
Bitte beachte, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung oder Drogenkonsum. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die Angst oder Unbehagen erzeugen sollen. Wir empfehlen dir, diesen Text nicht zu lesen, wenn er dich belasten könnte.
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Markus war eine Koryphäe, jedenfalls sagte das jeder über ihn. Er selbst hatte noch nie darüber nachgedacht, war ihm doch alles so erschienen, wie es ihm jetzt erschien. Auch vor dem Trubel, vor dem Stipendium, vor den Vorträgen und den Preisverleihungen. Alles war immer so gewesen, wie es nun war. 29 Jahre lang war es so gewesen und schon immer kam ihm alles ganz und gar konstant vor. Doch das Einzige was wirklich gleichblieb, was wirklich immer da war, das war sein Vater und die Liebe, die er ihm gab. Sein Vater sagte oft, dass er ihm alles gegeben hatte, was er ihm geben konnte. Viel Geld hatten sie nie gehabt. Seine Mutter war bei seiner Geburt gestorben. Ein kleines Haus, mehr war da nie gewesen. Doch sein Vater, er hatte mehr gegeben als er hatte und Markus wusste, dass er nur wegen ihm dort war, wo er nun stand. Da wo er immer gestanden hatte.
Er umgab sich nicht mit anderen Menschen, nur wenn er musste. Seine Studien waren seine Freunde, seine Bücher seine Liebschaften und sein Vater seine Familie. Ein Genie, ein Wunderkind.
Markus saß da, wo er meistens saß. Allein in seinem Büro, vor ihm ein Buch und neben ihm sein aufgeklappter Laptop. Der Raum war groß, zu groß für seinen Geschmack, da er nichts hatte mit dem er ihn hätte füllen wollen. Bücherregale waren dort nicht, er las Dinge nur einmal. Ein kleines Sofa in der Ecke neben den Segmentbogenfenstern hinter welchen man das Universitätsgelände sehen konnte. Sein Garderobenständer an welchem sein simpler Hut und sein verblasster Mantel hingen, an welchem die meisten Knöpfe fehlten. Sie würden dort noch lange hängen, er würde heute wieder nicht nach Hause gehen. Für einen kurzen Moment atmete er durch und zog sich seine Lesebrille ab, welche sein Vater ihm vor einer Weile geschenkt hatte. Er würde sich sonst die Augen ruinieren meinte dieser. Was ein Schwachsinn, doch dennoch trug er sie täglich. Er blickte auf und erschrak zuckend vor einer schattigen Gestalt, die auf dem Sofa sitzend in Halbschatten der untergehenden roten Herbstsonne, zu erkennen war. Der Mann hatte bemerkt, dass Markus ihn gesehen hatte, doch er saß nur da. Markus musterte ihn und sein Gesichtsausdruck dabei musste reichlich verwirrt sein. Der Mann trug simple Kleidung. Eine graue Stoffhose, dazu ein etwas dunklerer Pullover, welche in dem schummrigen Licht faserig und ausgefranzt wirkte. Um seinen Hals hatte er ein Lederband mit einer Kette, an welcher ein Anhänger hing, welcher jedoch von dem Stoff verdeckt wurde. Ein rundlicher Anhänger, dessen spitze im Licht rötlich schimmerte und dessen Abdruck sich abzeichnete. Es fiel Markus schwer dem Mann ins Gesicht zu sehen, war es doch so fremd. Es war leicht rundlich wie das Gesicht eines Kindes, doch mit straffen markanten Linien, welche der Mimik des Mannes stets etwas Hartes und Altes gaben. Er erahnte einige Narben. Unter den dicken Augenbrauen glitzernden tiefsitzende Augen mit dunklen Schatten darunter, welche seine bernsteinbraunen Augen noch heller erscheinen ließen. Seine schwarzen glatten Haare trug er in einer gewöhnlichen Kurzhaarfrisur, wie man sie schon oft gesehen hatte.
Nach einer stillen Ewigkeit erhob der Mann seine Stimme, welche laut und deutlich klang, auch wenn sie nicht mehr als ein raues Flüstern war. Wie die Stimme eines alten Mannes, dachte Markus zu sich selbst.
„Verzeihung.“, flüsterte es. „Ich wollte sie nicht beim Lesen unterbrechen. Es ist so schwer sich in der heutigen Zeit noch wirklich auf ein Buch einlassen zu können“
Markus schloss besagtes Buch und legte seine Brille daneben ab.
„Entschuldigen sie, aber wann sind sie hier hereingekommen?“ Er hatte die Tür nie gehört, sie war noch immer geschlossen wie seit Stunden schon.
„Es gibt hier keine Uhr.“, war die nichtssagende Antwort.
„Ja.“, gab Markus sich dennoch mit der Antwort zufrieden und räusperte sich. „Sind sie ein Student? Wie kann ich ihnen helfen? Die Sprechzeiten sind leider schon eine Weile um.“
„Nein. Ich bin kein Student, jedoch ein glühender Verehrer ihrer Arbeit.“ Der Mann hatte sich erhoben und erst jetzt bemerkte Markus wie hoch die Gestalt ragte. Er ging zu einem der Deckenhohen Fenstern und sah heraus. „Ich habe alle ihre Bücher gelesen und das was ich verstehen konnte war wirklich höchst interessant. Was ein herausragender Geist.“ Das letzte murmelte er eher zu sich selbst als zu Markus.
„Ein Verehrer? Ich gebe keine Autogramme, wenn sie sich Das erhoffen.“ Markus begann unruhig zu werden und sah immer häufiger zu dem kleinen Kabeltelefon. Sollte er seinen Sekretär hereinrufen?
Der Mann kicherte nur leise. „Wissen sie ich bin ein alter Freund ihres Vaters.“
„Ich verstehe nicht.“ Markus war auch aufgestanden und ging langsam um seinen Tisch herum um sich an diesen anzulehnen. Was war das für ein Gefühl? Warum fühlte er sich derart hilflos? Wer war dieser Mann? Der Mann ging langsam im Zimmer herum, strich über den alten Mantel an der Garderobe.
„Ein sehr alter Freund ihres Vaters. Er hatte große Hoffnungen in sie damals und enttäuscht haben sie ihn wohl wirklich nicht. Ganz und gar nicht. Niemand würde so etwas jemals behaupten.“
„Sagen sie mir endlich was sie von mir wollen.“ Langsam hatte er genug. Kam hier rein, beobachtete ihn Gott weiß wie lange und jetzt dieses ominöse Gebrabbel.
Der Mann drehte sich um und ihre Blicke trafen sich. Erst da bemerkte Markus wie der Mann ihn ansah. Oder eher nicht ansah. Ihre Augen trafen sich, doch der schimmernde, warme Blick des Mannes ging gradewegs durch ihn hindurch. Er sah ihn nicht an, er sah durch ihn hindurch.
„Ich habe nur eine kleine Bitte, mehr nicht.“ Begann der Mann nun endlich. „Ihrem Vater, würden sie ihm bitte Grüße von mir ausrichten?“
Was sollte das denn nun?
„Warum richten sie ihm diese nicht selbst aus, wenn sie ein Freund von ihm sind?“, fragte er also misstrauisch und versuchte seine Stimme streng und distanziert klingen zu lassen. Nicht mehr als einen zuckenden Mundwinkel löste das bei seinem Besucher aus.
„So ist es mir lieber. So ist alles gesagt, ganz einfach.“ Mit diesen Worten wendete der Mann sich der Tür zu und begann durch den großen Raum zu gehen. Langsam mit aller Zeit der Welt.
„Und von wem soll ich die Grüße ausrichten?“
Der Mann blieb an der Türe stehen und sah ihm noch einmal durch seine Augen hindurch. „Seit Dreißig Jahren habe ich ihn nicht mehr gesehen, ihren Vater. Doch ich denke nicht, dass er mich vergessen hat. Keine Sorge.“
Er öffnete die Tür und bevor er in den langen dunklen Gang schritt verabschiedete er sich höflich, bevor er anfügte: „Wir sehen uns bestimmt wieder. Bis dann.“
Die Tür flog in ihre Angeln und Markus blieb verdutzt in Stille zurück.
Nur mit Ruckeln öffnet sich die Tür des kleinen alleinstehenden Hauses. Langsam trat Markus ein und versuchte die Tür so sanft wie möglich zu schließen. Dennoch musste er sie zweimal zuschlagen, bevor sie einrastete. Er hatte seinem Vater schon mehrfach angeboten das Haus renovieren zu lassen, doch dieser hatte stets abgelehnt. Er wolle kein Geld von ihm.
„Dad, hallo?“, rief er fragend durch die kleine, aber gemütlich und in warmen Farben eingerichtete Wohnung.
„Markus? In der Küche bin ich!“, kam die Antwort der bekannten warmen Stimme seines Vaters.
Als er in den Raum trat in welchem es angenehm nach Suppe und Hühnchen roch lächelte sein Vater ihn an. Sein warmer und freundlicher Blick ließ Markus sofort etwas ruhig werden. Er war nach dem seltsamen Besuch sofort hierhergefahren, auch wenn er das eigentlich nicht hatte tun wollen.
„Ich hatte dich heute nicht erwartet, aber wenn du willst kannst du gerne eine halbe Schüssel haben, oder eine ganze.“ Er zwinkerte seinem Sohn zu als er eine Schüssel aus dem Schrank zog und ohne auf eine Antwort zu warten auch diese füllte. Markus aß immer hier, wenn er seinen Vater besuchte, da dieser wusste, dass Markus selbst nicht viel von gesunder oder ausgeglichener Ernährung hielt. Sehr zum Leitwesen seines Vaters.
Sie setzten sich an den kleinen runden Tisch und sein Vater begann seine Suppe zu löffeln, während Markus nur still dasaß.
„Alles in Ordnung? Keine Lust auf Suppe, oder ist dir da zu viel Gemüse drin?“, fragte der alte Mann mit einer hochgezogenen Augenbraue. Wie als Antwort begann nun auch Markus zu essen.
„Mich hat heute jemand besucht, eine ganz seltsame Geschichte.“, begann er, nachdem die Schüssel leer war.
„Du hattest Besuch, das ist nun wirklich seltsam.“ Scherzte sein Vater, doch verschwand sein Lächeln als er die düstere Miene seines Sohns sah. „Ist alles in Ordnung?“
„Ja es war nur so absurd.“ Und er begann zu erzählen. Er erzählte von diesem seltsamen Mann, der wie 20 aussah, aber meinte er kenne ihn seit 30 Jahren. Der Mann mit dem seltsamen toten aber feurigen Blick und was er ihm erzählt hatte. Sein Vater wurde immer und immer stille, schien fast zu schrumpfen, während in seiner immer stärker zitternden Hand die Suppe aus dem Löffel auf den Tisch tropfte.
„Das.“, begann er, nachdem Markus geendet hatte. „Das, ich. So ist das also.“
„Kennst du den Kerl wirklich Dad?“, hakte Markus nach.
„Ja ich kannte ihn, aber Freunde sind wir keine.“ Er legte endlich den mittlerweile leergetropften Löffel wieder in die Schüssel. „Markus hör mir genau zu okay?“
Er beugte sich zu seinem Sohn. „Markus dieser Mann ist kein Freund. Weder von mir noch von dir.“
Markus sah seinen Vater nur mit einem etwas ungläubigen Blick an. So hatte er ihn noch nie gesehen, vor was hatte er denn so Angst? Was sollte der Mann denn tun?
„Wie meinst du? Wer ist das?“ Markus verstand nicht.
„Bitte, glaub mir einfach. Ich habe immer alles getan nur für dich, dass du ein gutes Leben haben kannst, das war alles was ich wollte. Alles was ich immer wollte.“ Er sah ihm in die Augen und griff mit seiner Hand nach Markus‘ Arm. Seine Hand war schwitzig und kalt obwohl der Raum erhitzt war.
„Dieser Mann. Halte dich von ihm fern. Ich- Ich muss jetzt etwas machen, okay? Ich ruf dich morgen an.“ Damit stand er auf.
Was sollte das denn? Markus hatte noch mehr Fragen! Doch sein Vater schnitt ihn stets ab. „Bitte geh jetzt, ich muss etwas nachsehen.“
Sein Vater hatte ihn noch nie derart aus seinem Haus geworfen. Noch nie, nicht ein einziges Mal. Der kalte Herbstabend blies bunte Blätter über die Gehwege als Markus die Straße zu seinem Auto überquerte. Dieser Mann, was sollte das alles?
Einige Wochen geschah nichts, nur sein Vater meldete sich nicht wie versprochen. Markus wartete und wartete auf den Anruf, doch er kam nie und als er anrief ging sein Vater nicht ans Telefon. Nur eine kurze SMS kam als Antwort.
„Alles in Ordnung. Ich habe nur viel zu tun.“
Drei Wochen waren vergangen. Drei Wochen in denen Markus stets nach dem Mann Ausschau hielt, doch nie bekam er ihn zu Gesicht. Nicht in seinen Vorlesungen, nicht auf der Straße und auch nicht wieder in seinem Büro. Er hatte Probleme zu arbeiten, immer wieder musste er aufsehen. Doch nie starrten ihm die Augen entgegen, wie er es erwartet hatte. Wenn er abends in den Spiegel sah, hatte er das Gefühl immer weiter zu altern, mehr als sonst, doch es war nur in seinem Kopf. Sein Blick war finsterer als sonst, da sein Gemüt finsterer war. Daher kamen diese seltsam streng wirkenden Rillen in seiner Mine. Alles in Ordnung.
Er lief mit seinem Tablet durch die Mensa der Universität. Er aß immer einige Stunden vor seinen Kollegen und den Studenten, denn er mochte es nicht von ihnen angesprochen zu werden. Er war lieber allein, auch wenn er sich grade ganz und gar nicht allein fühlte. Eine stete Paranoia hatte seinen Geist erobert. Er suchte sich einen Tisch in einer der hintersten Ecken des Speisesaales und stellte dort sein Tablet ab. Langsam zog er sich seinen Mantel und Hut ab, bevor er sich um den Tisch quetschte, um so zu sitzen, dass er den ganzen Raum überblicken konnte. Kaum hatte er sich niedergelassen und den Teller von seinem Tablet gezogen, als er wegen eines raschelnden Geräusches zusammenschreckte. Fassungslos sah er in den Stuhl zwei Sitzplätze von ihm entfernt. Dort saß ein Mann, nein nicht ein Mann, dort saß der Mann. Er hatte ein Buch in seinen Händen und vor sich eine halb leere Tasse Kaffee. Er trug das gleiche wie bei ihrer letzten Begegnung. Er sah auf und da war er. Der Blick den Markus seit drei Wochen konstant auf seinen Schultern spüren konnte, ein unendlich schweres Gewicht der Unwissenheit und der Angst. Es war doch nur ein Mann, irgendein Mann!
„Was für eine freudige Überraschung Professor!“, rief er aus und seine Stimme schien ihn zu durchbohren, wie sein Blick es tat. Er klappte das Buch zu und legte es ab, bevor er einen kleinen Schluck aus seiner Tasse nahm.
„Sie sind das. Seit wann sitzen sie denn hier?“ Eine dumme Frage, denn Markus kannte die Antwort. Gar nicht. Da war niemand gesessen als er hierhergekommen war. Da stand keine Tasse, der Stuhl stand am Tisch.
„Ich weiß nicht. Ich war in mein Buch vertieft, Verzeihung.“ War die wie erwartete äußerst nebulöse Antwort. Markus wollte grade seinen Teller wieder auf fas Tablet stellen, um zu gehen, wie unhöflich das erscheinen musste war ihm egal, als der Mann fortfuhr: „Sie haben ihren Vater von mir gegrüßt, nehme ich an?“
Markus hielt in seiner Bewegung inne und ließ sich besiegt in seinen Stuhl nieder. Warum sollte er laufen? Der Mann würde ihn finden, oder nicht?
„Ja.“, zischte er also bündig.
Der Mann begann zu lächeln. Es war kein erfreutes Lächeln, kein ehrliches Grinsen. Es war verachtend, der Mann lachte ihn aus. Er verhöhnte ihn mit seinem simplen Lächeln.
„Aus ihrer Reaktion entnehme ich, dass er davon nicht sonderlich erfreut war?“ Er nahm wieder einen Schluck Kaffee. Markus antwortete nicht und damit war alles gesagt.
„Bedauerlich. Ich schätze zuverlässige Menschen, wissen sie? Menschen wie sie, solche Menschen schätze ich außerordentlich.“, lobte er und sein lächeln riss nicht ab.
„Was zur Hölle wollen sie von mir? Was wollen sie von meinem Vater?“
Der Mann hob seine Hände als wollte er etwas abwehren: „Das klingt ja als würde ich sie bedrohen! Und dabei haben sie sich doch zu mir gesetzt.“ Der Mann schüttelte den Kopf. „Ich möchte nichts weiter als die Dinge mit ihrem Vater endlich zu klären. Doch leider hört dieser mir nicht zu.“
„Welche Dinge?“, brachte Markus nur mühsam heraus. Er hatte das Gefühl als würde der Blick des Mannes ihn erdrücken.
„Es steht mir nicht zu ihnen das zu verraten, tut mir schrecklich leid. Das werden sie ihren Vater fragen müssen.“ Er endete seine Tasse Kaffee und räusperte sich. Er ließ für einen Moment seinen Nacken kreisen wobei Markus bemerkte, dass er keine Kette mehr trug.
„Herr Professor es war mir wie üblich eine Freude mich mit ihnen zu unterhalten. Ich möchte sie nicht weiter bei ihrem Mittagessen stören.“
Somit erhob er sich und griff seine Tasse wie auch sein Buch. Markus erkannte es als dasselbe, das er momentan durcharbeitete.
„Ja.“, flüsterte Markus kaum hörbar.
„Also dann, wir sehen uns bestimmt wieder“ Endete der Fremde, bevor er durch den Saal schritt und hinter einer Säule verschwand.
Markus fror als er aus seinem Wagen stieg. Das Haus lag still und dunkel da, nur im Büro seines Vaters leuchtete ein schwaches Licht. Eilig ging er über die Straße. Er hatte noch duzende Male versucht seinen Vater zu erreichen, doch dieser ging einfach nicht an sein Telefon. Noch während er den schmalen, aber gepflegten Weg zur Eingangstür entlangschritt umklammerte er bereits den Haustürschlüssel. Er hatte genug, er wollte jetzt wissen was hier gespielt wurde. Er hielt es nicht mehr aus. Nach und nach spürte er sich immer seltsamer in den letzten drei Wochen. Seine Knochen fühlten sich schwerer an und ab und zu spürte er wie es schien als wolle sich ein Gliedmaß weigern das zu tun was er wollte. Das Schreiben fiel ihm schwer, wie auch das Lesen. Mit einem Ruck riss er die Tür auf und ließ sie hinter sich zuknallen.
„Dad?“, rief er während er die Treppen zu der kleinen Abstellkammer, welche sein Vater als Büro benutzt, hinaufeilte. Langsam öffnete er die schmale Holztür und trat in den nur durch Kerzen beleuchteten Raum. Er bemerkte sofort, dass etwas nicht stimmte, als er den Zustand es Zimmers sah, welches sonst so gepflegt und sauber war. Überall lagen Bücher verteilt, welche er noch nie gesehen hatte. Einige Kreuze waren aufgehangen worden, obwohl sein Vater nie gläubig gewesen war. Konserven und leere Wasserflaschen stapelten sich auf dem Schreibtisch. Hatte sein Vater die gesamten drei Wochen hier verbracht?
„Oh nein, was tust du hier?“, hörte er die heisere Stimme hinter sich und als er sich umdrehte sah er dort seinen Vater stehen. Seine Augen waren gerötet, sein Gesicht bedeckt von ungepflegten Bartstoppeln und seine sonst nach hinten gekämmten grau-braunen Haare lagen Wild über seiner verschwitzen Stirn. Er ließ das Buch in seiner Hand einfach fallen und packte seinen Sohn, versuchte ihn an sich vorbei aus dem Raum zu treiben, doch Markus gab nicht nach.
„Dad, was ist hier los verdammt?“ Fragte er hektisch, während er den Arm seines Vaters packte als dieser wieder einen Versuch unternahm ihn zu bewegen. War sein Vater kleiner geworden? Jedenfalls schien es Markus so.
„Du, nein. Bitte du musst gehen. Er, er wird dich sonst finden.“, zitterte die Stimme. Es klang als hätte sein Vater Tage oder Wochen durchgeschrien. Die hervorstehenden und blutunterlaufenden Augen starrten ihn flehend an.
„Dad ich kann nicht, du weißt, dass ich nicht kann. Er hat mich schon gefunden, er war heute wieder bei mir.“ Sein Vater reagierte nicht. Sein Blick wurde leerer, während er so dastand.
„So ist das.“, flüsterte er dann schließlich und ging an seinem Sohn vorbei, bevor er sich an den Tisch lehnte. Er sah aus als könnte er so stehend einschlafen, er wankte.
„Was wollt er diesmal von dir?“, fragte er dann.
Markus zögerte, doch es würde nicht funktionieren seinen Vater zu schonen. Er wusste mehr als Markus selbst, warum also lügen? „Er meinte er möchte etwas mit dir klären, er wollte mir nicht sagen was.“
Sein Vater biss sich auf die Lippe, er wusste ganz genau was der Mann wollte. Und er wusste auch was er Markus gesagt hatte, das war ihm klar.
„Was ist es Dad? Was zur Hölle hat dieser Kerl mit dir zu tun? Sag es mir endlich, bitte.“, flehte Markus seinen betäubt wirkenden Vater an.
„Ich wollte immer nur das Beste für dich, genauso wie deine Mutter. Das weißt du, oder? Ich habe sie geliebt, ich habe nie aufgehört deine Mutter zu lieben. Und auch dich, ich würde alles tun, um dir ein gutes Leben zu ermöglichen. Das ist es was Eltern tun.“ Hechelte er mit seiner reibenden Stimme. „Sag es mir, du weißt das, oder?“
Markus nickte nur stumm. Ja, er wusste es. Sein Vater war immer das wichtigste für ihn gewesen und er wusste was er ihm verdankte. Jedenfalls dachte er das.
„Dieser Mann.“, begann sein Vater. „Ich traf ihn vor etwas mehr als dreißig Jahren. Ich weiß nicht mehr wo, aber vermutlich in einer Bar am Boden einer Flasche.“ Markus sah, wie schwer es seinem Vater fiel zu sprechen, sowohl wegen der Schmerzen als auch wegen dem Inhalt.
„Damals hatten wir Angst, so schreckliche Angst, deine Mutter und ich. Wir wussten, dass wir dir nicht das Leben ermöglichen könnten, dass wir dir geben wollten. Wir hatten kein Geld, kein Geld für ein richtiges Zuhause, kein Geld für die Schule oder gar die Universität, wir hatten gar nichts. Nichts was wir dir hätten geben können, doch schon da hatten wir dich so schrecklich lieb, obwohl du noch nicht einmal geboren warst.“ Er rieb sich über sein Gesicht. Markus begann es schwindelig zu werden und sein Blick fiel auf eine kleine Uhr auf einer der Kommoden. 11:54 Uhr nachts.
„Und da kam der Mann zu mir, hörte mir zu. Eine Therapie konnte ich mir natürlich auch nicht leisten, doch das kam nah dran, dachte ich damals. Er saß nur da und hörte mir zu. Stundenlang bis in den morgen hinein redete ich mit ihm ohne, dass er viel gesagt hätte. Doch er hörte mir zu, ich spürte es.“ Markus musste sich gegen eine Wand lehnen. Der Stress hatte ihn wohl mehr mitgenommen als gedacht und er hatte viel gedacht.
Sein Vater fuhr einfach fort: „Und dann am Ende fragte er mich. Eine kleine Frage fragte er mich. Was ich alles tun würde, um dir ein erfolgreiches Leben zu garantieren. Das fragte er mich, während er mich anstarrte. Dieser verfluchte-“, er ballte seine Hände zu Fäusten und schlug auf die Tischplatte neben sich. „Alles, sagte ich zu ihm. Ich würde alles geben. Und da machte er mir ein Angebot.“ Er sah seinem Sohn tief in die Augen. „Bitte verstehe mich ich war verzweifelt und, verdammt, ich hab dem Typ damals nicht ein Wort geglaubt. Irgendein Spinner der zu viele Horrorfilme gesehen hat! Das dachte ich von ihm.“
11:56 Uhr. Markus‘ Augen begannen etwas zu jucken. Musste er weinen? Was war das?
„Er bot an dir ein Leben voller Glück zu geben. Ein Leben, in dem du niemals scheitern musst, ein Leben in dem du nichts als Erfolg kennst! Das war sein Angebot, doch es hatte auch seinen Preis.“ Er hielt inne. „Ein dummer Witz, scheiße“
Als sein Vater keine Anstalten zu machen weiterzureden strich Markus sich über seine trockenen Lippen. „Was wollte er?“, fragte er.
Sein Vater sah ihn an, in seinen Augen Tränen. „Ich- Er wollte das Leben deiner Mutter. Er meinte sie müsse gehen, dass du Leben kannst. 30 Jahre sollte dir alles Glück der Welt gehören! Das war sein Deal. 30 Jahre, das meinte er, würde dir alles Glück der Welt hold sein. Ich fragte ihn was nach den 30 Jahren geschehen würde, doch er lächelte mich nur an.“ Sein Vater strich sich über die Wange. „Keine Sorge er wird danach nichts verlieren. Nichts weiter, doch nur 30 Jahre kann ihm das Glück gehören, doch verlieren muss er nichts.“, sein Vater sah Markus an. „Das hat er gesagt und ich- Ich habe den Deal angenommen.“
Markus konnte es nicht fassen, er konnte nichts sagen. Sein Vater, er hatte seine Mutter verkauft? Ihr Leben verkauft? „Wie, wie konntest du nur?“, zischte er seinen Vater an.
„Ich wusste sie hätte auch zugestimmt. An diesem Abend hatte ich sie noch gefragt und sie meinte sie würde jederzeit für dich sterben, so wie ich auch für dich sterben würde.“ Er zitterte als würde er erfrieren. „Ich habe ihm nicht geglaubt, oder habe ich das? Ich weiß es nicht.“
„Es ist gekommen, wie er es sagte.“, schloss Markus.
„Als sie auf dem Mutterbett starb. Ich- Ich dachte es wäre Zufall, schrecklicher, schrecklicher Zufall, doch mit jedem Monat, jedem Jahr, das verging und in dem sich immer mehr zeigte wer du warst, wie brillant du warst. Verflucht.“
„Was dann?“, Markus wusste nicht was er fühlte. Ihm war schwindlig und er fühlte sich als würde er neben seinem Körper stehen und nicht darin.
„ich habe alles versucht! All diese Bücher.“ Er wies auf die Verteilten Papierberge in dem Zimmer. „All die Formeln, die ich schrieb. Und nach ein paar Jahren begann ich zu akzeptieren und zu vergessen. Bis du zu mir kamst.“ Er sah seinem Sohn in die Augen, doch dieser konnte den Blick nicht erwidern. Sollte er seinen Vater hassen? Was sollte er nun tun?
„Nichts. Habe keine Angst. Du kannst nichts tun.“, flüsterte es tief in seinem Unterbewusstsein und er wusste wessen Stimme er dort vernahm.
12:00 Uhr Mitternacht.
„30 Jahre alt. In dieser Stunde ist der Vertrag fällig.“ Er wusste nicht woher diese Stimme kam, doch sein Vater hatte sie auch gehört. Hatte Markus das gesagt? Es klang nicht wie seine Stimme. Auf einmal brach er zusammen. Der Schwindel übermannte ihn und in wilden Krämpfen brach er zusammen. Sein Vater eilte zu ihm, drehte ihm um als er sah was seinem Sohn aus dem Kragen fiel. Die Kette, dieses verfluchte Siegel des Fremden. Er wollte sie packen und von ihm reißen, doch blitzschnell packte Markus‘ Hand die seines Vaters und drückte schrecklich fest zu. Er konnte nur wimmern, während seine Hand zerquetscht wurde.
Markus erhob sich und ihre Blicke trafen sich. Es kam Markus‘ Vater vor als würde dessen schimmernder Blick grade durch ihn hindurch gehen.
„30 Jahre hatte er es für sich allein, wie ausgemacht. Seien sie nicht traurig, sie haben das getan, was jeder Vater getan hätte.“

