können. Nur, dass ihm Käse gar nicht schmeckte und er allein aufgrund mangelnder Alternativen hier reingehuscht war …
Auf seinem Weg zu dem Hauptgebäude wurde Joseph sich zusehends unwohler. Er fühlte sich ausgeliefert. Nackt auf einem Präsentierteller. So wie am Morgen vor wenigen Tagen, als Großmutter ihn nach der Dusche erwartet hatte, nur das die Dimensionen hier gänzlich anders lagen. Ungefähr so, als ob seine Dusche, ohne sein Wissen, in ein Amphitheater teleportiert worden wäre.
Dabei schenkte ihm im inneren Bereich des Institutes kaum jemand Beachtung. Die meisten vorbeihuschenden Personen schienen entweder in ihre Gedanken vertieft oder hatten es unsagbar eilig an ihren Bestimmungsort zu kommen. Es herrschte rege Betriebsamkeit. Wer sollte da von einem Nichts wie ihm, nur Notiz nehmen?
Bei der Tür des Gebäudes angekommen, hielt er kurz inne. Noch blieb ihm die Wahl umzukehren. Der Wachmann würde ihn komisch beäugen, sicher, aber vermutlich wäre er gleichzeitig froh, ihn los zu sein. Und seine Großmutter? Er würde schlicht ein paar Stunden durch die Stadt ziehen, sich irgendeine wilde Geschichte ausdenken und dann zurückehren. Kein großes Ding.
Aber wem machte er etwas vor? Er war ein beschissener Lügner und selbst wenn er ein guter wäre, würde seine Großmutter seinen Trug zehn Meilen gegen den Wind wittern. Außerdem starb er schon bei dem Gedanken daran, dem Wachmann erneut gegenüberzustehen, tausend Tode. Es einfach hinter sich zu bringen hingegen, sich fügen, versprach … weniger Anstrengungen.
Also stieß er den linken Flügel, der schweren Doppeltür auf und trat ein, in die lichtdurchflutete Halle der Erkenntnis. Nun, so spektakulär, wie er es sich ausgemalt hatte, verlief es nicht – kein Engelschor, kein magischer Schein, der alles in zauberhaften Glanz tauchte –, aber die Inneneinrichtung wusste, mit ihren dunklen Holzvertäfelungen, dem glatt polierten Marmorboden, den meterhohen Fenstern, durch die das Tageslicht strömte, und einer Atmosphäre der Geruhsamkeit, durchaus zu beeindrucken.
Die Rezension ruhte, kreisförmig angelegt, direkt in der Mitte der Vorhalle. Kaum zu verfehlen, dachte Joseph ironisch, während er darauf zustrebte. Er hatte erst die Hälfte des Weges geschafft, da erhob die Rezeptionistin, die bis eben mit Schreiben beschäftigt war, ihr Haupt, was den jungen Mann schlagartig ein paar Takte langsamer laufen ließ.
Ihr makelloses Antlitz lähmte ihn, sein Innerstes verkrampfte sich und gleichzeitig wünschte er, er könne sich verflüssigen oder in Rauch auflösen. Als sie dann auch noch die zierliche Brille, welche sie auf der Nase trug, ein Stück weit nach oben schob, wusste er, sein Kopf würde jeden Augenblick explodieren. Hochrot musste er unlängst sein.
Joseph hatte in seinem bisherigen Leben, mit dem schöneren Geschlecht ungefähr so viel zu tun gehabt, wie mit der Zucht von Zierfischen. Die einzige Frau in seinem Leben war seine Großmutter. Er wusste selbst nur zu genau, um die Traurigkeit dieser Aussage, hatte sich bisher aber nie groß darum bemüht oder danach gesehnt, eine tiefere Bindung mit einem Menschen einzugehen – zu viel Aufwand. Dennoch regte die Anwesenheit von Frauen und die Notwendigkeit, mit diesen in gewissen Angelegenheiten zu reden, jedes Mal eine unsagbare Nervosität an, insbesondere wenn diese sich zusätzlich durch natürliche Schönheit auszeichneten.
Ich hätte mich doch dem Wachmann stellen sollen. Aber dann blieb da immer noch die einzig Wahre in seinem Leben. Sie würde ihn nicht erschießen – die Munition wäre ihr zu schade – aber erschlagen? Oder ihn aufhängen, aufschneiden, ausbluten lassen und dann ausweiden? Unter Umständen ließ sich wenigstens mit seinem Fleisch etwas anfangen? Bei dem Gedanken, wie der alte Hund Teile von ihm zum Mittag verspeiste, wurde ihm übel, was die bevorstehende Konfrontation unerträglicher gestaltete.
Als er die Rezeption erreichte, erklärte er: „Hallo, mein Name ist Joseph Montigo, ich habe für heute eine Einladung erhalten.“ Na ja, jedenfalls zeigte er sich darum bemüht. Herauskam nur ein kaum wahrnehmbares Krächzen, weil er plötzlich einen Frosch im Hals hatte, der sich nur durch heftiges Räuspern vertreiben ließ, um überhaupt einen halbwegs verständlichen Ton über die Lippen zu bringen.
„Joseph“, sagte er zwischen seinem Husten und Ächzen und erntete dafür nur das verwirrte Heben einer Augenbraue.
Kurz darauf erhellte sich die Miene der Rezeptionisten. „Sie müssen Herr Montigo sein! Wir haben Sie bereits erwartet. Mister …“
„Joseph Montigo!“, hallte unvermittelt eine warme, herzliche Stimme durch den Raum.
Unweigerlich schmunzelte die junge Dame. „Und da ist er auch schon“, murmelte sie leise, wobei nicht klar war, ob sie zu ihrem Gast oder sich selbst sprach.
Ein Mann kam eine weiter hinten liegende Treppe hinab. Er trug Jeans, Hemd und ein schlichtes Jackett, sehr sportlich, sehr locker. Ein breites, einladendes Lächeln lag auf seinen Lippen. Er war ungefähr in Josephs Alter. Und da endeten ihre Gemeinsamkeiten.
Als er sie erreicht hatte, fuhr er direkt fort. „Schön, dass Sie es einrichten konnten, erfreut Sie kennenzulernen.“ Er begrüßte ihn, mit festem selbstsicherem Händedruck. „Und willkommen im hiesigen Institut des Wissens!“
Weil er seine Zunge nie im Griff hatte, wenn er sich seiner Sache nicht sicher war, platzte die erstbeste Frage aus dem anderen heraus: „Sind Sie der All Knowing?“
Einen Moment lang trat fassungslose Stille ein. Dann wurde sie jäh unterbrochen, als die junge Rezeptionistin laut prustete. Der Neuankömmling bedachte sie kurz mit einem gespielt enttäuschten Blick, ehe er übertrieben theatralisch fragte: „Was denn Lisa, traust du mir die Rolle etwa nicht zu?“
Sie tat es mit einem weiteren Lacher ab, beruhigte sich aber alsbald. Indes wandte der junge Mann sich wieder Joseph zu. „Tut mir leid Sie enttäuschen zu müssen Joseph – ich darf Sie doch so nennen, oder? – nein, ich bin nicht seine Eminenz. Ähm, ich meine natürlich der Imperator … Halt nein, ich bringe das immer durcheinander … Von wem ich selbstverständlich rede, ist der Allmächtige Herr!“ Den letzten Satz sprach er mit kraftvoller Stimme, verzog das Gesicht zu einer grimmigen Maske und hob die Hand in einer Geste empor, als wolle er den Himmel selbst herausfordern. Das Theater fand ein schnelles Ende, als er wieder nur ein cooler Typ wurde und lässig die Schultern zuckte. „Verzeihen Sie Joseph, meine Mama sagt immer, an mir wäre ein guter Schauspieler verlorengegangen. Tja, statt auf der Bühne zu stehen, bin ich hier. Mit Ihnen. Eine Alternative, der ich jederzeit den Vorzug geben würde. Also, wollen wir dann?“
Mit reichlich Verzögerung registrierte Joseph, dass die Frage keiner rhetorischen Natur war. Den Sinn begriff er dennoch nicht. „Ähm … was?“, erwiderte er geistreich.
„Na eine Führung machen natürlich!“, meinte der Andere. „Es gibt viel zu entdecken, viel zu erklären und noch viel mehr Abenteuer zu erleben, also machen wir uns auf, Kamerad, stechen wir in See und bezwingen die Bestie der sieben Weltmeere! Auf auf!“ Und damit stapfte er, in der Erwartung, dass seiner Aufforderung Folge geleistet wurde, los.
Da er nicht wusste, was er sonst hätte tun können und die Situation ihn zudem völlig überforderte, folgte Joseph. Gleichwohl stellte er, selbst davon überrascht fest, dass er diesen Exzentriker irgendwie mochte. Er gehörte zu dem Schlag Mensch, dessen sympathische Art kaum jemand zu widerstehen vermochte. Schon ja nicht jemand so Willenschwaches wie er.
Unerschütterliche Säulen (der Gesellschaft)
„Also Joseph, welchen Bereich wollen Sie sich zuerst ansehen?“
Sie waren erst zehn Schritte gelaufen, da wurde Joseph schon wieder überfordert. „Ich verstehe nicht …“, setzte er an, nur um erneut jäh unterbrochen zu werden.
„Welcher Bereich, welcher Sektor, welches Area darf es sein? 51? 52? Welche dunklen Geheimnisse des Instituts möchten Sie zuerst lüften, Joseph? Nun sagen Sie schon, die Zeit läuft uns davon! Sie sind hinter Ihnen her, Joseph. Jetzt oder nie! Die Uhr läuft. Tick-Tack, Joseph …“
Der Angesprochene schaute sein Gegenüber mit großen Augen und offenstehendem Mund an. Er fragte sich, ob man sie wohl beobachtete, und überlegte indes, was ihm mehr Unbehagen bereitete. Dass er mit einem Verrückten redete oder dass er nicht angemessen auf dessen Theater reagierte, es nicht zu würdigen wusste.
Gleichzeitig verstand er kein Wort, weswegen sein Hirn, statt ihm eine Lösung des gravierenden Problems zu servieren, schlicht aussetzte.
Sein selbst ernannter Führer lächelte milde. „Ich nehm‘ Sie nur auf den Arm, Joseph. Wie Sie sicher wissen, beschäftigt sich jede Zweigstelle des Instituts mit gewissen Kernaspekten. An dem hiesigen, sonnigen Fleckchen Erde, widmen wir uns den Säulen der Gesellschaft!“
Die letzten Worte betonte er wieder über dramatisch und erneut ging es dem jungen Mann ab, darauf eine angemessene Reaktion darzubieten, weswegen er nur stumpfsinnig wiederholte: „Die Säulen der Gesellschaft?“
„Die Säulen der Gesellschaft“, erklärte der andere erneut nickend, als wäre damit alles Notwendige gesagt. Dann hob er abrupt eine Hand und streckte nacheinander drei Finger aus, während er aufzählte: „Wirtschaft, Politik, Glaube. Frei jeder Wertung versteht sich, weswegen der Reihenfolge keine Bedeutung beigemessen werden sollte.“
Da er seine Worte nicht weiter ausführte, wurde Joseph sich peinlich berührt der Tatsache bewusst, dass es einmal mehr an ihm lag, etwas zu erwidern. Leider hatte er immer noch keine Ahnung, welche geistreichen Kommentare er seiner Zunge zu verlautbaren befehlen sollte.
Langsam gerieten seine Hirnwindungen aber in Fahrt, weswegen ihm zumindest eine Frage durch den Sinn schoss. „Ich dachte jedes Institut beschäftigt sich … nun ja, mit Wissen.“ Da er selbst nur zu genau wusste, wie dämlich das klang, wünschte er sich, er könne sich augenblicklich in Luft auflösen. Womöglich wäre filetiert zu werden, doch die beste Methode aus seinem Dasein irgendeinen Nutzen zu ziehen.
Wenn sein Führer ihn für geistig umnachtet hielt, ließ er sich dies wenigstens nicht anmerken. Statt ihn auszulachen, erklärte er: „Selbstverständlich ist jedes der Institute im Prinzip nur darauf ausgerichtet, das Wissen, welches der All Knowing mit uns teilt, zu verarbeiten und zu archivieren. Es hat sich jedoch herausgestellt, dass eine Spezialisierung der einzelnen Zweigstellen, auf bestimmte Fachgebiete, zu deutlich effizienteren Ergebnissen führt.“
Eine einleuchtende Erläuterung. Der Armleuchter, der Joseph getauft worden war, wusste sie jedoch kaum zu schätzen, stellte stattdessen die nächste, undurchdachte Frage und überlegte gleich darauf, wo er auf die Schnelle Nähzeug herbekam, um seinem Mundwerk endlich Einhalt zu gebieten. „Er existiert also wirklich? Der All Knowing?“
Zusätzlich zu seinem aberwitzigen Faible für das Schauspiel schien sein Begleiter mit einem unendlichen Brunnen des Verständnisses und Engelsgeduld gesegnet. „Selbstredend. Oder dachten Sie, wir wären eine Art Geheimbund, die nach Jahrhunderten der Vorbereitung ans Tageslicht getreten ist, um die Weltherrschaft an sich zu reißen?“
So wie er es formulierte, klang es nicht einmal allzu abwegig, was Joseph einen Schauder über den Rücken jagte. Was, wenn es der Wahrheit entsprach? Wenn man ihn hierherlockte, in all die finsteren Machenschaften einweihte und dann aufgrund dieser folterte und umbrachte?
Ausnahmsweise wurde ihm von allein klar, wie sehr seine überreizte Fantasie freidrehte, weswegen er über sich selbst den Kopf schüttelte. Warum hatten sie ihn dann überhaupt hierher eingeladen? Wobei diese – durchaus berechtigte Frage – weiterhin unklar blieb. Sie zu stellen, barg allerdings das Risiko in sich, eine Antwort zu erhalten. Eine, die er womöglich gar nicht hören wollte, weswegen er es vorzog, zu schweigen.
„Ihre Zweifel sind allerdings nicht ganz unberechtigt, Joseph“, führte der andere fort, was ihn aufhorchen ließ. „Ich meine, wie wahrscheinlich klingt es, dass eines Tages ein Mensch wie Sie und ich aufwacht und feststellt, dass seine Wissenskapazitäten um ein Vielfaches, vielmehr Unendlichfaches, gestiegen sind? Aber wem erzähle ich das, Sie kennen die Geschichte ja.“
Natürlich kannte er sie. So wie jeder Mensch auf der Welt.
Dennoch klang es, selbst für Joseph, der in einer Zeit geboren war, in der dieser Fakt bereits großflächig als „normal“ galt, fantastisch, ja zu Weilen gar unglaublich. Vermutlich da er, wie alle anderen, bis auf eine Persönlichkeit, auch weiterhin der Unvollkommenheit Knecht blieb.
Warum er? , fragte man sich. Warum nicht ich? Doch die Antwort darauf kannte allein der All Knowing selbst und dieser war alles, nur nicht für seine Redseligkeit bekannt.
Aber so war es nun mal. Das Universum hatte seinen Messias gewählt, ihm all seine Geheimnisse offenbart und die Menschheit einmal mehr, den Rest allein regeln lassen. Was in diesem Fall bedeutete, dass die betreffende Person – die Identität des All Knowing blieb eine wohlweislich versteckte Information –, jahrelang im Verborgenen gelebt hat. Immer auf der Flucht, immer in Angst und Terror vor Parteien, die seiner Person aus unterschiedlichen Gründen habhaft werden wollten – Gier nach Macht und Geld oder der Wunsch, ihn zum Schweigen zu bringen, da sein mutmaßliches Wissen gegen ihre Glaubensvorstellungen oder Ideale sprach.
Ein Umstand, der sich über die Jahre immer weiter zuspitzte, da es dem All Knowing unmöglich war, sein Wissen nicht gelegentlich preiszugeben. Joseph vermochte nicht, es sich nur im Ansatz vorzustellen. Ein Mensch erlangt über Nacht Allwissenheit und muss künftig mit dieser geballten Ladung in seinem sterblichen Hirn zurechtkommen. Kein Wunder, dass diese gelegentlich rausmusste, damit Platz für seine eigenen Gedanken blieb. Jedoch hatte ihn dies immer wieder in lebensgefährliche Situationen gebracht.
So lange, bis ihn eine Organisation aufspürte, der daran gelegen war, ihm eine Zuflucht zu bieten. Einen Ort, von dem aus er ungestört sein Wissen mit der Welt teilen konnte, sofern er sich dazu bereit erklärte. Keine Kräfte von außen sollten ihn erreichen, weder manipulativer noch schädlicher Natur. Das Institut des Wissens ward geboren.
Der Rest war allerdings weder Geschichte noch der Beginn und Ende einer Phrase alá und wenn sie nicht gestorben sind … sondern der Anfang der wahren Arbeit.
Denn von der ersten Institution aus galt es Verhandlungen mit sämtlichen Regierungen der Welt zu organisieren da es andernfalls womöglich zum Krieg, unter Umständen gar globalen Ausmaßes gekommen wäre. Schließlich ließ sich, selbst unter der Annahme, dass der All Knowing nichts als ein Betrüger wäre, nicht von der Hand weisen, dass er zu diesem Zeitpunkt längst genug „Jünger“ um sich geschart hatte, um gravierenden Einfluss auf das Weltgeschehen zu nehmen.
Irgendwann, nach jahrelanger Verhandlung, einigten sich die Staaten – die Details hatte Joseph nie verstanden; nicht, dass sie ihn interessierten –, das Institut blieb unabhängig und die Geschichte nahm ihren Lauf.
Seitdem existierte das Institut des Wissens als fester Bestandteil der Menschheit. Auch wenn es keiner Regierung angehörig war und sich einzig der Forschung beziehungsweise der Verarbeitung und Archivierung von Wissen verschrieben hat, ließ sich nicht leugnen, dass die Welt seit jenem Tag nicht die gleiche war. Ein neues Zeitalter war angebrochen. Des Umbruchs, wie manche sagten. Des Stillstands, wie andere dagegenhielten …
„Aber zurück zu meiner Eingangsfrage“, riss Josephs Führer ihn aus seinen Gedanken. „Mit welchem Sektor wollen wir beginnen?“
„Wirtschaft“, kam es aus des jungen Mannes Mund geschossen. Hauptsächlich, weil er nicht schon wieder den stammelnden Idioten mimen wollte.
Ein wissendes Grinsen schlich sich auf das Gesicht des anderen. „Eine treffliche Wahl, Joseph, wenn auch vorhersehbar. Folgen Sie mir bitte.“
„Bevor wir weitergehen …“ Sein Begleiter hatte sich unlängst umgewandt, um loszuziehen, drehte sich aber geduldig aufblickend zu ihm um. „Wie heißen Sie eigentlich?“
Er blinzelte kurz, öffnete den Mund, schloss ihn wieder, blinzelte erneut, legte sich einen Finger an das Kinn, sinnierte angestrengt, schaute nachdenklich in die Ferne, erschloss die Mythen des Kosmos und den Sinn des Lebens und ließ sich dann doch dazu herab, eine Antwort zu liefern. „Habe ich allen Ernstes vergessen mich vorzustellen?“ Er streckte die Hand aus, woraufhin Joseph sie instinktiv mit laschem Griff packte. „David. Erfreut Sie kennenzulernen.“
„Die Ehre ist ganz meinerseits“, murmelte der junge Mann und zitierte dabei einen Satz, den er mal aufgeschnappt hatte. Einerseits kam er sich dadurch ungemein clever vor, andererseits ziemlich dämlich, weil er unter normalen Umständen, niemals solche Worte gebrauchen würde.
„Eine Ehre“, nickte David anerkennend. „Wahrlich. Gut gesprochen, Sir, gut gesprochen. Und nun, seien Sie bereit, für ein Abenteuer unvergleichlichen Ausmaßes!“ Damit schritt er davon und sein Gast treudoof hinterher.
„Da wären wir“, leitete David melodramatisch ein. „Das Zentrum der Macht, der Motor, der unsere Welt am Laufen hält, das pulsierende, schwarze Herz im Kern der Maschine! Der Wirtschaftssektor.“
Weil Joseph meinte einen Lauf zu haben und langsam mit seinem Führer warm wurde, fügte er weise hinzu: „Geld regiert die Welt.“
Anders als erwartet, erntete er dafür keine Anerkennung und stattdessen einen missmutigen Blick. „Nein Joseph, nicht Geld, sondern Wissen regiert die Welt. Oder vielmehr der Mangel daran. Wie sonst, sollte ein fiktives System funktionieren, dessen Wertigkeit allein auf Spekulationen beruht?“
Verunsichert, durch die plötzliche Ernsthaftigkeit seines Gegenübers, wusste Joseph nicht, was er hinzufügen sollte. Außerdem verstand er von der Materie ohnehin nichts. Sicher, Geld war ihm ein Begriff, immerhin benutzte er es tagtäglich, aber die Mechanismen, die im Hintergrund damit arbeiteten, der Glaube der Menschen, der dem Papier erst seinen Wert gab und die Tatsache, dass diese Grundfeste seit der Existenz des Insituts des Wissens, erschüttert worden war, zählte zu den Dingen, die fernab seines Horizonts lagen.
Statt also einen weiteren unsinnigen Kommentar abzugeben, sah Joseph sich lieber in den Räumlichkeiten um, die links und rechts an ihm vorbeizogen. Hauptsächlich handelte es sich um Büroräume, in denen Leute still vor Computern sitzend arbeiteten. Gelegentlich passierten sie einen größeren Raum, in dem Präsentationen abgehalten wurden oder Meetings stattfanden. Dem ein oder anderen dürfte Joseph sogar lauschen, obwohl er kein Wort von den Themen verstand, über die diskutiert oder philosophiert wurde.
David blieb indes seltsam verhalten und still, so dass sein Gast langsam zu der Befürchtung kam, ihn verärgert zu haben, was gleichzeitig dazu führte, dass er mehr und mehr in sich kehrte und immer weniger von dem mitbekam, was um ihn herum geschah.
Als sein Führer dann doch das Wort ergriff, erschrak Joseph so sehr, dass er fast die Wand hochgesprungen wäre. „Also Joseph, was meinen Sie? Sieht so das Epizentrum des vollkommenen Bösen aus?“
Der betrübte Unterton irritierte seinen Zuhörer. Außerdem verstand er die Frage nicht, weswegen er sich einmal mehr gezwungen sah, wenig hilfreich zu erklären: „Ähm … wie bitte?“
„So sehen uns die Menschen da draußen doch, oder?“, fuhr David ungeachtet fort. „Als Monster, die alles, was ihnen lieb und teuer ist vernichten. Es in Schutt und Asche legen, verbrennen und noch Salz darüber streuen, um ja zu verhindern, dass etwas Neues aus der zerrütteten Erde gedeiht. Sie sind doch selbst davon betroffen, Joseph. Arbeitslos, seit eh und je. Ziellos streifen Sie durch das Weltgeschehen, perspektivlos, ahnungslos …sinnlos. Wir haben Ihnen alles gegeben und alles genommen. Ist es nicht so?“
So langsam fügten die Zahnräder sich zusammen, jedoch weniger, aus seinem eigenen Gefühlsleben heraus. Es war vielmehr so, dass diese Phrasen Vertrautheit weckten. Gebetsmühlenartig hörte er sich Tag für Tag an, von der einen Person vorgetragen, die sein Leben beherrschte: seiner Großmutter.
„Ehrlich gesagt“, meinte er aus einer Regung des Trotzes heraus, „bin ich ganz zufrieden, mit meinem Leben.“ Nun, er wäre es, wenn man ihm gestatten würde, so lange im Bett liegen zu bleiben, wie es ihm gefiel. In diesem Sinn hatte er glatt gelogen, aber das musste er seinem Begleiter nicht unter die Nase reiben.
Dieser schaute hoffnungsvoll zu ihm herüber. „Ist dem so? Welch erfrischende Aussage. Es kommt nicht häufig vor, dass ein Besucher des Instituts nicht unsere Auswirkungen auf das Weltgeschehen moniert, insbesondere in Hinblick auf die Arbeitswelt.“
Joseph zuckte mit den Schultern. „Ich kenne es nicht anders.“
Da kehrte es zurück, das freudige Grinsen des Theatermannes. „Erfrischend, wahrlich. Womöglich sind Sie der Wind, den dieses alte Gemäuer gebraucht hat, Joseph. Eine Frühlingsbrise, die unsere vom Winter erkalteten Glieder wachrüttelt und uns endlich wieder bewusst macht, wofür wir leben, wonach wir streben, was wir suchen!“
„Und das wäre?“
„Die Wahrheit, natürlich!“
Natürlich. Auch wenn er keine Ahnung hatte, was David damit auszudrücken versuchte, kam er nicht umhin, sich von seiner Euphorie angesteckt zu sehen. Gleichwohl hatte ihn die Neugierde gepackt. „Stimmt es denn?“
„Was, Joseph?“
„Dass die Welt wegen Ihnen, zum Stillstand kommt?“
Einmal mehr zogen Gewitterwolken auf, die sich jedoch schnell wieder lichteten. „Nun, dass ist eine Frage der Perspektive, meinen Sie nicht, Joseph? Hat unsere Arbeit dazu beigetragen, dass ein Großteil der Menschheit, die ihre verliert? Sicher. Die Erkenntnisse, die wir erlangt haben, haben dazu beigetragen, einen nicht zu verachtenden Teil des Berufslebens entweder zu automatisieren oder seine Notwendigkeit komplett ad absurdum zu führen. Die Sache ist nur: Wir haben damit nichts Neues geschaffen. Wissenschaft ist ein Lernprozess, Joseph. Sie fördert Aspekte unseres Universums zutage, die schon immer da gewesen sind, nur das wir ignorante Affen, sie nicht gesehen haben. Die meisten Berufe, die der Schere unserer Lehren zum Opfer gefallen sind, waren schon vor unserem In-Erscheinung-Treten überflüssig. Die vermeintlich zu erledigende Arbeit, die über die Jahrhunderte entstanden ist, hat der Mensch sich selbst geschaffen. Aus der Notwendigkeit heraus, dass es Arbeit und eine Wertschöpfung geben muss, damit die Räder weiter rollen. Geld ist der Brennstoff, Joseph, doch er verzehrt sich gleichzeitig selbst. Mit dem Bewusstsein, dass Geld nur ein Fantasieprodukt ist, haben wir die Menschheit von ihrer Fessel befreit. Noch nutzen wir es, sicher, weil wir Gewohnheitstiere sind, aber die Spekulationen darüber, haben endlich ein Ende gefunden. Es wird zusehends aus dem System gespült und Arbeit, richtige Arbeit, wird nicht mehr damit vergütet. Es wird getan, was getan werden muss, von Menschen, die es wollen. Und jedem Menschen ist eine Grundsicherung zugesagt, ganz gleich etwaiger Dienste für die Gesellschaft. Sie nennen es Stillstand, wir nennen es Fortschritt. Manchmal muss ein Gemäuer niedergebrannt werden, um auf dem Fundament Neues zu errichten. Verstehen Sie das, Joseph?“
Nein, er verstand rein gar nichts. Er hörte nur die endlose Litanei der alten Dame zwischen seinen Schläfen, die unentwegt predigte, dass er seinen faulen Arsch in Bewegung setzen musste, sich Arbeit suchen sollte. Deswegen quälte sie in tagein tagaus mit Stellenanzeigen, mit Bewerbungen, mit Vorstellungsgesprächen in Unternehmen, deren Zukunft längst begraben worden war. Der Arbeitsmarkt klammerte sich an eine Vorstellung, die der Vergangenheit angehörte.
Überdies hatte er keinen Platz für einen Niemand, wie ihn. Niemande gab es zuhauf. Die neue Generation. Kinder, die in einer Welt groß wurden, in der Arbeit einen gänzlich anderen Stellenwert einnahm, in dem ihre geleistete Kraft keine Notwendigkeit mehr darstellte, weil ihnen alles, was sie zum Leben brauchten, in den Schoß gelegt wurde. Die Alten wollten sie nicht und doch versuchten sie sie unentwegt in eine Form zu pressen, weil sie spürten, wie sie starben, wie sie vergingen, wie ihre Geschichte einfach gelöscht und neugeschrieben wurde.
Die Mühlräder mahlten auch in die andere Richtung.
„Tja, und das war er, der sagenumwobene Wirtschaftssektor.“
Joseph hatte gar nicht mitbekommen, dass sie sich weiterbewegt und mittlerweile das Ende, dieses Traktes erreicht hatten. Ein bisschen breitete sich Enttäuschung in ihm aus. Weniger wegen dem, was David zu erzählen hatte und mehr, aufgrund der Tatsache, dass das Innere des Instituts sich kaum von einem x-beliebigen Bürokomplex unterschied. Nun, bisher. Womöglich hatten die anderen Ebenen mehr zu bieten.
„Welchen Sektor möchten Sie als nächstes erkunden, Joseph?“
„Bevor wir fortfahren …“ Fortfahren, noch so ein Wort, dass er für gewöhnlich nie in Gebrauch hatte. „Eine Frage?“
„Sicher Joseph, was wünschen Sie?“
Er konnte nicht länger an sich halten, er musste es endlich erfahren. „Warum bin ich hier?“
David blinzelte und fast rechnete sein Gegenüber, mit einer neuerlichen Tirade des überdramatisierten Grübelns, doch dieses Mal blieb sie aus. „Weil wir Sie brauchen, Joseph“, erklärte sein Führer nüchtern.
„Sie … brauche mich?“
„Selbstverständlich“, nickte er. „Wir brauchen Leute wie Sie. Normalsterbliche, wenn Sie so wollen. Menschen des Alltags, die sehen, dass unsere Arbeit kein Hexenwerk ist. Nicht das Ergebnis schwarzer Magie, von Teufelsanbetung. Nicht aus dem Wunsch heraus entstanden, Chaos zu verbreiten oder Kontrolle auszuüben. Sondern einzig und allein dem zu frönen, was den Menschen ausmacht und antreibt: Neugier. Wissbegierde. Wir hier im Institut des Wissens, sind Menschen wie Sie, Joseph und doch, sind wir anders. Diese Grenze aufzuweichen, diese Diskrepanz aufzuheben, eine Verknüpfung herzustellen, auf dass wir von einander lernen und uns verstehen, dass ist Ihre Aufgabe. So sie sie denn annehmen wollen?“
Erst mit Verzögerung stellte der junge Mann fest, dass der letzte Satz als Frage formuliert wurde. „Ähm … ja!“, erwiderte er mit mehr feurigem Eifer in der Stimme als geplant.
„Sehr gut!“, rief ebenso enthusiastisch David aus. „Dann lassen Sie uns zur Tat schreiten, Joseph!“ Und damit marschierte er los, ohne erneut nachzufragen, welchen Sektor sie sich denn nun genau anschauen wollten. Joseph, zu befangen von der scheinbaren Wichtigkeit seiner Rolle, bemerkte es gar nicht.
„Also Joseph, was darf es sein? Links, rechts, die goldene Mitte? Sollen wir Ihnen Ihre Meinung diktieren? Opfern Sie Ihr Dasein dem allgemeinen Wohl? Spüren sie das blaue Blut in ihren Adern kochen? Oder möchten sie alles niederreißen und selbst für Ihr Handeln verantwortlich sein? Was ich sagen möchte: Willkommen im Politiksektor!“
Der sich kaum von dem Wirtschaftssektor unterschied, wie Joseph ernüchtert feststellte. Büroräume, die sich an Büroräume, die sich an Meetingräume, die sich an Besprechungsräume, die sich an Pausenräume, die sich an WC-Räume anreihten.
„Ach ja“, schwadronierte David schon drauf los, indes sie durch kühle Flure zogen, bildschirmgebräuntes Personal bei der Arbeit beobachteten und dem Surren der Klimaanlage lauschten. „Politik, der Versuch des Menschen Ordnung in die Gesellschaft zu bringen. Durch Meinungsfreiheit, Gewalt, Macht, Manipulation … Geld. Ich überspitze natürlich. Es ist ein Prozess. Mancher Versuch war gut, mancher weniger. In diesem Bereich haben wir aufgrund der Restriktionen aller Staaten, am wenigsten zu sagen und bisher tatsächlich auch am wenigsten beizutragen. Der kalte, leere Raum, der sich Kosmos schimpft, gibt nur wenig her über Systeme, die über Leben bestimmen, welches rar gesät ist, vor allem wenn es das Kriterium eines Bewusstseins erfüllen soll.“
Diese Aussage ließ Joseph einen Moment innehalten. „Aliens existieren?“
Ein leises Kichern drang aus der Kehle seines Begleiters. „Habe ich das etwa behauptet?“
Einmal mehr machte sich Enttäuschung breit. Zu gern, hatte er bisher immer angenommen, dass da draußen weiteres, intelligentes Leben existierte. Die Tatsache, dass dem nicht so sein sollte, ließ ein Gefühl der Einsamkeit in ihm zurück, von dem er bisher nicht geahnt hatte, dass es ihn so stark mitzunehmen vermochte. „Also existieren sie nicht …“, murmelte er.
Ein weiteres Mal kicherte David. „Habe ich das etwa behauptet?“
Das ließ Joseph wieder aufhorchen. „Was denn nun?!“, verlangte er, leicht verärgert aufgrund des gemeinen Spiels, dass mit ihm getrieben wurde, zu wissen.
„Über so manches Mysterium, behält das Institut sich vor, vorerst Stillschweigen zu bewahren. Tut mir Leid, Joseph, für die Beantwortung dieser Frage, werden Sie ein wenig Geduld mitbringen müssen.“
Ein Dämpfer, wenngleich von weit geringerem Druck, wie der Glaube, sein Leben lang einer irrigen Annahme verfallen zu sein. So konnte er sich wenigstens die Hoffnung bewahren und einer finalen Antwort harren.
David redete eine ganze Weile über Politikwissenschaften, wovon Joseph nur die Hälfte mitbekam und diese nicht einmal ansatzweise begriff. Alsbald kehrten sie in den letzten Sektor von dreien ein.
„Möge Gott unserer sterblichen Seele gnädig sein, der Mensch, ist es nicht“, meinte Joseph ernst, als sie den dritten, identisch zu den vorigen beiden aussehenden, Sektor betraten.
„Lassen Sie mich raten, auch auf die Frage, ob Gott existiert oder nicht, dürfen Sie mir keine Antwort geben?“, fragte Joseph beiläufig; teils, weil die Ernüchterung über das Innenleben des berüchtigten Instituts ihren Höhepunkt erreichte, teils, weil ihn das Thema Glaube am geringsten interessierte. Er selbst war nicht religiös und sah nur wenig Sinn darin, diesen in der nicht, nach geläufigem Kenntnisstand, nicht bewiesenen Existenz einer unsichtbaren, sich nie in Person zeigenden Gestalt zu suchen.
„Es hat weniger mit dem Unwillen des Instituts und mehr, mit dem des All Knowing zu tun“, erwiderte David gelassen.
Joseph klappte fast der Unterkiefer herunter. „Der All Knowing weiß es selbst nicht?“
Gutmütig schüttelte sein Führer den Kopf. „Das habe ich nicht gesagt, ich meinte, dass er sich bisher nicht bereit zeigt, diese Information mit uns zu teilen. So viel möchte ich Ihnen aber verraten, Joseph – und glauben Sie mir, es brennt mir selbst auf der Seele, diesbezüglich mehr zu erfahren, aber mehr als dies, ist uns selbst zu erfahren bisher nicht vergönnt worden: Da draußen gibt es Mächte, die die Grenzen unserer Bewusstseinsebene und Vorstellungskraft sprengen. Es gibt mehr als genug hinreichende Indizien dafür, welche überdies brotkrumenhaft vom All Knowing gestreut werden. Wir sind täglich bestrebt, diesen Spuren zu folgen, unserer Ergebnisse bleiben jedoch … unbefriedigend. Handelt es sich dabei um wahre Göttlichkeit?“ Er zuckte mit den Schultern. „Wer vermag das schon zu beurteilen?“
„Sie glauben nicht an Gott?“ In seinem Kopf kreisten hunderte von Fragen, doch keine davon materialisierte sich genug, um sinnhafte Worte zu formen, weswegen sein überstrapazierter Verstand sich einmal mehr, auf das nächstbeste Opfer stürzte.
„Ich weiß um die Wissenschaft, Joseph“, erklärte David nüchtern. „Insofern: Nein, ich glaube nicht an Gott. Sollte er jedoch in welcher Form auch immer existieren, werden wir es eines Tages erfahren. Daran glaube ich.“
„Was ist mit dem Ursprung?“ Fixe Ideen und konturlose Bilder, formten sich langsam zu einem Rahmen, zu etwas, von dem Joseph bisher nicht geahnt hatte, dass es sich in den hintersten Winkeln seiner Gedankenwelt versteckt hielt.
„Was für ein Ursprung?“, fragte David, dem das plötzlich entfachte Feuer suspekt zu sein schien. „Die Evolutionstheorie …“
„Nein!“, unterbrach der andere jäh. „Der Ursprung. Von … von allem!“ Bilder hin oder her, er wusste selbst nicht, wie er sie benennen, wie, sie greifen sollte. Aber das war egal. Er verspürte einen nie zuvor dagewesenen Drang, zusammen mit dem Gefühl, etwas auf der Spur zu sein. Einer Erkenntnis. Einer Bedeutung.
„Nun, es ist uns unlängst bekannt, dass alles seinen Anfang im Urknall gefunden hat …“
„Aber warum?“, verlangte Joseph zu wissen. „Wodurch wurde er ausgelöst? Was ist der … der Sinn des Ganzen?“ Ja, das war es, das war die brennende Frage, der Leuchtturm, der ihm den Weg wies und der Grund für sein Hiersein. Der Weg wurde geebnet, die Gleise in die richtige Spur gelenkt. Es fühlte sich an wie … Schicksal. Das Wort, so befremdlich, so banal und doch so echt. Er würde es erfahren, das Geheimnis der Geheimnisse. Er musste einfach. Und wenn er sich irgendwo ankettete, er würde nicht eher gehen, ehe er seine Antwort erhielt. Sein Entschluss stand fest. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er etwas gefunden, etwas, woran er sich klammern wollte, wofür er zu kämpfen bereit war. Und wenn es das Letzte war, was er tat.
Sollte seine Großmutter ihn doch später zu Hackfleisch verarbeiten, weil er ihr nicht gehorcht und das Institut zum Einsturz gebracht hatte. Er würde etwas erlangt haben. Etwas von Bedeutung. Und es mit ins Grab nehmen.
David beobachtete ihn eine Weile lang. Keine Regung verriet, was in seinem Inneren vor sich ging. Schließlich sagte er: „Diese Frage beschäftigt Sie wahrhaftig, oder Joseph? Sie sind am Kern unseres Wesens, dem Wesen aller Menschen angelangt. Wissbegierde treibt Sie an, ist doch so?“
„Ja.“ Noch nie war es ihm leichter gefallen, eine Antwort oder überhaupt ein Wort über die Lippen zu bringen. Aus ihm sprach Inbrunst. Überzeugung. Willensstärke. Eigenschaften, die er bisher nie die Seinen genannt hatte.
Sein Führer nickte. Kein Lächeln lag auf seinen Lippen, allerdings wirkte er auch nicht missmutig oder verärgert. Vielmehr glich sein Gesicht einer ausdruckslosen Maske. Eine, welche sich zusammen mit dem Ablegen jeglicher Schauspielerei über seine Züge legte. Eine Tatsache, die Joseph gänzlich entging. „Wenn das so ist, dann überspringen wir diesen Teil unserer Führung und kommen direkt zum Abschluss. Folgen Sie mir bitte, Joseph.“
Und treu, wie der doofe Hund war, folgte er.
Unendliche Wissensschöpfung
Schweigend schritten Sie durch Gänge, Trakte und Räume. Zogen vorbei an sich mehrendem Wachpersonal und durchschritten Türen, welche der höchsten Stufe der Sicherheit unterlagen. Nichts davon registrierte Joseph, da sein Tunnelblick einzig seinem Führer galt, welcher in geradewegs hinab geleitete. Zum wahren Herzen, des Instituts, das beständig schlug und Veränderung, gleichsam mit Stillstand in die Welt pochte.
Erst als es zu spät war, sie einen geräumigen Fahrstuhl betraten, in welchem bequem ein Dutzend Menschen Platz hatten, sendete sein Unterbewusstsein, das gleich seines Intelligenzquotienten unentwegt arbeitete und in Sekundenschnelle eine Milliarde an Informationen verarbeitete, einen Warnschuss, der gleichsam mit einer Handvoll weiterer, weniger bedeutsamer Daten, seine aktive Wahrnehmung erreichte: Mit ihnen im Fahrstuhl, befand sich ein Wachmann. Daran war erst einmal nichts Ungewöhnliches auszumachen, nur dass dieser, im Gegensatz zu seinen Kameraden in den bisherigen Bereichen des Instituts, nicht mit einem Kleinkaliber bewaffnet war, sondern eine Waffe einsatzbereit in seinen Händen hielt, die Joseph, trotz seiner Unkenntnis in diesem Aspekt, als Sturmgewehr identifizierte.
Jetzt, wo er so darüber nachdachte, fiel ihm auf, dass dies nicht die erste Person war, die er so schwer bewaffnet sah. Überdies wurde er sich der immer schärfer werdenden Maßnahmen bewusst, die nötig waren, damit er und sein Führer David, passieren dürften. Sicherheitskarten, Passcodes, Iris-Scanner, Spracherkennung … Das Institut hatte so ziemlich alles aufgefahren, was er sonst nur aus Film und Fernsehen kannte.
Diese Tatsache, ließ nur eine logische Frage zu: Wo zum Teufel bin ich hier?!
Panisch schaute der junge Mann sich nach hinten um und starrte daraufhin, in die stahlblauen Augen des Wachmanns, welcher ihn skeptisch musterte und überdies, die ganze Zeit im Blick behielt. Langsam drehte Joseph seinen Kopf zurück. Jetzt bloß keine falsche Bewegung. Nur, dass er seinen Körper nunmehr nicht daran hindern konnte, zu zittern. Eisig lief es ihm den Rücken hinunter. Ihm fröstelte. Beinahe genug, dass ihm die Zähne klapperten. Er unterdrückte es mit letzter Not, indem er die Kiefer fest aufeinanderpresste.
Seine Anspannung schien David aufzufallen, welcher, bis eben stur geradeaus gesehen hatte. Er bemaß ihn mit einem analytischen Blick, kommentierte ihn aber nicht, sondern schaute nur wieder zur Fahrstuhltür. Das Interesse, sich mit seinem Gast zu unterhalten, schien auf ein bedenkliches Maß runtergefahren zu sein, so es dieses denn je gegeben hat.
Je länger er darüber nachdachte, desto weniger fand Joseph eine Erklärung, warum sein Führer ihm bis hierhin so symphytisch erschienen war. Eigentlich konnte er mit solch überdrehten Persönlichkeiten überhaupt nichts anfangen. Mal abgesehen von der Tatsache, dass diese neue Version des David, alles andere als exzentrisch, sondern vielmehr nüchtern und unterkühlt auf ihn wirkte. War das Theater am Ende nur dies gewesen? Theater? Schauspielerei? Maskerade?
Aber wozu das Ganze? Wozu ihn hierher einladen? Wozu …
Er kam nicht dazu, seinen Gedanken zu beenden, denn der Fahrstuhl erreichte sein Ziel. Die metallenen Türen glitten geräuschlos zur Seite und offenbarten den Blick auf klinisches Weiß. Ein hell beleuchteter, kalter Flur, welcher in einer weiteren Tür mündete, welche sich nur nach Bestätigung der Identität des Anfordernden öffnete.
Joseph plante nicht, diese zu durchschreiten. „Hey … ähm David? Ich … ich würde gerne …“
Sein Führer drehte sich wieder zu ihm um, betrachtete ihn, aber nicht wie einen Menschen, sondern eher wie eine lästige Angelegenheit, um er sich zu kümmern hatte. Er seufzte. „Früher oder später mucken sie ja immer.“ Er wandte sich dem Mann hinter Joseph zu und nickte.
Nahezu im gleichen Augenblick spürte Joseph einen festen Stoß im Rücken, der ihn fast umwarf. Nur mit Mühe fing er sich, nach vorn stolpernd auf. „Bewegung!“, kommandierte der Wachmann, welcher ihm sein Gewehr in den Rücken geschlagen hatte. Joseph spurte. Er bebte am ganzen Leib.
Den Blick auf die Tür vor sich geheftet, befahl er seinen Beinen, einen Schritt nach dem anderen zu unternehmen. In seinem Kopf herrschte dröhnende Stille. Wie er sich anstrengte, er vermochte sein Hirn weder, um eine Erklärung zu bemühen, noch eine Lösung aus dieser Misere aus dem grauen Lappen zu pressen. Heiße Tränen sammelten sich in seinen Augenwinkeln und rannen die Wangen hinab. Er errötete. Es kümmerte niemanden.
Sie erreichten die Tür, welche sich kurz darauf, nach Eingabe mehrerer Kennwörter und Sprachbefehle öffnete. Was dahinter zutage gefördert wurde, raubte Joseph nicht nur den Atem, sondern auch seinen kläglichen Verstand.
Reihe um Reihe lagen sie da, in einer schier endlos riesigen Halle versammelt, welche von kaltem Neonlicht beleuchtet wurde: Menschen allen Alters und jeder erdenklichen Herkunft, nackt, nur von weißen Tüchern verhüllt, auf stählernen Behandlungstischen. Sie schienen in einer Art Koma zu ruhen. Schläuche und Kabel ragten in sie hinein und aus ihnen heraus. Sie führten zu Maschinen, in den Boden oder schlicht zu Entsorgungsbeuteln.
Andere Menschen wuselten um sie herum. Sie kontrollierten Monitore, stellten Geräte ein, tippten Befehle, wuschen die scheinbar Schlafenden, massierten Arme und Beine oder nahmen Beutel, gefüllt mit Fäkalien ab und schlossen neue an.
Einen der Liegenden, einen älteren Mann, konnte Joseph aus der Nähe betrachten, da er in vorderster Reihe, nur wenige Meter von ihm entfernt, gerade behandelt wurde. Zwei Schläuche ragten in seinen Hals rein. Durch einen floss just in diesem Moment, eine bräunliche Flüssigkeit, durch die andere nichts. Da sich seine Brust senkte und hob, vermutete er, dass durch diesen die Beatmung stattfand. Zwei weitere Schläuche hingen unten. Einer, etwas breiter, steckte direkt in einer Öffnung, welche in die Bauchdecke geschnitten worden war, der zweite hing an seinen Genitalien, war durch die Harnröhre geschoben worden. Darüber hinaus gingen diverse Kabel, direkt vom Kopf des Mannes ab. Mit Entsetzen erkannte Joseph, dass der blankrasierte Schädel mehrere feine Löcher aufwies, in die die Drähte führten. Sie mussten direkt in sein Hirn gesteckt worden sein.
Dem Besucher drehte sich der Magen um. Er spürte, wie die Übelkeit sich ihren Weg nach oben bahnte, und erbrach sich direkt vor sich. David machte einen geübten Schritt zur Seite, der Wachmann, welcher hinter Joseph stand, rührte sich keinen Millimeter.
„Wir brauchen hier eine Reinigung!“, erklärte David unnötigerweise. Zwar hatte sich niemand nach ihnen umgesehen, doch war der würgende Laut in der Stille des riesigen Saals, kaum zu überhören. „Und jemand soll das Subjekt vorbereiten, wir haben nicht den ganzen Tag Zeit Leute!“
Jetzt kam jemand auf sie zu, eine Frau mittleren Alters, in weißem Kittel. Eine Ärztin. Eine Vertrauensperson. So sollte es zumindest sein.
Von Verzweiflung und Panik gepackt, drehte Joseph sich um – wobei er fast auf seinen eigenen Hinterlassenschaften ausrutschte –, ignorierte den bewaffneten Mann und stürzte sich auf David, indem er ihn am Kragen packte und anfuhr: „Was soll das? Warum bin ich hier?! Was treibt ihr hier?! Ich verlange Antworten!“
Ehe er etwas erwiderte, winkte der Angesprochene den Wachmann ab, welcher sich schon bereitgemacht hatte, einzugreifen. Die Waffe, die für Sekunden auf Joseph gerichtet worden war, registrierte dieser kaum.
„Wir sind doch zivilisierte Menschen, Joseph, lassen Sie mich los und ich will es Ihnen erklären.“
Er konnte selbst nicht sagen, woran es lag. An seinem neutralen Tonfall oder dem milden Lächeln, welchem jetzt jede Wärme abging. Vielleicht lag es daran, dass er die Ausweglosigkeit seiner Situation längst einsah. So oder so, Joseph ließ von seinem Führer ab und sank ein wenig in sich zusammen und nahm angewidert den Geruch seiner eigenen Kotze wahr, was seinen Magen erneut rumoren ließ. Der Widerstand, so schnell er aufgeflammt war, zeigte sich schon gebrochen.
„Als ich sagte, dass wir Sie brauchen, Joseph“, erklärte David, wobei er die Arme einladend ausbreitete, dabei aber eigentlich nur den Raum und die Situation umfasste, „habe ich nicht gelogen. Sie und alle diese Menschen hier, sind es, die das Institut des Wissens erhalten. Sie sind unsere Verknüpfung, die Meilensteine, die die Diskrepanz zwischen uns und unserer Unwissenheit überbrücken. Ich will Sie nicht mit technischen Details nerven, deswegen machen wir es simpel: Der Forschung ist es bis heute nicht gelungen, das menschliche Gehirn zu simulieren oder es in seiner Gänze, in seiner Funktionsweise, zu begreifen. Fest steht jedenfalls, dass es effizienter als jeder Prozessor arbeitet, der von Menschenhand geschaffen werden könnte. Gleichzeitig ist es jedoch unsortiert und chaotisch. Gedanken sind wie Blitze, hell leuchtend und schnell erloschen. Erinnerungen sind Illusionen, werden ihre Lücken doch durch Füllmaterial überbrückt, weil unser Verstand sich seine eigene Fehlerhaftigkeit nicht eingestehen kann. Und unser Bewusstsein? Übermittelt nur einen Bruchteil des tatsächlichen Weltgeschehens, so dass wir mit der Flut an Informationen, die auf uns einströmt, kaum etwas anzufangen vermögen.
Hier im Institut, haben wir es geschafft, all diese mangelhaften Funktionen zu überwinden. Mehr noch, wir haben das volle Potenzial des menschlichen Gehirns entfaltet. All die Subjekte, die sie hier sehen, Joseph, sind miteinander verknüpft und schaffen so, einen riesigen Prozessor, wenn Sie so wollen. Ein Computer, wie es ihn zuvor nie gegeben hat, mit einer Rechenleistung, die ihre kühnsten Vorstellungen sprengt. Wir sind in der Lage Informationen blitzschnell zu verarbeiten und abzurufen, es zu archivieren und sinnvoll zu sortieren. Das Internet? Eine wüste Ansammlung, ohne Struktur und ohne eine Möglichkeit geballtes Wissen schnell und vor allem zuverlässig verfügbar zu machen. Außerdem anfällig. Für Fehler und Ignoranz.
Ich frage Sie, Joseph, wie viel Wissen ist in all den Jahrhunderten, die der Mensch schon existiert, schlichtweg verloren gegangen? Wie viele Erkenntnisse, waren unlängst bekannt, bevor irgendein großer Forscher, sie erneut entdeckt hat? Der Mensch ist ineffizient, fehlerbehaftet und sein Streben, die Wahrheit zu erlangen, zum Scheitern verurteilt. Wir fragen, wir suchen, wir forschen, wir lernen, wir sterben. Immer und immer wieder. Das Mühlrad dreht sich und dreht sich, ohne jemals wirklich voranzukommen. Und wenn wir eines Tages aussterben? Alles umsonst. Jeder kleinschrittige Erfolg, einfach weg. Ausgelöscht.
Wir im Institut des Wissens, wollen und können dies nicht akzeptieren. Wir erarbeiten ein Archiv, das in der Lage sein wird, einem jeden Menschen, sämtliches Wissen zur Verfügung zu stellen, dass wir bis dahin erlangt haben. Auf dem schnellsten und direktesten Weg, den es gibt.“ Er tippte sich auf die Schläfe. „Direkt durch unsere Neuronen, so intuituv wie das Denken selbst. Das lästige Lernen, des längst Bekannten entfällt und wir können uns endlich darauf konzentrieren, wahrhaftig Neues zu entdecken. Und Sie, Joseph, sind der Schlüssel für dieses Vorhaben, Sie und jeder weitere Mensch, den Sie hier sehen.“
Der Schlüssel hatte wieder einmal nichts begriffen. Er hörte die Worte, doch sie prasselten wirkungslos an ihm hernieder. Er wollte auch nicht mehr begreifen. Wozu sich noch bemühen? Wozu sich überhaupt jemals anstrengen, wenn es am Ende doch nur wieder einmal zwecklos blieb?
Stumpf stellte er die eine Frage, die ihm durch den Geist schoss: „Der All Knowing existiert nicht, oder?“
Darüber lachte David, zum ersten Mal ehrlich und aus vollem Herzen. Es klang dennoch hohl und fernab jeder Wärme. „Oh Joseph, der All Knowing befindet sich direkt vor Ihnen? Sie werden der All Knowing sein.“
Er hätte weitere Fragen stellen, hätte Argumente vorbringen oder sich zur Wehr setzen, für sich und sein Leben einstehen können. Doch als er erkannte, dass all sein Streben, das eine, welches ihn in einer blinden Sekunde seines Lebens gepackt hatte, so sinnlos wie die Frage nach dem Sinn blieb, gab er schlicht auf.
Alles, wonach sich Joseph noch sehnte, war dies: Schlafen. Die wohlige Wärme einladen und für immer ruhen. Auch wenn ein winziger Teil seines Bewusstseins fürchtete, dass sein stählernes Bett, alles andere als warm sein würde.
Mit schwerem Haupt nickte Joseph. „In Ordnung.“
Während sie ihn vorbereiteten ihn auszogen, ihn hinlegten, ihm Spritzen verabreichten, Kabel und Schläuche bereitlegten und er langsam dahindämmerte, ging in Josephs Verstand nur wenig vor sich.
Stumpf, so wie er sein ganzes Leben bis hierhin gelebt hatte, blickte er dem Ende entgegen und begrüßte die Wärme, die sich langsam in seinem Inneren ausbreitete, die erst seine Glieder, seine Eingeweide und schließlich sein Hirn in Watte packte.
Jedoch, aus dem weichen Kissen, unter der lauschigen Decke, aus den Tiefen des Abgrunds, irgendwo verborgen in der Dunkelheit, welche die kuschlige Matratze verbreitete, lauerte eine krächzende Stimme. Und sie schrillte, schrillte bis in seine Träume und seinen unendlichen Schlaf hinein und sie forderte und sie verlangte und sie zeterte. Vor allem aber missbilligte sie. Sie missbilligte sein Handeln, seine Entscheidung, seine Schwäche … Sie biss sich fest.
Das menschliche Hirn ist ein ungelöstes Rätsel. Niemand vermag es in seiner Gänze zu begreifen.
Ein Computer ist anfällig für Einflüsse von außen, Sicherheitslücken können ausgenutzt, ein Netz korrumpiert und ein System zum Einsturz gebracht werden.
Ein Virus, ein Gedanke, eine Erinnerung, die Manifestation eines Willens. … Die Grenzen verschwimmen ähnlich derer, zwischen Mensch und Maschine.
